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Jan Gerber
Who killed Bambi? Der Nonkonformist als Liebling der Deutschen
In: Bahamas 51/2006
Handbücher und Schulungshefte der PR-Industrie warten oftmals mit
erstaunlich scharfsinnigen Erkenntnissen über den Zustand der Welt
und ihrer Bewohner auf. Sie berichten – wenn auch zumeist unfreiwillig
– über die Zurichtungen, Neurosen und Psychosen der Menschen,
benennen deren kollektive Projektionsflächen und vermitteln ein durchaus
präzises Wissen über die jeweiligen Spleens und Reiz-Reaktions-Schemata
der menschlichen Elementarteilchen. Eines der Reaktionsmuster, das von
der PR-Industrie am meisten geschätzt wird, wird in der Branche als
Bambi-Effekt bezeichnet. Soll heißen: Bestimmte Produkte verkaufen
sich einfach besser, werden sie mit Hilfe des Bambi-Tickets – Tierschutz,
Bildern von Rehkitzen, Welpen, Kätzchen, Hunden usw. – beworben.
Zu einer erfolgreichen Boygroup gehört z.B. das Abziehbild des Sensiblen,
der kein Fleisch ißt und sich für die Rettung von Walen einsetzt.
Einkaufsketten wie Karstadt, C&A oder Otto verzichten inzwischen aus
Imagegründen auf den Verkauf von Pelzen, und Prominente wie Bela
B. von den Ärzten, Kim Basinger oder Pamela Anderson ziehen sich
sogar für die veganfaschistische Tierschutzorganisation Peta aus.
Der Bambi-Effekt hat sich in zwischen so weit durchgesetzt, daß
die jeweiligen Stars zu dergleichen Engagement nicht einmal mehr von ihrem
Management gezwungen werden müssen. Sie dürften vielmehr aus
tiefer innerer Überzeugung heraus handeln.
Im Sommer dieses Jahres war die Grundlage des Bambi-Effekts, die Liebe
zum Tier, in einer seiner gruseligsten Ausprägungen zu beobachten.
Ein italienischer Braunbär, der schnell auf den Namen Bruno getauft
wurde, hatte sich in die bayrisch-österreichische Grenzregion verirrt,
plünderte hier Kaninchenställe, riß dort mehr als dreißig
Schafe und erschreckte gelegentlich Wanderer und Radfahrer. Zeitungen
und Nachrichtensendungen berichteten über fast zwei Monate hinweg
nahezu täglich über den »Problembären«, Kinder
beteten und zeichneten für ihn, eine Homepage, die ein kostenloses
Bruno-Computerspiel anbot, wurde zu einer der beliebtesten deutschen Internetseiten,
und clevere Geschäftsleute verkauften T-Shirts, die das animierte
Gesicht des Tieres zeigten. Die Hysterie steigerte sich schließlich
zum offenen Wahnsinn, als der Bär, der inzwischen zum Sicherheitsrisiko
geworden war, Ende Juni erlegt wurde. Im Münchner Merkur
erschien eine riesige Todesanzeige und im Internet wurde ein Kondolenzbuch
eingerichtet, dessen Server aufgrund der Überlastung – nach
Angaben des Betreibers gab es zeitweise mehr als zehntausend Anfragen
pro Sekunde – kurzfristig abgeschaltet werden mußte. Ganze
Schulklassen hielten Schweige- und Gedenkminuten ab; und die regionale
Tourismusbranche beklagte sich darüber, daß tausende Feriengäste
aus Empörung über den Abschuß von ihrem geplanten Urlaub
in der Region Abstand genommen hätten. [1] Hinter dieser Betroffenheit
wollten staatliche und halbstaatliche Stellen nicht zurückstehen:
Die österreichische Post kündigte an, eine Bruno-Gedächtnisbriefmarke
drucken zu wollen, die SPD-Fraktion im bayrischen Landtag forderte den
für den Abschuß verantwortlichen bayrischen Umweltminister
Werner Schnappauf (CSU) geschlossen zum Rücktritt auf, und die Umweltpolitische
Sprecherin der Linkspartei im Bundestag entblödete sich nicht, vorzuschlagen,
die Flaggen in Bayern zumindest für ein paar Stunden auf Halbmast
zu setzen. Der Irrsinn machte nicht einmal vor der regierenden CSU halt:
Umweltminister Schnappauf bezeichnete den Entschluß, den Bären
zum Abschuß freizugeben, als eine der schwersten Entscheidungen
seines Lebens; und die sonst wenig feinfühligen bayrischen Behörden
erklärten: »Um die Würde des Tieres zu wahren, werden
wir keine Fotos veröffentlichen.«
Angesichts der Tatsache, daß sich die Begeisterung für das
Tier nicht auf einige Tierrechtler und die Betreiber veganer Volxküchen
beschränkte, sondern die Deutschen angesichts des Bären parteiübergreifend
infantil wurden und zum ideellen Gesamtwildhüter mutierten; vor dem
Hintergrund, daß die Tier- und Naturbegeisterung hierzulande noch
nie dazu geführt hat, daß die Menschen ihre städtischen
Quartiere in großer Zahl gegen eine Laubhütte in den bayrischen
Wäldern eingetauscht haben, lohnt es sich zu fragen: Welche Wünsche
und Sehnsüchte verbergen sich hinter der Begeisterung für Feld,
Wald und Wiese? Was faszinierte das deutsche Publikum, das die Aktivitäten
des Bären trotz Fußballweltmeisterschaft und Grillwetter Abend
für Abend in den Nachrichten verfolgte, so an der Wanderung des Tieres?
Das Maß aller Dinge
Adorno und Horkheimer verwiesen in der »Dialektik der Aufklärung«
darauf, daß die Verwandlung von Menschen in Tiere früheren
Kulturen als Strafe erschien. »In einen Tierleib gebannt zu sein,
galt als Verdammnis.« [2] Auch der Glaube an Seelenwanderung »erkennt
die Tiergestalt als Strafe und Qual«. »Die stumme Wildheit
im Blick des Tieres zeugt von demselben Grauen, das die Menschen in solcher
Verwandlung fürchteten.« [3] Menschliche Vernunft lehnte sich
zunächst gegen diese »begriffslose Welt des Tieres«,
seine Beschränkung »aufs vital Vorgezeichnete« und das
»fehlende Bewußtsein von Glück« auf; Protagoras
erklärte den Menschen vor 2.500 Jahren zum »Maß aller
Dinge«. In der Epoche der Aufklärung wurde schlie߬lich
gefordert, daß dieses Diktum für alle Menschen zu gelten habe;
mit der Aufklärung wurde auf breiter Ebene angemahnt, daß kein
Mensch mehr wie ein Tier oder ein Gegenstand behandelt zu werden habe.
Alle Menschen sollten unabhängig von Herkunft, Stand und Nationalität
als Gleiche gelten. Im Zuge der Französischen Revolution wurde dementsprechend
die Leibeigenschaft abgeschafft; die Sklaverei in den französischen
Kolonien wurde – wenn auch nur für eine kurze Zeit –
verboten. Mit der Aufklärung und der Revolution wurden jedoch nicht
nur die letzten Bindungen an die »naturwüchsigen Gemeinheiten«
(Marx), an Blut, Boden, Scholle, Sippe und Stamm, gelöst. Die Entzauberung
der Welt, die im Zentrum des Programms der Aufklärung stand, ging
vielmehr mit ihrer erneuten Verzauberung einher. Die gesellschaftlichen
Verhältnisse wurden zu dinghaft erstarrten Naturverhältnissen,
zur zweiten Natur. In diesem Prozeß der Emanzipation von der ersten
Natur teilte der Mensch das Schicksal der übrigen Welt: »Die
Gesellschaft setzt die drohende Natur fort als den dauernden, organisierten
Zwang, der, in den Individuen als konsequente Selbsterhaltung sich reproduzierend,
auf die Natur zurückschlägt als gesellschaftliche Herrschaft
über Natur.« [4] Je deutlicher sich das gesellschaftliche Zwangsverhältnis
dem archaischen Kampf aller gegen alle anglich, umso stärker sehnten
sich die Menschen in einer Art Überaffirmation nach dem Original
zurück. Anstatt das unerreichte Ideal der bürgerlichen Gesellschaft:
die Einlösung des Glücksversprechens, wie von Marx erhofft,
endlich einzufordern, verdammten sie entweder ausgerechnet das am status
quo, was dem Ideal schon nahe kam: Individualität, Künstlichkeit,
den Luxus des Bürgertums oder den Weltmarkt, in dem die Idee einer
staatenlosen Weltgesellschaft bereits angelegt war. Oder sie träumten
sich in die schlechte Realität von vorgestern – Horde, Sippe,
Stamm, Blut und Boden – zurück. Spätestens seit Rousseau
kokettiert die bürgerliche Gesellschaft immer mal wieder damit, die
zivilisatorischen Errungenschaften gegen einen Zustand einzutauschen,
dessen Überwindung sie sich bei anderer Gelegenheit stolz auf ihre
Fahnen schreibt. Analog zur Spaltung des Menschen in Natur- und Gesellschaftswesen
geht die Furcht vor blinder Naturverfallenheit mit der Sehnsucht nach
dieser einher. In dem Maß, in dem die Gesellschaft ihre Fähigkeit
verliert, ihre ideologische Existenzbedingung, das heißt: den Glauben,
daß jeder mit genügend Fleiß und Geschick zu seines Glückes
Schmied werden kann, zu reproduzieren, scheint sich diese Ambivalenz allerdings
zu Gunsten der Sehnsucht nach vorzivilisatorischen Zuständen aufzulösen.
Die Sehnsucht nach Enthemmung
In dem Prozeß der Unterwerfung des Menschen unter die zweite Natur
veränderte sich auch das Bild des Tieres in der menschlichen Mythologie.
In Deutschland entdeckte man neben dem »Herz für Kinder«
bereits im 19. Jahrhundert sein »Herz für Tiere« –
der deutsche Schicksalskomponist Richard Wagner war nicht nur Vorreiter
der völkischen Bewegung, sondern zugleich ein Pionier in Sachen Tierschutz
–; der Volksmund ernannte das liebe Vieh mit dem bekannten Sprichwort
zum »besseren Menschen«; und die »Sau rauslassen«
wurde zu einem Synonym für ausgelassenes Feiern. Das Tier verwandelte
sich damit von der Zielscheibe für Verachtung und Ablehnung in eine
Projektionsfläche für menschliche Wünsche und Hoffnungen.
Bruno, so war exemplarisch in einem der zahlreichen Nachrufe auf den erschossenen
»Problembären« zu lesen, »war einer von uns«.
[5] Er war »nicht das Böse und nicht das Gute, er war nur ein
Schatten von uns, von dem, was wir wollen, was wir suchen, was wir fürchten«.
Diese Wünsche und Vorstellungen ließen Rückschlüsse
auf das Verhältnis der trauernden Tierfreunde zu ihrer persönlichen
wie gesellschaftlichen Umgebung zu. Großes Kombinationsvermögen
war dabei freilich nicht nötig. In den zahllosen Kondolenzen, Zeitungsartikeln
und Leserbriefen wurde vielmehr ganz offen im Namen der im Tier verkörperten
Natur, der unverdorbenen Landschaft und des einfachen und gerechten Lebens
gegen die verderbte, dekadente westliche Zivilisation und ihre Bewohner
agitiert. Die Tierfreunde empörten sich über die »Boulevardgesellschaft«,
»zügellose Gier«, »Politikfilz« und »Politikinzest«;
sie sprachen über den »Moloch Zivilisation« und eine
vermeintliche »Plastikwelt«, aus welcher der Bär vertrieben
worden wäre, und erklärten schließlich: Die Menschen »sind
(…) degeneriert und egoistisch geworden«. Während sie
ihre Abneigung gegen die westliche Zivilisation mit eindringlichen Worten
Ausdruck verliehen, lasen sich ihre Zukunftsvisionen merkwürdig fade
und lieblos formuliert. Wenn sie nicht ganz auf eine Antwort auf die Frage
nach ihrem ersehnten Idealzustand jenseits der westlichen Zivilisation
verzichteten, gaben sie in der Regel die immer gleiche Floskel wieder:
Sie sprachen vom »Einklang, den wir mit unserer Natur und
der Natur unserer Kinder einbehalten sollten«, erklärten, daß
»wir« wieder lernen müßten »im Einklang
mit der Natur zu leben«, und forderten schließlich: »Die
Menschen müssen sich wieder als Teil der Umwelt begreifen, der im
Einklang mit ihr lebt.« [alle Hervorhebungen von mir; J.G.]
Diese emotionslos-stereotype Wiedergabe der immergleichen Formel läßt
vermuten: Der Grund für die Erregung, in die der Bär Bruno die
Landsleute versetzte, ist weniger in ihrer Liebe zur äußeren
Natur und zum harten Leben zu suchen. Aus den lieblos-faden Beschreibungen
des »naturgemäßen Lebens« sowie der Tatsache, daß
die Naturfreunde lieber durch digitale Kondolenzbücher als durch
die Karpaten streifen, spricht, daß ihnen die Dumpfheit, Enge und
Langeweile des einfachen Lebens auf dem Land durchaus bewußt sind.
Die Begeisterung für den Bären, seine Art- und Gattungsgenossen
dürfte vielmehr auf etwas anderem basieren, nämlich: der Sehnsucht,
die eigene innere Natur »unverstellt« und »ungekünstelt«
zur Geltung kommen zu lassen. Genauso wie die Eintönigkeit der bürgerlichen
Ehe dem zukünftigen Gatten lange Zeit dadurch schmackhaft gemacht
werden sollte, daß er beim Junggesellenabend noch einmal richtig
über die Stränge schlagen durfte, scheint die Naturfreunde an
der heilen Bambi-Bergwelt weniger diese selbst zu faszinieren als der
psychische Gewinn, der auf dem Weg dorthin eingefahren werden kann. Wolfgang
Pohrt faßte dies vor einigen Jahren mit den folgenden Worten zusammen:
Die trostlose Botschaft, die den Leuten verspricht, was keiner haben will
– »ein tugendhaftes, arbeitsreiches Leben in inniger Verbundenheit
mit seinesgleichen, die man zu gut kennt, um sie leiden zu können«
–, werde stets durch die Aussicht versüßt, »vor
Ausbruch der sittenstrengen, entbehrungsreichen Zeit noch einmal kräftig
Fastnacht feiern und sich (…) austoben zu dürfen«. [6]
Und tatsächlich: Weitaus größeres Interesse als der Beschreibung
des naturgemäßen Lebens brachten die vorgeblichen Freunde des
Bären Bruno dessen vermeintlichem Akt des Aufbegehrens gegen die
Zivilisation entgegen. Das Tier wurde immer wieder als »Rebell«
gefeiert, es sei ein »Revoluzzer« und »Nonkonformist«
und habe »im Namen der Natur opponiert«. »Für uns«,
so erklärten Tierfreunde im Juni an den Bären gerichtet, »bist
du der wahre Rebell!« Der Bär habe getan, »was er tun
mußte«, er sei »nur seiner Natur gerecht geworden«
und dem »Grund seines ›Seins‹« bzw. den »Gesetzen
der Natur« gefolgt. Er sei, wie ein anderer Tierfreund anerkennend
schrieb, »wild« gewesen und habe »Instinkt« gehabt.
Aber, so beschwerte er sich gleich darauf: »In Deutschland ist man
nicht wild, in Deutschland hört man nicht auf seinen Instinkt.«
Hier durfte der Bär nicht sein »was er war«; er sei erschossen
worden, weil er sich »nicht rational und nicht genau so, wie es
im Tierbuch steht«, verhalten habe.
Aus diesen Worten, mit denen all das am Tier verherrlicht wird, was noch
in der Zeit der Aufklärung für seine Geringschätzung sorgte
– seine Begriffs- und Reflexionslosigkeit, die Reduktion aufs Vitale
und die Reaktion »aus dem Bauch heraus« –, spricht nicht
nur die Sehnsucht nach Enthemmung [7]; aus den entschuldigenden Verweisen
auf die »Natur des Tieres« spricht zugleich die Angst des
Autoritären, für diese Sehnsüchte bestraft zu werden. Sie
alle verdeutlichen damit einmal mehr, daß die Regeln und Konventionen
der Zivilisation hierzulande nicht als Mittel der Humanisierung, sondern
als Fessel und Joch begriffen werden.
Die Sehnsucht nach Verfolgung
Wenn in den Nachrufen und Leserbriefen zum »Fall Bruno« schließlich
immer wieder behauptet wurde, daß der Bär »friedlich«
gewesen sei, zeigt sich erneut, was im Land der staatgewordenen Friedensbewegung
alles unter Frieden verstanden wird. So war das Tier nicht nur, wie von
Umweltschützern regelmäßig erklärt wurde, harmlos
»durch die Wälder spaziert«, hatte »mit den Vögeln
getanzt« und sich »manchmal auch einen kleinen Snack beim
Bauern des Vertrauens« gegönnt. Experten hatten vielmehr immer
wieder darauf hingewiesen, daß der »Bär der Herzen«,
wie Bruno von Tierfreunden in Anlehnung an Lady Di genannt wurde, verhaltensauffällig
sei. Bruno, so erklärte die österreichische Sprecherin der Umweltschutzorganisation
WWF gegenüber dem Heute Journal, »war nach unserer
Einschätzung bereits ein Risiko-Bär« »Man könnte
ihn beinahe verhaltensgestört nennen.« [8] Das habe auch die
Art und Weise gezeigt, wie er Tiere riß. Die Bild-Zeitung,
in der sich die Sehnsucht nach Enthemmung nahezu idealtypisch mit dem
Strafbedürfnis gegen diejenigen verband, die sich diese Sehnsucht
ohne Erlaubnis erfüllen, sprach dementsprechend davon, daß
der Bär die mehr als dreißig Schafe nicht aus Hunger, sondern
»aus Mordlust« getötet habe.
Tierfreunde brachten allerdings auch für dieses Verhalten des Bären
großes Verständnis auf. »Okay«, so wurde Anfang
August exemplarisch in einem digitalen Kondolenzbuch erklärt, »du
hast ein paar Schafe mehr gerissen als normal, aber ist das denn soo schlimm?«
Mit solchen einfühlsamen Äußerungen wurde unfreiwillig
auf den wahren Inhalt des Bedürfnisses nach Enthemmung verwiesen.
Für die entsprechenden Naturfreunde dürfte das Gleiche gelten
wie für diejenigen, die vor dem Dorffest mit animistischer Metaphorik
verkünden, dort so richtig die »Sau rauslassen« zu wollen:
Ebenso wie diese Redewendung nicht zufällig an »jemanden zur
Sau machen« erinnert und eine Feier auf dem flachen Land noch immer
erst dann als gelungen gilt, wenn jemand gedemütigt und anschließend
durchs Dorf getrieben wurde, wollen die Freunde des Bären Bruno nicht
nur harmlos und ungezwungen durch die Wälder streifen. Aus der Begeisterung
für den verhaltensgestörten Bären, der Schafe, Kaninchen
und Hühner angeblich um des Tötens Willen riß, den Lobliedern
auf Instinkt, Trieb und Natur sowie der Geringschätzung der Regeln
und Konventionen, die den Hobbesschen Urzustand des Krieges aller gegen
alle beendeten, spricht vielmehr das eigene Verlangen nach Verfolgung.
Die Voraussetzung der Tier-, Natur- und Kinderfrommheit der Faschisten,
so erklären Adorno und Horkheimer in der »Dialektik der Aufklärung«,
ist der »Wille zur Verfolgung«; mit der Barmherzigkeit gegen
Tiere werde regelmäßig der Haß auf Menschen, die Unfähigkeit
zu menschlicher Objektbesetzung, verkleidet. »Das lässige Streicheln
über Kinderhaar und Tierfell heißt: die Hand hier kann vernichten.
Sie tätschelt zärtlich das eine Opfer, bevor sie das andere
niederschlägt.« [9] Während der Tierfreund Göring
Vivisektionen mit den Worten verbot, es könne nicht weiter geduldet
werden, »daß ein Tier einer leblosen Sache gleichgestellt
wird« [10], hatte man in den Lagern bekanntlich bereits damit begonnen,
die einschlägigen Experimente mit Menschen durchzuführen. Die
Liebe zum Tier entspringt also, wie Wolfgang Pohrt 1990 erklärte,
weniger »dem Erbarmen mit der geschundenen Kreatur«. [11]
Sie ist dem Tierfreund vielmehr »einer von allerlei Vorwänden
dafür, die geschundene Kreatur zu quälen, besonders dann, wenn
sie auch noch menschliche Züge trägt«. Dieser Zusammenhang
zwischen Tierliebe und Menschenhaß war im Nachgang des »Falls
Bruno« noch einmal deutlich zu beobachten: Im bayrischen Umweltministerium
trafen kurz nach der Nachricht vom Tod des Bären zahlreiche Morddrohungen
ein. Ein Mitarbeiter des bayrischen Jagdverbandes berichtete, daß
der Stapel der dort eingegangenen Protest- und Drohschreiben bereits am
folgenden Tag auf mehr als zwanzig Zentimeter angewachsen war, und die
Betreiber des größten digitalen Kondolenzbuches sahen sich
genötigt, ihre Besucher dazu aufzufordern, »keine Morddrohungen
und ähnliches« zu äußern. Allein: Diese Aufforderung
nutzte nicht viel. Ein nicht unerheblicher Teil der mehr als 4.000 Kondolenzbeiträge
enthielt Verfolgungs- und Vernichtungsphantasien. »Bayerns Umweltminister
Schnappauf und die drei verdammten Mörder«, so forderten Tierfreunde,
»sollte man ebenso abschlachten wie Bruno«. Die Jäger
sollten »hingerichtet«, »abgeknallt« oder ebenso
wie der Bär »ausgestopft« werden, die Verantwortlichen
für den Tod des Bären »nicht mehr in Ruhe leben können«
und »selbst mal erfahren, was es bedeutet, (…) immer nur gehetzt
zu werden«. »Ich kann nur sagen«, so pflichtete ein
Naturliebhaber diesen Äußerungen bei, »daß mir
Bruno unwahrscheinlich leid tut und daß ich sehr stark hoffe, daß
eines Tages die Menschen, die für den Tod des Bären verantwortlich
sind (…) elendig sterben werden!« Eine Tierfreundin wollte
schließlich sogar »Listen« erstellen, die neben dem
Namen des bayrischen Umweltministers auch die Namen seiner »Komplizen«
enthalten sollten. Doch damit nicht genug: So beschränkten sich die
Verfolgungs- und Vernichtungsphantasien nicht nur auf diejenigen, die
im Fall des Bären tätig geworden waren: den bayrischen Umweltminister,
die finnischen Experten, die bei ihrem Auftrag, den Bären lebend
zu fangen, versagt hatten, und die Jäger, die das Tier schließlich
zur Strecke gebracht hatten. Innerhalb kürzester Zeit warteten die
Tierfreunde vielmehr mit weiteren Vorschlägen auf, wer noch alles
an Stelle des Tieres hätte getötet werden sollen. Während
der Bär, der nur »mal zu Besuch kommt«, »ermordet«
worden sei, so beschwerte sich ein Naturliebhaber, bekämen Vergewaltiger
und Kindermörder »auf Staatskosten« lediglich »eine
Tätschel-Tätschel-Therapie«. Kinderschänder, so empörte
sich ein anderer, »laufen frei rum und sind gefährlicher als
ein Bär«. Und ein dritter Naturfreund erklärte schließlich,
nicht ohne seiner Aussage mit den obligatorischen drei Ausrufezeichen
Nachdruck zu verleihen: »Ich dachte eigentlich, in Deutschland gäbe
es keine Todesstrafe! Aber das gilt wahrscheinlich nur für Mörder,
Vergewaltiger u.ä.!!!«
Dieses Aggressionspotential beunruhigte selbst die bayrischen Behörden.
Anders als die Drohungen, die nach der Erhöhung der Mehrwertsteuer
und des Benzinpreises regelmäßig in den einschlägigen
Leserbriefspalten und Internetforen ausgesprochen werden, nahmen sie die
Lynchaufrufe diesmal durchaus Ernst und versuchten, zumindest die Jäger,
die den Bären erlegt hatten, vor dem Volkszorn zu schützen.
Ihre Namen wurden aus Sicherheitsgründen geheim gehalten.
«Problembär Israel«
Nur wenige Wochen nachdem der Bär erschossen worden war, formulierte
Stefan Frank in der Septemberausgabe der Konkret einen durchaus
scharfsinnigen Gedanken. Die deutschen Medien, so Frank in einer Nebenbemerkung,
hätten über die israelische Bevölkerung in der Form geschrieben,
in der sie kurz zuvor über den Problembären Bruno berichtet
hätten: »Israel – was das Land so aggressiv macht«
[12]. Frank irrte zwar im Detail: Während die Israelis in den deutschen
Medien in der Regel als bösartige Aggressoren dargestellt wurden,
war der Bär zumeist mit Sympathien gezeichnet worden. Richtig war
allerdings der Verweis auf die Konnotationen, die Naturmetaphorik, Animismus
und Umweltschutzkampagnen hierzulande stets haben. Die Tierliebe des aryan
vegetarian Richard Wagner ging, wie Leon Poliakov in seiner »Geschichte
des Antisemitismus« berichtet, nicht zufällig mit dem Haß
auf Juden einher [13]. Der Vegetarismus erlebte seinen ersten Boom im
Kontext der völkischen Bewegung der Jahrhundertwende, und der erste
Akt der nationalsozialistischen Tierschutzgesetzgebung war nicht von ungefähr
das gegen Juden gerichtete Verbot des Schächtens. Keine Zeit, so
stellte die Vorgängerorganisation des heutigen Bundes für Umwelt
und Naturschutz (BUND) 1933 erfreut fest, war »für unsere Arbeit
so günstig, wie die jetzige unter dem Hakenkreuzbanner der nationalen
Regierung«. [14] Friedemann Schmoll beschrieb diesen Zusammenhang
auf einer Tagung über Nationalsozialismus und Naturschutz mit folgenden
Worten: »Antisemitismus und Naturschutz verbindet die Suche nach
Ursprünglichem und Unverfälschtem (…). Und beide teilen
eine Reihe konstitutiver Muster und Grundwerte ihrer Vorstellungswelt.
Die Verklärung ländlicher Daseinsformen ging einher mit tiefer
Ablehnung urbaner Kulturen und eines entfesselten Kapitalismus. Das Pochen
auf Gemüt und Intuition verband sich mit borniertem Anti-Intellektualismus.
Die Appelle an Innerlichkeit und Idealismus schlossen Kritik an der Oberflächlichkeit
und Seelenlosigkeit moderner Lebensformen ein. (…) All dies, was
da Unbehagen evozierte und dieses Ursprüngliche bedrohte, ließ
sich mühelos auf das Schreckbild des alles Moderne verkörpernden
Juden reduzieren. ›Der Jude hat keine Heimat, er ist der ewige Nomade‹
hieß es 1939 in der Zeitschrift des ›Verein Naturschutzpark‹.«
[15] Die Verweise auf die eigene Naturverbundenheit, Urtümlichkeit
und Authentizität sind mit anderen Worten die Kampfansage an diejenigen,
die als künstlich und wurzellos gelten. Und so wurde das Bedürfnis
nach Enthemmung, das sich hinter der Begeisterung für Tier und Natur
verbirgt, traditionell im Pogrom ausgelebt: Die »Sau«, die
nach der Kirmes durchs Dorf getrieben wurde, war gemeinhin der Jude. Die
Freunde des Bären Bruno gingen dabei zwar nicht so weit wie die Vorreiter
der deutschen Tierschutzbewegung um Rich¬ard Wagner, der grüne
Flügel der NSDAP um Hitler, Himmler, Hess und Darré oder eine
Münchener Tierfreundin, die vor einigen Jahren Aufkleber und Plakate
produzierte, auf denen zu lesen war: »Schächten immer noch!
Juden, hört auf, Tiere für euren Ritualwahn bestialisch zu Tode
zu quälen.« [16] Dennoch war das antisemitische Bild des Juden
in der Naturfreunde Schriften, Berichten und Nachrufen stets als Desiderat
präsent. Sie sprachen von geheimen »Drahtziehern«, die
für den Tod des Bären verantwortlich seien, den »wahren
Wilderern, Steuerhinterzie¬hern und Mautprellern«, die »hinter
den Kulissen« die »Strippen ziehen« würden, und
den »tatsächlichen Auftraggebern«, die »ganz woanders«
säßen. Auch die Redakteure der Bild-Zeitung präsentierten
den Abschuß des Bären nach dem Muster von Verschwörungstheorie
und Ritualmord. Sie sprachen von geheimnisvollen Jägern, ominösen
Obduktionen, einer »geheimen Kühlkammer (7 Grad Celsius)«,
in der die Innereien des Bären gelagert würden, erklärten,
daß das Herz des Tieres »heimlich verbrannt« worden
sei, und raunten schließlich: »Der Tod des Bären Bruno
wird immer rätselhafter.«
«I killed Bambi!«
Anders als die ironische Rede vom Bambi-Effekt suggeriert, verbirgt sich
hinter der kollektiven Begeisterung für Rehkitz, Tierschutz, Bär
und Biber damit oftmals weitaus mehr als harmlose Spleenigkeit oder Mitleid
mit geschundenen Kreaturen. Wer sich im Namen von Urtümlichkeit,
Authentizität und »reiner Natur« für Tier und Umwelt
einsetzt, fragt stets danach, welche finsteren und wurzellosen Gestalten
für die »Entfremdung« von Heimat und Natur, für
Verstädterung, das Aussterben von Tierarten, die »Vergiftung«
von Meeren, Flüssen usw. verantwortlich seien; er stellt damit eine
Frage, die die großartig künstlichen Sex Pistols 1978 als Titel
für eines ihrer amüsantesten Lieder wählten: »Who
killed Bambi?« Während sich das Punkrock-Urgestein GG Allin
vor einigen Jahren in einem Interview stolz zu dieser Tat bekannte –
»I killed Bambi and I’ll fuck Flipper!« – dürfte
im Gemütshaushalt derjenigen, die sich im Sommer über Wochen
hinweg an den Taten des Bären Bruno berauschten, eine andere Antwort
auf diese Frage bereit stehen.
Ich danke Peter Siemionek für wertvolle Hinweise. Wichtige Anregungen
verdanke ich außerdem der Arbeit mit Michael Bauer an einem Vortrag
über Veganismus.
Anmerkungen:
[1] Diese und die folgenden Informationen stammen, so weit nicht anders
ausgewiesen, aus der Bild-Zeitung vom 27. und 28. Juni 2006 sowie dem
meistbesuchten digitalen Kondolenzbuch für den erschossenen Bären
unter http://blog.brunoderbaer.de.
[2] Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung [1944],
Frankfurt am Main 1988, S. 264.
[3] Ebd.
[4] Ebd., S. 205.
[5] Soweit nicht anders ausgewiesen stammen alle Zitate von Tier- und
Naturfreunden, die in diesem Text verwendet werden, aus dem digitalen
Kondolenzbuch unter http://blog.bruno¬derbaer.de. Ähnliche Aussagen
finden sich allerdings auch in allen anderen Kondolenzblogs (www.bruno-gedenkseite.de,
www.brunoisttot.de usw.). Orthographie und Grammatik der Zitate wurden
aus Gründen der Leserlichkeit korrigiert.
[6] Wolfgang Pohrt: Die Wiederkehr des Gleichen, in: ders.: Stammesbewußtsein,
Kulturnation, Berlin 1984, S. 39.
[7] Nebenbei: Da diese Phantasie von einer Welt, in der sie ihren Trieben
nach Lust und Laune folgen können, Ausdruck des Wunsches nach der
Wiederherstellung des frühkindlichen Zustands des gefühlten
Einsseins mit der Welt ist, werden die Menschen im Umgang mit Tieren zwangsläufig
infantil. Inhaber akademischer Titel wünschten dem erschossenen Bären
regelmäßig alles Gute im »Bärenhimmel«, andere
Naturliebhaber wünschten einen »schönen Platz auf der
Regenbogenbrücke der Tiere«, wo es »immer den leckersten
Honig und die tollsten Bärinnen gibt«, die »Sonne immer
scheint« und »kein Lebewesen dem anderen Leid zufügt«.
»Gute Reise, kleiner Mann«, so erklärte schließlich
eine Tierfreundin, »denn da, wo du nun bist, darfst du ungescholten
durch die Wälder ziehen, und keiner wird dich jemals wieder daran
hindern! Irgendwann werden wir uns wieder sehen, so long, du süße
Samtnase.«
[8] www.heute.de/ZDFheute/inhalt/13/0,3672, 3949037,00.html
[9] Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung,
S. 269 f.
[10] Zit. nach Henryk M. Broder: Arier und Vegetarier, in: ders.: Schöne
Bescherung, Augsburg 1994, S. 50.
[11] Wolfgang Pohrt: Der Weg zur inneren Einheit, Hamburg 1991, S. 249.
[12] Stefan Frank: War Games, in: Konkret 9/2006. Frank zitiert hier den
Stern.
[13] Leon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus. Bd. 6, Worms 1987,
S. 257.
[14] Zit. nach www.dradio.de/dlr/sendungen/politischesbuch/223962.
[15] Friedemann Schmoll: Die Verteidigung organischer Ordnungen. Naturschutz
und Antisemitismus zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, in: Joachim
Radkau, Frank Uekötter (Hrsg.): Naturschutz und Nationalsozialismus,
Frankfurt am Main 2003, S. 175.
[16] Vgl. Archiv für Sozialpolitik: »Jeder ist uns der Nächste«,
in: Konkret 10/1993.
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