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Rico Rokitte
Der rote Faden einer Generation
In: Phase 2 28/2008
Rezension zu:
Joachim Bruhn, Jan Gerber (Hrsg.): Rote Armee Fiktion, ça ira Verlag,
Freiburg 2007, 145 S., 13,50€.
Karl-Heinz Dellwo: Das Projektil sind wir. Der Aufbruch einer Generation,
die RAF und die Kritik der Waffen, Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg 2007,
221 S., 14,90€.
Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof. Die Biographie, Ullstein Verlag, Berlin
2007, 479 S., 22,90€.
Die Rote Armee Fraktion (RAF), insbesondere ihre Gründerinnen-Generation,
mußte in den letzten dreißig Jahren schon als Rechtfertigungs-
und Orientierungsgestell für so manche Autobiographie herhalten.
Teils als ehemalige Mitwirkende, oder auch nur als Begleit-68er, ihr mehr
oder weniger verbunden, eignet sie sich hervorragend das eigene Leben
wenigstens mit dem Anschein von Begründung, Sinn und Gewicht zu versehen.
Jutta Ditfurths Werk über Ulrike Meinhof könnte, neben Stefan
Austs Baader Meinhof Komplex, fast der exemplarischste Versuch
bisher sein. Die Biographie über die RAF-Mitbegründerin hangelt
sich von Kindheitsbeschreibungen, insbesondere der Verquickung der Eltern
und ihrer späteren Ziehmutter Renate Riemeck mit der NS-Zeit, bis
hin zur Haft in Stammheim.
Nebenbei ist noch viel Platz für Meinhofs Rolle als Ehefrau, Mutter
und emanzipierte und politisch anerkannte Journalistin bei konkret.
Natürlich kommen hier weder Klaus Rainer Röhl als chauvinistischer
Ehemann noch Stefan Aust als bürgerlicher Hetzer oder auch später
aus der RAF ausgestiegene Genossinnen gut weg. Augenscheinlich um die
schwache Quellenlage zu kompensieren oder auch nur als Platzfüller,
wird auf jede Kolumne »Ulrikes« in konkret dezidiert
eingegangen.
Spätestens, wenn es an die Beschreibungen der Zeithintergründe
geht, werden auch Jutta Ditfurths persönliche Rechtfertigungsversuche,
z.B. für ihre eigene Sympathie mit palästinensischen Flugzeugentführungen
und antizionistischem Terror, deutlich: »Den meisten Linken war
nicht bekannt, daß in Israel nicht nur Juden lebten. Sie wussten
nicht, welche sozialen Konflikte es dort gab und daß antiarabischer
Rassismus in das Fundament der Staatsgründung eingeflossen war«
(276) oder auch in der Beschreibung eines Fatah-Ausbilders »als
Sohn eines der Helden des Aufstandes 1936-1939 gegen die Engländer
und die Zionisten«. (281) Überhaupt scheint die Lebensgeschichte
von Ulrike Meinhof, angekündigt als die neue Wahrheit mit vielen
exklusiven Erkenntnissen, unter der Feder Jutta Ditfurths nur eine einfache
und logische Konsequenz aus postfaschistischer BRD, US-Imperialismus und
Frauenunterdrückung darzustellen. Diejenigen, die wie Ditfurth selbst
nicht zur Waffe griffen, kämpften ebenbürtig mit friedlichen
Mitteln gegen den »Staatsterror«. Offensichtlich verklärende
Geschichtsschreibung und Revolutionsromantik ohne jegliche kritische Distanz
und Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, sind bei diesen Genossinnen
unvermeidlich inklusive.
Hier lässt sich nur resümieren, das es keinen erkennbaren Grund
gibt, diese Ulrike Meinhof-Biographie von Jutta Ditfurth zu kaufen oder
zu lesen. Alois Prinz hat 2003 mit Lieber Wütend als Traurig
eine ungleich differenziertere Biographie veröffentlicht.
Daß nicht alle Ex-Kämpferinnen komplett kritikresistent und
wirklichkeitsfremd leben, lässt sich in Karl Heinz Dellwos Buch Das
Projektil sind wir aufzeigen. Nachdem bereits im März 2007 ein
Buch mit verschiedenen Therapiegesprächen zwischen Dellwo und anderen
RAF- oder 2. Juni-Beteiligten erschien, legt der Nautilus-Verlag nun mit
einer Gesprächsdokumentation zwischen den Hamburger Journalistinnen
Tina Petersen und Christoph Twickel mit Karl Heinz Dellwo nach. Er, der
wegen seiner Beteiligung an der Botschaftsbesetzung in Stockholm 1975
und der Erschießung zweier Mitarbeiter mehr als 20 Jahre in bundesdeutschen
Gefängnissen verbracht hat, lässt sich im Verlauf des Buches
mehr und mehr auf das ungleiche Zwiegespräch mit den Fragestellenden
ein. Sachlich, aber meist auch im Rahmen einer einfachen Schwarz-Weiß-Perspektive
schildert Dellwo Elternhaus, Kindheits- und Jugenderinnerungen, seine
ersten Kontakte mit protestierenden Schülerinnen und Studierenden
sowie die Kontinuität der Machteliten in Politik und Wirtschaft nach
1945. Unter diesem schmalen Blickwinkel, den er mit vielen anderen 68ern
teilt, erscheint alles selbstverständlich und notwendig: »So
greift die herrschende Klasse zu allen Mitteln, um die Nachkriegsordnung,
darin die Restauration des im Nationalsozialismus auf seinen unverhüllten
Kern gekommenen Kapitalismus, aufrechtzuerhalten« (9) oder »war
die Ablehnung der RAF durch die Bevölkerung hauptsächlich der
Medienhetze geschuldet« (66). Auch daß verquere und ihrer
NS-Elterngeneration ähnliche Klassen- und Volks-Bewußtsein
der RAF findet in Dellwos Worten, wenn auch manchmal als Kritik an den
eigenen Taten, immer wieder seinen Ausdruck. So lehnt er die Entführung
eines Urlauberfliegers nach Mallorca (Landshut/1977) kategorisch ab. In
erster Linie allerdings deshalb, weil sie das einfache deutsche Volk traf.
(142) Doch jenseits von »wir gegen die« und verschiedenartigen
Legitimierungsversuchen am Hintergrund des Vietnamkrieges verlässt
Dellwo das Areal der bleiernen Verteidigungslinien: »Wir hätten
das Existenzrecht Israels verteidigen müssen« (73). Diese verspätete
und öffentliche Erkenntnis ist für die breite Masse des RAF-Umfeldes
noch immer Ketzerei und Hochverrat an der eigenen Sache. Wenn Dellwo anschließend
die revisionistische 68er-Umdeutung des Antifaschismus als Antizionismus
und die eigene dünne Wissenslage, basierend auf Faschismusliteratur
wie Reinhard Lettaus Terror des Normalen kritisiert, ist diese Schlussfolgerung
konsequent: »Wir hatten ein falsches und widersprüchliches
Verhältnis zum Faschismus« (135). Erfrischend ist in Das
Projektil sind wir die deutliche Distanz Dellwos zu Verklärung
und Mythenbildung. Hier ist weder Platz für immer noch existierende
Mordtheorien an Ulrike Meinhof: »Es war ein Selbstmord unter staatlicher
Aufsicht« (150), noch für eine Selbststilisierung als Opfer
einer »Vernichtungshaft«. Die Brutalität von Isolationshaft
und Zwangsernährung wird so zu dem, was sie ist – einem elementaren
Verlust jeder Rechtsstaatlichkeit.
Für die Autorinnen des Sammelbandes Rote Armee Fiktion wiederum
war die RAF dagegen niemals eine verspätete Fraktion jener Roten
Armee, die die letzten Überlebenden von Auschwitz befreite. (25)
Diese besonders deutsche RAF, die einen neuen Prozeß zum Pogrom,
zur Modernisierung des Antisemitismus der Linken mit einleitete und trug,
war vor allem ein selbsternannter »Gegen-Staat« (Felix Klopotek).
Sechs Autoren und Autorengruppen charakterisieren die RAF und ihr weiteres
Umfeld als das, was sie vielleicht nie sein wollten, aber dennoch waren:
»Leninisten mit Knarre unter Niveau« (Joachim Bruhn), »Avantgarde
des Antizionismus« (Jan Gerber), »deutschnationale Identifikationsgröße«
(Felix Klopotek) und »völkische Rache an den USA«(UliKrug).
Von der RAF und ihren Akteurinnen bleibt in der Analyse ihrer Texte und
späteren Praxis nichts ansatzweise Revolutionäres übrig.
Vor dem Hintergrund der Verstrickung der eigenen Elterngeneration in der
NS-Barbarei schaffte es die deutsche Linke, mit RAF, Bewegung 2. Juni
und Antiimperialistischen Zellen als militanter Speerspitze, den Anschluss
an diese NS-Generation wieder herzustellen. Selbst die Entführung
und Erschießung des Arbeitgeberpräsidenten und NS-Aktivisten
Hans Martin Schleyer ist nicht als verspätete Gerechtigkeit der Geschichte,
sondern als Agitprop gegen das Finanzkapital erfassbar. (22) Gefangen
in einem sinnentleerten Faschismusbegriff, ließ es weder RAF noch
bundesdeutsche Linke erkennen, daß die Figur Hitler nur im System
der nazifaschistischen Barbarei möglich war und nur dann eine gezielte
Tötung sinnvoll sein kann: »Wer auf einen Kapitalisten schießt,
kann nur daneben schießen, denn er trifft nicht Ausbeuter und Akkumulation,
sondern den Körper eines Menschen«. (18) Hier erscheint es
fast logisch, den eigenen unreflektierten und speziell deutschen Antisemitismus
in einen mörderischen völkischen Antizionismus umzusetzen. Nach
der Aufzählung von umfassenden Textmeldungen und Anschlägen,
die an eine Zusammenfassung mittelalterlicher Pogrome durch Wolfgang Benz
in Was ist Antisemitismus erinnern, kann nicht mehr die gern benutze Rechtfertigung
von dem Einzeltäter und Irrtum ernsthaft greifen. Nicht erst die
Bombe im Jüdischen Gemeindehaus 1969 oder der Olympiaüberfall
1972 verwirklichte den Traum der Linken, als Avantgarde das vom Faschismus
oder Kapitalismus verführte deutsche Arbeitervolk anzuführen.
Auf genau dieser ideologischen Basis war es zum antisemitisch-völkischen
Befreiungskampf mit PFLP und Schwarzem September nur noch ein kleiner
Schritt. »Letztendlich agitierte die Linke vor 1977 gegen die bürgerliche
Gesellschaft, seitdem erarbeitet sie Beiträge zur politischen Kultur.
Das kommt davon: Vorher standen sie links von der Wirklichkeit, seitdem
stehen sie rechts von der Vernunft« (l 25), oder um es wie die Initiative
Sozialistisches Forum mit Rosa Luxemburg zu sagen: »Die Pervertierung
der Revolution sei fürchterlicher als ihre Niederlage«. (36)
Schade nur, daß viele der Beiträge von Rote Armee Fiktion,
Ulrike Meinhof und Das Projektil sind wir den üblichen
Mechanismus bedienen, die RAF einzig anhand ihrer Biographien und Texte
zu analysieren. Sie darüber hinausgehend als ein Produkt ihrer Interaktion,
dem Zusammenspiel bestimmter, für »politische Vereinigungen«
typischer Faktoren zu betrachten, würde deutlich mehr erklären
und helfen, RAF wie 68er, auch als Teil eines Problems zu verstehen, das
sie weder selbst verursacht hatten noch lösen konnten.
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