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Gerber Me and my Monkey. Bemerkungen zu einer Debatte in der Zeitschrift Phase2 In: Phase 2/18
I. Wenn die Linke Schiffbruch erleidet, ist stets das gleiche Szenario zu beobachten: Einige Genossen ziehen sich, mal dankbar, mal frustriert, ins Privatleben zurück; andere werkeln autistisch-verbissen weiter wie bisher; der Rest schließt sich zu Diskussions- und Lesekreisen zusammen und erklärt, von nun an die »Kritik der Verhältnisse« betreiben zu wollen. Diese Diskussionszirkel bereiten den Rückzug ins Privatleben oft nur auf andere Weise vor; sie gleichen ausgelagerten Universitätsseminaren, in denen diejenigen, die im akademischen Betrieb derzeit (und wohl auch in Zukunft) nicht gebraucht werden, ihre Tauglichkeit für den Soziologie- oder Philosophie-Lehrstuhl trotzdem unter Beweis stellen können. Andere beschränken sich aus Angst vor Resignation auf Selbstkritik und sprechen immer wieder von vermeintlichen Fehlern und Versäumnissen der Linken. Das Ausbleiben der Revolution wird durch Selbstkritik kompensiert; mit ihr wird der Glaube an den nur noch zu findenden revolutionären Nippel gerettet, der lediglich durch die Lasche gezogen werden muss, um die Verhältnisse doch noch zum Tanzen zu bringen. Der Kritik- und Theoriekreisphase folgen dementsprechend stets die neue Strategiediskussion, der neue Aufbruch, die neue Offensive und die nächste Vorbereitung fürs erneute Scheitern. II. Im Sommer 2000 zeigten sich große Teile der antifaschistischen Linken schockiert: Der Bundeskanzler hielt Reden, die an Aufrufe zu Antifa-Demonstrationen erinnerten; die »Zeit« titelte mit der Schlagzeile »Kampf den Nazis« und berichtete umfangreich über rechte »Strukturen« und »Netzwerke«; und im Vormittagsprogramm wurde anerkennend auf die Arbeit antifaschistischer Workcamps und Zusammenschlüsse verwiesen. In Folge dieser vermeintlichen Vereinnahmung verabschiedeten sich zahlreiche Antifa-Gruppen von der traditionellen Anti-Nazi-Arbeit und erklärten, sich in Zukunft der »Analyse und Kritik der gesellschaftlichen Zustände« widmen zu wollen. Diese Analyse scheint inzwischen abgeschlossen zu sein. »Der Worte sind genug gewechselt, nun lasst uns Taten folgen sehen«, so lautet das Antifa-Motto 2005. Antifaschistische Gruppen, die vor einigen Jahren auf Distanz zur Traditions-Antifa gingen, diskutieren dementsprechend wieder über Strategien gegen Naziaufmärsche; das Leipziger BgR, das noch vor kurzem zum »Ausschlafen gegen rechts« ermutigte, beteiligt sich an klassischen Anti-Nazi-Aktivitäten; und die Antifa [F] möchte, wie sie mit einer Mischung aus Seminar- und Prolet-Slang vorträgt, endlich »als progressive Fraktion handlungsfähig« werden und »über den lokalen Rahmen hinaus zu Potte« kommen. [1] Die so genannte Antifa-Debatte über »Bedingungen und Möglichkeiten antifaschistischer Arbeit«, die derzeit u.a. in Phase2 geführt wird, liefert den Soundtrack für diesen geschäftigen Aktionismus. III.
Die Debatte erinnert dabei – auch wenn sich die Mehrzahl der Protagonisten
offiziell von ihrem autonomen Background getrennt hat – an klassische
bewegungslinke und autonome Diskussionen. Man sucht noch immer nach »Ansatzpunkten«
für antifaschistische Arbeit [2], will, wie in der Ankündigung
zum Beitrag der Hamburger Bad-Weather-Antifa angedroht wird, über
»Politikformen und -felder« diskutieren und behandelt den
gesellschaftlichen Ist-Zustand weiterhin lediglich als schmückendes
Beiwerk bzw. als Hintergrund, vor dem die eigene Freizeitgestaltung betrieben
werden kann. So spricht die Gruppe Bad Weather zwar von der Aufhebung
des Widerspruchs »zwischen Arbeit und Kapital« im Nationalsozialismus
und arbeitet Antisemitismus und Antiamerikanismus recht überzeugend
als »Ausdruck gesellschaftlicher Normalität in der postnazistischen
Gesellschaft« heraus. [3] Das Leipziger BgR verweist durchaus richtig
darauf, dass »antifaschistische Interventionen«, die über
reine Anti-Nazi-Aktivitäten hinausgehen sollen, vor dem Problem stehen,
sich gegen einen gesellschaftlichen Zustand richten zu müssen, der
»hegemonial ist und deshalb weder einfach skandalisierbar noch durch
Bündnisoptionen überwindbar ist« (»rechter Konsens«).
[4] Und selbst die Antifa [F] weiß von der »nur allzu gut
funktionierenden ideologische[n] Vermittlung der Zwangsverhältnisse«
und erklärt in ihrem Beitrag zur Debatte: »Es ist schlichtweg
eine Unverschämtheit, wenn Linke, die vor sich den Anspruch hertragen,
emanzipatorisch und antifaschistisch zu sein, meinen, trotz Auschwitz
und kritischer Theorie einfach so weiter machen zu können wie bisher.«
[5] Welche Folgen diese negative Aufhebung des Widerspruchs von Arbeit
und Kapital, Auschwitz, die antiamerikanische Formierung und der »rechte
Konsens« für das Agieren des radikalen Kritikers haben, was
also die »Bedingungen und Möglichkeiten antifaschistischer
Arbeit« sind, wird allerdings verschwiegen. Der durchaus detailgetreuen
Beschreibung der verhärteten Verhältnisse und der verzweifelten
Andeutung eines rien ne va plus folgt stets der unvermittelte Aufruf zum
Zähne-zusammen-Beißen, zum härteren Zupacken, zur neuen
Aktion: Das BgR wollte dementsprechend mit einer Demonstration zum 3.
Oktober »die gesellschaftliche Situation angreifen [alle Hervorhebungen
von mir, J.G.], in der sich Nazipositionen ins allgemeine Meinungsbild
einfügen«. [6] Die Antifa [F] will die »ideologische
Vermittlung der Zwangsverhältnisse […] sabotieren«, »Stellung
beziehen und Widersprüche aufmachen«. [7] Und Bad Weather möchte
sich aufgrund der »Schwäche ideologiekritischer und kommunistischer
Assoziationen« zwar auf wenige Aktionen beschränken, will es
sich aber dennoch nicht nehmen lassen, in die »geschichtspolitisch
zentralen Events wie die anstehenden 60. Jahrestage« (Bombardierung
Dresdens, Befreiung von Auschwitz, 8. Mai usw.) zu »intervenieren«
– in »Manifestationen also, deren Kritik die völkische
Formierung auch im Kern [sic!] treffen könnte«. [8] IV. Herbert Marcuse erklärte 1966 auf dem Prager Hegel-Kongress: »Die Kraft der Negation, wir wissen es, ist heute in keiner Klasse konzentriert. Sie ist heute noch eine chaotische, anarchische Opposition, politisch und moralisch, rational und instinktiv: die Weigerung mitzumachen und mitzuspielen, der Ekel vor aller Prosperität, der Zwang zu protestieren.« [14] Diese »Weigerung mitzumachen« und der »Zwang zu protestieren« trafen um 1968 auf Aufstandsbewegungen in der Dritten Welt, Proteste im Ostblock und eine Kulturindustrie, die den Faktor »Jugend« als neues Verkaufssegment entdeckt hatte. Die Kritiker konnten sich auf die revoltierenden Arbeiter und Studenten in Paris, die rebellischen Jugendlichen in Mexiko, die Demonstranten in den USA und der Tschechoslowakei, die Tupamaros in Uruguay oder den Vietcong berufen und deren unterschiedliche, teils gegenläufige Aktivitäten als Resultat der gleichen Hoffnung auf Veränderung präsentieren. Die Aussichten auf einen Ausbruch aus dem Kontinuum schienen sowohl der rebellierenden Jugend als auch ihren konservativen Gegnern, die panisch vor dem Untergang des Abendlandes warnten, gut. (Nur ein paar ältere Herren in Frankfurt waren etwas skeptischer.) Später sollte sich herausstellen, dass die Studenten auf Moralvorstellungen und Institutionen gestoßen waren, die längst zum Hindernis für den ungestörten Fortgang des Immergleichen geworden waren, dass mit der Forderung nach freier Liebe, der Abschaffung des autoritären Obrigkeitsstaates und dem Ende des kostspieligen Kolonialismus also offene Türen eingerannt worden waren. Mit dem Niedergang der Protestbewegung ging die revolutionäre Gewissheit, die den Aufruhr an deutschen Provinzgymnasien als Verlängerung eines weltweiten Kampfes um Befreiung erscheinen ließ, verloren. Die »Weigerung mitzumachen« ist seither auf sich selbst zurückgeworfen; sie kann sich weder auf historische Gesetzmäßigkeiten und ein revolutionäres Subjekt noch auf eine reale Möglichkeit auf Erfolg berufen. Ihr Movens ist allein das Wissen, dass es richtig ist, gegen das falsche Ganze anzugehen. Diese Situation, in der der »Zwang zu protestieren« um seine Erfolgsaussichten gebracht wurde, nähert den Kritiker gegen seinen Willen dem Existentialismus an. [15] Ohne die Aussicht auf Erfolg geraten seine Aktivitäten zur Arbeit um der Arbeit willen; sie werden betrieben, um nicht selbst kaputtzugehen, den Selbstekel, den das notwendige Mitmachen (physische Reproduktion!) bei kritischen Geistern gelegentlich erzeugt, zu minimieren und die bereits im Jugendalter einsetzende Vergreisung aufzuhalten. Protest und Widerstand nehmen damit ganz existentialistisch einen therapeutischen Charakter an – und nicht umsonst erinnern antifaschistische Organisationen oft an Selbsthilfegruppen, die den verzweifelten Einzelnen Halt geben, Familienersatz bieten und Leuten, die aufgrund ihrer verschrobenen Vorstellungen und Spleens anderswo keinen Anschluss finden würden, Sozialkontakte bescheren. V.
Im Dezember 1962 benannte Theodor W. Adorno das zentrale Dilemma kritischer
Eingriffe in Zeiten verstellter Praxis: »Wer überhaupt Vorschläge
anmeldet, macht leicht sich zum Mitschuldigen. […] Reine Gesinnung
jedoch, die sich Eingriffe versagt, verstärkt ebenfalls, wovor sie
zurückschreckt.« Diesen Widerspruch zu schlichten, »steht
nicht bei der Reflexion, ihn diktiert die Verfassung des Wirklichen«.
[16] Von diesem Dilemma, das den Kritiker wahrhaft zur Verzweiflung treiben
kann, wollen die Protagonisten der aktuellen Antifa-Debatte freilich nichts
wissen. Während sie erklären, sich über die Bedingungen
und Möglichkeiten antifaschistischer Arbeit verständigen zu
wollen, bereiten sie nur die nächste Demonstration oder »Intervention«
vor; während sie von der Kritik der Verhältnisse sprechen, haben
sie doch nur die nächste Kampagne im Kopf. Noch in dem Moment, in
dem sie kokett auf die »Minima Moralia« oder die »Negative
Dialektik« verweisen, weigern sie sich, die eigene Ohnmacht zu reflektieren.
Diese geschäftige Abdichtung gegen Erkenntnis, die durchaus auch
unter dem Deckmantel von Theorie erfolgen kann, lässt vermuten: Wie
schon der blinde Aktionismus der Hau-drauf-Antifa ist auch die Betriebsamkeit
der theoretisch versierteren Genossen – derjenigen, die ihren Demonstrationsaufruf
mit dem obligatorischen Benjamin-Zitat beginnen lassen – Instrument
bei der Abwehr der Realität: »Man klammert sich an Aktionen
um der Unmöglichkeit der Aktion willen.« [17]
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