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Manfred Beier/Andreas Halberstädter
The Great Escape
In: Bonjour Tristesse 8/2009
Sachsen-Anhalt ist hässlich. Nicht unbedingt landschaftlich; damit
ließe sich leben. Es sind vielmehr die Ortsansässigen, die
dafür sorgen, dass die Zone hier am ekligsten ist. Ihre Handlungen,
ihr Gebaren und selbst die Mimik, mit der sie sowohl Fremden als auch
Ihresgleichen regelmäßig begegnen, sorgen dafür, dass
der bescheidene zivilisatorische Schleier, der östlich der Elbe seit
1990 kollektiv als vom Westen aufgezwungener beklagt wird, regelmäßig
durchlöchert wird wie Pergament von Salzsäure. Verdichtet sich
im Osten der Republik ohnehin all das, was das Leben in Deutschland so
unerträglich macht, wirkt Sachsen-Anhalt mit anderen Worten noch
einmal wie ein Brennglas all der Widerwärtigkeiten, die aus Fernsehberichten
über so unappetitliche Orte wie Röbel, Eberswalde-Finow, Mankenbach
oder Delitzsch bekannt sind.
Knast & Knäcke
Anfang des Sommers zeigten die Bewohner des Bundeslandes einmal mehr,
wohin Stumpfsinn und Agonie, autoritärer Charakter und Abstrafbedürfnis
der sich zu kurz gekommen Fühlenden führen. Während es
sich halb Berlin an den Badeseen des Umlands gut gehen ließ, Fußballfreunde
die Schlussphase der Bundesliga verfolgten und Köln mit den kollektiven
Aktivitäten gegen den so genannten »Anti-Islamisierungskongress«
feierlich die sechste Jahreszeit einläutete, strömten an jenem
Samstag »22.000 neugierige« (MDR) Sachsen-Anhalter zum »Tag
der offenen Tür der Landesregierung« in die Justizvollzugsanstalt
Burg. Burgs Bekanntheitsgrad speiste sich bis dahin vor allem aus der
Nähe zu Magdeburg, einem Autobahnzubringer, über den man die
Ödnis der ostdeutschen Provinz verlassen konnte, und der flächendeckenden
Versorgung der DDR mit hundsüblem Knäckebrot, dem berüchtigten
»Burger Knäcke«. Nun steht dort eines der modernsten
Gefängnisse Europas, das größte privat finanzierte öffentliche
Bauvorhaben Sachsen-Anhalts.
Die Begründung für die eintägige Öffnung des neu erbauten
Knastes lieferte Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU): »Wir
möchten damit einen weiteren Akzent gegen die viel diskutierte Politikverdrossenheit
setzen.« Auch wenn nicht ganz deutlich wurde, was der Landesvater
mit diesem Satz sagen wollte – Politikverdrossenheit führt
langfristig hinter Gitter? Wer nicht wählt, wird demnächst eingesperrt?
–, ließen sich die weniger politik- als lebensverdrossenen
Sachsen-Anhalter nicht zweimal bitten. Wie die »Magdeburger Volksstimme«,
das Lokalblatt, berichtete, bildete sich bereits morgens um sieben Uhr
eine 500 Meter lange Schlange von Wartenden, die sich in die »pausenlos«
pendelnden Shuttlebusse drängten, um »das neue Gefängnis
in Augenschein« zu nehmen. Wartezeiten von mehr als zweieinhalb
Stunden waren üblich. Mit dem eigenen Pkw war »überhaupt
kein Durchkommen« mehr möglich. Im Knast selbst drängten
sich die »Kurzzeit-Knackis« (»Magdeburger Volksstimme«)
durch die Gänge, kauften T-Shirts mit Fingerprint, verspeisten Erbsensuppe
mit Bockwurst (»aus der Region«) und erfreuten sich an den
handgearbeiteten »Kunststücken« sachsen-anhaltischer
Knastwerkstätten. Während die Regionalzeitung, die sich ansonsten
namensgemäß eher dem Gebell des Mobs anschließt, die
Zellen zumindest als »gruselig-steril« bezeichnete (im Innenhof:
»Kein Schwimmbad, kein Kräutergärtchen«), den Räumen
jedoch »immerhin große Fenster« bescheinigte, fand der
gemeine Sachsen-Anhalter, die Zunge vom Fassbier aus transparenten Plastikbechern
gelockert, deutlichere Worte: Die Zellen, so konnte hören, wer vor
Ort war, seien »fast schon Luxus«, »sogar einen eigenen
Kühlschrank« gäbe es. Im allgemeinen Einverständnis
wurde beteuert, dass es so etwas »früher« nicht gegeben
hätte. Die Zustände seien »besser als im Hotel«.
Auch die nach einem Punktesystem geregelte Zuteilung von Büchern,
Radios oder Fernsehgeräten fand nicht allerorten Zustimmung.
Da das Lamento über TV-Geräte, Minikühlschränke und
große Fenster in Gefängnissen hierzulande zum Standard von
Tischgesprächen bei Familienfeiern gehört, weiß jeder,
der von seinen Eltern gelegentlich zu den Geburtstagen, Silberhochzeiten
oder Dienstjubiläen der einschlägigen Onkel und Tanten gezwungen
wird: Der Neid auf vermeintliche Privilegien von JVA-Insassen und die
bescheidene Ausstattung ihrer Zellen ist faktenresistent. Weder der Hinweis,
dass Onkel Erich und Tante Hilde ihr Reihenhäuschen jederzeit verlassen,
sich nach Belieben Besuch einladen oder einfach nur nach Lust und Laune
über ihren Lichtschalter verfügen können, noch Berichte
über die »Geschlechtsnot der Gefangenen« (Karl Plättner)
[1] werden als Einspruch gegen die Aussage akzeptiert, dass es dem berüchtigten
kleinen Mann auf der Straße auch nicht viel besser gehe als den
Langzeitinsassen, für die die JVA Burg errichtet wurde. Trotz der
tatsächlichen Privilegien, die sie sowohl gegenüber den Häftlingen
als auch den Bewohnern der meisten Landstriche der Erde besitzen, begreifen
die Landsleute ihr Leben als permanenten Zuchthausaufenthalt. Sie fühlen
sich wie im Gefängnis. Das Dumme ist: Die einschlägigen Luxusknast-Diskussionen
gestalten sich nicht zuletzt deshalb so schwierig, weil das Gefühl,
trotz Zweitwagen, Eigentumswohnung und 30 Tagen Jahresurlaub im Knast
zu sitzen, ein objektives Moment hat.
Auf der Teufelsinsel
In Franklin Schaffners Film »Papillon« von 1973 werden Henri
Charrière, gespielt von Steve McQueen, und Louis Dega (Dustin Hoffman)
in eine der berüchtigten Strafkolonien Französisch-Guyanas gebracht.
Im Unterschied zu den restlichen Insassen des Gefängnisses, die ihren
Tag mit Lethargie, gegenseitigen Quälereien und Selbstmordversuchen
verbringen, verlieren sie zunächst weder ihre Energie noch ihren
Lebenswillen. Der Grund: Sie planen ihre Flucht und ziehen ihren Enthusiasmus
aus der Hoffnung, nicht, wie von den französischen Strafbehörden
geplant, für immer in Guyana bleiben zu müssen. Das Problem:
Ihre Fluchtversuche scheitern; sie werden nach ihren abenteuerlichen Ausbrüchen
stets gefasst. Die Teufelsinsel, auf die sie letztlich verfrachtet werden,
scheint tatsächlich ausbruchssicher zu sein. Vor diesem Hintergrund
wird Dega körperlich und geistig gebrochen: Er verwandelt sich in
einen phlegmatischen, zögerlichen und frühvergreisten Mann,
der den Gedanken an Flucht aufgegeben hat. Doch auch Charrière
ist gezeichnet; sein Freiheitswunsch ist kaum noch von Lebensverachtung
zu unterscheiden: Er stürzt sich bei seinem finalen Fluchtversuch
mit einem selbstgebastelten Floß aus Kokosnüssen von der Steilküste
in eine meterhohe Brandung, in der es von Haifischen wimmelt. Sein Entkommen,
über das im Abspann des Films berichtet wird, ist insofern allenfalls
das Resultat von Zufall und Glück.
Der Spielfilm, der auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman Henri
Charrières basiert, kann als Gleichnis auf das Leben in den postbürgerlichen
Wastelands begriffen werden: Das Gefängnis, über das die »Kurzzeit-Knackis«
der JVA Burg, Onkel Erich, Tante Hilde und die diversen Cousins und Cousinen
in ihren Stammkneipen oder am Abendbrotstisch lamentieren, ist die Welt;
die Aggressionen, die den Insassen realer Gefängnisse regelmäßig
entgegenschlagen, sind Resultat eines gescheiterten – oder gar nicht
erst unternommenen – menschheitsgeschichtlichen Versuchs, aus dem
großen Knast auszubrechen. [2] Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung,
so kann bei Marx, dem Theoretiker des großen Ausbruchs, nachgelesen
werden, »geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft
in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen […],
innerhalb derer sie sich bewegt haben«; aus »Entwicklungsformen
der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln um«.
[3] Im Schoß der alten Gesellschaft entstehen mit anderen Worten
Kräfte, Ideen und Leidenschaften, die sich von ihr eingeengt fühlen.
Zwar sind Hunger, Entsagung und Schufterei schon immer ein Motiv für
Rebellion. Zu einer Kränkung für Verstand, Vernunft und Logik,
zu einer existentiellen Demütigung für den denkenden Menschen
also, werden sie jedoch erst dann, wenn sie objektiv überflüssig
geworden sind. So sind die frühneuzeitlichen Utopien – von
Thomas Morus’ »Utopia« über Andreaes »Christianopolis«
bis zu Campanellas »Sonnenstaat« – zwar aus Empörung
über das Elend, den Hunger und die Ausbeutung der entstehenden Merkantilgesellschaft
entstanden. Sie sind allerdings durchweg asketisch-autoritäre Utopien;
ihre Gesellschaftsentwürfe erinnern an die Organisation mittelalterlicher
Klöster. Es herrscht Arbeitszwang, der Tagesablauf ist minutiös
geplant, und die Bewohner tragen allesamt eine uniformartige Kleidung:
Ähnlich den Bewohnern heutiger Bauwagenplätze, deren schwarzer
Zwirn innerhalb kürzester Zeit durch Wind, veganen Kochmief, Tabak
und den sporadischen Waschsalonbesuch ausgeblichen ist, bevorzugt die
Bevölkerung des Stadtstaates »Christianopolis« ein einheitliches
»aschgrau« (»Niemand hat hier üppig Geschneidertes«);
die Utopier tragen »einen einfachen Anzug aus Leder oder Fellen,
der bis zu sieben Jahren hält«. [4]
Und trotzdem: So autoritär, antiindividualistisch und asketisch diese
Utopien auch erscheinen – sie sind im Unterschied zu den Wunschvorstellungen
der heutigen »Do-it-Yourself«-Linken, der Mittelstandsfamilien,
die in die kanadischen Berge auswandern, oder ausgebrannter Ex-Manager,
die sich auf Ökohöfe zurückziehen, Gesellschaftsentwürfe
auf der Höhe der zeitgenössischen Produktivkräfte. Morus’
»Utopia«, Campanellas »Sonnenstaat« und Andreaes
»Christianopolis« wurden im Bewusstsein geschrieben, dass
die feudale Produktionsweise nicht in der Lage ist, allen Menschen zu
einem Leben in Luxus, Genuss und Muße zu verhelfen. Erst die bürgerliche
Produktionsweise ist fähig, der Menschheit mehr zu bieten als das
Leben im mittelalterlichen Kloster. Vor dem Hintergrund, dass die Produktivkräfte
angesichts des Stands der Naturbeherrschung, der Automatisierung und des
technischen Fortschritts nicht nur die Möglichkeit zur Abschaffung
von Hunger und Plackerei, sondern auch für allgemeine Muße
und Genuss bieten, werden die Produktionsverhältnisse, die diese
Entfaltung behindern, zum Käfig. Für Menschen, die von den neuen
Kräften, Ideen und Leidenschaften bemächtigt werden, stellen
sich die Verhältnisse als Gefängnis dar. Ganz in diesem Sinn
rannte das Bürgertum, das die wirtschaftliche und soziale Macht längst
besaß, in den Revolutionen des späten 18. und frühen 19.
Jahrhunderts gegen die Feudalgesellschaft an, die ihm die politische Teilhabe
verwehrte und mit ihren Zollschranken, Ständegrenzen etc. zur Fessel
der bürgerlichen Produktionsweise und der menschlichen Entfaltung
geraten war; ganz in diesem Sinn versuchte sich auch das Proletariat,
das den immensen Überfluss der bürgerlichen Gesellschaft produzierte
und dennoch im Elend lebte, seit den 1850er Jahren im Ausbruch aus den
Verhältnissen, die es in Hunger und Verdummung hielten. Die Parole,
mit der der Dritte Stand in der Französischen Revolution oder die
Aufständischen der Pariser Kommune 1871 auf die Barrikaden gingen,
war dieselbe, die sich auch Gefängnisinsassen, die sich einen Kuchen
mit eingebackener Feile hinter Gitter schmuggeln lassen, in ihre Kerkermauern
kratzen: »Freiheit!«
Im Hochsicherheitstrakt
Wird die Gelegenheit zum großen Ausbruch hingegen versäumt
oder, wie das »Projekt 1917«, in den Sand gesetzt, verändern
sich auch die Fluchtbedingungen. Die Weltgeschichte scheint hier nicht
wesentlich anders zu verlaufen als die Karriere in der Bundesliga: Wer
den dritten Elfmeter versimst, darf sein Dasein fortan auf der Ersatzbank
oder in der Kreisliga fristen. Soll heißen: Er hat sich als Gefahr
und ernstzunehmender Gegner verabschiedet. Wer sich vor 80 Jahren öffentlich
als Kommunist bekannte, wurde dementsprechend von Regierungsseite als
Staatsfeind gefürchtet; er konnte mit Gefängnis oder anderen
Repressionen rechnen. Wer heute in der Einkaufszone ein Transparent mit
der Aufschrift »Her mit dem Kommunismus!« präsentiert,
dürfte hingegen – abgesehen davon, dass seine Vorstellung von
Kommunismus, wie die Zeitschrift »Bahamas« vor einiger Zeit
erklärte, in der Regel weit hinter den gewöhnlichen Segen am
Ende eines katholischen Gottesdienstes zurückfällt [5] –
entweder für ungläubiges Staunen und Spott sorgen oder aber
als Fall für den Psychiater gehandelt werden. Selbst Polizei und
Verfassungsschutz interessieren sich allenfalls aus Traditionalismus oder
aus Angst vor Langeweile für die oft depravierten und armseligen
Gestalten mit den roten Fahnen. Nachdem die Chance zum großen Ausbruch
verpasst, aus Dummheit oder Feigheit nicht ergriffen oder einfach ausgeschlagen
wurde, hat sich der Enthusiasmus, der die Aufständischen der Pariser
Kommune 1871 fröhlich singend auf die Barrikaden trieb, in Lethargie
verwandelt. Es hat sich die berühmte Knast-Depression, eine Art Meerschweinchen-Koller,
eingestellt: Die Insassen sind antriebslos und begreifen die Welt nicht
mehr als Ort ihres Willens und ihrer Vorstellung. Sie sehen sich vielmehr
als Futterempfänger; ihre Wächter erscheinen als Angestellte
einer großen Fürsorgeeinrichtung.
Das frühere Gefängnis der bürgerlichen Welt, aus dem man
mit Eisensäge, Bettlaken, ein wenig Mut und Glück möglicherweise
noch hätte entkommen können, hat sich damit in einen Hochsicherheitstrakt
verwandelt: Keiner kommt hier lebend raus. Ähnlich den Mitgliedern
der RAF, die in Stuttgart-Stammheim nicht mehr das viel beschworene Schweinesystem
bekämpften, sondern sich gegenseitig in den Selbstmord trieben –
von Holger Meins über Ulrike Meinhof bis zum konsequenzlogischen
Kollektivsuizid von Baader, Ensslin, Raspe (Motto: »Lieber ein Ende
mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende«) –, arbeitet im
Hochsicherheitstrakt nicht die solidarische Menschheit an ihrer Flucht.
Im ausbruchssicheren Gefängnis wird die Hoffnung nicht mehr an das
große Abseilen verschwendet, sondern an den Versuch, den Mitgefangenen
Leid zuzufügen. Jeder Prison-Movie, wie das Genre seit den 1970er
Jahren genannt wird, basiert realistischerweise darauf, dass nicht nur
die Wärter und Gefängnisdirektoren Sadisten sind, sondern sich
auch die Häftlinge ihr Leben gegenseitig zur Hölle machen. Wenn
schon keine Verbesserung der eigenen Situation möglich ist, so lautet
die heimliche Maxime der ebenso alltäglichen wie wechselseitigen
Quälereien, dann soll es den anderen zumindest schlechter gehen –
ein Wunsch, der letztlich auch aus der Empörung der Burger JVA-Besucher
über die Mini-Kühlschränke, Fernsehgeräte und großen
Fenster lebenslänglich Inhaftierter spricht.
Wasser und Brot
Die Klagen über das vermeintliche Luxusleben in Justizvollzugsanstalten,
die den gewöhnlichen Linkspartei-Wähler mit dem NPD-Anhänger,
den sozialdemokratischen Ex-Kanzler mit dem CDU-Kreisvorsitzenden und
den Hartz-IV-Empfänger mit seinem Sachbearbeiter vereinen, zeigen
jedoch zugleich: Der bloße Freiheitsentzug, das »Wegsperren«,
befriedigt das allgemeine Strafbedürfnis und damit: das landläufige
Gerechtigkeitsempfinden schon lange nicht mehr. In der glorreichen Phase
des bürgerlichen Zeitalters erklärte Wilhelm von Humboldt, dass
in der Art, in der eine Gesellschaft strafe, ihre höchsten Werte
reflektiert werden müssten. [6] Für die aufgeklärte Welt,
eine Welt, die ihr wesentliches Pathos nicht aus Formeln wie Ehre, Gesundheit
oder Unversehrtheit, sondern aus dem Begriff der Freiheit zog, erschien
Humboldt daher nicht die mittelalterliche Ehr- oder peinliche Gerichtsbarkeit
– der Pranger, das Auspeitschen oder die abgeschlagene Hand –
als schlimmste Strafe. Er begriff vielmehr den Freiheitsentzug als die
adäquate Sanktionsform. Leute hingegen, die mit ihrem Leben nicht
viel mehr anzufangen wissen als JVA-Insassen mit ihrem Haftalltag, erscheint
der bloße Freiheitsentzug nur noch als läppisch. Wenn sich
die Menschen nur noch als Zuteilungsempfänger begreifen können,
verlieren sie nicht nur ihre Kraft, ihren Antrieb und ihr Selbstbewusstsein;
ihnen erscheint gelegentlich selbst die Justizvollzugsanstalt als paradiesischer
Ort: Im Unterschied zum freien Arbeits-, Sexual- oder Supermarkt, die
tagtäglich Kraft, Energie und Entscheidungssicherheit abverlangen,
gibt es hier nicht nur drei regelmäßige Mahlzeiten am Tag.
Das Gefängnis bietet zugleich jemanden, der sich für die Handlungen
der Insassen interessiert, ihren Tagesablauf regelt und die existentielle
Angst, die das Kapitalverhältnis bei den je einzelnen Arbeitskraftbehältern
produziert, kurzzeitig stundet. Der frühere Knastbruder, der im bürgerlichen
Leben nicht mehr klarkommt, sich nach dem Knast sehnt und aus diesem Grund
ein besonders dilettantisches Verbrechen begeht, ist bereits seit Falladas
Willi Kufalt (»Wer einmal aus dem Blechnapf frisst«) kein
Einzelfall mehr.
Die Forderung nach härteren Strafen, die implizit aus dem Lamento
der Burger Knastinteressierten über Bücher, TV-Geräte und
Mini-Kühlschränke in der örtlichen JVA sprach, zielt dementsprechend
schon lange nicht mehr auf längere Haftstrafen, sondern auf Wasser
und Brot im Kerker, Zwangsarbeit, das klassische »Rübe runter!«
oder eine Neuauflage des mittelalterlichen Prangers. Das wissen selbstverständlich
auch die Initiatoren des »Tags der offenen Tür« in der
Justizvollzugsanstalt Burg. Als echte Volksvertreter – und wohl
auch im Wunsch, den eigenen Politverein trotz »Politikverdrossenheit«
nach der nächsten Wahl wieder an den einschlägigen Stellen zu
sehen – verteilte das Pressereferat des »Ministeriums der
Justiz des Landes Sachsen-Anhalt« bei der Besichtigung eigens hergestellte
Faltblätter, um einen möglichen Volksaufstand – betr.:
Fernseher in JVA – zu verhindern. Die Ausstattung des Gefängnisses,
so wurde dort entschuldigend mitgeteilt, ziele nicht darauf hin, den Häftlingen
im Rahmen ihrer Gefangenschaft zumindest ein halbwegs menschenwürdiges
Leben zu ermöglichen. Es sollte lediglich den »Anforderungen
des Bundesverfassungsgerichts« genüge getan werden. Dass sich
die Besucher der JVA nach dieser Erklärung beruhigt zeigten, kann
bezweifelt werden. Zumindest einige von ihnen dürften in dieser Nacht
aus Neid auf regelmäßige Weckzeiten, große Fenster und
einen eigenen Minikühlschrank lange nicht in den Schlaf gefunden
haben.
Anmerkungen:
1 Obwohl schon 80 Jahre alt, immer noch aktuell: Karl Plättner: Eros
im Zuchthaus. Eine Beleuchtung der Geschlechtsnot der Gefangenen, bearbeitet
auf der Grundlage von Eigenerlebnissen, Beobachtungen und Mitteilungen
in achtjähriger Haft. Berlin 1929.
2 Die folgenden Ausführungen folgen teilweise Wolfgang Pohrt, der
den Folgen dieses misslungenen Ausbruchs ein ganzes Buch gewidmet hat:
Brothers in Crime. Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit,
2. Auflage. Berlin 2000.
3 Karl Marx: Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie. In: ders.,
Friedrich Engels: Werke Bd. 13. Berlin (Ost) 1961. S. 9.
4 Zit. nach Richard Saage: Politische Utopien der Neuzeit. Darmstadt 1991.
S. 28 f.
5 Redaktion Bahamas: Die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand. Einladungstext
zur ideologiekritischen Konferenz am 28. Februar 2009. In: Bahamas 57/2009.
6 Vgl. Tina Klopp: An den Pranger. In: Konkret 4/2009. |
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