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Joachim
Bruhn / Jan Gerber
Vom Protest zum Pogrom
Vorwort zu: Joachim Bruhn / Jan Gerber (Hrsg.): Rote Armee Fiktion, Freiburg
2007.
Historische Jubiläen erinnern an die großen amerikanischen
Gerichtsfilme der siebziger Jahre. Anklage und Verteidigung treffen dramatisch
aufeinander, legen mit großem Gestus die Beweise vor, versuchen
die Geschworenen durch mitreißende Plädoyers auf ihre Seite
zu ziehen. Am Ende urteilt das Gericht zwar so, wie die herrschende Meinung
es goutiert, aber bis dahin wurde das Publikum unter Umständen gut
unterhalten, im besten Fall sogar mit neuen Erkenntnissen beliefert.
Wenn jedoch über die Rote Armee Fraktion und den bewaffneten Kampf
verhandelt wird, kommt alles ganz anders. Die Jubiläen des Deutschen
Herbstes erinnern nicht an die Verhandlung vor einem Supreme Court, sondern
an eine Mischung aus Standgericht, ZDF-History und Gerichtsshow auf RTL-2:
Die abgedroschensten Gerüchte und Geschichten werden als schlagender
Beweis und taufrische Einsicht ausgegeben. Statt ausgefeilter Plädoyers
bekommt das Publikum das Gestammel minderbegabter Laiendarsteller geboten,
die Zeuge, Ankläger und Richter in einem sind. Die Gewaltenteilung
ist aufgehoben, es herrscht die unumschränkte Diktatur des sog. gesunden
Menschverstandes, der die Krankheit selbst ist, d.h. bösartig wie
kaum eine Ideologie. Auf eine Verteidigung wird dementsprechend verzichtet.
Denn die Zeiten, in der es einen Anwalt für diese Aufgabe gegeben
hätte, in der Tausende zum Vietnam-Kongreß nach Berlin strömten,
weil sie es für die Pflicht des Revolutionärs hielten, »die
Revolution zu machen«, und glaubten, daß der Linken, wie es
im Aufruf hieß, »nicht so sehr die Waffe der Kritik als die
bewaffnete Kritik« offen stünde, sind lange abgelaufen. Die
alten SDSler, die arrivierten Haschrebellen, Freudomarxisten und Ehrenproletarier
wollen jetzt schon immer alles besser gewußt haben. Das Dumme dabei
ist: Sie haben nicht einmal ganz Unrecht damit. Denn kaum hatte die RAF
begonnen, die Forderungen, die Dutschke, Enzensberger, Horlemann und Co.
1968 als »anonymes Autorenkollektiv« in Konkret erhoben hatten,
in die Tat umzusetzen, und die »Gewalt in den Metropolen«
zu entfachen [1], wollte man es plötzlich nicht mehr so gemeint haben.
Die Freunde des bewaffneten Kampfes verschwanden in ihrer übergroßen
Mehrheit schon an seinem Beginn. Zunächst hielten sie die Zeit für
noch nicht reif, dann wollten sie auf die Erhebung des Proletariats warten,
später entdeckten sie die freiheitlich-demokratische Grundordnung.
Als Rudi Dutschke im November 1974 am Grab von Holger Meins die Faust
erhob und sein berühmtes »Holger, der Kampf geht weiter!«
in die Kameras schmetterte, rief er damit ex cathedra zur Gründung
der grünen Partei auf. Das Erbe von ’68 sollte fortgeführt
werden, nur eben »ökologisch, sozial, basisdemokratisch und
gewaltfrei«, vor allem aber im Bundestag. [2] Aus Anlaß des
Deutschen Herbstes erklärte Dutschke schon, daß er die »Vertreter
der herrschenden Klasse« den »parlamentarischen Möglichkeiten
gemäß« bekämpfen wolle. [3] Das Sozialistische Büro,
dem er kurz zuvor beitrat und das ab 1979 ebenfalls in die Grüne
Partei versickerte, wies die RAF zur gleichen Zeit – und nur kurz
nachdem es selbst einen großen Antirepressionskongreß (Stichwort:
Berufsverbote!) organisiert hatte – darauf hin, daß die »Bewegungsfreiheit
sozialistischer Tätigkeit [...] sehr wohl vom Grundgesetz gedeckt«
sei. [4]
Mit dieser Art von Einspruch hatte die RAF schon in ihrer ersten –
und besten – Erklärung abgerechnet. Die Mehrheit der Linken,
so war im »Konzept Stadtguerilla« zu lesen, fürchte »sich
vor dem Vorwurf der revolutionären Ungeduld mehr als vor ihrer Korrumpierung
in bürgerlichen Berufen«, ihr sei es wichtiger, »mit
Lukács langfristig zu promovieren« als »sich von Blanqui
kurzfristig agitieren zu lassen«. [5] Hinter dieser Agitation gegen
die Verwandlung des Marxismus in eine akademische Disziplin verbarg sich
das Wissen, daß der Marxismus keine Wissenschaft, keine »Position«
und kein »Ansatz« zur Bereicherung des universitären
Pluralismus, sondern Kritik ist, die auf die Abschaffung ihres Gegenstandes
zielt. Wenn die RAF auch sonst nichts begriffen hatte, wußte sie
im Unterschied zu den Marxologen, die seinerzeit massenhaft in den Mittelbau
strömten, doch, daß es weder historische Gesetzmäßigkeiten
noch notwendige Wartezeiten für die befreite Gesellschaft gibt. Seit
das Kapitalverhältnis in der Welt ist, ist es reif zur Abschaffung.
Im Gegensatz zur DKP, den ML-Gruppen und den frühen Spontis, die
etwa zur selben Zeit, als Ulrike Meinhof ihre Schreibmaschine gegen eine
Pistole austauschte, zukunftsfroh vor die Fabriktore zogen, um gemeinsam
mit den Proleten die Bosse zu vertreiben, war die frühe RAF trotzdem
nicht sonderlich optimistisch: »Wir bezweifeln, ob es unter den
gegenwärtigen Bedingungen in der Bundesrepublik und Westberlin überhaupt
schon möglich ist, eine die Arbeiterklasse vereinigende Strategie
zu entwickeln, eine Organisation zu schaffen, die gleichzeitig Ausdruck
und Initiator des notwendigen Vereinheitlichungsprozesses sein kann.«
[6]
Diese berechtigten Zweifel hinderten die RAF jedoch nicht daran, im April
1972 ihre dritte programmatische Erklärung mit der Mao-Parole »Dem
Volk dienen« zu überschreiben. Denn anders als von der DKP
und den K-Gruppen immer wieder behauptet, hatte die RAF alles andere als
»Verachtung für die Volksmassen« [7] übrig. Auch
wenn sie im »Konzept Stadtguerilla« einige Zweifel am revolutionären
Willen der Arbeiterklasse anmeldete, galten ihr Proletariat und Volk immer
als Sympathieträger und »an sich« revolutionäre,
nur durch die Springerpresse manipulierte Kraft.
Das ist der Hintergrund, vor dem die RAF in Anlehnung an die Wortführer
der Protestbewegung davon sprach, den Faschismus aus den Institutionen
herauslocken zu wollen. »Erst wenn die manipulative Gewalt der Herrschenden
sich in die offene Gewalt zurückverwandelt hat«, so hatten
Dutschke et al. schon 1968 erklärt, »kann die verinnerlichte
Gewalt der Lohnabhängigen sich zur proletarischen Gewalt befreien.«
[8] Hinter dieser Strategie stand im besten Fall ein interessiertes Mißverständnis
über das Land, in dem die Rote Armee aus ihrer bewaffneten Fiktion
entstehen sollte. Denn der Faschismus in Deutschland war keineswegs der
»Faschismus«, sondern Nationalsozialismus. Und das Proletariat
wurde keinesfalls von der Bourgeoisie unterdrückt; die Deutschen
ließen Auschwitz nicht, wie die RAF im April 1972 behauptete, »widerstandslos
über sich ergehen«. [9] Vielmehr verschmolzen in Deutschland
Mob und Elite zum klassenübergreifenden, d.h.: die Klassen in sich
aufhebenden Mordkollektiv. Während des Deutschen Herbstes, als der
Ausnahmezustand, den die RAF herbeibomben wollte, tatsächlich eintrat,
erinnerten dann auch weniger die Vorschläge Alfred Dreggers, Kurt
Rebmanns und Franz Josef Strauß’ oder die damals verabschiedeten
Sondergesetze an das Dritte Reich. Auch wenn die schnell gebildete Allparteienregierung
immer wieder selbst den Nationalsozialismus beschwor und Egon Bahr stolz
verkündete, daß die Mitglieder des Krisenstabes ihr Handwerk
bei der Wehrmacht gelernt hatten – es sei ihnen hier beigebracht
worden, »existentielle Entscheidungen« mit »kühlem
Kopf« zu treffen [10] –, gehören der temporäre Ausnahmezustand
und die kurzzeitige Aussetzung von Grundrechten zur Demokratie wie der
Blitz zum Gewitter. [11] Weitaus tiefere Erkenntnisse über das Fortleben
des Nationalsozialismus als die Protokolle des Krisenstabes vermittelten
die Szenen, die in den Tagen des Deutschen Herbstes vor dem Stammheimer
Gefängnis sich zutrugen. Während Strauß und Rebmann ihre
Forderungen nach Internierungslagern, Todesstrafe und Gegengeiselnahme
im kleinen Kreis erhoben (und später für die Geheimhaltung der
Protokolle sich aussprachen), erklärten die ganz normalen Deutschen,
die sich dort versammelt hatten, ganz ungeniert in die Kameras, was in
ihnen dachte; einige boten der Bundesregierung ihre Dienste in Sachen
»Genickschuß«, »Erschlagen« oder »Aufknüpfen«
via Tagesschau an, andere verlangten Konzentrationslager, die Herausgabe
der Stammheimer Häftlinge oder deren »Erschießung auf
der Flucht«.
Je deutlicher die RAF die Distanz zwischen sich und den von ihr vergeblich
Umworbenen zu spüren schien, um so stärker glich sie sich ihnen
an. Im »Konzept Stadtguerilla« hatte Ulrike Meinhof noch erklärt,
daß diejenigen, die glaubten, der bewaffnete Kampf wäre nach
dem Muster von Freikorps und Feme organisiert – in Konkret war kurz
zuvor behauptet worden, daß es bei der RAF Soldaten und Offiziere,
auch Liquidierungen gebe –, selbst schon das Pogrom wollten. [12]
Nicht einmal zwei Jahre später, die Führungsriege der RAF war
inzwischen unter parteiübergreifendem Beifall verhaftet worden, konnte
sie sich die Revolution selbst nur noch als Pogrom vorstellen. Als palästinensische
Antisemiten bei den Olympischen Spielen 1972 in München Mitglieder
der israelischen Olympiamannschaft ermordeten, feierte Meinhof diese Aktion
nicht nur als »antiimperialistisch, internationalistisch und antifaschistisch«
[13], sie erklärte der deutschen Linken zugleich, daß sie darin
ihre politische Identität wiederfinden könne.
Angesichts solcher Aussagen, die von Anfang an im linksdeutschen Konzept
Stadtguerilla angelegt sind, ist es nicht möglich, RAF und Co. gegen
die Kritik derjenigen in Schutz zu nehmen, die ihren Marsch durch die
Institutionen inzwischen durch Emeritierung, Pensionierung oder Entbindung
vom ministeriellen Treueeid beendet haben. Gegen die falsche Kritik kann
in diesem Fall nicht ihr Gegenstand verteidigt werden; es gilt vielmehr,
die richtige Kritik zu formulieren. Ebenso wie von Seiten der arrivierten
Genossen von einst ist allerdings auch hier schon alles gesagt worden.
Dieser Band soll dazu beitragen, daß es nicht vergessen wird.
Anmerkungen
[1] Anonymes Autorenkollektiv, Gewalt in den Metropolen, in: Konkret Nr.
6 (1968), S. 25-28. Laut Gerd Koenen (Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine
deutsche Kulturrevolution 1967-1977, S. 362) gehörten zu diesem Autorenkollektiv
u.a. Rudi Dutschke, Hans-Magnus Enzensberger, Jürgen Horlemann, Bahman
Nirumand, Peter Schneider und Gaston Salvatore.
[2] Vgl. Initiative Sozialistisches Forum, Das Erbe von ’68, in:
Dies., Das Ende des Sozialismus, die Zukunft der Revolution. Analysen
und Polemiken, Freiburg 1990, S. 279 ff.
[3] Rudi Dutschke, Kritik an Terror muß klarer werden [1977], in:
Linke Liste Universität Frankfurt (Hg.), Die Mythen knacken. Materialien
wider ein Tabu. Neue Linke, RAF, Deutscher Herbst, Amnestie, Wiesbaden
1987, S. 216.
[4] Sozialistisches Büro, Sozialismus und Terrorismus [1977], in:
Ebd., S. 215.
[5] RAF, Das Konzept Stadtguerilla (April 1971), in: : ID-Verlag (Hg.),
Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin
1997, S. 38. – Vgl. dazu auch: Joachim Bruhn, Der Untergang der
Roten Armee Fraktion. Eine Erinnerung für die Revolution, Vorwort
zu: Emile Marenssin, Stadtguerilla und soziale Revolution, Freiburg: 22007,
S. 7-30
[6] Ebd., S. 37.
[7] Herbert Lederer, Kommunisten und individueller Terror – alte
Wahrheiten zur aktuellen Lage, in: Marxistische Blätter Nr. 4 (1972),
S. 77.
[8] Anonymes Autorenkollektiv, Gewalt in den Metropolen, in: Konkret Nr.
6 (1968), S. 25.
[9] RAF, Dem Volk dienen, in: ID-Verlag (Hg.), Rote Armee Fraktion, S.
128.
[10] Zit. nach Christoph Amend, Kalte Kriege, kühler Kopf, in: Der
Tagesspiegel vom 1. März 2003, S. 3.
[11] Vgl. Johannes Agnoli, 1968 und die Folgen, Freiburg 1998, sowie Ders.,
Der Rechtsstaat. Spätkapitalismus und deutsche Erfahrung, in: Ders.,
Der Staat des Kapitals, Freiburg 1995.
[12] RAF, Das Konzept Stadtguerilla, S. 28.
[13] RAF, Die Aktion des »Schwarzen September« in München.
Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes (November 1972), in: ID-Verlag
(Hg.), Rote Armee Fraktion, S. 152 f.
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