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Jan Gerber
Verschwörung gegen die Realität. Die deutschen Reaktionen
auf Philip Roths »Verschwörung gegen Amerika«
In: Bahamas 50/2006
Als der New Yorker Verlag Houghton Mifflin im Herbst 2004 erstmals
Rezensionsexemplare des neuestes Romans von Philip Roth verschickte, dürften
sich die Veteranen der deutschen Studentenbewegung, die inzwischen in
den Kulturredaktionen der Zeit, der Süddeutschen Zeitung
oder der Frankfurter Rundschau untergekommen sind, noch einmal
freudig an ihre Jugend erinnert haben, an eine Zeit, in der sie gemeinsam
mit ihren späteren Kollegen, Medienpartnern und Chefredakteuren vor
Amerikahäusern »USA, SA, SS« skandiert, Richard Nixon
als Nachfolger Hitlers präsentiert und den Krieg in Vietnam als »Endlösung«
bezeichnet hatten. Der Grund für diese Nostalgie: Roth beschreibt
in The Plot Against America die alte linke Lieblingsvorstellung
einer US-Regierung, die mit Nazideutschland sympathisiert. Er malt aus,
was aus den Vereinigten Staaten geworden wäre, wenn 1940 nicht der
Demokrat Franklin D. Roosevelt zum Präsidenten gewählt worden
wäre, sondern der isolationistische Republikaner, Antisemit und Nazifreund
Charles A. Lindbergh. Roth beschreibt ein Land, das im Zweiten Weltkrieg
eine neutrale Position bezieht und mit dem Dritten Reich ein Freundschaftsabkommen
schließt; er beschreibt die Verunsicherung der amerikanischen Juden,
ein Umsiedlungsprogramm der Regierung und das zunehmende Selbstbewußtsein
amerikanischer Antisemiten. Nach dem mysteriösen Verschwinden Lindberghs
läßt Roth schließlich überall im Land Pogrome ausbrechen
und bekannte Juden von einer Übergangsregierung unter Lindberghs
Vizepräsident Burton K. Wheeler verhaften.
Die Rezensenten waren begeistert: Ursula März bezeichnete The
Plot Against America in der Frankfurter Rundschau als »wohl
bedeutendsten politischen Roman« Roths; Holger Schlodder sprach
in Echo Online vom »Besten, was man von Philip Roth in
den letzten Jahren lesen konnte«; und Robin Detje bezeichnete das
Buch in der Süddeutschen Zeitung als »meisterhaftes
Werk«. Auf Lob stießen dabei weniger Roths schriftstellerisches
Können, seine Beobachtungsgabe oder seine Fähigkeit, den Einbruch
politischer Katastrophen ins Private zu schildern. Im Zentrum der Begeisterung
stand vielmehr sein Gedankenexperiment einer autoritären, nazifreundlichen
US-Regierung. Roths Fiktion wurde dabei immer wieder als realistische
Option der amerikanischen Politik der 1940er Jahre präsentiert. Evelyn
Finger behauptete in der Zeit, daß Lindbergh, der nie als
Präsident kandidiert hatte, »als der plausible republikanische
Albtraum« erscheine, »der sich zwischen Franklin D. Roosevelt
und dessen tatsächlichem Nachfolger Harry S. Truman leicht hätte
ereignen können«; Jörg Magenau sprach in der taz
von einer »gar nicht so abwegige(n) Fiktion«; und auch Ulrich
Rüdenauer bezeichnete Roths Gedankenspiel in einem großen Literaturportal
als »gar keine so absurde Vorstellung«. Doch nicht nur das:
Roth habe sich, wie vom Neuen Deutschland ergänzt wurde,
nicht nur mit historischen Fragen, sondern auch »mit einer Vielzahl
von Problemen auseinandergesetzt, die (…) von aktueller Bedeutung
sind«.
Lindbergh gleich Bush
Damit war ein Stichwort gefallen, das bereits in der amerikanischen Debatte
über The Plot Against America aufgetaucht war: Der Roman
wurde als Allegorie auf die Gegenwart und damit als Kommentar zur Bush-Administration
gelesen. Der Bush-Kritiker Roth, dessen Verlag das Buch während des
letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes veröffentlichte,
distanzierte sich in einer Selbstrezension in der New York Times
zwar von einer solchen Lesart: »Manche Leser werden diesen Roman
als Schlüsselroman für die amerikanische Gegenwart lesen wollen.
Das wäre ein Fehler. Ich bin angetreten, um das zu tun, was ich getan
habe, die Jahre 1940 bis 1942 zu rekonstruieren. Ich tue nicht so, als
wäre ich an diesen Jahren interessiert, sondern ich bin an diesen
Jahren interessiert.« In einem Interview mit der Frankfurter
Allgemeinen Sonntagszeitung machte er sich darüber hinaus auch
über die europäische Vorstellung der engagierten Literatur und
des öffentlichen Intellektuellen à la Grass und Böll
lustig: »Das ist keine amerikanische Tradition. Es gibt immer Ausnahmen,
aber hier würde niemand auch nur dreißig Sekunden hinhören,
was ein Schriftsteller zu sagen hat. Wer ist denn der, würde man
fragen. Es gibt keinen besonderen Respekt für Schriftsteller, keiner
versteht, was sie genau machen. Sie haben keine größere moralische
Integrität als der Klempner. Ja, es ist, als würde der Klempner
plötzlich Statements zur Weltlage abgeben.«
Dennoch wollten sich die deutschen Kritiker nicht von ihrer Agitprop-Auffassung
von Literatur, von der Deutschlehrerfrage »Was will uns der Autor
sagen?« und der Vorstellung vom moralisch integren Literaten, der
vor Kühnheit zitternd unliebsame Wahrheiten verkündet, verabschieden.
Sie setzten sich über Roths Distanzierung hinweg, sprachen von einer
Finte des Autors und wollten sich ihre Lesart auch von ihm nicht zerstören
lassen. Vielleicht, so erklärte Sebastian Moll in der taz,
»tun die Kritiker ja auch gut daran, Roth nicht auf den Leim zu
gehen, wenn er sich als einer der ihren ausgibt und ihnen in das Handwerk
pfuschen möchte«. Während in den USA regelmäßig
darauf hingewiesen wurde – u.a. im New Yorker –,
daß sich Roths Roman der direkten politischen Aussage schon allein
aufgrund seiner Vielstimmigkeit entzieht, kam nahezu keine deutsche Rezension
ohne den Verweis auf die amerikanische Gegenwart aus. Die überwältigende
Mehrheit der Kritiker wollte in Lindbergh unbedingt George W. Bush wiedererkennen:
»Der sich als grundehrlicher, einfacher, das 'Böse' bekämpfender
Sheriff gerierende George W. Bush«, so Ulrich Rüdenauer, »spiegelt
sich an vielen Stellen in dem smarten und beliebten Charles A. Lindbergh.«
Wenn Roth Lindbergh in Pilotenkleidung auftreten und vor »Hurra-Patrioten«
eine Rede halten lasse, so Walter Kaufmann in Ossietzky, »ist
man an Präsident Bush erinnert, wie er in Fliegermontur übers
Deck des Flugzeugträgers 'Abraham Lincoln' schreitet, um dann vor
versammelter Mannschaft seine Siegesrede zu halten«. Und Peter Zemla
erklärte schließlich im Buchjournal: Das einstmals
auf seine Liberalität so stolze Land verwandle sich in The Plot
Against America in ein »Territorium der Angst«. »Und
damit ist Roth, der Chronist und Seismograph, doch wieder in unserer Gegenwart
angelangt. Im Land von George W. Bush.«
Exportschlager Vergangenheitsbewältigung
Dienten frühere Faschismusvorwürfe an die USA vor allem der
deutschen Schuldabwehr, sollte mit ihnen also suggeriert werden, daß
auch andere nicht besser als die Deutschen seien, schienen die Rezensenten
des Romans nunmehr das genaue Gegenteil zu bezwecken. Durch den Dreiklang
Faschismus-Lindbergh-Bush sollte nur noch am Rande auf vermeintliche Gemeinsamkeiten
zwischen dem Dritten Reich und den Vereinigten Staaten verwiesen werden
– Evelyn Finger lobte Roth in der Zeit sogar ausdrücklich dafür,
daß er Antisemitismus als eine länderübergreifende Erscheinung
dargestellt habe, »ohne den deutschen Faschismus zu verharmlosen«.
Mit Hilfe der Faschismusvorwürfe an die Regierung Bush sollte vor
allem ein Unterschied demonstriert werden, und zwar der Unterschied
zwischen dem heutigen friedensbewegten Aufarbeitungsweltmeister Deutschland
und den Vereinigten Staaten, die sich ihrer Vergangenheit und Gegenwart
nicht gestellt hätten. Damit bewegten sich die Rezensenten ganz im
erinnerungspolitischen Mainstream der Berliner Republik: So basiert die
politische Identität der Bundesrepublik spätestens seit der
Beendigung des protestbewegten Marsches durch die Institutionen bekanntlich
nicht mehr auf der Verdrängung der NS-Zeit; ihre Grundlage ist vielmehr
das Bekenntnis zur Vergangenheit und der regelmäßig demonstrierte
Bruch mit ihr. »Aus dem Bekenntnis zur eigenen Scham«, so
Hermann Gremliza in seinen besseren Tagen, »soll den Deutschen das
Recht erwachsen, an anderen moralisch Maß zu nehmen.« Der
Geltungsdrang, der aus der Verwandlung des früheren Abwehrkollektivs
in eine Erinnerungsgemeinschaft gewonnen wird, richtet sich dabei gegen
diejenigen, die die »Lehren aus der Geschichte« nicht gezogen
hätten; er richtet sich mit anderen Worten gegen die USA und Israel,
die sich dem moralischen Antikapitalismus deutscher Machart verweigern,
die sich zu ihren eigenen materiellen und nationalstaatlichen Interessen
bekennen, hinter der Forderung nach Völkerfreundschaft nicht zu Unrecht
die Kampfansage ans Individuum vermuten und in Erinnerung behalten haben,
daß Krieg die Menschheit manchmal vor Schlimmerem bewahren kann.
Auch wenn die deutschen Rezensenten von The Plot Against America
nirgends explizit auf die deutsche Vergangenheitspolitik verwiesen, sprach
aus ihren Artikeln regelmäßig der aufdringliche Realitätsverlust
derer, die immer wieder mit heimlichem Stolz auf Auschwitz deuten und
gerade aus diesem Grund »Verantwortung« für die eigene
Bande verlangen. Nachdem sie Roths Fiktion einer faschistoiden Regierung
zunächst als realistische Option der amerikanischen Politik der 1940er
Jahre präsentiert und George W. Bush daraufhin als Nachfolger eines
erfundenen Präsidenten entlarvt hatten, erteilten sie den Amerikanern
in einem dritten Schritt schließlich Lektionen in Sachen Gegenwarts-
und Vergangenheitsbewältigung. Roth wurde dabei als Sprachrohr linksdeutscher
Befindlichkeiten bzw. als Ankläger wahrgenommen, der für die
USA das einfordert, was die Deutschen bereits vorbildlich erledigt hätten:
eine Hinterfragung ihrer Nationalgeschichte, einen kritischen Blick auf
das eigene Selbstverständnis und eine darauf aufbauende Moralisierung
der Politik. Durch die Thematisierung einer »faschistischen Grundstimmung
in den USA«, so wurde selbst im Münchner Merkur erklärt,
bringe Roth den »plötzlich sehr naiv wirkenden Mythos von der
Selbstverständlichkeit der amerikanischen Demokratie heftig ins Wanken«.
Auch Thomas Burmeister von dpa war der Meinung, daß die Vereinigten
Staaten in Sachen Aufarbeitung der Geschichte einiges zu lernen hätten:
»(S)elbst oder gerade (Hervorhebung von mir, J.G.) für Amerikaner
sollte die Auseinandersetzung mit der Frage wichtig sein, ob aus der eigenen
Gesellschaft Faschismus erwachsen kann. Ganz ohne fremdes Zutun. Roth
kommt dem Problem des Demokratieabbaus in Zeiten, da überall der
'Osama-Teufel’ an die Wand gemalt und das Gerede vom Krieg der Kulturen
hoffähig wird, durchaus nahe.«
Den Schreibversuchen eines Psychotikers nicht unähnlich, zerflossen
in den Artikeln der deutschen Rezensenten von The Plot Against America
damit nicht nur die Unterschiede zwischen Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft. Es verschwammen zugleich die Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen.
Die deutschen Kritiker waren so versessen darauf, in den USA einen Hort
des Faschismus zu erkennen und ihr eigenes antiamerikanisches Ressentiment
mit antifaschistischen Weihen zu versehen, daß sie selbst die offenkundigsten
Unterschiede zwischen Lindbergh und George Bush nicht mehr wahrzunehmen
im Stande waren. Lediglich Hannes Stein wies in der Welt darauf
hin, daß Bush nicht der Nachfolger des imaginierten Präsidenten
Lindbergh sei, sondern dessen Antithese. Während Lindbergh für
eine isolationistische, anti-interventionistische und nazifreundliche
Politik eintrat, steht Bush für das genaue Gegenteil: für Anti-Isolationismus,
Intervention und den Kampf gegen antisemitische Diktaturen. Anders als
von deutschen Rezensenten immer wieder halluziniert, argumentiert Lindbergh
in The Plot Against America gerade nicht wie George Bush; er
klingt, wie Stein amüsiert feststellte, vielmehr so, »als habe
er seine Rhetorik bei einer x-beliebigen linken Antikriegsdemonstration
aufgeschnappt«. Im Stile Bushs argumentiert der zunächst abgesetzte
und später wiedergewählte Franklin D. Roosevelt: »Wir
Amerikaner werden eine von Hitler dominierte Welt nicht hinnehmen. Die
Welt heute teilt sich in Freiheit und Sklaverei.« [1]
Die Schwierigkeiten der englischen Sprache
Als der Carl-Hanser-Verlag unter dem Titel Verschwörung
gegen Amerika Ende 2005 eine Lizenzausgabe des Buches veröffentlichte,
wollte zwar auch weiterhin kaum ein deutscher Kritiker auf die Lindbergh-Bush-Analogie
verzichten. Nachdem der Roman nun allerdings erstmals in deutscher Sprache
gelesen werden konnte, ließ die Euphorie der Rezensenten dennoch
ein wenig nach. Insbesondere die letzten Kapitel stießen immer wieder
auf Kritik. Das Ende sei, wie Jörg Magenau in der taz erklärte,
»wenig befriedigend«; das Buch verliere, so Klaus Nüchtern
im Falter, »im letzten Viertel stark an Schwung und Triftigkeit«
bzw. habe, wie Holger Schlodder in Echo Online behauptete, ein
»ziemlich triviales Ende«.
Was war geschehen? Spätestens bei der Lektüre der deutschen
Ausgabe dürfte den Rezensenten aufgefallen sein, daß Roth sich
den Bedürfnissen seiner hiesigen Leser nicht nur in Interviews und
Eigenrezensionen, sondern auch im Roman selbst entzieht. Gerade das, was
im deutschen Feuilleton immer wieder für Begeisterungsstürme
gesorgt hatte: eine nazifreundliche US-Regierung, interessiert den Autor
vor allem als Hintergrund für den Zerfall einer jüdischen Familie
und den Zusammenbruch der Lebenswelt des achtjährigen Ich-Erzählers
»Philip Roth«. Die Schilderung der politischen Entwicklung
in den USA, von Übergriffen und Pogromen fällt dementsprechend
äußerst knapp aus. Fast enttäuscht beschwerten sich Rezensenten
wie Erhard Schütz im Freitag darüber, daß sich
die von Roth beschriebene Gewalt gegen Juden »nicht von der damals
alltäglichen Gewalt gegen Schwarze« unterscheide. In den Vereinigten
Staaten, die Roth beschreibt, gibt es weder antisemitische Rassengesetzte
noch Konzentrationslager; die USA der Lindbergh-Regierung, so erklärte
Roth explizit in einem Interview mit der Zeit, seien trotz des
zeitweiligen Ausnahmezustands keine nationalsozialistische Diktatur, sondern
eine rechtsgerichtete Demokratie. Die Ablösung der Regierung Lindbergh-Wheeler
verläuft dann auch auf demokratischem Wege: Nach einer kurzen Phase
der Pogrome und des Ausnahmezustands werden Neuwahlen anberaumt, aus denen
Franklin D. Roosevelt als Sieger hervorgeht. Lindbergh, so läßt
Roth schließlich einen früheren Mitarbeiter des fiktiven Präsidenten
erklären, sei von den Nazis erpresst, systematisch als Präsidentschaftskandidat
aufgebaut und von Berlin aus gesteuert worden.
Insbesondere durch diese Agententheorie fühlten sich die deutschen
Rezensenten betrogen. Ursula März bezeichnete die Lindbergh-Nazi-Connection
in der Frankfurter Rundschau empört als schlichtweg »abstrus«;
Katrin Osterkamp beschwerte sich in der Hamburger Morgenpost,
daß das Ende des Buches wie eine »hilflose Konstruktion«
wirke; und Stephan Draft behauptete im Stern: »Am Ende
verkommt der Roman zur Groteske.« Besonders aufgebracht war Evelyn
Finger in der Zeit: »Fatal ist jedoch, daß Roth in
Verschwörung gegen Amerika seine eigene Fiktion demontiert.
Nach 350 Seiten will er uns weismachen, Lindbergh sei gegen seinen Willen
von Hitler inthronisiert worden. Eine Erpressung! Ein Treppenwitz der
nicht stattgefunden habenden Geschichte! Das Böse haust also doch
in Berlin? Brillant an den ersten Seiten ist ja, wie Roth den Antisemitismus
als grenzüberschreitendes Phänomen schildert (…) Die Welt
dieses Romans ist irreale Endzeit: Konsequenz all des Negativen, zu dem
der Mensch fähig ist. (…) Schade, daß Roth dieses radikal
desillusionistische Buch am Ende durch seine Mutlosigkeit ruiniert.«
Ein Teil der Rezensenten war im Wunschbild einer nazifreundlichen US-Regierung
so gefangen, daß er am Ende selbst Roth, der kurz zuvor noch als
Kronzeuge gegen das »faschistische Amerika« und die Bush-Regierung
benutzt worden war, eine Lektion in Sachen Vergangenheitsbewältigung
erteilen wollte. Die entsprechenden Äußerungen waren an Skurrilität
kaum zu überbieten: »Daß am Ende nichts wirklich hausgemacht
Amerikanisches, sondern die steuernde Hand der deutschen Nazis schuld
ist,« so Thomas Burmeister von dpa, »könnte
Amerika zu sehr aus der Pflicht nehmen, sich kritisch mit sich selbst
zu beschäftigen.« Mit anderen Worten: Roth betreibt die Verharmlosung
eines amerikanischen Faschismus, der nie existiert hat.
Die wirkliche Groteske
Anders als immer wieder behauptet, entsprechen die letzten Kapitel der
Verschwörung gegen Amerika sowohl der historischen als auch
der inneren Logik des Romans. So ist das Ende des Buches zwar tatsächlich
»abstrus« und »grotesk«. Damit unterscheiden sich
die entsprechenden Kapitel allerdings nicht von der restlichen Rahmenhandlung
des Romans. Die Groteske beginnt nicht erst zu dem Zeitpunkt, zu dem Lindbergh
als eine Marionette der Nazis präsentiert wird. Sie findet ihren
Anfang vielmehr bereits auf der ersten Seite, auf der Roth von einem republikanischen
Wahlkongress berichtet, bei dem der Nazifreund und Antisemit Lindbergh
als Präsidentschaftskandidat aufgestellt wird. Auch wenn es von deutschen
Feuilletonisten immer wieder beschworen wird: Die USA standen 1940 eben
nicht am Rande einer faschistischen Diktatur. Der tatsächliche Gegenkandidat
zu Roosevelt, der liberale Republikaner Wendell L. Wilkie, hatte zwar
gelegentliche isolationistische Anwandlungen, er konnte allerdings nicht
die geringsten Sympathien für Nazideutschland aufbringen. (O-Ton
Wilkie: »Our way of life is in competition with Hitler’s way
of life.«)
Vor diesem Hintergrund versieht Roth den Roman mit einem Ende, das der
grotesken Fiktion einer faschistischen US-Regierung angemessen ist. Spätestens
an der Stelle, an der er Lindbergh als Statist der Nazis erscheinen läßt,
verweist er unterschwellig darauf, daß in den USA gerade keine nennenswerte
faschistische Bewegung entstehen konnte. Diejenigen, die die Vereinigten
Staaten stets am Rande einer autoritären Diktatur sehen, müssen
sich hier vom Autor betrogen fühlen und empört einen Bruch in
der Erzählstruktur des Romans konstatieren. Ihre Empörung basiert
darauf, daß das Realitätsprinzip gerade durch Roths »abstruse«
Idee einer Steuerung Lindberghs durch Hitler in ihr antiamerikanisches
Wahnsystem einbricht. Gerade im letzten Kapitel des Buches dürfte
sich die Ahnung eingestellt haben, daß Zweifel angebracht sind,
ob das, was in den Rezensionen immer wieder als »Plausibilität
der Fiktion« bezeichnet wurde – eine Faschisierung der USA
–, eine realistische Option war und ist.
Liebeserklärung an Amerika
Tatsächlich ist Roths vermeintliche Anklage Amerikas eine Liebeserklärung.
The Plot Against America basiert weniger auf der Aussage, daß
es hätte so kommen können; Roth läßt den kritischen
Leser vielmehr mit der Frage zurück, warum es gerade nicht
so gekommen ist. »Das war es, was mich beim Schreiben des Romans
interessierte«, so erklärte er in einem Interview mit der Zeit:
»Die Tatsache, daß es hier nicht zur Katastrophe kam. Die
Glückssträhne, die die Geschichte den Juden in diesem Land bescherte.«
Insbesondere durch das immer wieder als »abstrus« und »grotesk«
bezeichnete Ende des Romans stellt Roth die Frage, warum der amerikanische
Antisemitismus nicht zum Grundpfeiler einer Staatsauffassung werden konnte,
warum antisemitische Haßprediger wie Lindbergh, Henry Ford oder
der von Adorno in den Studien zum Autoritären Charakter
erwähnte Martin Luther Thomas keinen Massenanhang aufbauen konnten,
und warum die USA selbst während des Vietnamkrieges und in der McCarthy-Ära,
die Roth in Mein Mann der Kommunist so vortrefflich seziert,
noch meilenweit von einem Faschismus entfernt waren. In The Plot Against
America beantwortet Roth diese Fragen auf einer Art Negativfolie;
in seinem Roman Gegenleben von 1986 läßt er sein alter
ego Nathan Zuckerman allerdings eine direkte Antwort formulieren:
»Ich bestand darauf,« so berichtet Zuckerman von einem Gespräch
mit einem Israeli, »daß Amerika sich einfach nicht auf ein
Gegenüber von Juden und Nichtjuden reduzieren lasse, und daß
Antisemiten nicht das größte Problem der amerikanischen Juden
seien. Zu sagen: Stellen wir uns doch den Tatsachen, für die Juden
sind immer die Gojim das Problem – das mag allerdings für einen
Moment einen Anklang von Wahrheit haben. Wie könnte irgend jemand
eine solche Aussage in diesem Jahrhundert einfach so von der Hand weisen?
Und sollte es sich einmal erweisen, daß Amerika ein Ort der Intoleranz,
Oberflächlichkeit, Unanständigkeit und Brutalität ist,
wo alle amerikanischen Werte in der Gosse gelandet sind, dann könnte
es mehr als nur einen Anklang von Wahrheit haben – dann könnte
es sich herausstellen, daß es so ist. Doch Tatsache sei, so fuhr
ich fort, daß es meines Wissens keine andere Gesellschaft gegeben
habe, die es zu einem derartigen Toleranzniveau gebracht hätte, wie
es in Amerika institutionalisiert sei, oder die den Pluralismus so direkt
ins Zentrum der öffentlich angepriesenen Traumvorstellung von sich
selbst gestellt hätte.« Dieser zuversichtliche Verweis auf
den american dream und pursuit of happiness mag zwar,
wie Roth seinen Nathan Zuckerman wenig später erklären läßt,
»ein wenig idealistisch« sein. Er ist Wahrheit und Vernunft
allerdings weitaus stärker verbunden als das Geraune deutscher Literaturkritiker.
Anmerkungen
[1] Paul Berman schlug denjenigen, die auf die Suche nach einem aktuellen
politischen Zeitbezug nicht verzichten wollten, in der New York Times
Book Review dann auch zaghaft eine andere Lesart des Romans vor. Könnte
es nicht sein, so fragte er, daß Roths Gegenwartsbezug gerade im
Antisemitismus Lindberghs zu suchen sei? Ebenso wie Roosevelt von Lindbergh
immer wieder unterstellt wurde, von den Juden in seiner Regierung in einen
»jüdischen Krieg« in Europa getrieben zu werden, sah
sich auch die Regierung Bush regelmäßig mit antisemitischen
Verschwörungstheorien konfrontiert: 9/11 wurde als eine Aktion des
Mossad halluziniert, Paul Wolfowitz wurde als »jüdischer Strippenzieher«
denunziert usw. Zwar ist zu bezweifeln, daß Roth, der ein bekennender
Freund des New Deal ist, sein Idol Roosevelt mit dem ungeliebten George
W. Bush gleichsetzen wollte. Hätte er Kritik an der amerikanischen
Regierung üben wollen, hätte er das vermutlich, wie schon 1971
in Our Gang (Die Story von Trick E. Nixon und den Seinen), nicht in Form
einer Allegorie getan – in den USA herrscht weder Zensur noch ist
bei amerikanischen Schriftstellern jener autoritätshörige vorauseilende
Gehorsam zu beobachten, der sie Kritik nur in Form äsopscher Fabeln
formulieren läßt. Wenn Roth also auch vermutlich tatsächlich
an keiner Analogie interessiert war, entspricht die Lesart Roosevelt-Bush
dennoch weitaus eher der historischen Wahrheit als die Gleichsetzung des
Antisemiten Lindbergh mit dem Antifaschisten Bush.
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