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Walter Schrotfels
Der kleine Leviathan. Die RAF in der antideutschen Kritik
In: CeeIeh 150/2008
Wer die Veröffentlichung der Initiative Sozialistisches Forum
aufmerksam verfolgt, den wird nicht überraschen, was die Autoren
des 2007 erschienenen Sammelbands Rote Armee Fiktion dazu zu
sagen haben. Leider, so steht zu vermuten, wird ihn aber auch kaum jemand
anderes lesen, als diejenigen, die eh schon wissen, was dort geschrieben
steht. Das ist zum einen das traurige Schicksal eines veritablen, aber
kleinen linken Verlages (bzw. der »Einsamkeit des Theoretikers«,
die zwischen Freiburg, Berlin und Halle zuweilen als conditio sine
qua non für richtige Erkenntnis ausgegeben wird). Es ist zum
anderen aber dem vorgezeichneten und klar und deutlich abgesteckten Diskursfeld
– ein Wort, daß man in den ISF-Veröffentlichungen nur
polemisch hören wird – geschuldet. Diese medial hervorragend
inszenierte Erinnerungschose zu kritisieren, ist einer der Verdienste
des vorliegenden Buches.
Richtig wird dem Gros des deutschen Feuilletons vorgeworfen, sich in der
RAF einen Popanz zum Zwecke der eigenen sittlichen Erbauung zurecht zu
schustern. Gegenüber den teils als psychisch gestört, teils
als größenwahnsinnig, auf jeden Fall aber als im Gegensatz
zu allen Bürgern gewalttätig deklarierten Möchtegernrevolutionären
kann man sich trefflich als zivilisiert und ausnehmend rechtsstaatlich
inszenieren. Noch heute ist Helmut Schmidt stolz darauf, 1977 nicht zum
Faschisten geworden zu sein. Den 68ern, die den langen Marsch durch die
Institutionen angetreten, erfolgreich absolviert und genau wie Hape Kerkeling
auf dem Jakobsweg jedes Fünkchen Humor und Gehirnschmalz verloren
haben, möchte man einerseits die »intellektuelle Gründung
der Bundesrepublik« auf die Haben-Liste schreiben. [1] Da paßt
es ganz trefflich, sich an der zahlenmäßig geringen und, gelinde
gesagt, »undemokratischen« Splittergruppe, die die RAF et.al.
waren, abzuarbeiten. Wie heißt es im Vorwort: »Das Jubiläum
des Deutschen Herbstes erinnert nicht an die Verhandlung vor einem Supreme
Court, sondern an eine Mischung aus TV-History, Lindenstraße und
Standgericht.« [2] Auf der anderen Seite ist die Tatsache,
daß aus einer heterogenen Linken, wie der der 60er Jahre, sowohl
staatstragende Konvertiten, bombenlegende Radikale, neue Rechte und kritische
Kommunisten erwuchsen vor allem für Linke ein zuallererst theoretisch
zu bewältigendes Problem. [3] Der Sammelband ist also in mehrerlei
Hinsicht spannend: Die Veröffentlichung der Autoren sind theoretische
Reflexion, Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte (also identitätstiftend)
und Positionierung im politischen Alltagsgeschäft.
Was die Theorie betrifft, besteigt der Sammelband ein weiteres Mal den
Zug, den Autoren wie Gerhard Scheit und Joachim Bruhn zurecht überhaupt
erst einmal angeschoben haben: Statt eines eindimensionalen Ökonomismus
und bleierner »Staatsableitung« konzentrierte man sich in
der Kritik der politischen Ökonomie auf das Adjektiv »politisch.«
Bei der ISF hieß das »materialistische Staatskritik.«
Das hat vor allem mit der Genese der vornehmlich antideutschen Linken
zu tun. Erwiesen sich die ökonomischen Vermittlungsmechanismen –
einmal mit dem Marxschen Instrumentarium analysiert – als nationalstaatlich
kaum festschreibbar, mußte sich die Kritik auf das Politische verlagern.
So kamen mit einem rechts- und politiktheoretischen versierteren Theoriearsenal
zunehmend die institutionellen Zusammenhänge, d.h. die politische
(Neu)Konstitution der BRD, mithin der Deutsche als übersteigerter
und potentiell faschistoider citoyen ins Blickfeld. In diesem
framework bewegt sich auch die Kritik an der RAF: Sie wird als
»konsequente Form des Staatsfetischismus« ausgewiesen, die,
weil sie den Staat nie verstand, wiederholt, was den Souverän auszeichnet.
(93) Die RAF hatte die Struktur eines Racket (Max Horkheimer), sie verherrlichte
den Opfertod und schwang sich letztlich zum proletarischen Gegen-Souverän
auf, der im Ausnahmezustand entscheidet, wen die Kugel treffen soll. Auf
beiden Seiten argumentiert man dabei mit dem Staatsrechtler Carl Schmitt.
Die einen nutzen ihn, um den antiemanzipatorischen Gehalt von Ensslin
& Co. nachzuweisen, die anderen bedienten sich seiner Theorie
des Partisanen und der Denkfigur des Dezisionismus. [4] Weil es der
RAF ebenso an ideologiekritischem Gespür mangelte, verfielen sie
darauf, mit den Charaktermasken auch die notwendigerweise dranhängenden
Menschen zu eliminieren. Wer der abstrakten Herrschaft mit dem bewaffneten
Kampf zu Leibe rückt, produziert eben nur eins: konkrete Leichen.
(15ff.) Damit laborierte die RAF aber an dem gleichen Problem, das der
ISF-Autor Manfred Dahlmann mit dem Konzept der »Gegen-Identifikation«
zu beheben versuchte: Wie kann man das schizophrene Verhältnis von
rechtlich-politischer Person – Marx sprach nicht ohne Grund von
den »Charaktermasken der Personen« – und mit Vernunft
ausge-statteten Individuum aufbrechen, das sich eben dummerweise an ein
und demselben konkreten Menschen manifestiert? Die RAF verstand es nicht
und schaffte das eine mit dem anderen ab. Die ISF glaubt es zu verstehen
und setzt auf Polemik, Denunziation und die Kritik ad hominem. [5] Letztere
kommt deswegen auch nicht umhin, der RAF – zumindest ihrer Intention
nach – etwas abzugewinnen. In ihrer Polemik gegen die Akademisierung
des Marxismus stand die RAF der ISF kaum nach. Auch wußten Baader
& Co., dass es »weder historische Gesetzmäßigkeiten
noch notwendige Wartezeiten für die freie Assoziation geben kann.«
(9) Nicht revolutionsfroh sei die RAF in ihrer Anfangszeit gewesen –
was den später umso verbisseneren Praxisfetischismus erklären
mag –, sondern ähnlich pessimistisch wie man es im Breisgau
zu sein pflegt. (ebd.)
Das könnte man fast schon differenziert nennen und diese Ambivalenz
mag den einen oder anderen überraschen. Schließlich ist man
es sonst von der ISF gewöhnt, dass die Dinge von ihrem Extrem her
betrachtet werden. Es ist ein schwieriges Unterfangen, einerseits eindeutig
Stellung zu beziehen gegen eine linke Tradition, mit der man aus gutem
Grund nichts zu tun haben will, und anderseits nicht im Boot der liberalisierten
Deutschen aus Politik und Feuilleton zu landen. Letzteres natürlich
nur unter der Bedingung, daß man die Liberalisierung der bundesrepublikanischen
Gesellschaft als Firnis, als Ideologie, als dünne Membran, unter
der der postfaschistische Charakter lauert, wahrnimmt. Die Feindbestimmung
teilt sich auf: Es geht gegen die »neue Mitte«, die »Zivilgesellschaft,
die sich selbst für wahrhaft revolutionär hält und tatsächlich
geistesrevolutionär ist« und gegen ein Stück
linken Wahn, von dem allerdings fraglich ist, ob er über das Zielpublikum
der Jungen Welt hinausreicht. Obgleich man sich also dem Wettkampf
um die Deutungshoheit »linker Geschichte« entziehen will,
möchte man selbige doch weder der Rechten, noch Wolfgang Kraushaar
und Jan Phillip Reemtsma überlassen.
Keineswegs scheinen Autoren wie Joachim Bruhn dabei ältere Positionen
großartig revidieren zu müssen. Bereits in seinem wiederveröffentlichten
Aufsatz von 1987 »Winterpalais, Führerbunker, Meinungsbörse«
findet sich entschiedene Kritik vermischt mit Teilzugeständnissen,
die vor ihrem theoretischen Gehalt vor allem erst einmal historisch bedeutsam
sind. Zeugen sie doch von etwas, das man dem Zeitgeist zurecht als verloren
ankreidet: historischer Urteilskraft. Was die RAF ihren Verlautbarungen
nach beanspruchte, durch ihre Taten den Staat dazu zu zwingen, faschistische
Farbe zu bekennen, darin lag sie laut Joachim Bruhn durchaus richtig.
(121) Allerdings, so Bruhn weiter, ging diese Entlarvung niemanden etwas
an, ergo, sie blieb ohne theoretische und praktische Folgen. »Es
ist das Paradox des deutschen Herbstes, daß nichts die Linke mehr
um den Verstand brachte als die simple Tatsache, in punkto Staat wieder
einmal Recht gehabt zu haben.« (123) Bemerkenswert ist an diesem
frühen Aufsatz allerdings die Tatsache, wie deutlich die Frustration
über eine vertane Chance zutage tritt. Ganz davon abgesehen, daß
die Frage, was denn aus der Erkenntnis, daß der Staat eben kein
Plüschtier ist, sondern Zähne hat, folgen sollte. Denn am revolutionären
Klientel der 70er Jahre sollte durchaus gezweifelt werden. Der Zorn auf
die »Eindeutschung der Linken« scheint jedenfalls, mehr als
heute unter der Polemik aufscheint, vor allem eines zu sein: Enttäuschung.
Dass dies in gewissem Sinne heilsam war und die Theorie in eine andere
Richtung getrieben hat, ist unbestritten. Die Kritik an der geschichtsblinden
Gleichsetzung der RAF-Häftlinge mit den Opfern des Holocaust, nachzulesen
im Aufsatz von Uli Krug, oder die Denunziation des im revolutionären
Milieu virulenten Antisemitismus und dem Verhältnis zum Antiimperialismus
in dem für ISF-Verhältnisse angenehm akademischen Text Jan Gerbers,
ist ohne jene Enttäuschung vielleicht nicht denkbar.
Bleibt also die Frage, für wen dieses Buch letztlich geschrieben
ist und für wen sich seine Lektüre lohnt. Die Intention, allerlei
bereits veröffentlichte Aufsätze in einem Band zusammenzufassen
muß schließlich weiter gehen, als bloß einen Titel auf
der Veröffentlichungsliste hinzuzufügen. Die ISF-treuen Linken
werden es lesen, der Mainstream ignorieren und die bekehrten Liberalen
werden es belächeln. Denn was am Thema RAF vor allem manifest wird,
ist die eigentümlich Doppelbewegung zwischen radikaler, durch die
Kritik der politischen Ökonomie inspirierter Kritik, und der Position
eines bürgerlich-demokratischen Subjekts. Wenn Gerhard Scheit in
seinem Aufsatz »Die Furie des Zerstörens« versucht, den
Begriff des Terrorismus einer Kritik zu unterziehen, vollzieht er genau
diesen, für die antideutsche Linke spätestens im noch recht
jungen 21.Jahrhundert konstitutiven Drahtseilakt. Mit Marx und Hegel legt
er einerseits den gewaltvollen Kern jedes positiven Rechts frei; erst
die dezisionistische Setzung, der ungebundene und brutale Akt eines Souveräns
etabliert das, was sich später zum Recht verfestigt. (128f.) In einem
zweiten Schritt wird die Rationalität, die sich im besten Falle mit
dem politischen und rechtlichen Vermittlungsformen setzt, gegen die entgrenzte
Gewalt der nationalsozialistischen Vernichtung der Juden oder ein islamistisches
Selbstmordattentat in Stellung gebracht. Gewalt, die sich im Rahmen eines
bürgerlich verfassten Staates bewegt – so zumindest der Idealtypus
–, bewegt sich im Gegensatz zu dem gerade genannten innerhalb einer
Zweck-Mittel-Rationalität. Die Frage, wo sich in diesem Spektrum
die als revolutionär titulierte Gewalt der RAF befindet, stellt Scheit
nur am Rande und beantwortet sie kurz. Zwar macht es sie keinen Deut besser,
aber auch für sie galten, so Scheit, die Grenzen, die der politische
Rahmen für Anwendung nichtstaatlicher Gewalt setzt. (140) Gerade
weil die RAF sich noch so weit im bürgerlichen Horizont bewegt, also
noch viel mehr Teil des Kosmos ist, dem die ISF und Angrenzendes –
im wahrsten Sinne des Wortes – entsprungen sind, gerade deswegen
hat die Kritik ein Doppeltes zu leisten: Mit der bürgerlichen Gesellschaft
die bewaffnete Kritik an ihr anzugreifen, ohne beiden ideologisch auf
den Leim zu gehen. Ob ein solches Schwanken von der Leserschaft goutiert
wird ist fraglich. Aber wen interessiert schon das Publikum.
Anmerkungen
1 So ein voluminöser Sammelband über die Frankfurter Schule:
Clemens Albrecht et. al. (Hrsg.): Die intellektuelle Gründung
der Bundesrepublik – Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule.
Frankfurt a.M. / New York 1999.
2 Joachim Bruhn / Jan Gerber (Hrsg.): Rote Armee Fiktion. Freiburg
i. Brsg. 2007. S. 7. [Seitenangaben künftig im Text]
3 Äußerst illustrativ für die unterschiedlichen Positionen
hinsichtlich 1968 ist in diesem Zusammenhang ein Streitgespräch zwischen
Götz Aly und Katharina Rutschky. (Tageszeitung, 29.12.2007)
Hier haben wir die romantisch auf 1968 zurückblickende Rutschky,
die eine konsequente Linie von der Studentenbewegung zur »Wiedervereinigung«
zieht und dort der totalitarismustheoretisch geschulte Götz Aly,
dem die Studenten und Professoren der 60er ein Krisenphänomen und
potentiellen Terroristen der 70er Jahre sind.
4 In einem weit ausholenden Aufsatz – der über die RAF über
Frantz Fanon bis hin zu Walter Benjamin reicht - hat das jüngst Wolfgang
Kraushaar nachgezeichnet. (Vgl. Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF
und der linke Terrorismus. Band 2. Hamburg 2006. S. 140-156.)
5 Vgl. Manfred Dahlmann: »Was ist antideutsch?«, in: Bahamas
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