Jan Gerber
Verschwörung gegen die Realität. Die deutschen Reaktionen auf Philip Roths »Verschwörung gegen Amerika«
In: Bahamas 50/2006


Als der New Yorker Verlag Houghton Mifflin im Herbst 2004 erstmals Rezensionsexemplare des neuestes Romans von Philip Roth verschickte, dürften sich die Veteranen der deutschen Studentenbewegung, die inzwischen in den Kulturredaktionen der Zeit, der Süddeutschen Zeitung oder der Frankfurter Rundschau untergekommen sind, noch einmal freudig an ihre Jugend erinnert haben, an eine Zeit, in der sie gemeinsam mit ihren späteren Kollegen, Medienpartnern und Chefredakteuren vor Amerikahäusern »USA, SA, SS« skandiert, Richard Nixon als Nachfolger Hitlers präsentiert und den Krieg in Vietnam als »Endlösung« bezeichnet hatten. Der Grund für diese Nostalgie: Roth beschreibt in The Plot Against America die alte linke Lieblingsvorstellung einer US-Regierung, die mit Nazideutschland sympathisiert. Er malt aus, was aus den Vereinigten Staaten geworden wäre, wenn 1940 nicht der Demokrat Franklin D. Roosevelt zum Präsidenten gewählt worden wäre, sondern der isolationistische Republikaner, Antisemit und Nazifreund Charles A. Lindbergh. Roth beschreibt ein Land, das im Zweiten Weltkrieg eine neutrale Position bezieht und mit dem Dritten Reich ein Freundschaftsabkommen schließt; er beschreibt die Verunsicherung der amerikanischen Juden, ein Umsiedlungsprogramm der Regierung und das zunehmende Selbstbewußtsein amerikanischer Antisemiten. Nach dem mysteriösen Verschwinden Lindberghs läßt Roth schließlich überall im Land Pogrome ausbrechen und bekannte Juden von einer Übergangsregierung unter Lindberghs Vizepräsident Burton K. Wheeler verhaften.
Die Rezensenten waren begeistert: Ursula März bezeichnete The Plot Against America in der Frankfurter Rundschau als »wohl bedeutendsten politischen Roman« Roths; Holger Schlodder sprach in Echo Online vom »Besten, was man von Philip Roth in den letzten Jahren lesen konnte«; und Robin Detje bezeichnete das Buch in der Süddeutschen Zeitung als »meisterhaftes Werk«. Auf Lob stießen dabei weniger Roths schriftstellerisches Können, seine Beobachtungsgabe oder seine Fähigkeit, den Einbruch politischer Katastrophen ins Private zu schildern. Im Zentrum der Begeisterung stand vielmehr sein Gedankenexperiment einer autoritären, nazifreundlichen US-Regierung. Roths Fiktion wurde dabei immer wieder als realistische Option der amerikanischen Politik der 1940er Jahre präsentiert. Evelyn Finger behauptete in der Zeit, daß Lindbergh, der nie als Präsident kandidiert hatte, »als der plausible republikanische Albtraum« erscheine, »der sich zwischen Franklin D. Roosevelt und dessen tatsächlichem Nachfolger Harry S. Truman leicht hätte ereignen können«; Jörg Magenau sprach in der taz von einer »gar nicht so abwegige(n) Fiktion«; und auch Ulrich Rüdenauer bezeichnete Roths Gedankenspiel in einem großen Literaturportal als »gar keine so absurde Vorstellung«. Doch nicht nur das: Roth habe sich, wie vom Neuen Deutschland ergänzt wurde, nicht nur mit historischen Fragen, sondern auch »mit einer Vielzahl von Problemen auseinandergesetzt, die (…) von aktueller Bedeutung sind«.

Lindbergh gleich Bush
Damit war ein Stichwort gefallen, das bereits in der amerikanischen Debatte über The Plot Against America aufgetaucht war: Der Roman wurde als Allegorie auf die Gegenwart und damit als Kommentar zur Bush-Administration gelesen. Der Bush-Kritiker Roth, dessen Verlag das Buch während des letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes veröffentlichte, distanzierte sich in einer Selbstrezension in der New York Times zwar von einer solchen Lesart: »Manche Leser werden diesen Roman als Schlüsselroman für die amerikanische Gegenwart lesen wollen. Das wäre ein Fehler. Ich bin angetreten, um das zu tun, was ich getan habe, die Jahre 1940 bis 1942 zu rekonstruieren. Ich tue nicht so, als wäre ich an diesen Jahren interessiert, sondern ich bin an diesen Jahren interessiert.« In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung machte er sich darüber hinaus auch über die europäische Vorstellung der engagierten Literatur und des öffentlichen Intellektuellen à la Grass und Böll lustig: »Das ist keine amerikanische Tradition. Es gibt immer Ausnahmen, aber hier würde niemand auch nur dreißig Sekunden hinhören, was ein Schriftsteller zu sagen hat. Wer ist denn der, würde man fragen. Es gibt keinen besonderen Respekt für Schriftsteller, keiner versteht, was sie genau machen. Sie haben keine größere moralische Integrität als der Klempner. Ja, es ist, als würde der Klempner plötzlich Statements zur Weltlage abgeben.«
Dennoch wollten sich die deutschen Kritiker nicht von ihrer Agitprop-Auffassung von Literatur, von der Deutschlehrerfrage »Was will uns der Autor sagen?« und der Vorstellung vom moralisch integren Literaten, der vor Kühnheit zitternd unliebsame Wahrheiten verkündet, verabschieden. Sie setzten sich über Roths Distanzierung hinweg, sprachen von einer Finte des Autors und wollten sich ihre Lesart auch von ihm nicht zerstören lassen. Vielleicht, so erklärte Sebastian Moll in der taz, »tun die Kritiker ja auch gut daran, Roth nicht auf den Leim zu gehen, wenn er sich als einer der ihren ausgibt und ihnen in das Handwerk pfuschen möchte«. Während in den USA regelmäßig darauf hingewiesen wurde – u.a. im New Yorker –, daß sich Roths Roman der direkten politischen Aussage schon allein aufgrund seiner Vielstimmigkeit entzieht, kam nahezu keine deutsche Rezension ohne den Verweis auf die amerikanische Gegenwart aus. Die überwältigende Mehrheit der Kritiker wollte in Lindbergh unbedingt George W. Bush wiedererkennen: »Der sich als grundehrlicher, einfacher, das 'Böse' bekämpfender Sheriff gerierende George W. Bush«, so Ulrich Rüdenauer, »spiegelt sich an vielen Stellen in dem smarten und beliebten Charles A. Lindbergh.« Wenn Roth Lindbergh in Pilotenkleidung auftreten und vor »Hurra-Patrioten« eine Rede halten lasse, so Walter Kaufmann in Ossietzky, »ist man an Präsident Bush erinnert, wie er in Fliegermontur übers Deck des Flugzeugträgers 'Abraham Lincoln' schreitet, um dann vor versammelter Mannschaft seine Siegesrede zu halten«. Und Peter Zemla erklärte schließlich im Buchjournal: Das einstmals auf seine Liberalität so stolze Land verwandle sich in The Plot Against America in ein »Territorium der Angst«. »Und damit ist Roth, der Chronist und Seismograph, doch wieder in unserer Gegenwart angelangt. Im Land von George W. Bush.«

Exportschlager Vergangenheitsbewältigung
Dienten frühere Faschismusvorwürfe an die USA vor allem der deutschen Schuldabwehr, sollte mit ihnen also suggeriert werden, daß auch andere nicht besser als die Deutschen seien, schienen die Rezensenten des Romans nunmehr das genaue Gegenteil zu bezwecken. Durch den Dreiklang Faschismus-Lindbergh-Bush sollte nur noch am Rande auf vermeintliche Gemeinsamkeiten zwischen dem Dritten Reich und den Vereinigten Staaten verwiesen werden – Evelyn Finger lobte Roth in der Zeit sogar ausdrücklich dafür, daß er Antisemitismus als eine länderübergreifende Erscheinung dargestellt habe, »ohne den deutschen Faschismus zu verharmlosen«. Mit Hilfe der Faschismusvorwürfe an die Regierung Bush sollte vor allem ein Unterschied demonstriert werden, und zwar der Unterschied zwischen dem heutigen friedensbewegten Aufarbeitungsweltmeister Deutschland und den Vereinigten Staaten, die sich ihrer Vergangenheit und Gegenwart nicht gestellt hätten. Damit bewegten sich die Rezensenten ganz im erinnerungspolitischen Mainstream der Berliner Republik: So basiert die politische Identität der Bundesrepublik spätestens seit der Beendigung des protestbewegten Marsches durch die Institutionen bekanntlich nicht mehr auf der Verdrängung der NS-Zeit; ihre Grundlage ist vielmehr das Bekenntnis zur Vergangenheit und der regelmäßig demonstrierte Bruch mit ihr. »Aus dem Bekenntnis zur eigenen Scham«, so Hermann Gremliza in seinen besseren Tagen, »soll den Deutschen das Recht erwachsen, an anderen moralisch Maß zu nehmen.« Der Geltungsdrang, der aus der Verwandlung des früheren Abwehrkollektivs in eine Erinnerungsgemeinschaft gewonnen wird, richtet sich dabei gegen diejenigen, die die »Lehren aus der Geschichte« nicht gezogen hätten; er richtet sich mit anderen Worten gegen die USA und Israel, die sich dem moralischen Antikapitalismus deutscher Machart verweigern, die sich zu ihren eigenen materiellen und nationalstaatlichen Interessen bekennen, hinter der Forderung nach Völkerfreundschaft nicht zu Unrecht die Kampfansage ans Individuum vermuten und in Erinnerung behalten haben, daß Krieg die Menschheit manchmal vor Schlimmerem bewahren kann.
Auch wenn die deutschen Rezensenten von The Plot Against America nirgends explizit auf die deutsche Vergangenheitspolitik verwiesen, sprach aus ihren Artikeln regelmäßig der aufdringliche Realitätsverlust derer, die immer wieder mit heimlichem Stolz auf Auschwitz deuten und gerade aus diesem Grund »Verantwortung« für die eigene Bande verlangen. Nachdem sie Roths Fiktion einer faschistoiden Regierung zunächst als realistische Option der amerikanischen Politik der 1940er Jahre präsentiert und George W. Bush daraufhin als Nachfolger eines erfundenen Präsidenten entlarvt hatten, erteilten sie den Amerikanern in einem dritten Schritt schließlich Lektionen in Sachen Gegenwarts- und Vergangenheitsbewältigung. Roth wurde dabei als Sprachrohr linksdeutscher Befindlichkeiten bzw. als Ankläger wahrgenommen, der für die USA das einfordert, was die Deutschen bereits vorbildlich erledigt hätten: eine Hinterfragung ihrer Nationalgeschichte, einen kritischen Blick auf das eigene Selbstverständnis und eine darauf aufbauende Moralisierung der Politik. Durch die Thematisierung einer »faschistischen Grundstimmung in den USA«, so wurde selbst im Münchner Merkur erklärt, bringe Roth den »plötzlich sehr naiv wirkenden Mythos von der Selbstverständlichkeit der amerikanischen Demokratie heftig ins Wanken«. Auch Thomas Burmeister von dpa war der Meinung, daß die Vereinigten Staaten in Sachen Aufarbeitung der Geschichte einiges zu lernen hätten: »(S)elbst oder gerade (Hervorhebung von mir, J.G.) für Amerikaner sollte die Auseinandersetzung mit der Frage wichtig sein, ob aus der eigenen Gesellschaft Faschismus erwachsen kann. Ganz ohne fremdes Zutun. Roth kommt dem Problem des Demokratieabbaus in Zeiten, da überall der 'Osama-Teufel’ an die Wand gemalt und das Gerede vom Krieg der Kulturen hoffähig wird, durchaus nahe.«
Den Schreibversuchen eines Psychotikers nicht unähnlich, zerflossen in den Artikeln der deutschen Rezensenten von The Plot Against America damit nicht nur die Unterschiede zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es verschwammen zugleich die Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen. Die deutschen Kritiker waren so versessen darauf, in den USA einen Hort des Faschismus zu erkennen und ihr eigenes antiamerikanisches Ressentiment mit antifaschistischen Weihen zu versehen, daß sie selbst die offenkundigsten Unterschiede zwischen Lindbergh und George Bush nicht mehr wahrzunehmen im Stande waren. Lediglich Hannes Stein wies in der Welt darauf hin, daß Bush nicht der Nachfolger des imaginierten Präsidenten Lindbergh sei, sondern dessen Antithese. Während Lindbergh für eine isolationistische, anti-interventionistische und nazifreundliche Politik eintrat, steht Bush für das genaue Gegenteil: für Anti-Isolationismus, Intervention und den Kampf gegen antisemitische Diktaturen. Anders als von deutschen Rezensenten immer wieder halluziniert, argumentiert Lindbergh in The Plot Against America gerade nicht wie George Bush; er klingt, wie Stein amüsiert feststellte, vielmehr so, »als habe er seine Rhetorik bei einer x-beliebigen linken Antikriegsdemonstration aufgeschnappt«. Im Stile Bushs argumentiert der zunächst abgesetzte und später wiedergewählte Franklin D. Roosevelt: »Wir Amerikaner werden eine von Hitler dominierte Welt nicht hinnehmen. Die Welt heute teilt sich in Freiheit und Sklaverei.« [1]

Die Schwierigkeiten der englischen Sprache
Als der Carl-Hanser-Verlag unter dem Titel Verschwörung gegen Amerika Ende 2005 eine Lizenzausgabe des Buches veröffentlichte, wollte zwar auch weiterhin kaum ein deutscher Kritiker auf die Lindbergh-Bush-Analogie verzichten. Nachdem der Roman nun allerdings erstmals in deutscher Sprache gelesen werden konnte, ließ die Euphorie der Rezensenten dennoch ein wenig nach. Insbesondere die letzten Kapitel stießen immer wieder auf Kritik. Das Ende sei, wie Jörg Magenau in der taz erklärte, »wenig befriedigend«; das Buch verliere, so Klaus Nüchtern im Falter, »im letzten Viertel stark an Schwung und Triftigkeit« bzw. habe, wie Holger Schlodder in Echo Online behauptete, ein »ziemlich triviales Ende«.
Was war geschehen? Spätestens bei der Lektüre der deutschen Ausgabe dürfte den Rezensenten aufgefallen sein, daß Roth sich den Bedürfnissen seiner hiesigen Leser nicht nur in Interviews und Eigenrezensionen, sondern auch im Roman selbst entzieht. Gerade das, was im deutschen Feuilleton immer wieder für Begeisterungsstürme gesorgt hatte: eine nazifreundliche US-Regierung, interessiert den Autor vor allem als Hintergrund für den Zerfall einer jüdischen Familie und den Zusammenbruch der Lebenswelt des achtjährigen Ich-Erzählers »Philip Roth«. Die Schilderung der politischen Entwicklung in den USA, von Übergriffen und Pogromen fällt dementsprechend äußerst knapp aus. Fast enttäuscht beschwerten sich Rezensenten wie Erhard Schütz im Freitag darüber, daß sich die von Roth beschriebene Gewalt gegen Juden »nicht von der damals alltäglichen Gewalt gegen Schwarze« unterscheide. In den Vereinigten Staaten, die Roth beschreibt, gibt es weder antisemitische Rassengesetzte noch Konzentrationslager; die USA der Lindbergh-Regierung, so erklärte Roth explizit in einem Interview mit der Zeit, seien trotz des zeitweiligen Ausnahmezustands keine nationalsozialistische Diktatur, sondern eine rechtsgerichtete Demokratie. Die Ablösung der Regierung Lindbergh-Wheeler verläuft dann auch auf demokratischem Wege: Nach einer kurzen Phase der Pogrome und des Ausnahmezustands werden Neuwahlen anberaumt, aus denen Franklin D. Roosevelt als Sieger hervorgeht. Lindbergh, so läßt Roth schließlich einen früheren Mitarbeiter des fiktiven Präsidenten erklären, sei von den Nazis erpresst, systematisch als Präsidentschaftskandidat aufgebaut und von Berlin aus gesteuert worden.
Insbesondere durch diese Agententheorie fühlten sich die deutschen Rezensenten betrogen. Ursula März bezeichnete die Lindbergh-Nazi-Connection in der Frankfurter Rundschau empört als schlichtweg »abstrus«; Katrin Osterkamp beschwerte sich in der Hamburger Morgenpost, daß das Ende des Buches wie eine »hilflose Konstruktion« wirke; und Stephan Draft behauptete im Stern: »Am Ende verkommt der Roman zur Groteske.« Besonders aufgebracht war Evelyn Finger in der Zeit: »Fatal ist jedoch, daß Roth in Verschwörung gegen Amerika seine eigene Fiktion demontiert. Nach 350 Seiten will er uns weismachen, Lindbergh sei gegen seinen Willen von Hitler inthronisiert worden. Eine Erpressung! Ein Treppenwitz der nicht stattgefunden habenden Geschichte! Das Böse haust also doch in Berlin? Brillant an den ersten Seiten ist ja, wie Roth den Antisemitismus als grenzüberschreitendes Phänomen schildert (…) Die Welt dieses Romans ist irreale Endzeit: Konsequenz all des Negativen, zu dem der Mensch fähig ist. (…) Schade, daß Roth dieses radikal desillusionistische Buch am Ende durch seine Mutlosigkeit ruiniert.« Ein Teil der Rezensenten war im Wunschbild einer nazifreundlichen US-Regierung so gefangen, daß er am Ende selbst Roth, der kurz zuvor noch als Kronzeuge gegen das »faschistische Amerika« und die Bush-Regierung benutzt worden war, eine Lektion in Sachen Vergangenheitsbewältigung erteilen wollte. Die entsprechenden Äußerungen waren an Skurrilität kaum zu überbieten: »Daß am Ende nichts wirklich hausgemacht Amerikanisches, sondern die steuernde Hand der deutschen Nazis schuld ist,« so Thomas Burmeister von dpa, »könnte Amerika zu sehr aus der Pflicht nehmen, sich kritisch mit sich selbst zu beschäftigen.« Mit anderen Worten: Roth betreibt die Verharmlosung eines amerikanischen Faschismus, der nie existiert hat.

Die wirkliche Groteske
Anders als immer wieder behauptet, entsprechen die letzten Kapitel der Verschwörung gegen Amerika sowohl der historischen als auch der inneren Logik des Romans. So ist das Ende des Buches zwar tatsächlich »abstrus« und »grotesk«. Damit unterscheiden sich die entsprechenden Kapitel allerdings nicht von der restlichen Rahmenhandlung des Romans. Die Groteske beginnt nicht erst zu dem Zeitpunkt, zu dem Lindbergh als eine Marionette der Nazis präsentiert wird. Sie findet ihren Anfang vielmehr bereits auf der ersten Seite, auf der Roth von einem republikanischen Wahlkongress berichtet, bei dem der Nazifreund und Antisemit Lindbergh als Präsidentschaftskandidat aufgestellt wird. Auch wenn es von deutschen Feuilletonisten immer wieder beschworen wird: Die USA standen 1940 eben nicht am Rande einer faschistischen Diktatur. Der tatsächliche Gegenkandidat zu Roosevelt, der liberale Republikaner Wendell L. Wilkie, hatte zwar gelegentliche isolationistische Anwandlungen, er konnte allerdings nicht die geringsten Sympathien für Nazideutschland aufbringen. (O-Ton Wilkie: »Our way of life is in competition with Hitler’s way of life.«)
Vor diesem Hintergrund versieht Roth den Roman mit einem Ende, das der grotesken Fiktion einer faschistischen US-Regierung angemessen ist. Spätestens an der Stelle, an der er Lindbergh als Statist der Nazis erscheinen läßt, verweist er unterschwellig darauf, daß in den USA gerade keine nennenswerte faschistische Bewegung entstehen konnte. Diejenigen, die die Vereinigten Staaten stets am Rande einer autoritären Diktatur sehen, müssen sich hier vom Autor betrogen fühlen und empört einen Bruch in der Erzählstruktur des Romans konstatieren. Ihre Empörung basiert darauf, daß das Realitätsprinzip gerade durch Roths »abstruse« Idee einer Steuerung Lindberghs durch Hitler in ihr antiamerikanisches Wahnsystem einbricht. Gerade im letzten Kapitel des Buches dürfte sich die Ahnung eingestellt haben, daß Zweifel angebracht sind, ob das, was in den Rezensionen immer wieder als »Plausibilität der Fiktion« bezeichnet wurde – eine Faschisierung der USA –, eine realistische Option war und ist.

Liebeserklärung an Amerika
Tatsächlich ist Roths vermeintliche Anklage Amerikas eine Liebeserklärung. The Plot Against America basiert weniger auf der Aussage, daß es hätte so kommen können; Roth läßt den kritischen Leser vielmehr mit der Frage zurück, warum es gerade nicht so gekommen ist. »Das war es, was mich beim Schreiben des Romans interessierte«, so erklärte er in einem Interview mit der Zeit: »Die Tatsache, daß es hier nicht zur Katastrophe kam. Die Glückssträhne, die die Geschichte den Juden in diesem Land bescherte.« Insbesondere durch das immer wieder als »abstrus« und »grotesk« bezeichnete Ende des Romans stellt Roth die Frage, warum der amerikanische Antisemitismus nicht zum Grundpfeiler einer Staatsauffassung werden konnte, warum antisemitische Haßprediger wie Lindbergh, Henry Ford oder der von Adorno in den Studien zum Autoritären Charakter erwähnte Martin Luther Thomas keinen Massenanhang aufbauen konnten, und warum die USA selbst während des Vietnamkrieges und in der McCarthy-Ära, die Roth in Mein Mann der Kommunist so vortrefflich seziert, noch meilenweit von einem Faschismus entfernt waren. In The Plot Against America beantwortet Roth diese Fragen auf einer Art Negativfolie; in seinem Roman Gegenleben von 1986 läßt er sein alter ego Nathan Zuckerman allerdings eine direkte Antwort formulieren: »Ich bestand darauf,« so berichtet Zuckerman von einem Gespräch mit einem Israeli, »daß Amerika sich einfach nicht auf ein Gegenüber von Juden und Nichtjuden reduzieren lasse, und daß Antisemiten nicht das größte Problem der amerikanischen Juden seien. Zu sagen: Stellen wir uns doch den Tatsachen, für die Juden sind immer die Gojim das Problem – das mag allerdings für einen Moment einen Anklang von Wahrheit haben. Wie könnte irgend jemand eine solche Aussage in diesem Jahrhundert einfach so von der Hand weisen? Und sollte es sich einmal erweisen, daß Amerika ein Ort der Intoleranz, Oberflächlichkeit, Unanständigkeit und Brutalität ist, wo alle amerikanischen Werte in der Gosse gelandet sind, dann könnte es mehr als nur einen Anklang von Wahrheit haben – dann könnte es sich herausstellen, daß es so ist. Doch Tatsache sei, so fuhr ich fort, daß es meines Wissens keine andere Gesellschaft gegeben habe, die es zu einem derartigen Toleranzniveau gebracht hätte, wie es in Amerika institutionalisiert sei, oder die den Pluralismus so direkt ins Zentrum der öffentlich angepriesenen Traumvorstellung von sich selbst gestellt hätte.« Dieser zuversichtliche Verweis auf den american dream und pursuit of happiness mag zwar, wie Roth seinen Nathan Zuckerman wenig später erklären läßt, »ein wenig idealistisch« sein. Er ist Wahrheit und Vernunft allerdings weitaus stärker verbunden als das Geraune deutscher Literaturkritiker.


Anmerkungen
[1] Paul Berman schlug denjenigen, die auf die Suche nach einem aktuellen politischen Zeitbezug nicht verzichten wollten, in der New York Times Book Review dann auch zaghaft eine andere Lesart des Romans vor. Könnte es nicht sein, so fragte er, daß Roths Gegenwartsbezug gerade im Antisemitismus Lindberghs zu suchen sei? Ebenso wie Roosevelt von Lindbergh immer wieder unterstellt wurde, von den Juden in seiner Regierung in einen »jüdischen Krieg« in Europa getrieben zu werden, sah sich auch die Regierung Bush regelmäßig mit antisemitischen Verschwörungstheorien konfrontiert: 9/11 wurde als eine Aktion des Mossad halluziniert, Paul Wolfowitz wurde als »jüdischer Strippenzieher« denunziert usw. Zwar ist zu bezweifeln, daß Roth, der ein bekennender Freund des New Deal ist, sein Idol Roosevelt mit dem ungeliebten George W. Bush gleichsetzen wollte. Hätte er Kritik an der amerikanischen Regierung üben wollen, hätte er das vermutlich, wie schon 1971 in Our Gang (Die Story von Trick E. Nixon und den Seinen), nicht in Form einer Allegorie getan – in den USA herrscht weder Zensur noch ist bei amerikanischen Schriftstellern jener autoritätshörige vorauseilende Gehorsam zu beobachten, der sie Kritik nur in Form äsopscher Fabeln formulieren läßt. Wenn Roth also auch vermutlich tatsächlich an keiner Analogie interessiert war, entspricht die Lesart Roosevelt-Bush dennoch weitaus eher der historischen Wahrheit als die Gleichsetzung des Antisemiten Lindbergh mit dem Antifaschisten Bush.