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Joachim
Bruhn
Aus der Kahlfraßzone. Über den nationalen Sozialismus der Raubmörder
In: Konkret 5/2005
»Und was bekam des Soldaten Weib / Aus der
Lichterstadt Paris? / Aus Paris bekam sie das seidene Kleid. / Zu der
Nachbarin Neid das seidene Kleid. / Das bekam sie aus Paris«: 1943,
als der Blitzkrieg zum Stehen kam, schrieb Bertolt Brecht das »Lied
vom Weib des Nazisoldaten«, den Gesang vom Konsumrausch und von
der Gier, die die braune Volksarmee ins Ausland peitschte als das barbarische
Remake des revolutionären Levée en masse von 1789. Vom Weichselstrand
ein polnisches Hemd, von Oslo am Sund das Kräglein aus Pelz, aus
Rotterdam den holländischen Hut, aus Tripolis das Amulettchen am
goldenen Kettchen: Brecht zeigte sich über Angebot und Nachfrage
verdächtig gut informiert.
Unbedingt muß man Götz Alys Buch »Hitlers Volksstaat«
lesen, um die politökonomischen Implikationen dieses kollektiven
Einkaufsrausches zu verstehen. Der Nazifaschismus realisierte die konkrete
Utopie vom nimmerwährenden Ladenschluß. Denn der nazifaschistische
Blitzkrieg gab der Volksgemeinschaft das ganze Europa zur Schnäppchenjagd
frei, und somit brach die gewalttätigste aller »Geiz ist geil«-Kampagnen
los. »Ich bin doch nicht blöd!«: Das Credo der an die
Zähne bewaffneten deutschen Einkaufskommandos, als sie wie die Heuschrecken
über das besiegte Europa herfielen und darin, so zitiert Aly die
Stimmen der Eroberten, wie »Kartoffelkäfer« und »Osthyänen«
wüteten. Die Deutschen sind Heuschrecken gewesen, Fresser und Vertilger,
Hinabwürger und Verdauer, die den Hals niemals vollkriegen konnten.
Insbesondere der Osten war, sagte der Leiter der deutschen Agrarverwaltung
Südrußland im Dezember 1942, zur »Kahlfraßzone
von 800 – 1000 km Tiefe« ausersehen. Lizenz zum Fressen. Und
der Hungertod von Millionen wurde, bei der Belagerung Leningrads sowieso,
kalt und gegen jede Haager Landkriegsordnung geplant, um die »Ernährungsbasis«
zur Fütterung der Heimatfront unter den Nagel sich zu reißen.
Nie wieder sollte es, so das »Novembertrauma« Hitlers, wie
1914/18 mitten im Griff nach der Weltmacht zu Unterernährung, Steckrübenwinter,
Rosa Luxemburg und Novemberrevolution kommen.
Götz Aly demonstriert auf Reichsmark und Pfennig, daß der deutsche
Krieg als die angewandte »Einheit von Rassen- und Sozialpolitik«
mehr war als nur ein Aneignungs- und Raubprogramm von Staats oder Großkapitals
wegen. Zwar war er dies ganz gewiß, und die Experten der Reichsbank
entwickelten ein ausgebufftes System, den Krieg durch den Krieg zu finanzieren,
auf Kosten der Okkupierten und zur Schonung der Steuerzahler daheim im
Reich. Der Krieg war aber zugleich die große Butterfahrt des kleinen
Mannes; niemand, schon gar nicht der Franz Alt dieser Zeiten, der Landser
Heinrich Böll, ließ sich die Gelegenheit entgehen, seinem Weib
»einen Gruß dazu und die Stöckelschuh« zu schicken,
oft zwanzig Pakete die Woche, vollgepackt mit Schokolade, Wäsche,
Speiseöl und allem, was die Kahlfraßzone hergab, so daß
es schließlich eines »Schlepperlasses« bedurfte, um
der Plünderung und der Stopfwut noch Grenzen zu setzen. »Die
da unten« fraßen und schlangen aus dem selben Napf wie »die
da oben«. Und daher war die ominöse Volksgemeinschaft, an deren
Begriff ganz links von der Mitte, in der Chefredaktion der »jungen
Welt« etwa, man heute noch kollabiert und deren inniges und nachgerade:
intimes Verhältnis zur Klassengesellschaft heute noch ein Problem
darstellen soll, alles andere als eine beliebige Propagandaphrase, sondern:
die wirkliche Wirklichkeit des Sommerschlußverkaufs. Tatsächlich
war die Volksgemeinschaft das Kollektiv, und, so Aly, »am Ende hatte
jeder Herrenmensch – und das waren nicht allein irgendwelche NS-Funktionäre,
sondern 95 Prozent der Deutschen – Anteile an dem Geraubten in Form
von Geld in der Tasche oder als importierte, im besetzten Ausland mit
geraubtem Geld und Gold bezahlte Lebensmittel auf der Hüfte. Bombenopfer
trugen Kleider der Ermordeten und atmeten in deren Betten.« Wenn
sich etwas in Deutschland wirklich lohnt, dann ist es der Antisemitismus,
der zum Anschlag gesteigerte Vernichtungswille. Das Schlimme ist aber,
daß die Deutschen das nicht (übel genug) bloß des Fressens
wegen tun, sondern aus Idealismus. Deutsch sein heißt, diese Sache
um ihrer selbst willen tun.
Götz Alys Buch ist faszinierend. Das meint auch, daß es den
Leser blendet, daß Aly mit den Fakten um den Begriff der Fakten
betrügt – was nicht anderes meint, als daß der Historiker
das Objekt der Gesellschaftskritik unbefugt beschlagnahmt und es, als
sei der Nazifaschismus die Gesellschaftsnatur, in seinen Quellen und Fußnoten
und Innereien verdaut. Es stimmt ja: »Der Holocaust bleibt unverstanden,
sofern er nicht als der konsequenteste Massenraubmord der modernen Geschichte
analysiert wird.« Es stimmt aber nicht, daß deshalb schon
der These Goldhagens, »in Deutschland habe sich ein exterminatorischer
Antisemitismus ... entwickelt, jede empirische Basis fehlt.« Sondern:
Der Massenraubmord war der typisch deutsche, d.h. so ehrliche, authentische
wie nachhaltige Versuch, das Geheimnis des Anti-Subjekts, der »Gegenrasse«
(Rosenberg) sich anzueignen, sich anzufressen und sich einzuverleiben,
d.h. das Geheimnis des »Gewinnrätsels« (FAZ), des »automatischen
Subjekts« (Marx, MEW 23, S. 169) und also der wirklich gelingenden
Akkumulation in sich hineinzuschlingen. Daher gab es, ganz recht, die
»Ökonomie der Endlösung«. Aber der Zweck der Endlösung
war nicht die Ökonomie. Götz Aly hat sich zwar in langen Jahren
von der Autonomia operaia, auch von seinem Lehrer Karl-Heinz Roth, enorm
weit entfernt, aber nur gerade so weit, wie es nötig ist, um in den
totalitarismustheoretischen Paradiesen des Liberalismus anzulangen, und
er hat in seiner Desertation den Klassenbegriff dieser Schule des Neo-Marxismus
und ihre ökonomistischen Reduktionen (insbesondere des Begriffs der
Ideologie) als sein ursprüngliches Testament bewahrt. Es ist eine
Flucht in Ignoranz: weil Aly keine Ahnung hat von der Zusammenbruchskrise
des Kapitals, kann die Arbeiterklasse nur durch »systematische Bestechung«
nazifiziert worden sein – und die Untersuchungen Alfred Sohn-Rethels
sind ihm Hekuba. Weil er keine Ahnung hat von der rätekommunistischen
Kritik am »Kriegssozialismus« von 14/18, muß ihm die
Nazi-Politik als Ausdruck eines »linkssozialdemokratischen«
Programms erscheinen – es war aber nicht Rosa Luxemburg, wie Willy
Huhn in seinem Buch »Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte
des Nazifaschismus« schon in den frühen Fünfzigern zeigte,
die den 30. Januar vorbereitet hat. Und weil Aly keinen blassen Schimmer
hat vom kapitalen Souverän, weil ihm der Staat, ganz totalitarismustheoretisch,
der wesenlose Nullpunkt und einen Dummerjan zwischen rechts und links
darstellt – darum ignoriert er die, wenn auch marginalen, zeitgenössischen
Texte eines Hans Langerhans, der 1934 attestierte, die Große Krise
habe »jene beiden Seiten des gesellschaftlichen Grundverhältnisses
Lohnarbeiter-Kapitalisten zu einem einzigen Schutzpanzer eingeschmolzen.«
Und so weiter. Und so fort: Am Ende langt es dem Historiker gerade noch
zum Bürgerschreck. Der »Kampf gegen den Liberalismus in der
totalitären Staatsaufassung« (Herbert Marcuse, 1934) wird zum
gewollten Schock der Selbstinszenierung und zum Thrill. Der letzte Absatz
seines Buches gibt sein Interesse, den notorischen Positivismus der Geschichtswissenschaft
zum Spektakel aufzunorden, so zu Protokoll, wie es sich gehört: als
Aversion und Aggression gegen Kritische Theorie und als Haß gegen
die Adorniten, die davongekommen sind. Da befindet sich Aly ganz nahe
bei seinem Lehrer, hat seine Wiedergutmachung vollzogen. Die Kahlfraßzone
weitet sich ins Enorme aus: »Wer von den Vorteilen für die
Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus
schweigen.« Dieser zwar richtige, allerdings nicht zutreffende Satz,
begierig aufgegriffen von »Welt« und »FAZ«, möchte
so gerne das Anti sein zu Max Horkheimers Diktum von 1939, wonach, »wer
vom Kapitalismus nicht reden will, auch vom Faschismus schweigen sollte.«
So möchte sich blähen und spreizen, wer von kritischer Theorie
schon als Autonomer nichts verstand und unter Kapitalismus bloß
die Herrschaft über die kleinen Leute. Denn es ist ja so, daß
Götz Alys These mit der Behauptung steht (und fällt), der NS
sei eine Form des »Egalitarismus« gewesen, der »die
soziale mit der nationalen Homogenisierung« verknüpft habe,
d.h. Klassenbewußtsein und Rassenbewußtsein.
Es gibt aber eine Homogenität, die längst vor der Klasse und
vor der Rasse existiert, die Homogenität der Individuen als Subjekte
des Bürgerlichen Gesetzbuches, als der Rechtsform, die zur Warenform
paßt, subsumierte. Eben darum heißt es bei Horkheimer, gleich
nach der Passage, über die Aly feixt: »Der gleiche und gerechte
Tausch hat sich selbst ad absurdum geführt, und die totalitäre
Ordnung ist dies Absurdum.«
Rezension zu:
Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus,
Frankfurt: S. Fischer-Verlag 2005, 464 Seiten, 22.90 €
Willy Huhn, Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des
Nazifaschismus, Freiburg: ça ira 2003, 222 Seiten, 18 €
Heinz Langerhans, Staatssubjekt Kapital. Texte zur Diskussion um Faschismus,
Krieg und Krise.
Mit einem Vorwort von Jan Gerber (= Materialien zur Aufklärung und
Kritik 1), Halle 2004, 50 Seiten, 3.50 € (Bezug über: shg.halle@gmx.de,
oder via: Materialien zur Aufklärung und Kritik, Postfach 110706,
06021 Halle a.d.S.)
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