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Jan Gerber
Der linke Dresden-Schwindel
In: Phase2 23/2007
In den Jahren nach 1989 musste man nicht der KB-Minderheit angehören,
um vor einer Entwicklung hin zu einem »Vierten Reich« zu warnen.
Angesichts brennender Asylbewerberheime, applaudierender Schnauzbartträger
und untätig-affirmativer Polizisten sahen sich auch konservative
Beobachter in Frankreich, Großbritannien und den USA an die Jahre
um 1933 erinnert. Diejenigen, die die Erinnerung an die deutschen Verbrechen
wach halten wollten, stießen auf Abwehr, Aggression und Leugnung.
Statt über Auschwitz, Leningrad und Lidice wollten die Deutschen
über die »Vertreibung« der Sudetendeutschen, über
den alliierten Luftangriff auf Hamburg und vor allem: über Dresden
sprechen. Als sich die Bombardierung der sächsischen Metropole 1995
zum 50. Mal jährte, wurde der Jahrestag, wie in der Konkret
erklärt wurde, »zur Schaffung eines Nationalmythos genutzt,
mit dem die Deutschen Auschwitz vergessen machen wollen«. Dresden
wurde als Mahnmal für die Verbrechen der Alliierten präsentiert;
die Dresdner Musikfestspiele fanden unter dem Titel »Apokalypse«
statt; der Intendant der Festspiele behauptete, dass die Bombardierung
Dresdens »wie kein zweites« Ereignis zum Symbol »des
Grauens und des Leidens wurde«; und bei der zentralen Gedenkveranstaltung
klärte Bundespräsident Herzog den Bischof von Coventry, den
amerikanischen Botschafter und den Herzog von Kent über die »Unmenschlichkeit
des Bombenkrieges« auf.
Die Forderungen nach Versöhnung, die am Rande der offiziellen Gedenkveranstaltungen
gelegentlich erhoben wurden, stießen insbesondere bei der Dresdner
Bevölkerung auf wenig Begeisterung. So konnte es am 13. Februar,
dem Tag des Luftangriffs, bis weit über den 50. Jahrestag der Bombardierung
hinaus gefährlich sein, mit einem union jack durch die Straßen
der Stadt zu laufen; in der Lokalpresse wurde in Goebbels-Manier vom »alliierten
Bombenterror« gesprochen; und bei Stadtrundgängen wurde weiterhin
der great Dresden swindle (Gunnar Schubert) von der militärisch
bedeutungslosen Stadt, Tieffliegern über den Elbwiesen und 300.000
Toten betrieben. Nachdem Neonazis 1998 erstmals einen Aufmarsch am 13.
Februar durchführten, der sich inzwischen zu einem der größten
Events der rechten Szene entwickelt hat, entschied sich das offizielle
Dresden, ihnen mit einer Mischung aus Unterstützung und Ignoranz
zu begegnen. Noch 2003 wurde, wie Martin Blumentritt vor einigen Jahren
erklärte, »die Zusammenarbeit der Stadtverwaltung […]
mit den Neonazis verbessert, indem im Innenstadt-Bereich außer der
offiziellen Gedenkfeier nur die Neonazidemo ›Gegen das Vergessen‹
erlaubt wurde, während alle anderen Veranstaltungen, u.a. solche
mit Beiträgen der Überlebenden des Naziterrors, verboten wurden«.
Times are changing …
Diese Zeit der klassischen Schuldabwehr und des offenen Schulterschlusses
mit Neonazis ist vorbei. Zwar existieren im Osten nach wie vor no
go areas für Juden, Schwarze und Bewohner des jeweiligen Nachbardorfes.
Anders als in den neunziger Jahren gibt es außerhalb der ostdeutschen
Ödnis allerdings kaum noch jemanden, der für die Menschenjagden
der Ureinwohner oder akzeptierende Sozialarbeit mit Neonazis Verständnis
aufbringt. [1] Was früher nur in Flugblättern der Antifa zu
lesen war, steht heute dementsprechend in der FAZ; eine Umfrage
des Berliner Archivs der Jugendkulturen ergab kürzlich,
dass Neonazis auch bei ostdeutschen Jugendlichen ganz oben auf der Anti-Beliebtheitsskala
stehen; und selbst wenn sich Nazis über eine Kooperation von Staat
und Antifa beschweren, fällt es schwer, diese Aussagen zurückzuweisen.
So ist es mehr als ein offenes Geheimnis, dass der »Aufstand der
Anständigen« dutzende Antifa-Aktivisten mit Sozialpädagogik-Diplom
vor der Arbeitslosigkeit bewahrte; die meisten Mitarbeiter der diversen
Civitas-Projekte dürften in einer der einschlägigen
Antifa-Gruppen gelernt haben, wie man Pressemitteilungen schreibt, Bündnispolitik
betreibt und Rauchverbote bei Arbeitsbesprechungen durchsetzt.
Auch das Bekenntnis zur deutschen Schuld, das in den neunziger Jahren
immer wieder von Seiten kritischer Antifaschisten eingefordert wurde,
ist in der Berliner Republik mainstream, das heißt: staatstragend,
geworden. Um mit Jürgen Elsässer aus seinen besseren Tagen zu
sprechen: »So viel Auschwitz war nie.« Während die Konservativen,
die 1982 die »geistig-moralische Wende« verkündeten,
noch glaubten, dass sich aus der Vergangenheit, wie sie tatsächlich
war, auch beim besten Willen kein nationales Selbstbewusstsein ableiten
lässt – gerade aus diesem Grund griffen sie zum Mittel der
Relativierung –, begreifen die Vertreter der neuen deutschen Erinnerungskultur
Auschwitz als eine der zentralen Quellen deutschen Nationalbewusstseins.
Auschwitz, so erklärte Joschka Fischer in einem Gespräch mit
Bernard-Henri Levi, sei für die Berliner Republik so indentitätsstiftend
wie der Unabhängigkeitskrieg für die Amerikaner und die Revolution
von 1789 für die Franzosen. Wollten die Konservativen um Helmut Kohl
nicht mehr über Auschwitz sprechen, können die Repräsentanten
des neuen Deutschlands gar nicht mehr damit aufhören. Die Klezmer-Offensive,
die alternativen Geschichtswerkstätten und die Sozialkundestunden,
durch die die wenigen Überlebenden des Holocaust gekarrt werden,
kurz: die Hingabe und die Begeisterung, mit denen die Landsleute nun nicht
mehr lebende Juden, sondern die Lebensgeschichte der Deportierten verfolgen,
sind zur zentralen Legitimationsgrundlage der deutschen Politik geworden.
»Aus dem Bekenntnis zur eigenen Scham«, so Hermann Gremliza,
»soll den Deutschen das Recht erwachsen, an anderen moralisch Maß
zu nehmen.«
… auch in Dresden
Vor diesem Hintergrund veränderte sich auch der offizielle Umgang
mit der Bombardierung Dresdens. Schon im Jahr 2000 widerlegte der Historiker
Helmut Schnatz nach einer Auseinandersetzung mit den einschlägigen
Quellen, Wetterberichten und Naturgesetzen die Legende von Tieffliegern
über Dresden und stieß damit in der überregionalen Presse
auf große Resonanz. Gerhard Schröder erklärte 2005 in
Hinblick auf den 13. Februar, dass »wir« nicht zulassen dürften,
»dass Ursache und Wirkung verkehrt werden«. Und auch der TV-Mehrteiler
»Dresden« von 2006 brach trotz Herzschmerz, Kitsch und Finale
in der Frauenkirche mit weiten Teilen der bisherigen Dresden-Ikonografie:
Alliierte Bomberpiloten wurden nicht mehr als Bestien, sondern als liebenswerte,
zwischen Pflichterfüllung und Gewissen zerrissene Menschen dargestellt,
es wurde gezeigt, dass Dresdner Juden während des Luftangriffs fliehen
konnten usw.
Auch Dresden selbst, das lange Zeit ein no go area der neuen
deutschen Erinnerungskultur war, ist inzwischen im neuen Deutschland angekommen.
Diese Entwicklung zeichnete sich bereits vor einigen Jahren ab: Als eine
Dresdner Antifa-Gruppe am 13. Februar 2000 kritisch in das Gedenken intervenieren
wollte und an den Zugängen zur Frauenkirche Leinwände aufbaute,
auf denen ein Film über Auschwitz gezeigt wurde, blieb der erhoffte
Effekt aus. Bereits diese Aktion, die in eine Zeit fiel, als die Erinnerung
neuen Typs in Dresden noch keine ernsthafte Konkurrenz zum Gedenken alter
Schule darzustellen schien, wurde von den Passanten weniger als Provokation,
sondern vor allem als Bereicherung des Gedenkereignisses »13. Februar«
wahrgenommen. Vier Jahre später verfassten Dresdner Bürger schließlich
ein Manifest mit dem Titel »Ein Rahmen für das Erinnern«.
Dieser Text, der weit über Dresden hinaus auf Beachtung stieß,
ist ein repräsentatives Dokument der neuen deutschen Erinnerungskultur.
So widersprechen die Autoren nicht nur der Legende von der unschuldigen
Kulturstadt Dresden: »Wir erinnern an den Anteil, den Menschen und
Einrichtungen in Dresden an Kriegsführung, nationalsozialistischer
Unterdrückung und deren Verbrechen – etwa an den jüdischen
Bürgern der Stadt – hatten.« Sie verweisen zugleich auf
den Kontext der Luftangriffe, sprechen von der »Vorgeschichte dieser
Ereignisse«, der »nationalsozialistischen Gewaltherrschaft«
und den »Verbrechen des von Deutschland ausgegangenen Krieges«.
Der Aufruf wurde innerhalb kürzester Zeit von weiten Teilen der Dresdner
Prominenz (dem Oberbürgermeister, Repräsentanten der Theater,
Kirchen, Unternehmen, Stiftungen, Gewerkschaften, Parteien, Hochschulen
usw.) unterzeichnet; Mitarbeiter des Oberbürgermeisters kümmerten
sich um die weitere Verbreitung.
In Folge dieser Diskussionen verschwanden der klassische Revanchismus
und die Aufrechnungswut vergangener Tage in den letzten Jahren weitgehend
aus der Dresdner Presse. Einzelne Redakteure, Lokalpolitiker und insbesondere
die Leserbriefschreiber können sich zwar noch nicht vollständig
von ihren liebgewordenen Gewohnheiten verabschieden. Wer die Dresden-Lügen
jedoch in Reinform erleben, einen Eindruck von der Presseberichterstattung
der neunziger Jahre gewinnen und alliierte Bomberpiloten als »Luftgangster«
denunziert sehen will, ist entweder auf die Heftchen der Neonazis verwiesen.
Oder er muss sich die Lokalausgaben der vier großen sächsischen
Zeitungen besorgen, die in Regionen erstellt werden, die sich gar nicht
erst um den Aufbruch ins neue Deutschland bemühen – in Regionen
wie der Sächsischen Schweiz, dem Muldental oder dem Erzgebirge also,
wo Neonazis noch immer als »unsere Jungs« begriffen werden,
PDS-Bürgermeister Ehrenmitglied der regionalen Kameradschaft werden
können und für Ausländer selbst der Besuch der örtlichen
Konditorei lebensgefährlich sein kann. Diesem erinnerungspolitischen
Stadt-Land-Gefälle trägt in gewisser Weise auch Gunnar Schubert
in seinem verdienstvollen Dresden-Buch Die kollektive Unschuld
Rechnung. Um die öffentliche Zustimmung zu den Erinnerungsritualen
der Neonazis aufzuzeigen, verweist er für die jüngere Zeit nicht
mehr auf die Dresdner Presse; er muss vielmehr das Hoyerswerdaer Tagblatt,
eine Regionalbeilage der Sächsischen Zeitung, bemühen.
Der neue 13. Februar
Für Dresden selbst gab spätestens der 2004 verfasste »Rahmen
für das Erinnern« einen neuen Umgang mit dem Gedenken der Neonazis
vor. Zwar kommt das Manifest nicht ohne den obligatorischen Verweis auf
die »Verhöhnung der Opfer« durch antideutsche Gruppen
aus. Sein Telos ist allerdings die Abgrenzung zu den Neonazis: »Wir
wehren uns gegen Revanchismus, Völkerverhetzung und Gewaltpropaganda«,
gegen »demokratiefeindliche und menschenverachtende Ideologien«,
gegen »den Missbrauch der Erinnerung zur Verharmlosung von Verbrechen
der nationalsozialistischen deutschen Gesellschaft zwischen 1933 und 1945«
usw.
Gerade diese Abgrenzung zu den Neonazis ist mittlerweile zu einem der
wichtigsten Symbole des neuen 13. Februars geworden. Wurde der Neonaziaufmarsch
lange Zeit aus gutem Grund ignoriert – eine kritische Auseinandersetzung
mit ihm hätte gezeigt, dass das offizielle Gedenken kaum von den
Ritualen der Neonazis zu unterscheiden war –, trat 2004 erstmals
eine breite zivilgesellschaftliche Initiative gegen die Demonstration
auf den Plan. Im letzten Jahr organisierte schließlich bereits ein
Bündnis aus mehr als 20 Organisationen eine »Demokratiemeile«
gegen den Aufmarsch; vor der Frauenkirche gab es eine Kerzeninstallation,
die die Worte »Diese Stadt hat Nazis satt« zeigte; Ordnungsbürgermeister
Sittel (CDU) rief die Bürger dazu auf, Naziaufmärsche gemeinsam
und »konsequent« zu verhindern; ein Repräsentant der
DGB-Jugend erklärte, dass dem »braunen Mob« nicht die
Straße überlassen werden dürfe; und Vertreter der Kirchen,
der PDS, der SPD und der Grünen beteiligten sich an einer Straßenblockade.
Nur zwei Wochen nach dem 13. Februar stellte die Staatsanwaltschaft schließlich
die Ermittlungsverfahren gegen Teilnehmer dieser Blockade ein. Die Begründung:
Es bestehe kein öffentliches Interesse an einer Strafverfolgung.
Aus dem eindimensionalen Gedenkereignis »13. Februar« ist
damit ein mehrdimensionaler Erinnerungskomplex geworden. Am 13. Februar
thematisiert die neue deutsche moral majority – diejenigen, die
»wegen Auschwitz« mehr Verantwortung für Deutschland
fordern, die »aus der Geschichte gelernt« haben und aus diesem
Grund Antiimperialismus auf der Höhe der Zeit betreiben, das Weltenübel
in den USA und Israel sehen, Kulturen schützen wollen und gegen die
Nazis mit einer Waschzwangrhetorik auftreten, die sich nicht sonderlich
von der der Kameraden unterscheidet – zunächst ihre Vergangenheit,
indem sie auf die deutschen Verbrechen und die Opfer der nationalsozialistischen
Vernichtungspolitik verweist. In einem zweiten Schritt wird auf symbolischer
Ebene der Bruch mit dieser Vergangenheit demonstriert. Hierfür ist
kaum etwas besser geeignet als der Kampf gegen die »Unbelehrbaren«
und »Ewiggestrigen«, gegen den Kostümverein also, dessen
Mitglieder am 13. Februar mit schwarzen Fahnen, Fackeln und Phantasieuniformen
durch Dresden ziehen. Mit den Aktivitäten gegen die, wie es der sächsische
Ministerpräsident Milbradt so schön formulierte, »geistigen
Nachfolger der Verursacher des Krieges« kann nicht nur der Bruch
mit der Vergangenheit demonstriert werden. Sie bieten zugleich die Möglichkeit,
eine neue Traditionslinie aufzumachen. Am 13. Februar 2005 ernannten sich
dementsprechend tausende Dresdner zu den Nachfolgern der Geschwister Scholl
und liefen aus Protest gegen den Naziaufmarsch mit weißen Plastikrosen
aus Sebnitz durch die Stadt.
Aus dieser nachträglichen (Selbst-)Entnazifizierung, dem offensiven
Umgang mit der deutschen Geschichte und dem Bekenntnis zu Auschwitz leitet
das neue Deutschland schließlich das Recht ab, auch der »deutschen
Opfer« des Zweiten Weltkrieges zu gedenken. Die zivilgesellschaftlichen
Aktivitäten gegen den Naziaufmarsch sind damit nicht nur das vormittägliche
Fakultativprogramm zum Kerzenhalten an der Frauenkirche. Ebenso wie die
Verweise auf die deportierten Dresdner Juden und die deutsche Schuld sind
sie inzwischen die zentrale Voraussetzung des neuen Gedenkereignisses
»13. Februar«. Gäbe es den Naziaufmarsch nicht, er müsste
von der Zivilgesellschaft erfunden werden.
Antifa: mittendrin statt nur dabei
In dieser Situation haben die mobilisierenden Antifa-Gruppen all das vergessen,
was ihnen das Leipziger BgR, dem man angesichts der verbliebenen
Aktiv-Antifa vielleicht doch hinterhertrauern sollte, einmal mühselig
über staatlich-zivilgesellschaftliche Anti-Nazi-Kampagnen erklärt
hat. Sie hatten an den letzten Jahrestagen der Bombardierung nichts Besseres
zu tun, als ihren – natürlich kritischen – Beitrag zur
großen Dresden-bleibt-sauber-Aktion zu leisten. Im Jahr 2006, so
verkündete das Antifa-Bündnis 13. Februar vor kurzem
stolz im Stile des regionalen Tourismusverbandes, konnten die Nazis wenigstens
daran gehindert werden, den »barocken Teil der Innenstadt«
(O-Ton!) zu betreten. Zumindest die Frauenkirche und das Grüne Gewölbe
konnten also vor den Nazis geschützt werden. An diesen Erfolg sollte
in diesem Jahr angeknüpft werden: »Jedes Jahr«, so wurde
auf der Homepage des Bündnisses erklärt, »ein Stückchen
mehr – bis die Nazis nie wieder zum 13. Februar in Dresden laufen
können!« Stand im Zentrum der Antifa-Aktivitäten zum 13.
Februar bis vor einigen Jahren noch die Störung der offiziellen Gedenkveranstaltungen,
wird nun also auch hier alternativer Verfassungsschutz betrieben. Angesichts
des 13. Februars fiel den organisierenden Antifa-Gruppen nicht mehr die
»Monster-Mob-Scheisse« ein, von der vor einigen Jahren noch
die Rede war. Auf der Startseite der Mobilisierungshomepage wurde vielmehr
fast ausschließlich von »Nazis«, »Freien Kräften«,
dem »Nazi-Grossaufmarsch« und der »Nazi-Mobi«
gesprochen. Ziel der letzten Antifa-Demonstrationen war es dementsprechend
nicht mehr, eines der wichtigsten nationalen Selbstfindungsrituale zu
stören, sondern, wie auf der Homepage des Bündnisses erklärt
wurde, »den Nazi-Grossaufmarsch zu verhindern«. Die Nazis
sollten »keinen Meter gehen«, sie sollten »nicht durchkommen«
(»no pasaran!«), der Aufmarsch sollte »mit allen Mitteln«
verhindert werden. Mit solchen Aussagen, die kaum noch von den Forderungen
des Ordnungsbürgermeisters und der DGB-Jugend zu unterscheiden waren,
reihte sich das Bündnis in die große Front der anständigen
Dresdner ein.
Da die Mitglieder des Antifa-Bündnisses vermutlich um den affirmativen
Charakter ihrer Aktivitäten wussten – immerhin dürften
sie sich die Mob-Action-Jacke mit Sechzehn nicht nur angezogen haben,
um gegen »Naziläden«, »Nazis in den Parlamenten«
und Nazis an der Tankstelle Döbeln Nord vorzugehen –, bemühten
sie sich in einem Textabschnitt ihres Demo-Aufrufes doch noch um Abgrenzung
zur offiziellen Politik der Stadt. Diese Abgrenzung wollte allerdings
nicht so recht gelingen. So wurde zwar durchaus richtig darauf verwiesen,
dass sich das Gedenken inzwischen auch in Dresden verändert hat:
»Im Bild der Stadt Dresden, wie auch im Rahmen der Erinnerungspolitik
der Berliner Republik ist mittlerweile eine Interpretation etabliert,
welche eine deutsche Schuld explizit einräumt.« Die Deutung
dieser Entwicklung beschränkte sich allerdings auf drei Sätze.
Die Singularität des Holocaust, so lautete die zentrale Aussage,
werde »verwaschen«, um »eine Normalisierung im Umgang
mit Deutschland in Europa und dem Rest der Welt zu erleichtern«.
Dieser Satz ist weder richtig noch falsch. Zwar wird im Rahmen der neuen
deutschen Erinnerungspolitik tatsächlich von Zeit zu Zeit eine Relativierung
der deutschen Verbrechen betrieben; die deutsche Begründung des Kosovo-Krieges
war in der Tat, wie Überlebende des Holocaust seinerzeit erklärten,
eine »neue Form der Auschwitz-Lüge«. Diese Relativierung
ist allerdings lediglich das, was im Wissenschaftsbetrieb als nicht-intendierte
Folge bezeichnet wird; sie verdeutlicht die Aporien und die »prinzipielle
Ausweglosigkeit eines deutschen Nationalismus nach Auschwitz« (Wolfgang
Pohrt). Kernstück der derzeitigen Erinnerungspolitik ist nicht die
Relativierung der deutschen Verbrechen, sondern das Gegenteil: das Bekenntnis
zur Singularität von Auschwitz. Der »historisch beispiellose
Mord an Millionen von Menschen«, als den inzwischen auch Angela
Merkel den Holocaust bezeichnet, ist die Voraussetzung für die »historisch
beispiellose« Aufarbeitung der Geschichte, aus der das neue Deutschland
seinen Geltungsdrang zieht.
Wenn die mehr als zehn Antifa-Gruppen, die ihren Vereinsnamen in diesem
Jahr unter den Aufruf des Bündnisses 13. Februar gesetzt
haben, diese Veränderungen weitgehend ignorieren, dürfte das
mehr als ein Zufall sein. Die stiefmütterliche Behandlung der aktuellen
Gedenkkultur liegt durchaus in der Logik einer Antifa-Praxis, die seit
den neunziger Jahren nach dem Motto copy and paste verfährt.
Hätten die Autoren des Aufrufes der neuen deutschen Erinnerungspolitik
mehr als drei Sätze gewidmet, wären sie nämlich nicht umhin
gekommen, auch den staatstragenden Charakter des Antifaschismus zu thematisieren.
Sie hätten darauf verweisen müssen, dass eine nationale Identität,
die auf dem Bekenntnis zur Vergangenheit und dem regelmäßig
demonstrierten Bruch mit ihr basiert, im innenpolitischen Rahmen zwangsläufig
vom Kampf gegen die neuen Nazis sekundiert werden muss. Mit dieser Aussage
hätten sie allerdings das eigene Hantieren – und damit zugleich
den eigenen Umzug am 13. Februar – in Frage stellen müssen.
Da die Antifa-Gruppen, die weiterhin zur Nazijagd nach Dresden mobilisieren,
hierzu entweder nicht willens oder nicht fähig sind, bleibt ihnen
bei ihren Distinktionsbemühungen nichts anderes übrig, als das
zu tun, wozu auch andere Traditionsantifaschisten gezwungen sind, die
ihrem Hobby nur dann in Ruhe nachgehen können, wenn es weltanschaulich
überhöht wird: Sie müssen Leichenfledderei betreiben und
tote Hunde zum Gegner erklären. Das Bündnis 13. Februar
reaktivierte für den diesjährigen Aufruf daher noch einmal die
relativistische Totalitarismustheorie, kramte Ernst Nolte hervor, der
im Wissenschaftsbetrieb nach wie vor als persona non grata gilt,
und arbeitete sich am vollkommen bedeutungslosen Hannah-Arendt-Institut
für Totalitarismusforschung ab. Diese Abgrenzung ist so ehrenwert
wie sinnlos; die Bundesrepublik, in der die Mitarbeiter des Instituts
zu intellektuellen Wortführern hätten werden können und
Figuren wie Nolte als wissenschaftliche Größe galten, ist längst
nicht mehr existent.
Vor dem Hintergrund der Nazifixierung der Antifa-Demonstration wäre
jedoch wohl auch jede andere Form von Abgrenzung nur Staffage gewesen.
So ist die Zivilgesellschaft bei ihrem Kampf gegen Nazis durchaus in der
Lage, auch kritische Stimmen zu integrieren. Denn: Wo klassische Anti-Nazi-Arbeit
Regierungspolitik ist, ist das öffentliche Abgrenzungsbedürfnis
nicht besonders groß. So wurden die Antifa-Demonstration am 13.
Februar des letzten Jahres sowie die Blockade der Dresdner Augustusbrücke,
die von Antifa-Aktivisten initiiert wurde, in der Presse kurzerhand dem
Bürgerprotest zugeordnet. Die Lausitzer Rundschau überschrieb
einen Artikel mit »Tausende Dresdner stoppen Neonazi-Aufmarsch«,
die Dresdner Neuesten Nachrichten erklärten, dass »1.000 Dresdner
auf der Augustusbrücke friedlich gegen den rechtsextremen Aufmarsch
protestiert« hätten, und die Sächsische Zeitung erklärte,
»dass sich die Bürger dieser Stadt nicht alles gefallen lassen«.
In dieser Situation entblödete sich das Bündnis 13. Februar
nicht, eine empörte Pressemitteilung zu verschicken, in der das Copyright
auf die Blockade angemeldet und beleidigt erklärt wurde, dass nicht
die Zivilgesellschaft, sondern die Antifa den Naziaufmarsch gestoppt hätte.
Mit diesem Beharren auf dem vermeintlichen Unterschied zwischen Zivilgesellschaft
und Aktiv-Antifa, der Feinderklärung an eine Republik, die es nicht
mehr gibt, und der Suggestion, dass die Neonazis das größte
Problem des 13. Februars seien, betreibt die Antifa damit inzwischen ihren
eigenen Dresden-Schwindel.
Anmerkungen
[1] Christoph Beyer stellte im Newsflyer des Leipziger Conne Island
kürzlich die Vermutung auf, dass hierzulande langfristig eine
Entwicklung zu beobachten ist, die entfernt an die Situation in Frankreich
erinnert: »In den Zentren schreitet die Herausbildung einer modernen
und weltoffenen Republik weiter voran. Hier ist man hip, mag Gerald Asamoah
und trägt Schwarz-rot-gold nicht wegen der Vergangenheit, sondern
aufgrund der deutschen Vorreiterrolle in Sachen Ökostrom. In der
ostdeutschen Peripherie hingegen bildet sich die ländliche Version
der Banlieues heraus. In diesen Gegenden, in denen der Staat oft der einzige
Arbeit- und Geldgeber ist und das bestimmende Gefühl Langeweile heißt,
verbindet sich die Vorstellung, von allen anderen immer nur übervorteilt,
reglementiert und betrogen zu werden, mit der Sehnsucht nach der starken
Hand, aggressivem Lokalpatriotismus und einem dumpfen Antikapitalismus.«
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