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Ralf Fischer
Auf keinem Auge blind. Rezension: Trotz und wegen Auschwitz - Antisemitismus
und nationale Identität nach 1945
(erschienen in: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de)
Das Buch »Trotz und wegen Auschwitz« der AG Antifa/Antira
der Universität Halle betrachtet die Entwicklung des Antisemitismus
nach 1945 in Deutschland - inklusive Reizthemen.
Dabei behandelt es u.a. Reizthemen wie Antisemitismus in der Bundesrepublik
Deutschland und der DDR, in der antizionistischen Linken, die Streitpunkte
der Goldhagen-Debatte, den Umgang der Medien mit der zweiten Intifada
und den Antisemitismus im islamistischen Millieu.
»Antisemitismus ist nicht nur, wie Adorno und Horkheimer in der
Dialektik der Aufklärung eindrucksvoll darlegen, Teil eines Tickets.
Er setzt sich vielmehr aus einer Vielzahl von Tickets, Komponenten und
Planken zusammen. Der Hass auf das Abstrakte, Künstliche, auf die
Zirkulationssphäre, Müßiggang, den Liberalismus, Kommunismus
und vieles mehr wird im Antisemitismus zu einem Weltbild mit allumfassendem
Erklärungsanspruch zusammengefügt.«
Mit dieser Mischung aus Fazit und Einleitung beginnt das Buch »Trotz
und wegen Auschwitz«, welches die Entwicklung des Antisemitismus
nach 1945 in Deutschland genauer betrachten will. Es ist Ende 2004 im
Unrast-Verlag Ende erschienen, von der AG Antifa/Antira im Studentenrat
der Universität Halle/Saale (Sachsen-Anhalt) herausgegeben und versammelt
einen Teil der Referate, die im Rahmen der Vortragsreihe »Geschichte
und Gegenwart des Antisemitismus« vor zwei Jahren in Halle gehalten
wurden. In sieben Beiträgen schreiben u.a. so bekannte Autoren wie
Thomas Haury, Claudia Dantschke oder Gerhard Scheit über die Kontinuität
des Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland, die antizionistische
Linke, die Streitpunkte der Goldhagen-Debatte, den Umgang der Medien mit
der zweiten Intifada und den Antisemitismus im islamistischen Millieu.
Auf keinem Auge blind
Der Umgang der ehemaligen DDR mit der Shoah wird im Buch erfreulicher
Weise nicht, wie sonst bei diesem Thema schon fast üblich, links
liegen gelassen. Die Schuldabwehr der Parteigenossen, die Abgrenzung der
DDR von Israel und damit einhergehend die Solidarität mit dem arabischen
Ländern sowie die gesamte Erinnerungskultur der DDR skizziert der
Historiker Jan Gerber in seinem Beitrag sehr deutlich.
Der Soziologe Thomas Haury befasst sich in seinem Text mit den Ursachen
des Antisemitismus in der bundesrepublikanischen Linken, einem Spektrum,
das sich meist per Definition in Gegnerschaft zum Antisemitismus sah und
sieht. In seinem Beitrag verweist er auf die zahlreichen Anschlusspunkte,
die Kapitalismus- und Imperialismusverständnis der Linken mit antisemitischen
Denkfiguren aufweisen, und auf die immer wieder von neuem beginnende skurrile
Suche der deutschen Linken nach der eigenen nationalen Identität.
Treffend bemerkt Haury, der Vorwurf des Antisemitismus, speziell in der
Linken, »löst bis heute mitunter Unglauben, heftige Empörung
und Abwehrreaktionen aus«. Wer dieses Buch nicht nur in der Hand,
sondern auch gelesen hat, wird einem solchen typisch deutschen Affekt
gegenüber fürs Erste wachsam sein.
Offen bleibt, was aus dem Erlesenen wird. Das Wissen um die Kontinuität
des Antisemitismus in Deutschland verspricht zwar Aufklärung, aber
wie weit diese geht, ist freilich jeder/m immer noch selber überlassen.
Ständige Reflektion
Was nicht erklärt wird, ist, weshalb das falsche Ganze überhaupt
bestand und weiterhin besteht, dass Auschwitz erst möglich machte.
Warum das aber so ist, legt der freie Autor Gerhard Scheit aus Wien in
seinem Buchbeitrag »Deutsche Identität. Resümee über
die Meister der Krise« dar. Eine Erklärung der Shoah, so Scheit,
kann es »mit den Mitteln der Vernunft so wenig geben wie eine Begründung
dafür, warum das falsche Ganze überhaupt existiert, das die
Vernichtung möglich gemacht hat. Was aber sichtbar werden kann und
soll: das dieses Ganze sie ebenso ermöglicht, wie es durch sie existiert
- und in dieser Immanenz des Sinnlosen müssen die vernünftigen
Mittel jedes Erklärungsversuchs notwendig sich selber in frage stellen,
muss die historisierende Erkenntnis die Wiederkehr des Immergleichen eingestehen
und das aufgeklärte Bewusstsein den magischen Bannkreis, dem es nicht
entkommen kann, reflektieren.«
Genug Material, über das es sich zu reflektieren lohnt, versammelt
das Buch auf jeden Fall. Eine komplette Übersicht der gesamten historischen
Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland bietet es nicht - auf rund
140 Seiten ist dies auch einfach unmöglich. Doch der gerade der Blick
auf die aktuellen Debatten ist fundiert und lässt sich hervorragend
für die anti-antisemitische Praxis nutzen. Vor allem auch der Text
von Frank Wichert, Mitarbeiter am Duisburger Institut für Sprach-
und Sozialforschung (DISS) über die Nahost-Berichterstattung zur
zweiten Intifada in deutschen Printmedien sticht dabei hervor.
Veranstaltungstipp: Diskussion im SBZ Krähenfuß in
Berlin
Die aktuelle Debatte um den so genannten »neuen« Antisemitismus
spielt in »Trotz und wegen Auschwitz« leider keine Rolle.
Das liegt daran, dass diese zu der Zeit, als die Beiträge geschrieben
wurden, gerade erst begann. Doch diese und andere Anmerkungen, natürlich
auch Kritik, kann aktuell mit den Herausgebern diskutiert werden. Auf
Einladung der Initiative gegen Antisemitismus Berlin-Brandenburg (IGA-BB)
werden am kommenden Dienstag einige der Herausgeber das Buch im Krähenfuß
vorstellen. Und natürlich sich auch den Fragen des Publikums sowie
der wahrscheinlich kontroversen Diskussion stellen.
Rezension zu:
AG Antifa/Antira im Stura der Uni Halle (Hrsg.): Trotz und wegen Auschwitz
- Antisemitismus und nationale Identität nach 1945, Münster
2004.
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