Jan Gerber
Me and my Monkey. Bemerkungen zu einer Debatte in der Zeitschrift Phase2
In: Phase 2/18


»Deine Revolution, so schön erdacht/
Doch plötzlich hat keiner mitgemacht.«
(EA 80)

I. Wenn die Linke Schiffbruch erleidet, ist stets das gleiche Szenario zu beobachten: Einige Genossen ziehen sich, mal dankbar, mal frustriert, ins Privatleben zurück; andere werkeln autistisch-verbissen weiter wie bisher; der Rest schließt sich zu Diskussions- und Lesekreisen zusammen und erklärt, von nun an die »Kritik der Verhältnisse« betreiben zu wollen. Diese Diskussionszirkel bereiten den Rückzug ins Privatleben oft nur auf andere Weise vor; sie gleichen ausgelagerten Universitätsseminaren, in denen diejenigen, die im akademischen Betrieb derzeit (und wohl auch in Zukunft) nicht gebraucht werden, ihre Tauglichkeit für den Soziologie- oder Philosophie-Lehrstuhl trotzdem unter Beweis stellen können. Andere beschränken sich aus Angst vor Resignation auf Selbstkritik und sprechen immer wieder von vermeintlichen Fehlern und Versäumnissen der Linken. Das Ausbleiben der Revolution wird durch Selbstkritik kompensiert; mit ihr wird der Glaube an den nur noch zu findenden revolutionären Nippel gerettet, der lediglich durch die Lasche gezogen werden muss, um die Verhältnisse doch noch zum Tanzen zu bringen. Der Kritik- und Theoriekreisphase folgen dementsprechend stets die neue Strategiediskussion, der neue Aufbruch, die neue Offensive und die nächste Vorbereitung fürs erneute Scheitern.

II. Im Sommer 2000 zeigten sich große Teile der antifaschistischen Linken schockiert: Der Bundeskanzler hielt Reden, die an Aufrufe zu Antifa-Demonstrationen erinnerten; die »Zeit« titelte mit der Schlagzeile »Kampf den Nazis« und berichtete umfangreich über rechte »Strukturen« und »Netzwerke«; und im Vormittagsprogramm wurde anerkennend auf die Arbeit antifaschistischer Workcamps und Zusammenschlüsse verwiesen. In Folge dieser vermeintlichen Vereinnahmung verabschiedeten sich zahlreiche Antifa-Gruppen von der traditionellen Anti-Nazi-Arbeit und erklärten, sich in Zukunft der »Analyse und Kritik der gesellschaftlichen Zustände« widmen zu wollen. Diese Analyse scheint inzwischen abgeschlossen zu sein. »Der Worte sind genug gewechselt, nun lasst uns Taten folgen sehen«, so lautet das Antifa-Motto 2005. Antifaschistische Gruppen, die vor einigen Jahren auf Distanz zur Traditions-Antifa gingen, diskutieren dementsprechend wieder über Strategien gegen Naziaufmärsche; das Leipziger BgR, das noch vor kurzem zum »Ausschlafen gegen rechts« ermutigte, beteiligt sich an klassischen Anti-Nazi-Aktivitäten; und die Antifa [F] möchte, wie sie mit einer Mischung aus Seminar- und Prolet-Slang vorträgt, endlich »als progressive Fraktion handlungsfähig« werden und »über den lokalen Rahmen hinaus zu Potte« kommen. [1] Die so genannte Antifa-Debatte über »Bedingungen und Möglichkeiten antifaschistischer Arbeit«, die derzeit u.a. in Phase2 geführt wird, liefert den Soundtrack für diesen geschäftigen Aktionismus.

III. Die Debatte erinnert dabei – auch wenn sich die Mehrzahl der Protagonisten offiziell von ihrem autonomen Background getrennt hat – an klassische bewegungslinke und autonome Diskussionen. Man sucht noch immer nach »Ansatzpunkten« für antifaschistische Arbeit [2], will, wie in der Ankündigung zum Beitrag der Hamburger Bad-Weather-Antifa angedroht wird, über »Politikformen und -felder« diskutieren und behandelt den gesellschaftlichen Ist-Zustand weiterhin lediglich als schmückendes Beiwerk bzw. als Hintergrund, vor dem die eigene Freizeitgestaltung betrieben werden kann. So spricht die Gruppe Bad Weather zwar von der Aufhebung des Widerspruchs »zwischen Arbeit und Kapital« im Nationalsozialismus und arbeitet Antisemitismus und Antiamerikanismus recht überzeugend als »Ausdruck gesellschaftlicher Normalität in der postnazistischen Gesellschaft« heraus. [3] Das Leipziger BgR verweist durchaus richtig darauf, dass »antifaschistische Interventionen«, die über reine Anti-Nazi-Aktivitäten hinausgehen sollen, vor dem Problem stehen, sich gegen einen gesellschaftlichen Zustand richten zu müssen, der »hegemonial ist und deshalb weder einfach skandalisierbar noch durch Bündnisoptionen überwindbar ist« (»rechter Konsens«). [4] Und selbst die Antifa [F] weiß von der »nur allzu gut funktionierenden ideologische[n] Vermittlung der Zwangsverhältnisse« und erklärt in ihrem Beitrag zur Debatte: »Es ist schlichtweg eine Unverschämtheit, wenn Linke, die vor sich den Anspruch hertragen, emanzipatorisch und antifaschistisch zu sein, meinen, trotz Auschwitz und kritischer Theorie einfach so weiter machen zu können wie bisher.« [5] Welche Folgen diese negative Aufhebung des Widerspruchs von Arbeit und Kapital, Auschwitz, die antiamerikanische Formierung und der »rechte Konsens« für das Agieren des radikalen Kritikers haben, was also die »Bedingungen und Möglichkeiten antifaschistischer Arbeit« sind, wird allerdings verschwiegen. Der durchaus detailgetreuen Beschreibung der verhärteten Verhältnisse und der verzweifelten Andeutung eines rien ne va plus folgt stets der unvermittelte Aufruf zum Zähne-zusammen-Beißen, zum härteren Zupacken, zur neuen Aktion: Das BgR wollte dementsprechend mit einer Demonstration zum 3. Oktober »die gesellschaftliche Situation angreifen [alle Hervorhebungen von mir, J.G.], in der sich Nazipositionen ins allgemeine Meinungsbild einfügen«. [6] Die Antifa [F] will die »ideologische Vermittlung der Zwangsverhältnisse […] sabotieren«, »Stellung beziehen und Widersprüche aufmachen«. [7] Und Bad Weather möchte sich aufgrund der »Schwäche ideologiekritischer und kommunistischer Assoziationen« zwar auf wenige Aktionen beschränken, will es sich aber dennoch nicht nehmen lassen, in die »geschichtspolitisch zentralen Events wie die anstehenden 60. Jahrestage« (Bombardierung Dresdens, Befreiung von Auschwitz, 8. Mai usw.) zu »intervenieren« – in »Manifestationen also, deren Kritik die völkische Formierung auch im Kern [sic!] treffen könnte«. [8]
Aus diesen Äußerungen, dem Verbalradikalismus, den hemdsärmeligen Forderungen nach »Intervention« und »Angriff«, spricht – und hier hat die Antifa [F] mit ihrem Verweis auf »Wahnsinn und Vernunft« unfreiwillig Recht [9] – ein eigentümlicher Größenwahn. Dieser Wahn hat jedoch nicht nur die Diskussionsgegner der Frankfurter Antifaschisten befallen. Auch in ihren eigenen Äußerungen, in ihrer Forderung nach dem »Aufmachen von Widersprüchen«, nach »Sabotage« oder in ihrer Flaschenpost-Metapher, mit der sie ihren Beitrag zur Antifa-Debatte in die Tradition der »Dialektik der Aufklärung« stellen, findet sich wahnhafte Selbstüberschätzung. Allein: Einzig in diesem Wahn, der sich u.a. äußert, wenn sich Gruppen, die zu Demonstrationen nicht mehr als 400 Leute mobilisieren können, ins Cockpit der Weltentwicklung halluzinieren, spiegeln sich die gesellschaftlichen Bedingungen und Möglichkeiten für das Agieren radikaler Kritiker im Land von Auschwitz wider, deren Diskussion in der Debatte zwar versprochen, aber konsequent umgangen wird. [10] Dieser Wahn verweist auf das Missverhältnis zwischen der »verzweifelten Aktualität des Kommunismus« und seiner realen Möglichkeit. Zur Illustration: Wer sich in den 1920er Jahren öffentlich als Kommunist bekannte, wurde als politischer Gegner und Staatsfeind betrachtet; er konnte mit Repressionen durch die Polizei rechnen. Wer heute in der Einkaufszone ein Transparent mit der Aufschrift »Her mit dem Kommunismus!« präsentiert, dürfte entweder für ungläubiges Staunen und Spott sorgen oder aber als Fall für den Psychiater gehandelt werden. Die Unterscheidung zwischen Wahnsinn und Vernunft, wie sie von der Antifa [F] zur Denunziation des »antideutschen Ansatzes« aufgemacht wird, ist spätestens seit Auschwitz, nachdem sich das Proletariat nicht seiner Ketten, sondern seiner jüdischen Nachbarn entledigt hat, selbst ideologisch geworden. »Objektive Vernunft«, so Joachim Bruhn, »kann anderswo nicht mehr erscheinen als in der subjektiven Vernunft restlos vereinzelter, zum Letzten entschlossener Einzelner, die dem privaten Wahn zum Verwechseln ähnlich sieht.« [11] Oder, um mit Wolfgang Pohrt zu sprechen: Man kann auf Dauer nicht der einzige Vernünftige unter tausend Wahnsinnigen bleiben; man wird dabei auch verrückt, nur eben ein bisschen anders. »Die Vernunft als einziger gegen den Rest der Welt zu verteidigen, erfordert und begünstigt nämlich einen Starrsinn, eine Verstocktheit und einen Realitätsverlust, die alle an Irrsinn grenzen.« [12] Ein ursprünglich vernünftiger Gedanke wird zwangsläufig zum Spleen, zur fixen Idee, wenn er gegen eine überwältigende Übermacht von Unvernunft verteidigt werden muss. »Versucht man unter diesen Bedingungen, seinen Verstand mit Gewalt zu bewahren, so verliert man ihn nur auf andere Weise, insofern die panzerplattenähnlich gewordene richtige Überzeugung das Denken nicht nur vor dem Wahn schützt, sondern es auch von der wahnhaften Realität isoliert und damit unmöglich macht, es erstarrt zur formelhaften Wiederholung.« [13] So mögen sich die diskutierenden Antifa-Gruppen zwar, wie es etwa die Antifa [F] in ihrem Beitrag zur Antifa-Debatte in Phase2 für sich reklamiert, als Bollwerk der Vernunft im allgemeinen Wahnsinn begreifen. Ihren Auftritten, Umzügen und Symbolen haftet allerdings etwas Skurriles, Verschrobenes und Karnevalsartiges an. Was in Louis Malles Revolutions-Klamauk »Viva Maria« noch als Persiflage auf die Guerillagruppen der 1960er Jahre daherkommt – eine heruntergekommene Schausteller- und Komödiantentruppe zettelt eine Revolution an –, scheint der heutigen Linken zum Vorbild bzw. zur Handlungsanleitung zu geraten.

IV. Herbert Marcuse erklärte 1966 auf dem Prager Hegel-Kongress: »Die Kraft der Negation, wir wissen es, ist heute in keiner Klasse konzentriert. Sie ist heute noch eine chaotische, anarchische Opposition, politisch und moralisch, rational und instinktiv: die Weigerung mitzumachen und mitzuspielen, der Ekel vor aller Prosperität, der Zwang zu protestieren.« [14] Diese »Weigerung mitzumachen« und der »Zwang zu protestieren« trafen um 1968 auf Aufstandsbewegungen in der Dritten Welt, Proteste im Ostblock und eine Kulturindustrie, die den Faktor »Jugend« als neues Verkaufssegment entdeckt hatte. Die Kritiker konnten sich auf die revoltierenden Arbeiter und Studenten in Paris, die rebellischen Jugendlichen in Mexiko, die Demonstranten in den USA und der Tschechoslowakei, die Tupamaros in Uruguay oder den Vietcong berufen und deren unterschiedliche, teils gegenläufige Aktivitäten als Resultat der gleichen Hoffnung auf Veränderung präsentieren. Die Aussichten auf einen Ausbruch aus dem Kontinuum schienen sowohl der rebellierenden Jugend als auch ihren konservativen Gegnern, die panisch vor dem Untergang des Abendlandes warnten, gut. (Nur ein paar ältere Herren in Frankfurt waren etwas skeptischer.) Später sollte sich herausstellen, dass die Studenten auf Moralvorstellungen und Institutionen gestoßen waren, die längst zum Hindernis für den ungestörten Fortgang des Immergleichen geworden waren, dass mit der Forderung nach freier Liebe, der Abschaffung des autoritären Obrigkeitsstaates und dem Ende des kostspieligen Kolonialismus also offene Türen eingerannt worden waren. Mit dem Niedergang der Protestbewegung ging die revolutionäre Gewissheit, die den Aufruhr an deutschen Provinzgymnasien als Verlängerung eines weltweiten Kampfes um Befreiung erscheinen ließ, verloren. Die »Weigerung mitzumachen« ist seither auf sich selbst zurückgeworfen; sie kann sich weder auf historische Gesetzmäßigkeiten und ein revolutionäres Subjekt noch auf eine reale Möglichkeit auf Erfolg berufen. Ihr Movens ist allein das Wissen, dass es richtig ist, gegen das falsche Ganze anzugehen. Diese Situation, in der der »Zwang zu protestieren« um seine Erfolgsaussichten gebracht wurde, nähert den Kritiker gegen seinen Willen dem Existentialismus an. [15] Ohne die Aussicht auf Erfolg geraten seine Aktivitäten zur Arbeit um der Arbeit willen; sie werden betrieben, um nicht selbst kaputtzugehen, den Selbstekel, den das notwendige Mitmachen (physische Reproduktion!) bei kritischen Geistern gelegentlich erzeugt, zu minimieren und die bereits im Jugendalter einsetzende Vergreisung aufzuhalten. Protest und Widerstand nehmen damit ganz existentialistisch einen therapeutischen Charakter an – und nicht umsonst erinnern antifaschistische Organisationen oft an Selbsthilfegruppen, die den verzweifelten Einzelnen Halt geben, Familienersatz bieten und Leuten, die aufgrund ihrer verschrobenen Vorstellungen und Spleens anderswo keinen Anschluss finden würden, Sozialkontakte bescheren.

V. Im Dezember 1962 benannte Theodor W. Adorno das zentrale Dilemma kritischer Eingriffe in Zeiten verstellter Praxis: »Wer überhaupt Vorschläge anmeldet, macht leicht sich zum Mitschuldigen. […] Reine Gesinnung jedoch, die sich Eingriffe versagt, verstärkt ebenfalls, wovor sie zurückschreckt.« Diesen Widerspruch zu schlichten, »steht nicht bei der Reflexion, ihn diktiert die Verfassung des Wirklichen«. [16] Von diesem Dilemma, das den Kritiker wahrhaft zur Verzweiflung treiben kann, wollen die Protagonisten der aktuellen Antifa-Debatte freilich nichts wissen. Während sie erklären, sich über die Bedingungen und Möglichkeiten antifaschistischer Arbeit verständigen zu wollen, bereiten sie nur die nächste Demonstration oder »Intervention« vor; während sie von der Kritik der Verhältnisse sprechen, haben sie doch nur die nächste Kampagne im Kopf. Noch in dem Moment, in dem sie kokett auf die »Minima Moralia« oder die »Negative Dialektik« verweisen, weigern sie sich, die eigene Ohnmacht zu reflektieren. Diese geschäftige Abdichtung gegen Erkenntnis, die durchaus auch unter dem Deckmantel von Theorie erfolgen kann, lässt vermuten: Wie schon der blinde Aktionismus der Hau-drauf-Antifa ist auch die Betriebsamkeit der theoretisch versierteren Genossen – derjenigen, die ihren Demonstrationsaufruf mit dem obligatorischen Benjamin-Zitat beginnen lassen – Instrument bei der Abwehr der Realität: »Man klammert sich an Aktionen um der Unmöglichkeit der Aktion willen.« [17]
Diese Pseudopraxis ist stets nur die Verdopplung dessen, wogegen sie vorzugehen vorgibt; als Reflex auf die verwaltete Welt »wiederholt Pseudoaktivität jene in sich selbst«. [18] So ähneln linke Plena, Vernetzungs- und Vorbereitungstreffen mit ihren wichtigtuerischen Protokollen, ihrer Taktiererei und ihren Tages- und Geschäftsordnungstricks nicht nur an Parteitage, Aufsichtsratssitzungen oder verwaltungsinterne Dienstbesprechungen. Auch mit den Aktivitäten selbst – vom Plakatmalen über die Flugblattaktion bis hin zur Latsch- oder Scherbendemo – wird nur der allgemeine Konfusionismus nachgestaltet; sie sind nur noch graduell vom Hantieren des Heimwerkers zu unterscheiden, der sich nach Feierabend mürrisch in seinen Hobbykeller zurückzieht, um dort Dinge zu basteln, die im Baumarkt nicht nur in besserer Qualität, sondern auch billiger zu erstehen sind. Hier wie dort sollen in der verhärteten und durchweg vermittelten Gesellschaft Bastionen der Unmittelbarkeit gerettet werden; hier wie dort versuchen sich Einzelne, die ihre Subjektivität und Spontaneität längst verloren haben, vorzumachen, dass es gerade auf sie ankommt. [19] Während der Heimwerker sein Können jedoch nicht zuletzt an der Funktionstüchtigkeit seiner Bastelarbeit erkennen kann, ist das Erfolgskriterium der Antifa-Arbeit – die ja nach wie vor mehr sein will, als die Konfrontation mit den einschlägigen Trachtenvereinen – ein anderes. Erfolg, der nicht mehr ins Verhältnis zu den eigenen Ansprüchen gesetzt wird, misst sich hier in der Erwähnung der letzten Aktion im Regionalfernsehen, in der Lokalzeitung oder im Verfassungsschutzbericht des Landes. Aktionen geraten daher notwendigerweise zur PR-Aktion, zum Werbegag oder zur Showeinlage. Pseudo-Aktivität, so Adorno, »vermag einzig durch unablässige Reklame sich am Leben zu erhalten«. [20] Die Vorbereitungen der berühmten »Interventionen in geschichtspolitisch zentrale Events« erinnern dementsprechend an Sitzungen von Werbeagenturen: Es wird beraten, an welcher Stelle welches Transparent in die Höhe gehalten werden muss, um von einer Fernsehkamera eingefangen und für einen Fünf-Sekunden-Beitrag für die Tagesschau verwurstet werden zu können. Selbst das zentrale Symbol für die Konfrontation mit dem Staat, der Barrikadenbau, ist im Zeitalter von Computer, Kabelfernsehen und Räumpanzer nichts als Reklame. Als strategisches Instrument längst zum Anachronismus geworden, setzt er einzig und allein auf spektakuläre Bilder. Diese Bilder wiederum setzen ein hohes Maß an Übereinstimmung zwischen Polizei und Demonstranten voraus. So gelingen die Randale zumeist nur dann, wenn auch die Einsatzleitung daran interessiert ist und zuvor ihr Einverständnis signalisiert hat (durch rüde Vorgehensweise bei geringem Polizeiaufgebot usw.). Darüber hinaus wissen die Einsatzkräfte recht genau, dass die jugendlichen Randalierer die Verhältnisse durch ihr Tun nicht wirklich in Frage stellen; die Beamten beschränken sich bei der Wahl der Mittel dementsprechend auf schmerzhafte, aber nicht lebensgefährliche Schlagstöcke, CS-Zerstäuber und Tonfas. Das gleiche abgeklärte Verhalten ist auch auf Seiten der Demonstranten zu beobachten. Auch wenn sie das jeweils aktuelle Geländespiel mit den Ordnungshütern als unmittelbare Vorstufe zum letzten Gefecht präsentieren, wissen sie doch heimlich, dass es dabei um nichts geht – dass sie es also auch im eigenen Interesse nicht zu arg treiben dürfen und beispielsweise auf die »Kritik der Waffen« (Karl Marx) verzichten sollten. Gemeinsam mit der Polizei geben sie so ein Historienstück mit verteilten Rollen; gemeinsam simulieren sie eine Zeit, in der von den Aktivitäten der Menschen wie auch vom persönlichen Geschick Einzelner noch etwas abhing.


Fußnoten
[1] Autonome Antifa [F]: Wort zum Sonntag – Flaschenpost an die Restvernunft, in: Phase2/15.
[2] Antifa AG Bad Weather: Antifa 2004 – Quite a feeling, quite a Relief, Quite a Mess, in: Phase2/14.
[3] Ebd.
[4] BgR Leipzig: Konsens und Tabu, in: Phase2/17. Zur Kritik der Vorstellung vom »rechten Konsens«, der genauso gut als »linker Konsens« bezeichnet werden könnte, vgl. Mario Möllers lesenswerten Text: Die Avantgarde der Berliner Republik, in: CeeIeh 124/2005.
[5] Autonome Antifa [F]: Wort zum Sonntag.
[6] BgR Leipzig u.a.: Wer Deutschland liebt, den können wir nur hassen. Aufruf zur Demonstration am 1./3. Oktober 2005 in Leipzig.
[7] Autonome Antifa [F]: Wort zum Sonntag.
[8] Antifa AG Bad Weather: Antifa 2004.
[9] Die Antifa [F] erklärte in ihrem Beitrag, dass die »Frage nach der erklärten ›Solidarität mit Israel‹ sich ebenso wenig wie die beabsichtigte ›Kritik der deutschen Ideologie‹ als Lackmustest für die Unterscheidung zwischen Wahnsinn und Vernunft« eigne. Antifa [F]: Wort zum Sonntag.
[10] Bei dieser Gelegenheit ein kurzer Hinweis zu den »Widersprüchen«, die die Antifa [F] aufmachen möchte: Herbert Marcuse erklärt in »Der eindimensionale Mensch« (Frankfurt am Main 1967): »Die Kategorie ›Gesellschaft‹ selbst drückte den akuten Konflikt zwischen der sozialen und politischen Sphäre aus – die Gesellschaft als antagonistisch gegenüber dem Staat. Entsprechend bezeichneten Begriffe wie ›Individuum‹, ›Klasse‹, ›privat‹, ›Familie‹ Sphären und Kräfte, die in die etablierten Verhältnisse noch nicht integriert waren – Sphären von Spannung und Widerspruch.« Diese Sphären von Spannung und Widerspruch sind längst in Auflösung begriffen: Staat und Gesellschaft stehen sich nicht mehr antagonistisch gegenüber, der Begriff Klasse taugt allenfalls zur soziologischen Umschreibung von Einkommensunterschieden, und der Einzelne kann sich nur noch durch seine Zugehörigkeit zu verschiedenen Rackets – also tendenziell durch die Verleugnung seiner selbst als Individuum – erhalten. Das heißt: »Die Spannung zwischen individuellem Unglück und der Welt, in der es erfahren wird, verliert an Kontur; aus aktuellen gesellschaftlichen Widersprüchen kann kaum mehr ein Allgemeines von einem Besonderen geschieden werden, weil das Besondere sich im Allgemeinen aufzulösen scheint.« Herbert Nagel: Totalität, in: ders., Frank Böckelmann (Hgg.): Subversive Aktion, Frankfurt am Main 2002.
[11] Joachim Bruhn: Der Untergang der Roten Armee Fraktion, in: Emile Marenssin: Stadtguerilla und soziale Revolution, Freiburg 1998.
[12] Wolfgang Pohrt: Feindschaft durch Ähnlichkeit, in: ders.: Zeitgeist, Geisterzeit, Berlin 1986.
[13] Ebd.
[14] Zit. nach Justus Wertmüller: Der Zwang zu protestieren, in: Bahamas 30/1999.
[15] Zu diesem Gedanken vgl. Joachim Bruhn: Der Untergang der Roten Armee Fraktion.
[16] Theodor W. Adorno: Vorwort, in: ders.: Eingriffe, Frankfurt am Main 1963.
[17] Theodor W. Adorno: Resignation, in: ders.: Kritik, Frankfurt am Main 1971.
[18] Theodor W. Adorno: Marginalien zu Theorie und Praxis, in: ders.: Stichworte, Frankfurt am Main 1969.
[19] Vgl. Theodor W. Adorno: Resignation.
[20] Theodor W. Adorno: Marginalien zu Theorie und Praxis.