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Jan Gerber
Von Lenin zu Al Kaida. Kleine Geschichte des Antiimperialismus
In: Prodomo 3/2006
I. Spätestens im August 1914 dementierte das europäische Proletariat
einen der emphatischsten Sätze des Kommunistischen Manifests: »Die
Arbeiter haben kein Vaterland!« Französische Sozialisten reihten
sich begeistert in die Schlangen vor den Mobilisierungsbüros der
französischen Armee ein. Georgi Plechanow, der politische Ziehvater
Lenins, appellierte an die russische Arbeiterklasse, ihr Vaterland zu
verteidigen. Und die Reichstagsfraktion der SPD stimmte geschlossen für
die Kriegskredite und folgte damit dem Vorbild ihres Großen Vorsitzenden
August Bebel, der schon 1898 erklärt hatte, dass er gegen Russland
selbst die »Flinte auf den Buckel« nehmen würde. Die
II. Internationale, die noch zwei Jahre vor Kriegsausbruch verkündet
hatte, dass sie alles aufbieten werde, um einen Krieg zu verhindern und
– falls dies nicht möglich sei – die »Krise zur
Aufrüttelung des Volkes auszunutzen«, zerbrach.
Die wenigen Kriegsgegner bemühten sich in der Folge um die Beantwortung
der Frage, warum der Kapitalismus bislang nicht, wie von den Theoretikern
der II. Internationale immer wieder vorausgesagt, zusammengebrochen war.
Ihre Erklärung: Der Kapitalismus ist in eine neue Phase, die Phase
des Imperialismus, getreten. Der Imperialismus, der die Epoche des Freihandels
seit den 1890er Jahren beendet habe, sei die »geschichtliche Methode
der Existenzverlängerung des Kapitals«, zugleich allerdings,
wie Rosa Luxemburg, von der diese Aussage stammt, ausführt, auch
das »sicherste Mittel, dessen Existenz auf kürzestem Wege objektiv
ein Ziel zu setzen«.
Von all den Imperialismustheorien, mit denen die neue Entwicklung erklärt
werden sollte, war die Analyse Lenins diejenige, die den größten
Einfluss auf die Linke ausüben konnte. Hierfür war nicht nur
ihre Kanonisierung in der Komintern bzw. im Machtbereich der Sowjetunion
verantwortlich. Die Faszination, die von ihr ausging, dürfte zugleich
darin begründet sein, dass sie dem gesunden Menschenverstand, einem
der zentralen Ausdrücke des »gesellschaftlich notwendigen Scheins«,
sehr weit entgegenkommt. Marx’ Materialismus wird von Lenin in die
Aussage »Es geht ums große Geld« übersetzt. Seine
Herrschafts- und Staatskritik mutiert zur Kritik von »Fremdherrschaft«.
Und wirtschaftliche Vorgänge werden tendenziell als Folge des Handelns
bestimmter Personen und Personengruppen begriffen, die scheinbar keinen
gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt sind. Die Kritik der politischen
Ökonomie verwandelt sich damit in Verschwörungstheorie; der
historische Prozess degeneriert, wie Eike Hennig vermerkt, zur Tat großer
Männer, »diesmal keine Könige und Feldherren, sondern
eben Kapitalisten«. Die folgenden drei Grundaussagen der Leninschen
Schrift »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus«
von 1916 dürften daher jedem, der einmal mit anhören musste,
wie die weltpolitische Lage in einem deutschen Gartenlokal – oder,
in neuerer Zeit, beim kollektiven Frühstücksbrunch – analysiert
wird, bekannt vorkommen: 1. Bankkapital und Industriekapital verschmelzen
zum Finanzkapital; eine Finanzoligarchie – mit den Worten Lenins:
ein »Häuflein Monopolisten«, »ein paar Hundert
Finanzkönige« und »eine Handvoll skrupelloser, in Laster
und Luxus erstickender Milliardäre« – übt die Herrschaft
aus. 2. Die Herausbildung des Finanzkapitals zieht eine ungeheure Anhäufung
von Geldkapital in wenigen Ländern nach sich. Das Finanzkapital ist
daher bestrebt, »möglichst viele Ländereien an sich zu
reißen, gleichviel welche, gleichviel wo, gleichviel wie, nur auf
mögliche Rohstoffquellen« und Investitionsmöglichkeiten
für ihren »Kapitalüberschuss« hinzielend, »aus
Angst, in dem tollen Kampf um die letzten Brocken der unverteilten Welt
oder bei der Neuverteilung der bereits verteilten Stücke zu kurz
zu kommen«. Diese Entwicklung schlägt sich 3. in folgender
weltpolitischer Konstellation nieder: Eine »ungeheure Mehrheit von
Schuldnerstaaten« steht »einer Handvoll Wucherstaaten«
gegenüber, die »Schmarotzer am Körper der übrigen
Menschheit« seien. In diesen Staaten lebe eine parasitäre »Schicht
der Rentner«, deren »Beruf der Müßiggang ist«,
in »völlige[r] Isolierung […] von der Produktion«
allein vom »Kuponschneiden«, von »Spekulationen«
und anderen »Finanzmachenschaften« (alle Zitate: Lenin).
Lenins Imperialismustheorie beschränkte sich jedoch nicht auf diese
Hetze gegen die Zirkulationssphäre und die Wiedergabe von Verschwörungstheorien.
Sie bot zugleich – und das mag ein weiterer Grund für ihren
Erfolg sein – eine Handlungsoption an: Wenn nämlich der Kapitalismus,
wie von den Bolschewiki behauptet, seine Kraft »in der Hauptsache
[…] aus seinen Kolonialbesitzungen schöpft«, dann lautet
die Schlussfolgerung, dass er in diesen Kolonien und Halbkolonien auch
besonders effektiv geschwächt werden kann. Während Marx die
Existenz einer bürgerlichen Gesellschaft und einer entwickelten Industriearbeiterschaft
als Voraussetzung für den Übergang zum Kommunismus begriff,
ernannte Lenin plötzlich die »unterdrückten Völker«
zum zweiten revolutionären Subjekt. Die »doppelt Unterdrückten«
in der Peripherie seien nicht nur viel eher dazu in der Lage, ein revolutionäres
Bewusstsein auszubilden als die teilweise bereits korrumpierten Arbeiter
in den Industrienationen. Auch die Staatsmaschinerie sei in diesen Ländern
noch nicht so gefestigt wie in den imperialistischen Staaten – und
könne daher besser angegriffen werden. Auf die bürgerlichen
Revolutionen, so argumentierte Lenin weiter, müsse also nicht mehr
gewartet werden; die nationalen Befreiungsbewegungen und die proletarischen
Revolutionen würden vielmehr »in einem Strom« zusammenfließen.
»Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker
vereinigt euch!« – so lautete dementsprechend die Losung des
II. Weltkongresses der Komintern.
II. Voraussetzung für diese Parole war das Konzept des Selbstbestimmungsrechts
der Nationen, das bereits in das erste Programm der SDAPR von 1903 Eingang
gefunden hatte, bzw. die Kritik »imperialistischer Fremdherrschaft«
über die »unterdrückten Völker«. Die Bolschewiki
argumentierten damit ähnlich wie die sozialistischen Kriegsbefürworter,
die ihre Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914 als Beitrag im Kampf gegen
eine drohende »Fremdherrschaft« begriffen wissen wollten.
Der Unterschied: Lenin und die Bolschewiki waren zwar nicht frei von Begeisterung
für Volkstümelei und Ethnisierung. Im Unterschied zu den Kriegsbefürwortern
von 1914 hatte ihre Hinwendung zu den »unterdrückten Völkern«
jedoch auch eine realpolitisch-taktische Komponente: Vor 1917 glaubte
die russische Mehrheitssozialdemokratie, das Zarenreich durch die Unterstützung
von Unabhängigkeitsbestrebungen destabilisieren zu können. Nach
1917, als die erhofften Revolutionen im Westen ausblieben, benötigte
die junge Sowjetunion einerseits Bündnispartner. Andererseits konnten
die Kräfte der Entente, die bis 1921 gegen die Rote Armee kämpften,
durch Aufstandsbewegungen in ihren Kolonien und Halbkolonien tatsächlich
geschwächt werden. Dieses immer auch funktionale Verhältnis
zu den nationalen Befreiungsbewegungen spiegelte sich nicht zuletzt in
den regelmäßigen Einschränkungen des Selbstbestimmungsrechts
der Völker wider: So trat die Rote Armee den Unabhängigkeitsbestrebungen
der Ukraine, Georgiens oder Weißrusslands nach 1917 nicht nur regelmäßig
militärisch entgegen und argumentierte mit Lenin, dass »die
Interessen des Sozialismus höher stehen als die Interessen des Selbstbestimmungsrechtes
der Nationen«. 1935, als sich die Komintern auf ihrem VII. Weltkongress
von der Sozialfaschismusthese verabschiedete, ging sie darüber hinaus
auch – wenn auch zunächst nur zaghaft – auf Distanz zum
Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Dieser Entscheidung war ein langwieriger Erkenntnisprozess vorangegangen,
in dessen Verlauf sich die Komintern unfreiwillig zur Wegbereiterin des
Nationalsozialismus gemacht hatte: In Deutschland hatte sich Karl Radek
schon 1923 positiv auf Albert Leo Schlageter bezogen, ein Freikorps-Mitglied,
das während der Ruhrbesetzung Anschläge auf die französischen
Besatzungstruppen verübt hatte. Die Selbstbestimmung der Sudetendeutschen
»bis hin zur Lostrennung« wurde von den tschechoslowakischen
Kommunisten noch vor den Henlein-Faschisten gefordert. Und Milovan Djilas,
ein Mitkämpfer Titos, beschreibt in seinen Lebenserinnerungen, wie
die Nationalitäten-Politik der Komintern zu »verhältnismäßig
guten Beziehungen zu den Ustaschas«, den kroatischen Faschisten,
führte: »Wir hatten einen gemeinsamen Feind, die Regierung
und das Regime […] Vor allem glaubten beide Gruppen, dass Jugoslawien
in seine Bestandteile aufgeteilt werden sollte […] Sowohl Ustaschas
als auch Kommunisten waren der Meinung, dass Jugoslawien eine künstliche
Schöpfung des imperialistischen Versailler Friedensvertrages sei
und daher verschwinden müsse.«
III. Tatsächlich verlor die Sowjetunion am 30. Januar 1933, am Tag
der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, ihre Rolle als führende
antiimperialistische Kraft an Deutschland. Das Dritte Reich führte
all das weiter, was die Bolschewiki in den 10er Jahren begonnen, aus realpolitischen
Erwägungen bzw. einer kurzen Eingabe von Vernunft heraus allerdings
immer wieder abgebrochen, zurück genommen oder modifiziert hatten:
Es unterstützte die »unterdrückten Völker«
gegen den Imperialismus, agitierte gegen »Fremdherrschaft«
und nahm den Kampf gegen »Parasitismus« auf. Die Forderung
nach nationaler Selbstbestimmung der Sudetendeutschen resultierte in der
Zerstörung der Tschechoslowakei. Der »Vielvölkerstaat«
Jugoslawien wurde unter Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker
zerschlagen. Und der palästinensische Aufstand gegen die »britische
und zionistische Besatzung« 1936 bis 1939 konnte nur mit Hilfe der
finanziellen Unterstützung durch das Dritte Reich durchgeführt
werden.
Die Begründung für die Nationalitätenpolitik des Nationalsozialismus
wurde u.a. in den Schriften Carl Schmitts geliefert. Schmitt stellte dem
britischen Empire, seinem Inbegriff des Imperialismus, eine »Großraumordnung«
unter deutscher Vormachtstellung gegenüber. Während das Empire
ein universalistischer melting pot sei, in dem die Völker assimiliert
und ihre Unterschiede nivelliert würden, sei der Großraum eine
partikularistische Lebensordnung, die auf der »Achtung jedes Volkes
als einer durch Art und Ursprung, Blut und Boden bestimmten Lebenswirklichkeit«
basiere. Die volkswirtschaftliche Variante dieses Gedankens findet sich
in den Schriften Anton Zischkas, eines der erfolgreichsten Propagandaautoren
des Dritten Reiches. Zischkas Bücher über den »Sieg der
Arbeit« und den »Ölkrieg« – in dem erstmals
die Forderung erhoben wurde, kein »Blut für Öl«
zu vergießen – lesen sich wie die Weiterführung der Leninschen
Imperialismusschriften: Zischka beklagt sich über das »Spekulantentum
der Börsen und Banken«, die »Macht der Hochfinanz«
und die »Herrschaft der Trusts«, »Monopole« und
»Rentner oder Räuber«, die »nur in den Tag hineinleben,
nur an die nächste Generalversammlung, an die nächste Dividende«
dächten. Lenins Unterscheidung in parasitäre »Wucherstaaten«
und »Schuldnerstaaten«, findet schließlich ihre Entsprechung
in Zischkas Gegenüberstellung von »zwei Welten«, der
»Welt der Arbeit und der des Raubes«, von »Plutokratien«,
»Räuberstaaten« und »Geldmächten« auf
der einen sowie »Sklavenvölkern« und den »Werktätigen
der Erde« auf der anderen Seite.
Der Nationalsozialismus blieb allerdings nicht beim Leninschen Antiimperialismus
stehen; er ging vielmehr über ihn hinaus und führte ihn damit
zugleich in konsequenter Weise fort. Während Lenins Personifikation
der gesellschaftlichen Verhältnisse bei den »Kapitalisten«,
»Rentnern« und »Kuponschneidern« stehen blieb,
trieb der Nationalsozialismus diese Personifikation bekanntlich weiter
und identifizierte das alles beherrschende Subjekt als jüdischen
»Kapitalisten«, jüdischen »Rentner« und jüdischen
»Kuponschneider«. Die Nationalsozialisten gingen damit –
vermutlich ohne es zu wissen – zu den Ursprüngen der Leninschen
Imperialismustheorie zurück: So hatte John Atkinson Hobson, auf dessen
1902 erschienener Arbeit »Imperialism. A Study« die Imperialismustheorie
Lenins aufbaut und den Lenin immer wieder zustimmend zitiert, zwar zunächst
eine allgemeine Kritik der britischen Kolonialpolitik formuliert. Als
eigentliches Weltübel, als die Drahtzieher von Ökonomie und
Politik, wollte Hobson allerdings Juden verstanden wissen.
Mit dieser Einschätzung war sich Hobson mit den »unterdrückten
Völkern«, die vierzig Jahre später durch den Vormarsch
der Wehrmacht von britischer, sowjetischer oder serbischer »Fremdherrschaft«
befreit wurden, einig. So galt der Jubel der Letten, Ukrainer, Litauer,
Esten, Weißrussen, Kroaten usw. zwar zunächst dem Rückzug
der Roten Armee, der Royal Army oder der jugoslawischen Nationalstreitkräfte.
Kurz nach diesem Rückzug signalisierten die »befreiten Völker«
allerdings, wen sie tatsächlich für die »Fremdherrschaft«
verantwortlich machten: In den ersten Wochen der deutschen Besatzung Lettlands,
Estlands und Litauens ergriffen, wie Raul Hilberg berichtet, baltische
Freiwillige die Initiative und gingen so brutal gegen Juden vor, dass
der deutsche Generalstab den Befehl gab, die ausufernden »eigenmächtigen«
Verhaftungen und Erschießungen sofort einzustellen. Ende Juni 1941,
kurz nach der deutschen Eroberung Lembergs, feierten ukrainische Nationalisten
ihre Befreiung aus dem »Völkergefängnis« Sowjetunion
mit einem viertägigen Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung.
Und in Kroatien, der Ukraine und Estland wurden aus Freiwilligen SS-Divisionen
zusammengestellt, deren Mitglieder sich enthusiastisch an der Jagd auf
Juden beteiligten.
IV. Dieser »wahre« Antiimperialismus nach deutschem Vorbild
fand 1945 zwar ein vorläufiges Ende. Das Selbstbestimmungsrecht der
Völker, der Kern des Antiimperialismus, hatte allerdings auch nach
dem 8. Mai nichts mit sozialer Befreiung, der Abschaffung von Unterdrückung
oder der Errichtung einer menschlichen Gesellschaft zu tun. Der Ost-West-Konflikt
trug allerdings zu einer gewissen Zivilisierung der nationalen Befreiungsbewegungen
bei; insbesondere die Sowjetunion übte teilweise einen mäßigenden
Einfluss auf ihre Verbündeten aus. So waren die jungen Nationalstaaten,
von deren Territorium sich Briten, Franzosen, Belgier oder US-Amerikaner
kurz zuvor zurück gezogen hatten, zumeist darauf angewiesen, sich
in die Handelsstrukturen des sowjetisch dominierten Rates für gegenseitige
Wirtschaftshilfe (RGW) zu integrieren. Voraussetzung für diese Integration
in die Marktstrukturen der Zweiten Welt war nicht nur die Orientierung
an marxistisch-leninistischer Rhetorik. Die Verbündeten der Sowjetunion
sahen sich zugleich gezwungen, gewisse zivilisatorische Mindeststandards
einzuhalten. So flossen die bürgerlichen und proletarischen Revolutionen
in den jungen Nationalstaaten zwar nicht, wie von Lenin erhofft, »in
einem Strom« zum Kommunismus zusammen. Im Idealfall – der
aufgrund der Erfordernisse des Kalten Krieges, in dem sich die Sowjetunion
oft genötigt glaubte, Figuren wie Idi Amin unterstützen zu müssen,
leider viel zu selten eintrat – bildeten sich jedoch Regimes heraus,
deren Eliten sich bemühten, die französische, also: bürgerliche
Revolution mit den Mitteln einer Entwicklungsdiktatur nachzuholen. In
Vietnam, Kuba, Nicaragua oder Afghanistan wurde dementsprechend gegen
Traditionalismus und Aberglauben vorgegangen, Frauen durften Schulen besuchen,
die Alphabetisierungsrate stieg. Mit anderen Worten: Die idealtypischen
Verbündeten der Sowjetunion waren trotz aller archaischen Anwandlungen
keine »wahren« oder konsequenten Antiimperialisten. Sie waren
viel eher Eurozentristen, die in Übereinstimmung mit ihrer Schutzmacht
einen widersprüchlich-pragmatischen Umgang mit dem Selbstbestimmungsrecht
der Völker pflegten. Als Hanoi 1945 von einem französischen
Expeditionskorps im Süden und vier Kuomintang-Armeen, die plündernd
durch den Norden zogen, eingeklemmt wurde, gab Ho Chi Minh dann auch eine
klare, am Kontinent der Aufklärung orientierte Präferenz ab:
»Lieber ein wenig am Dreck der Franzosen riechen, als ein Leben
lang den der Chinesen fressen.«
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise der 70er Jahre (Ölkrise, Währungskrise
usw.) erlebte der »wahre Antiimperialismus« nach deutschem
Vorbild schließlich erneut Aufschwung; die sowjetische Politik sah
sich immer wieder mit den Resultaten ihrer eigenen antiimperialistischen
Propaganda konfrontiert. In mehreren Sowjetrepubliken kam es zu Nationalitätenkonflikten,
die von der Miliz nur mit Mühe eingedämmt werden konnten. In
Kambodscha errichteten die Roten Khmer 1975 ein autochthones Terrorregime,
dessen Raserei nur durch den Einmarsch der mit der Sowjetunion verbündeten
vietnamesischen Truppen gestoppt werden konnte. Und in Afghanistan nahmen
feudalistische Clans, Sippen und Stämme die bolschewistische Forderung
nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker seit dem Ende der 70er
Jahre beim Wort und bereiteten der Roten Armee die bis dahin größte
Niederlage ihrer Geschichte.
V. Mit dem Niedergang des Ostblocks und dem Ende des »golden age
of capitalism« (Eric Hobsbawm) scheint die Geschichte tatsächlich
an ihr Ende gekommen zu sein. Der Kalte Krieg trug noch dazu bei, dass
einige zentrale Parolen des bürgerlichen Zeitalters – allen
voran die Aussage, ein jeder sei seines Glückes Schmied – auch
über das Ende dieser Epoche hinaus eine gewisse Gültigkeit für
sich beanspruchen konnten. So konnte das clevere Taktieren verschiedener
Trikontstaaten im Rahmen des Ost-West-Konfliktes gelegentlich durchaus
zu einer bescheidenen Steigerung des Lebensstandards führen. Inzwischen
ist mit dem zweiten, subventionierten Weltmarkt des RGW die Bedingung
dieser Möglichkeit implodiert; der erste, nunmehr einzige Weltmarkt
hat keine Verwendung für die Überflüssigen und ihre Produkte
mehr. Spätestens seit 1989/90 ist die »eine Menschheit«
auf Schicksal und auf blinden Naturzusammenhang zurückgeworfen. »Der
Gesellschaftszustand«, so Wolfgang Pohrt, »reproduziert seine
ideologische Existenzbedingung nicht mehr, nämlich die mit seiner
Unerträglichkeit versöhnende Illusion, er werde sich kontinuierlich
zum Besseren ändern, denn alles Schlechte an ihm sei Übergangserscheinung
und Restbestand, Hinterlassenschaft von Verhältnissen, die man gerade
überwindet. […] Seither hat, wie sich ohne Pathos und Übertreibung
sagen lässt, die Menschheit keine Zukunft.«
Weil die Menschheit keine Zukunft mehr hat, träumen die Menschen
von der Vergangenheit. Sie sehnen sich nach ihrer Kindheit bzw. der Kindheit
der Gattung zurück, nach einer Zeit, in der Kapitalismus und Weltmarkt
noch nicht existierten, die Menschen sich in Sippen, Stämmen und
Clans organisierten und die Konflikte scheinbar überschaubar waren.
Bei diesem Kampf um die Kindheit stehen sie allerdings vor einem Problem:
Die guten alten Zeiten, in denen nichts gut war – Kindheit besteht
in der Regel aus einer Aneinanderreihung von Unsicherheiten, Demütigungen
durch Eltern und Geschwister und Quälereien durch Gleichaltrige –,
können nicht wiederkehren, weil die vorkapitalistischen Gemeinwesen
irreparabel und unwiderruflich zertrümmert sind.
Da sie die Ausweglosigkeit ihrer Bemühungen ahnen, verzichten die
neuen Antiimperialisten weitgehend auf rationale politische Programme
und Forderungen; sie beschränken sich stattdessen auf die Mobilisierung
für den permanenten Kampf. Wenn die Menschheit keine Zukunft mehr
hat und die Vergangenheit unwiederbringbar ist, so lautet ihr Motto, bleibt
nur der Tod. Oder mit den Worten Wolfgang Pohrts: Im Bewusstsein ihrer
eigenen Überflüssigkeit, »im Bewusstsein der Tatsache
vielleicht, dass sie auf der Welt nichts mehr zu suchen hätten, sind
die Menschen weltweit mit selbstzerstörerischer Aggressivität
erfüllt«. Die zentrale Organisationsform des neuen Antiimperialismus
ist daher das wild um sich schlagende Selbstmordracket, sein idealtypischer
Repräsentant der Islamismus. Der Islamismus verspricht seinen Anhängern
nicht nur ein Leben nach der Hölle auf Erden. Er bedient zugleich
das Bedürfnis nach dem permanenten Kampf gegen Gemeinschaftsschädlinge,
permanenter Mobilisierung und dem Untergang als Stahlbad. In Gruppen wie
Al Qaeda hat der Antiimperialismus, der die Menschen seit jeher im Kampf
zum Opferkollektiv zusammenschweißt, damit zu sich selbst gefunden;
die antiimperialistischen Bewegungen sind mit Bin Laden und Co. zu dem
geworden, was sie potentiell schon immer waren.
VI. Dieser selbstmörderische Kampf um Ursprünglichkeit, Kindheit
und Zurück-zur-Natur dürfte es sein, der Antiimps, Traditionsmarxisten
und Autonome für die Aufstandsbewegungen in der Dritten Welt begeistert.
Anders als immer wieder behauptet – zuletzt auch von Moishe Postone
–, sind diese Linken nicht mehr im »Bezugsrahmen des Kalten
Krieges« gefangen; sie bewegen sich nicht in Endlosschleife in einer
Zeit, in der das Beschießen eines amerikanischen Panzers tatsächlich
im Sinne der Aufklärung sein konnte. Weite Teile der radikalen Linken
haben sich vielmehr bereits in den 70er Jahren von den Kategorien des
Ost-West-Konfliktes verabschiedet.
Hierzu ein kleiner Exkurs: Der Bezug auf die antiimperialistischen Bewegungen
in der Dritten Welt hatte zwar auch schon vor 1970 einen projektiven Charakter
– da das Proletariat lieber zu Siemens als zum Sit-in ging, hatten
bereits die Keimzellen der Protestbewegung ihre revolutionären Sehnsüchte
in andere Gegenden der Erde verlagert. Dennoch bestanden weite Teile der
Neuen Linken lange Zeit auf dem Unterschied zwischen Ho Chi Minh und Konrad
Henlein; ihre Sehnsüchte beinhalteten die Hoffnung auf eine Einlösung
des bürgerlichen Glücksversprechens. So berichtet Dan Diner,
dass die Protestbewegung in der Aufbruchphase um 1967 einen Internationalismus
»in einem sehr jüdischen, nämlich kosmopolitischen Sinn«
pflegte. Soll heißen: Im Protest gegen den Vietnamkrieg ging es
nicht so sehr um eine Parteinahme für die Nation Vietnam und gegen
die Nation Amerika; der Krieg wurde vielmehr als Teil eines weltweiten
Kampfes um Befreiung und für ein besseres Leben begriffen.
Als sich die Protestbewegung schließlich in verschiedene Sekten
auflöste, verlor ihr Internationalismus, wie von Detlev Claussen
am Ende der 70er Jahre festgestellt wurde, »das Bewusstsein des
Unterschieds«; sie kam dort an, wo Rudi Dutschke und Bernd Rabehl
schon warteten: bei Volk, Verzicht und selbst gestricktem Ringelpullover.
Spielte die Rhetorik der nationalen Befreiungsbewegungen um 1967 noch
eine entscheidende Rolle für die Positionierung der radikalen Linken,
genügte zehn Jahre später oft bereits der Verweis auf die Verteidigung
der eigenen Kultur gegen äußere Einflüsse als Impuls für
die Gründung einer Solidaritätsgruppe. Für diese Entwicklung
war nicht nur der Rückgriff auf die Parolen der 20er Jahre verantwortlich.
Zu dieser Traditionalisierung gesellte sich – insbesondere bei denjenigen,
die sich dem autoritären Aufbruch der K-Gruppen am Anfang der 70er
Jahre verweigert hatten – am Ende des Jahrzehnts eine positive Bezugnahme
auf Kategorien wie Kultur, Autochthonie und kulturelle Identität.
Kultur wurde, nicht zuletzt in Folge der Auseinandersetzung mit postmodernen
Theoretikern, nicht mehr in ihrer gesamten Widersprüchlichkeit wahrgenommen;
ihr wurde vielmehr ein Widerstandspotential gegen die kritisierte Vereinheitlichung
von Lebensstilen im Kapitalismus zugeschrieben. Kapitalismuskritik mutierte
damit allmählich zur Kritik der Moderne und der Zivilisation. Die
Kritik der politischen Ökonomie schlug in antiwestliches Ressentiment
um. Und die frühere Kritik an Ausbeutung und Unterdrückung wurde
zur Kritik der Amerikanisierung.
Im Zuge dieser Entwicklung begeisterte sich die radikale Linke immer häufiger
für Bewegungen und Staaten, die in dieser Hinsicht Identifikationsmöglichkeiten
boten, für Bewegungen und Staaten also, deren Kampf an die Form des
Antiimperialismus erinnerte, mit der der pragmatische Befreiungsnationalismus
der Sowjetunion bereits in den 20er Jahren in Konflikt geraten war. Als
Mitte der 70er Jahre die ersten Nachrichten über den Terror der Roten
Khmer an die Öffentlichkeit kamen, war in der Kommunistischen Volkszeitung,
dem Zentralorgan des KBW, zu lesen: »Fröhlich stimmt dieses
Gezeter [über die Gräueltaten des Pol-Pot-Regimes; J.G.] die
werktätigen Massen und jeden Revolutionär, bestätigt doch
die hilflose Wut der herrschenden bürgerlichen Klasse, dass es mit
der Diktatur in Kambodscha endgültig vorbei ist. Wenn sie ‚Zwangsarbeitslager’,
‚Gleichmacherei’ heult, so heißt das bloß, dass
nachdem die Arbeiter, Bauern und die revolutionäre Armee die Macht
übernommen haben, auch die alten Parasiten und Blutsauger des Volkes
gezwungen wurden, von eigener Hände Arbeit zu leben. […] Wenn
sie den Massen Verrohung und Verwilderung vorwerfen, heißt das,
die Massen haben eine wirkliche demokratische Herrschaft errichtet.«
Als die Rote Armee 1979 schließlich in Afghanistan einmarschierte,
um dort gegen Mullahs, Feudalherren und Clanfürsten vorzugehen, verzichtete
zwar zumindest das sowjetmarxistische Spektrum auf Kritik. Die Mehrheit
der radikalen Linken begeisterte sich allerdings für die islamischen
Gotteskrieger, die Frauen wieder unter den Schleier zwangen, Schulen schlossen
und medizinische Einrichtungen zerstörten: Mitglieder der Grünen
posierten am Khaiberpass auf einem zerschossenen Sowjetpanzer. In der
Punkszene, die wie so oft als ideeller Gesamtlinker auftrat, sorgte ein
Lied mit dem Titel »Guns for the Afghan Rebels« (Angelic Upstarts)
für Begeisterung. Und in der Zeitschrift Radikal wurden im Stile
neurechter Kampfblätter Lobreden auf Ethnopluralismus gehalten: »Wenn
[…] ein Modernisierungsprogramm ohne Rücksicht auf Tradition
und religiöse Gefühle und zudem so brutal (und dilettantisch)
durchgeführt wird, dann darf man sich über Widerstand nicht
wundern, trage auch er vordergründig (sic!) reaktionäres Gesicht.
Ich meine, dass wir den Begriff der internationalen Solidarität nicht
nur erneuern müssen, sondern auch erweitern. Erweitern um die Toleranz
den Emanzipationsbewegungen gegenüber, die für unsere Begriffe
falsche oder Umwege zu gehen scheinen – aber die Revolution muss
die Sache der Völker selbst sein.«
Zwischen den Aktivitäten der rechten und linken Freunde der »unterdrückten
Völker« konnte in der Folgezeit oft kaum noch unterschieden
werden. Als im Rhein-Main-Gebiet 1982 Anschläge auf US-Soldaten,
amerikanische Wohnviertel und ein Krankenhaus der US-Army verübt
wurden, wusste weder die linke noch die bürgerliche Presse, ob die
Bomben von den Revolutionären Zellen oder von Neonazis deponiert
worden waren. Die Revolutionären Zellen sahen sich daraufhin zu einem
Dementi veranlasst, in dem sie sich vergeblich um eine Unterscheidung
von Antiimperialismus und Antiamerikanismus bemühten; in der Radikal
wurde verharmlosend von »Grenzfällen« gesprochen.
VII. Ähnliches ist auch heute immer wieder zu beobachten: Der Aufruf
zum internationalistischen Block des letzten LLL-Geisterzuges könnte
für den nächsten NPD-Aufmarsch recycelt werden. Wenn im Ruhrgebiet
eine Demonstration unter dem Titel »Keine Waffen für Israel«
stattfindet, weiß man nicht, ob sie von den regionalen Freien Kameradschaften
oder vom linksradikalen Duisburger Initiativ e.V. organisiert wird. Und
Horst Mahler könnte unter dem Pseudonym Werner Pirker in der Jungen
Welt schreiben – niemand würde es bemerken. Der Unterschied
zur Zeit des Kalten Krieges: Das alles ist inzwischen irrelevant. Die
radikale Linke hat ihre Aufgabe – die Konservierung des Irrsinns
von Volk, Ursprünglichkeit und Verzicht in einer Zeit, in der kein
großer Bedarf daran bestand – erfüllt; sie ist verdientermaßen
marginalisiert. Ihr Antiimperialismus, der neuerdings unter dem Label
»Anti-Globalisierung« auftritt, ist allerdings im politischen
Mainstream angekommen. Um etwas über den »gerechten Kampf der
unterdrückten Völker« zu erfahren, müssen die Freunde
nationaler Selbstbestimmung keinen Vortrag eines linksradikalen Selbstfindungszirkels
mehr besuchen. Es genügt vielmehr, die Frankfurter Rundschau oder
die Süddeutsche Zeitung aufzuschlagen, den Bericht über Tschetschenien
auf Phönix zu schauen oder am Sonntagabend nach der Lindenstraße
nicht gleich abzuschalten, sondern sich noch den Weltspiegel anzusehen.
Für diese Entwicklung gibt es mindestens zwei Gründe: 1. In
Redaktionsstuben, Stiftungen und NGOs sitzen ehemalige K-Grüppler,
Spontis und Autonome, die sich gar nicht so sehr verändert haben,
wie immer wieder behauptet wird. 2. Das Ende des »goldenen Zeitalters«
des Kapitalismus ist nicht nur in der Dritten Welt zu spüren, wo
auch in der Zeit des Ost-West-Konfliktes nur eine Resteverwertung stattfand.
Auch in Europa kann seit Mitte der 70er Jahre, insbesondere allerdings
seit dem Ende des Kalten Krieges verstärkt erfahren werden, dass
die Angst vor der eigenen Überflüssigkeit, die ohnehin zur Grundausstattung
jedes Arbeitskraftbehälters gehört, nicht unberechtigt ist.
Wie schon in den 20er und 30er Jahren, als die Zukunft der Menschheit
nach dem Scheitern der europäischen Revolutionen das erste Mal vertagt
wurde, wird diese Krise von einem gesellschaftlichen Krisenbewusstsein
antizipiert und sekundiert. Die Massenbewegungen der letzten 20 Jahre
(Umwelt, Anti-Atom, Anti-Globalisierung, Frieden), ihr Beifall für
das einfache und gerechte Leben auf dem Land, ihre Begeisterung für
Naturprodukte, Survival-Urlaube und Outdoor-Kleidung lassen nicht nur
vermuten, dass man sich auch in Europa nach der Kindheit, d.h.: nach Sippe,
Clan, Natur und Ursprünglichkeit zurück sehnt. Ihre Verlautbarungen
lassen zugleich den Rückschluss zu, dass sich ihre Anhänger
damit arrangiert haben, dass der Kampf für diese Wünsche zwangsläufig
apokalyptische Züge tragen wird. So waren sowohl die Protagonisten
der Anti-Atomkraft- als auch der verschiedenen Friedensbewegungen vom
Atomkrieg, von explodierenden Meilern und umherschweifenden Giftgasschwaden
oft weniger schockiert als fasziniert. Als Vertreter der Friedensbewegung
nach dem letzten Irakkrieg darauf hingewiesen wurden, dass sich ihre Prognosen
von Millionen Toten, Giftgaseinsatz und Weltbürgerkrieg nicht erfüllt
hatten, reagierten sie nicht erfreut – obwohl man in einem solchen
Fall froh sein müsste, zugeben zu dürfen, dass man sich geirrt
hat. Sie verhielten sich vielmehr aggressiv, fast so, als wären sie
enttäuscht darüber, dass der Weltuntergang doch ausgeblieben
war.
Vor diesem Hintergrund kann vermutet werden: Ebenso wenig wie die marginalisierte
radikale Linke täuscht sich die europäische moral majority aus
Globalisierungsgegnern und Friedensfreunden in den Zielen, Plänen
und Aktivitäten ihrer antiimperialistischen Schützlinge in der
Dritten Welt. Ihre Begeisterung für Ursprünglichkeit, ihre Freude
am Untergang und vor allem der Enthusiasmus, mit dem sie jede erneute
Sauerei ihrer Verbündeten im Trikont rechtfertigt, legt vielmehr
nahe: Gerade diese Sauereien, der antiwestliche Krieg, der Tugendterror
und das blinde Um-sich-schlagen der diversen Selbstmordsekten, werden
als Stellvertreterkampf für die eigenen Wünsche und Sehnsüchte
begriffen.
* Der Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor im Januar 2006 in
Münster gehalten hat.
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