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AG Antifa im Stura der Uni Halle
Am Ende: Konformismus. Zum linken Antisexismus
In: Bonjour Tristesse 2/2007
1.
Die alten Arbeiterparteien, revolutionären Bünde und Zirkel
trugen Doppelcharakter: Sie waren Kampforganisationen, in und mit denen
sich das revolutionäre Subjekt von der »Klasse an sich«
zur »Klasse für sich« entwickeln sollte. [1] Und sie
waren – damit unmittelbar verbunden – ein Instrument, mit
dessen Hilfe die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden sollten.
Spätestens seitdem die Abschaffung des falschen Ganzen nicht mehr
auf der Tagesordnung steht, hat sich der Charakter der linken Organisationen
gewandelt. In einer Zeit der verstellten Praxis, in einer Zeit also, in
der keine Veränderungen herbeigeführt werden können, die
diesen Namen verdienen, bleibt den Organisationen nur noch die Möglichkeit,
ihre Mitglieder zu verändern. Ihr früherer Doppelcharakter hat
sich in schlechte Eindeutigkeit aufgelöst. Die linken Organisationen
haben sich vom Instrument und der Kampforganisation in den sozialen Ort
verwandelt, an dem ihre Mitglieder ihre Freizeit verbringen. Und tatsächlich:
Ohne die Option auf Veränderung sind die – teilweise durchaus
nützlichen – Aktivitäten der diversen linken Gruppen nur
noch schwer von einem Hobby zu unterscheiden. [2] Wie das Sammeln von
Briefmarken, der Modellbau oder das Züchten von Blumen zielen auch
sie weniger auf das Resultat als auf den psychischen Gewinn hin, der beim
Werkeln eingefahren wird. Die Verhältnisse haben somit selbst ihren
Kritikern das revisionistische Motto »Der Weg ist das Ziel«
aufgezwungen. Beim Plakatmalen oder im Transparentworkshop können
sich die Einzelnen, die ihre Subjektivität und Spontaneität
zwangsläufig verloren haben, vormachen, dass es gerade auf sie ankommt;
bei den permanenten Feldzügen gegen rechte Vertriebsstrukturen kann
die Ahnung bekämpft werden, dass das Leben auch ohne Naziläden
nur selten wesentlich schöner ist.
Die diversen linken Gruppen haben darüber hinaus noch eine weitere
Funktion: Beim wöchentlichen Gruppentreffen mit anschließendem
Kneipenbesuch trifft man auf Gleichgesinnte, »die den oftmals verzweifelten
Einzelnen Halt geben, Familienersatz bieten, und denjenigen, die aufgrund
ihrer verschrobenen Vorstellungen und Spleens anderswo keinen Anschluss
finden, Sozialkontakte bescheren«. [3] Die Gruppe ist also im Wortsinn
eine »politische Heimat«; sie ist, wie jeder, der einmal in
einem der diversen Politzirkel aktiv war, bestätigen kann, soziale
Bezugsgröße und Therapiekreis in einem. Mit ihr soll –
insbesondere in autonomen Kreisen, die diese Funktionen nicht verzweifelt
als von den verhärteten Verhältnissen aufgezwungen, sondern
sie fröhlich als ihren eigentlichen Zweck (Motto: »Freiräume
schaffen!«) begreifen – den Zumutungen der feindlichen Außenwelt
entflohen werden. Die Gruppe soll die ersehnte Geborgenheit und Wärme
bieten, die anderswo nur schwer zu finden sind, und eine Art sozialen
Schutzraum schaffen. Eine regionale Antifagruppe, die immer wieder mit
mäßig witzigen Bildergeschichten über die Erlebnisse ihres
Plüschtiermaskottchens Poldi berichtet, schob dem Spielzeugdrachen
nach einer Gruppenexkursion dann auch die entsprechende Erkenntnis unter:
»Rückblickend weiß Poldi, dass er viel gelernt hat, aber
auch, was ihm gefehlt hat – eine feste Bezugsgruppe! […] Aber
jetzt weiß Poldi, dass Gruppen schön und wichtig sind…«
[4]
2.
Die autonomen Schutzräume – und um die soll es im Folgenden
gehen [5] – sind in der Regel nach dem Muster der Kinderbande, wie
sie z.B. in Yves Roberts Film »Krieg der Knöpfe« von
1961 beschrieben wird, geschaffen. Und das hat seinen Grund: In der Phase
der Kindheit, die hier simuliert wird, war scheinbar noch alles in Ordnung.
Hier war man noch nicht schonungslos mit den Schwierigkeiten des Lebens,
dem Arbeitsmarkt, der Kontaktpflege und der Entscheidungsfindung, konfrontiert.
In der Nähe der Eltern, Tanten, Großeltern oder in der Kinderbande,
deren Innenleben sich tatsächlich von der Erwachsenenwelt und ihrer
instrumentellen Vernunft unterschied, fühlte man sich geborgen und
behütet. Insbesondere in der frühkindlichen Phase war man zudem
Eins mit der Welt und wurde für die eigenen Handlungen noch nicht
verantwortlich gemacht. Vor allem aber, so malt es das gängige Bild,
war man der oft als Zumutung und Last empfundenen Sexualität noch
nicht ausgesetzt. Das Gefühl des Hin- und Hergerissenseins, des unerfüllten
Verlangens, des Zurückgewiesenwerdens, das oft weitaus demütigender
ist, als die Mobbingattacken der Kollegen, das teilweise selbstzerstörerische
Verlangen nach Hingabe bis zur Selbstaufgabe, die sexuellen Unsicherheiten:
all das, so lautet die landläufige – und in ihrer Absolutheit
irrige (Stichwort: kindliche Sexualität!) – Vorstellung, war
noch unbekannt.
Bis vor einigen Jahren war in der autonomen Ikonografie noch deutlich
zu erkennen, dass die Kinderbande und die Zeit der Präadoleszenz
der autonomen Gruppenlandschaft als Vorbild dienten. Unzählige Plakate,
Buttons und Aufkleber waren mit Bildern der »kleinen Strolche«
und anderer scheinbar widerständiger Kinder geschmückt; ganze
Politvereine besorgten sich die Pippi-Langstrumpf-Titelmelodie als Klingelton
für ihr Handy. Ende der neunziger Jahre wurden die Schöpfungen
Astrid Lindgrens schließlich von japanischen Manga-Comics, Bart
Simpson, der auf Antifaplakaten mit Steinschleuder und Skateboard auf
Nazijagd ging, oder – als regionale Besonderheit Sachsen-Anhalts
– dem Kelloggs-Tiger vertrieben. Auch diese Zeit scheint zwar allmählich
ihrem Ende zuzugehen. Es fällt allerdings nicht schwer, das schon
erwähnte Plüschtiermaskottchen Poldi als Fortsetzung dieser
Infantilikonografie zu begreifen. (Nebenbei: Poldi hat als Drache, wie
von seinen menschlichen Freunden kürzlich nach einer Exkursion in
die Queer-Szene Seattles erklärt wurde, selbstverständlich kein
Geschlecht.) [6] Anderswo findet man das Kind in sich mit anderen Mitteln:
In einigen Städten führt die autonome Szene ihre »Zusammenhänge«
und »Strukturen«, ihre »emanzipatorische Politik«,
ihren »emanzipatorischen Anspruch«, ihre »Praxis (…),
die eine Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft einschließt«,
und ihre »Verantwortung« [7], ihren ganzen autonomen Politkitsch
und Wortmüll also, inzwischen teilweise unter dem Label der Israelsolidarität
fort; die autonom-infantile Begeisterung für Wimpel, Vereinsabzeichen
und Bekenntnis-Buttons macht sich hier in den absurdesten Formen an den
Symbolen Israels fest. [8]
3.
Ganz der Logik der stetigen Kindheitssimulation folgend, sind die autonomen
Gruppenangehörigen alles: kreativ, kämpferisch, solidarisch,
kraftvoll und treu bis in den Tod. Sie dürfen nur eins nicht besitzen:
Sexualität. Lange bevor der Begriff »queer« in Mode kam,
waren die Mitglieder autonomer Zusammenschlüsse in Dresscode, Frisur
und selbst im Habitus nur noch schwer voneinander zu unterscheiden. Männer
wie Frauen entsprachen dem Ideal des toughen, aber doch sensiblen Streetfighters.
Darüber hinaus war und ist trotz des obligatorischen Pärchens,
das zu jeder Gruppe gehört, in den entsprechenden Vereinen eine merkwürdig
desexualisierte Etikette zu beobachten, die tatsächlich an die Umgangsformen
der »kleinen Strolche« erinnert. Das Verhältnis ist kameradschaftlich-kollegial.
Das Dumme ist: Die Sexualität bricht immer wieder in die desexualisierten
Räume der heilen autonomen Gruppenwelt ein. Von Party zu Party, in
einsamen Momenten oder nach einer gelungenen Demo zeigt sich, dass die
Vereinsmitglieder doch ein Triebleben besitzen. Was nun über kurze
oder lange Zeit folgt, stellt die ohnehin zerbrechlichen Zusammenschlüsse
stets potentiell zur Disposition. Die Konflikte des echten Lebens, denen
sie durch den Gang in die Gruppe entkommen wollten, holen die Flüchtigen
ein. Gruppeninterne Auseinandersetzungen sind dabei nicht nur aufgrund
der nur eingeschränkten Sozialkontakte, die Eifersüchteleien
fast automatisch nach sich ziehen, vorprogrammiert. Oft genug auch brechen
die Zusammenschlüsse nach der Trennung des oder der Gruppenpärchen,
der kurzen Liebelei oder der einmaligen Suspendierung des kameradschaftlichen
Verhältnisses zugunsten einer nächtlichen Zweisamkeit auseinander.
Doch selbst wenn der Verein diese Auseinandersetzungen übersteht,
ist danach oft nichts mehr wie zuvor. Politische Streitigkeiten werden
in Folge regelmäßig an der Paarbruchlinie neu sortiert; die
Wohlfühlatmosphäre leidet unter den nur halbherzig als politische
Auseinandersetzungen getarnten Zankereien der vormals Verliebten.
Zu dieser eher randständigen Infragestellung des Schutzraumes gesellen
sich andere, ungleich bedeutendere Überforderungen der Gruppenmitglieder.
All die weiterhin vorhandenen Triebe, Wünsche und Phantasien, die
über die gerade noch offiziell anerkannte und nur ex negativo kommunizierte
Sexualmoral der Szene – die sich im Übrigen nicht allzu sehr
von der der spießig-muffigen Aufklärungsliteratur der fünfziger
Jahre unterscheidet [9] – hinausgehen, lassen sich nicht so einfach
verdrängen. Vor dem Hintergrund dieser Überforderungen muss
in einer Art Ersatzhandlung regelmäßig die Sau durchs Dorf
getrieben werden. Die eigenen Wünsche, Triebe und Phantasien, von
denen die Gruppenangehörigen sich und ihre »politische Heimat«
stets bedroht sehen, werden dabei von der eigenen Person oder Gruppe abgespalten,
auf andere Personen projiziert und an der Figur des tatsächlichen
oder vermeintlichen Vergewaltigers, des Täterschützers oder
des Täterschützerkollektivs exorziert. Im Verfolgungs- und Sanktionsbedürfnis
gegen den Sexisten können die unterdrückten Triebe also einerseits
in veränderter Form ausgelebt werden. Andererseits kann am exterritorialisierten
Gegner der Zusammenhalt des autonomen Kollektivs gestärkt werden.
Und tatsächlich funktionieren die verschiedenen Gruppen, die nicht
nur durch den regelmäßigen Einbruch der als bedrohlich empfundenen
Sexualität stetig prekär sind, nur in der Krisensituation reibungslos
[10]; den Zusammenhalt und die Gemeinschaft, die die verzweifelten Einzelnen
in der Gruppe suchen, gibt es tatsächlich nur im Kampf gegen äußere
Gegner. Bei dieser verzweifelten Suche nach Gegnern, die die autonome
Welt zusammenhalten, dem Gerede über die Herrschaft des Patriarchats
und Täterschützer fällt dem Gruppenzusammenhang nicht einmal
auf, dass er sich in seinem Verfolgungseifer gegen tatsächliche oder
vermeintliche Vergewaltiger der Gesellschaft, vor der er doch permanent
auf der Flucht ist, wieder annähert. Eine Umfrage, die kürzlich
im Auftrag des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) durchgeführt wurde,
ergab: 60 Prozent der befragten Brandenburger sprachen sich dafür
aus, die Namen von Sexualstraftätern zu veröffentlichen (35
Prozent waren dagegen); 80 Prozent forderten ihre dauerhafte Verwahrung.
[11]
4.
Es ist dabei nur logisch, dass sich die Szene ausgerechnet am Bild des
Vergewaltigers abarbeitet. Genauso wie die autonomen Gruppeninsassen den
Einbruch der eigenen Triebe in ihren heilen Schutzraum nur als Gewaltakt
begreifen können, können sie sich eine Sexualität, die
über die Sexualmoral der Szene hinausgeht, nur als Gewalt oder Folge
»struktureller Gewalt« vorstellen. Der Vergewaltiger dient
als Chiffre für die Zumutungen der Gesellschaft, vor denen man auf
der Flucht ist. Er soll damit weniger für das bestraft werden, was
er konkret getan hat. Ebenso wenig werden an ihm die tatsächlichen
Widerwärtigkeiten und Gewaltakte, denen Frauen oft ausgesetzt sind,
bekämpft. An ihm soll vielmehr exemplarisch und stellvertretend jede
Sexualität, die den autonomen Sexualkodex verlässt, abgewehrt
werden. Sexuelle Belästigung wird hier schnell zum Synonym für
die Belästigung durch die Sexualität. Das Desinteresse am tatsächlich
Geschehenen – das nicht mit der Abscheu vor Sensationsgier zu verwechseln
ist – zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die autonome Gruppenlandschaft
nicht erst dann in aufgeregte Spannung versetzt wird, wenn ein Vergewaltigungsvorwurf
erhoben wird. Es genügt vielmehr das Gerücht, dass ein solcher
Vorwurf besteht. Ganz in diesem Sinn forderten uns mehrere langjährige
und verdienstvolle Genossen auf, die oben genannte Veranstaltung abzusagen.
Warum, so der Tenor, sollte doch allgemein bekannt sein. War es allerdings
nicht – ebenso wie sie haben wir die einschlägigen Anklageschriften
weder gelesen noch diskutiert.
Das gleiche Desinteresse, das die antipatriarchalen Kämpfer den tatsächlichen
Handlungen des Täters entgegenbringen, ist auch im Umgang mit der
betroffenen Frau zu beobachten. Auch wenn die beteiligten Gruppen immer
wieder das Gegenteil behaupten, geht es bei der Sexistenhatz und den Sanktionen
gegen Täter und Täterschützer weniger um den bitter nötigen
Schutz vergewaltigter Frauen. Trotz des Voyeurismus’, der bei den
einschlägigen Kampagnen regelmäßig zu beobachten ist,
interessieren sie sich nur am Rande für die einzelne Frau und ihren
konkreten Fall. Das immer wieder gepriesene Konzept des »Definitionsrechts
der Frau« blendet die Spezifika des jeweiligen Falls, das individuelle
Erleben und Leiden der Frau gerade dadurch aus, dass es alles unter einen
Begriff von Vergewaltigung subsumiert, der kaum weiter zu fassen ist.
Zur Erklärung: Die Idee des »Definitionsrechts der Frau«
ist wohl einmal entstanden, um betroffenen Frauen einerseits die demütigende
und erneut verletzende Schilderung ihrer Misshandlung vor Gericht, die
widerlichen Fragen nach ihrer Kleidung, ihrem Liebesleben usw. zu ersparen.
Andererseits sollte sie dem konkreten Leiden der Frau und ihrem individuellen
Fall nach Aussage seiner Anhänger gerecht werden. Gerade in Hinblick
auf dieses zweite Ziel versagt dieses Definitionsrecht allerdings. Hier
ist ihm selbst das – ebenfalls nicht sonderlich taugliche –
positivistische Strafrecht überlegen. Das Strafgesetzbuch ist zwar
genauso wenig in der Lage, das individuelle Leid der Betroffenen zu erfassen.
In seiner Unterscheidung zwischen Vergewaltigung, sexueller Nötigung,
sexuellem Missbrauch und sexueller Belästigung blitzt jedoch zumindest
der Versuch auf, dem individuellen Fall und dem konkreten Leiden der betroffenen
Frau durch definitorische Abgrenzung zu anderen Fällen gerecht zu
werden. Dies ist nach den Maßgaben des »Definitionsrechts
der Frau« nicht mehr möglich. So wurde in der Autonomen-Postille
Interim vor einigen Jahren folgendes diskutiert: Einer Frau wurden von
ihrem Partner im Halbschlaf sexuelle Avancen gemacht, sie wies ihn zurück,
wurde daraufhin ohne weiteres in Ruhe gelassen – und brachte das
Ganze via Interim vors Szenegericht. [12] Der autonome Gerichtshof stritt
zwar noch darüber, ob die Handlung des Mannes als Übergriff
oder Vergewaltigung zu werten sei. Die Diskutanten waren sich jedoch,
wie die Gruppe Les Madeleines in einer Broschüre ausführte,
einig: »Sexuelle Avancen einer Frau gegenüber, die, gerade
aufgewacht, noch nicht alle ihre sieben Sinne beisammen haben mag, erfüllen
in jedem Falle den Tatbestand der sexistischen Grenzverletzung.«
[13] Die Frau, die ihr Privatleben in dieser Form öffentlich machte,
fühlte sich von ihrem Partner zweifellos gedemütigt –
sonst hätte sie sich wohl kaum an die Interim gewandt. Wer diese
Demütigung jedoch unter den Stichworten »Vergewaltigung«,
»versuchte Vergewaltigung« usw. diskutiert, relativiert nicht
nur den Begriff von Vergewaltigung, er oder sie verharmlost ebenfalls
nicht nur eine Vergewaltigung im juristischen Sinn. Mit solchen Debatten
werden zugleich diejenigen Frauen verhöhnt, die, wie es im notwendigerweise
grauenhaft-sachlichen Duktus des Strafgesetzbuches heißt, mit »Gewalt
oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben«
»zum Beischlaf« genötigt wurden, die also geschunden,
misshandelt und gequält wurden und mit den psychischen wie physischen
Folgen oft ein Leben lang zu kämpfen haben.
5.
Die Zeiten ändern sich manchmal doch noch. In dem Augenblick, in
dem bestimmte Konstellationen, Entwicklungen und Zusammenhänge auf
ihren Begriff gebracht werden können, sind sie oft bereits am Zerfallen
begriffen. Noch Ende der neunziger Jahre war die Szenelandschaft nach
einem Vergewaltigungs- oder Täterschützervorwurf in heller Aufregung.
Es wurde die berühmte Öffentlichkeitsarbeit betrieben, Steckbriefe
wurden angefertigt und in andere Städte verschickt, Rundbriefe wurden
geschrieben, Telefonkonferenzen abgehalten, Privatadressen veröffentlicht,
unbeteiligte Gruppen, Infoläden und »Kneipenkollektive«
verfassten Stellungnahmen, Freundinnen und Freunde so genannter Täterschützer
wurden aus linken Kneipen geprügelt usw. Seit einigen Jahren vollzieht
sich dieser antipatriarchale Kampf – auch wenn gelegentlich retardierende
Momente zu beobachten sind – immer häufiger im Halbverborgenen.
Ein Beispiel: Vor einigen Jahren wies die Crew eines Lautsprecherwagens
einen Mann, gegen den ihrer Aussage zufolge ein Vergewaltigungsvorwurf
bestand, ohne Rücksprache mit dem Vorbereitungskreis von einer regionalen
Antifademonstration. Eine hallesche Antifagruppe, die an den Demo-Vorbereitungen
beteiligt war, beschwerte sich über dieses Vorgehen, wurde daraufhin
als Täterschützergruppe denunziert und aus einem internen Kommunikationsportal
geworfen. Anders als erwartet, wurde allerdings auf die bis dahin üblichen
öffentlichen Verlautbarungen verzichtet, die Entfernung aus dem Portal
erfolgte still und heimlich. [14] Auch im aktuellen Fall lief die Aufkündigung
der – erst noch geplanten – Zusammenarbeit nur über den
internen E-Mail-Verkehr; die öffentliche Schlammschlacht, der Furor
und das Bekennertum blieben aus.
Diese Veränderungen lassen vermuten, dass die autonome Zwangsmoral
brüchig geworden ist. [15] Die antipatriarchalen Bannflüche
scheinen von den Gruppenmitgliedern immer weniger aus Überzeugung
getragen zu werden. Sie scheinen vielmehr auf einer Mischung aus Konformitätsdruck
und Unterwerfungsbereitschaft zu basieren. Nur so ist es zu erklären,
dass Leute, die dem Bahamas-Text »Infantile Inquisition« –
Uli Krug und Justus Wertmüller kritisieren hier die autonomen Vorstellungen
von Sexualität [16] – vor einigen Jahren noch einiges abgewinnen
konnten, plötzlich die Position ihres neuen Vereins übernehmen
und zu Verteidigern des autonomen »Definitionsrechts der Frau«
werden. Nur so ist es zu erklären, dass Leute, die selbst bereits
das Opfer einer antipatriarchalen Fatwa waren, bereit sind, Kontaktsperren
zu so genannten Täterschützern mitzuverhängen. Und nur
so ist es zu erklären, dass Gruppenmitglieder ihre Augen angesichts
des Verfolgungseifers ihrer Genossen zwar hinter vorgehaltener Hand verdrehen,
die entsprechenden Entscheidungen allerdings trotzdem abnicken.
Diese Mischung aus Konformitätsdruck und Unterwerfungsbereitschaft
zeigt noch einmal, was ohnehin bereits klar sein dürfte: Der Glaube,
den Anmaßungen der Außenwelt durch die Flucht in die Gruppe
entgehen zu können, ist nicht nur in Hinblick auf die vermeintlichen
Zumutungen der Sexualität illusionär. Im Verhältnis des
Einzelnen zum Gruppenzusammenhang spiegeln und verdoppeln sich vielmehr
seine Beziehungen zur Gesellschaft. Durch die Flucht in die Gruppe laufen
die Fliehenden, wie Wolfgang Pohrt vor einigen Jahren feststellte, »exakt
den Verhältnissen in die Arme, denen sie zu entkommen trachteten:
stumpfsinnige Arbeit und Langeweile, Reglementierung und Kontrolle, Verdummung
und Behinderung, Konformitätsdruck und Zankerei, Selbstpreisgabe
des eigenen Verstandes und Unterwerfungsrituale als Preis dafür,
geduldet zu werden«. [17] Dass sie bereit sind, diesen Preis zu
zahlen, sagt nicht nur etwas über sie selbst aus. Ihre Bereitschaft
ist zugleich ein unfreiwilliges Plädoyer für die Abschaffung
der Verhältnisse, die auch ihre Gegner so zurichten, dass sie keine
Bedingungen stellen, wenn sie nur irgendwo dabei sein dürfen. Das
Problem – und damit sind wir wieder am Anfang angelangt –
ist jedoch: Diese Zurichtung wird nur noch von marginalisierten Diskussionszirkeln
als Argument für die Abschaffung des falschen Ganzen begriffen.
Anmerkungen
1 Die Leipziger Antifagruppe (Lea) hat der AG Antifa im Stura der Uni
Halle mitgeteilt, vorerst nicht mit ihr zusammenarbeiten zu wollen. Die
Begründung: Gegen einen Referenten, den die AG zu einem Vortrag eingeladen
hatte, bestehe ein Vergewaltigungsvorwurf. Die AG fragt in diesem Text
nach den Hintergründen und der inneren Logik des autonomen Antisexismus’.
2 Zum folgenden vgl. Jan Gerber: Me and my Monkey, in: Phase2/19.
3 Ebd.
4 Vgl. venceremos.antifa.net.
5 Ein Hinweis: Die klassische autonome Szene oder Gruppe, die sich aus
Rasta-Trägern rekrutiert, deren Mitglieder vor dem Betreten des schwarzen
Blocks das Levis-Schild von ihrer Hose entfernen, beim Plenum unter »Sonstiges«
vegane Rezepte austauschen usw., ist bekanntermaßen kaum noch existent.
Der Begriff »autonom« wird im Folgenden dann auch nicht an
Äußerlichkeiten oder Dresscodes festgemacht, sondern –
ganz so wie es auch die alte autonome Szene verstanden wissen wollte –
als gemeinsame »Haltung« begriffen. Die Stichworte, mit denen
diese Haltung umschrieben werden kann, lauten »Politik der ersten
Person« und »Freiräume schaffen«. Gefühl und
Befindlichkeit (der Bauch also) werden gegen Reflexion und Rationalität
gesetzt, Kampf oder Aktion ist weniger Mittel als existentieller Zweck
usw. Und diese letztlich vitalistische Haltung ist in der Linken nach
wie vor weit verbreitet.
6 Vgl. ebd.
7 Alle Formeln sind einem Text der Gruppe Lea entnommen. Leipziger Antifa
(Lea) and Friends: Roadmap. Politische Mindeststandards gegen linken Antizionismus.
8 Um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist immer noch besser, dass
Israel solche Freunde hat als gar keine. In der existentiellen Bedrohungssituation,
in der sich der jüdische Staat seit einiger Zeit befindet, kann er
jeden Beistand gebrauchen. Man sollte sich nur keine Illusionen über
die Qualität dieser Freundschaft machen. Eine Freundschaft, die vor
allem auf der Begeisterung für Politkitsch, Anhänger, bedruckte
Mützchen und Tassen, Pilgerreisen usw. basiert, kann den Gegenstand
dieser Freundschaft schnell wieder wechseln. Man kennt das aus der Kindheit,
deren Konservierung sich die autonomen Gruppe ja auf ihre Fahnen geschrieben
haben: Vor einigen Wochen konnte kein Schritt ohne den braunen Teddy gemacht
werden, jetzt liegt er unbeachtet in der Ecke, weil sich das Bedürfnis
nach Nähe, Kuscheln usw. plötzlich am Plüschtierhasen festmacht.
9 Wie sich diese Moral in Kleidungsvorstellungen widerspiegelt, konnte
vor einigen Jahren in Halle beobachtet werden. Einige Autonome boykottierten
damals ein Benefiz-Konzert für die Antifa Merseburg. Der Grund: Das
Konzert wurde mit einem Plakat beworben, auf dem eine junge Frau –
originellerweise eine Mangazeichnung – einen Nazi verprügelte.
Da die Frau ein modisches Top trug und bauchfrei war, wurde der Antifa
Merseburg Sexismus vorgeworfen. Welchen Kleidungsstil die Anti-Pat-Kämpfer
präferierten, zeigten sie einige Zeit später, als in einem linken
Zentrum ein Plakat ausgehangen wurde, das für ein großes, auch
in Szenekreisen beliebtes Musikfestival warb. Auf dem Plakat war eine
leicht bekleidete Frau zu sehen. Die selbsternannten Antisexisten überklebten
daraufhin alle als anrüchig begriffenen Körperteile mit schwarzem
Klebeband und verpassten der Figur damit gewollt oder ungewollt ein Kleidungsstück,
das exakt an eine Burka erinnerte.
10 Vgl. Punkt 5. Vor diesem Hintergrund ist auch das permanente Kampagnen-Hopping
autonomer und »postautonomer« Gruppen zu verstehen. Sie dürfen
nie stillstehen; um der immer drohenden inneren Krise zu entgehen, müssen
sie sich stets aufs Neue ins Getümmel stürzen.
11 RBB: Brandenburg aktuell vom 17. März 2007.
12 Vgl. Les Madeleines: Das Borderline-Syndrom. Beitrag zu einer erfolgreich
verhinderten Diskussion, Bremen 2001.
13 Ebd.
14 Ein Treppenwitz am Rand: Diese »Täterschützergruppe«
gehört zu den Unterstützern der Erklärung Roadmap, die
wiederum mit dem Signum »Lea and friends« unterzeichnet ist.
15 Während die einen den autonomen Feminismus der achtziger Jahre
trotzig verteidigen, bemühen sich andere schon seit längerer
Zeit um vermeintliche Tabubrüche. Demonstrationen erinnern an Umzüge
von Männerbünden, Polizisten werden als Schwuchteln bezeichnet,
Frauen als Fotzen beschimpft usw. Diese »Tabubrüche«
sind nicht nur angesichts der Rückzugsgefechte der autonomen Anti-Pat-Kämpfer
zutiefst konformistisch. Sie sind zugleich das linke Pendant zu den Schwulenwitzen
»Bully« Herbigs, den Altherrenscherzen Stefan Raabs und Sendungen
wie »Wa(h)re Liebe«, die eher an Jean Pütz’ Bastelanleitungen
als an Sexualität und Lust erinnern.
16 In: Bahamas 32/2000.
17 Wolfgang Pohrt: Die Produktion des Charismas in der therapeutischen
Gemeinschaft, in: Initiative Sozialistisches Forum (Hrsg.): Diktatur der
Freundlichkeit. Über Bhagwan, die kommende Psychokratie und Lieferanteneingänge
zum wohltätigen Wahnsinn, Freiburg 1984. S. 139 f.
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