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Christoph Beyer / Jan Gerber / Torsten Kraya
Trotz und wegen Auschwitz. Antisemitismus und Nationale Identität
nach 1945
Vorwort zu: AG Antifa im Stura der Uni Halle (Hrsg.): Trotz und wegen
Auschwitz. Antisemitismus und nationale Identität nach 1945, Münster
2004
Antisemitismus ist nicht nur, wie Adorno und Horkheimer in der Dialektik
der Aufklärung eindrucksvoll darlegen, Teil eines Tickets. Er setzt
sich vielmehr selbst aus einer Vielzahl von Tickets, Komponenten und Planken
zusammen. Der Hass auf das Abstrakte, Künstliche, auf die Zirkulationssphäre,
Müßiggang, den Liberalismus, Kommunismus und vieles mehr wird
im Antisemitismus zu einem Weltbild mit allumfassendem Erklärungsanspruch
zusammengefügt. Moishe Postone verweist in seinem theoretischen Versuch
über »Nationalsozialismus und Antisemitismus« auf die
plastische Darstellung dieser Wahrnehmung in einem der bekanntesten antisemitischen
NS-Plakate: »Es zeigt Deutschland – dargestellt als starken,
ehrlichen Arbeiter – das im Westen durch einen fetten, plutokratischen
John Bull bedroht ist und im Osten durch einen brutalen, barbarischen,
bolschewistischen Kommissar. Jedoch sind diese beiden feindlichen Kräfte
bloße Marionetten. Über den Rand des Globus, die Marionetten
fest in der Hand, späht der Jude.«
Anders als in Festreden über die »Stunde Null« oftmals
suggeriert, war Antisemitismus nach dem 8. Mai 1945 in Deutschland keinesfalls
verschwunden. Dank der Anwesenheit der Alliierten, der späteren Westintegration
der Bundesrepublik sowie der Einbindung der DDR in das Warschauer Vertragssystem
konnte er jedoch nicht oder nur begrenzt öffentlich artikuliert werden.
Antisemitismus zerfiel – zumindest auf öffentlicher Bühne
– in seine einzelnen Bestandteile. Die nunmehr entkoppelten, um
ihre einigende Klammer gebrachten Komponenten des antisemitischen Weltbildes
fungierten zwar weiterhin als Basis deutscher Identitätsbildung.
Der Antikommunismus der Adenauerzeit sorgte für die Integration weiter
Teile der Bevölkerung in den neuen Staat, die Aufbaumanie der 50er
und 60er Jahre trug zur erneuten Konstituierung des Kollektivs durch rastlose
Tätigkeit bei, und die Bilder der populären Heimatfilme fungierten
als Kontrast zum »Moloch Amerika«, den man in Hollywoodproduktionen,
dem Habitus der amerikanischen GIs oder im Rock’n’Roll zu
erkennen glaubte. Die einigende Klammer, die Wahnidee der jüdischen
Weltverschwörung, konnte jedoch allenfalls auf privater Ebene, bei
Familienfeiern, Stammtischzusammenkünften u. ä. um die einzelnen
Ressentiments gespannt werden.
Die Erfahrung der Niederlage zog allerdings nicht nur die Abstinenz der
Deutschen von größeren antisemitischen Ausschreitungen nach
1945 nach sich. Sie war zugleich eine der Ursachen der krampfhaft betonten
Bemühungen um eine »deutsch-jüdische« bzw., seit
Beginn der 60er Jahre, auch »deutsch-israelische Symbiose«.
So berichtet Saul K. Padover – Padover führte 1945 im Auftrag
der US-Army Befragungen im besetzten Deutschland durch –, dass die
Verfolgung und Ermordung der Juden von einem großen Teil seiner
Interviewpartner bereits kurz nach Kriegsende als »Hitlers größter
Fehler« bezeichnet wurde. Diese Äußerungen sind, anders
als Padover annimmt, nicht der Beweis für die Resistenz der Gesprächspartner
gegenüber der antisemitischen Hetze im Nationalsozialismus. Die Judenverfolgungen
werden nicht zuletzt bedauert, weil die Juden – nach antisemitischer
Auffassung bekanntlich die dunklen Mächte hinter den Alliierten –
im Kontext der Erfahrung des 8. Mai 1945 als zu mächtige Feinde empfunden
werden. Bis auf weiteres, bis zur eigenen Stärkung oder dem ersten
Anzeichen von Schwäche auf Seiten des neuen Verbündeten identifiziert
man sich mit den als mächtig Wahrgenommenen.
Dieses Anschmiegen an die vermeintliche Macht kollidierte jedoch stetig
mit dem auch nach 1945 weiterhin existierenden Bedürfnis nach nationaler
Identität, einer ungehinderten Identifikation mit Deutschland, dem
deutschen Volk und der deutschen Geschichte. Diese ersehnte nationale
Identität wird in Deutschland bekanntlich durch die Verbrechen des
Nationalsozialismus behindert. Die »absolute Schranke Auschwitz«
(Dan Diner) manifestiert sich dabei weniger in staatstragenden Erinnerungsritualen,
institutionalisierten Reden und Gesten an offiziellen Gedenktagen als
vielmehr in der Existenz des jüdischen Staates – wer von Israel
spricht, thematisiert, ob er will oder nicht, auch Auschwitz – sowie
derjenigen, die dem Vernichtungswahn entkamen. Israel, jede einzelne Jüdin
und jeder einzelne Jude stehen somit allein durch ihre bloße Existenz
dem Bedürfnis nach ungebrochener Identifikation mit Deutschland und
seiner Geschichte im Wege. Folglich richtet sich der Hass derer, die sich
trotz Auschwitz endlich wieder zum nationalen Wir bekennen wollen, gegen
diejenigen, die dieses Bekenntnis zu behindern scheinen. Dieser Hass artikuliert
sich im Rückgriff auf antisemitische Stereotypen, in Hetzbriefen
an die Repräsentanten der Jüdischen Gemeinden, Empörung
über eine vermeintliche jüdische Wiedergutmachungsgier sowie
in neuerer Zeit in der oftmals kaum versteckten Begeisterung für
die palästinensischen suicide bombers. »Die Abwehr an das Unsägliche
das geschah,« so umschrieben Horkheimer und Adorno diesen Reflex
bereits in den 50er Jahren, »bedient sich eben der Mittel, die es
bereiten halfen.«
Da die Störenfriede der ungebrochenen nationalen Identität einstweilen
glücklicherweise nicht aus dem Weg geräumt werden können
– man vergreift sich vorerst bevorzugt an ihren Friedhöfen
–, wird bis auf weiteres versucht, die deutschen Verbrechen zu leugnen
oder zu relativieren. Die »eigene überwertige Identifikation
mit dem Kollektiv«, so Adorno zu Beginn der 50er Jahre, soll hierdurch
»mit dem Wissen vom Frevel« in Übereinstimmung gebracht
werden: »man leugnet und verkleinert ihn, um nicht der Möglichkeit
jener Identifikation verlustig zu gehen«. Von Seiten der DDR sowie
weiter Teile der westdeutschen Linken war hierbei insbesondere die Gleichsetzung
der israelischen Politik mit der Politik des Nationalsozialismus beliebt
– Israel, so ist nach wie vor aus entsprechenden Stellungnahmen
zu erfahren, sei die Re-Inkarnation des NS-Staates, die israelischen Streitkräfte
würden Wehrmachtsmethoden anwenden und einen »Holocaust an
den Palästinensern« verüben. In der offiziellen politischen
Kultur der Bundesrepublik wurde hingegen lange Zeit bevorzugt darauf verwiesen,
dass in den Jahren des Nationalsozialismus nicht nur die Juden, sondern
auch die Deutschen gelitten hätten. Diese nachträgliche Selbsteinopferung
fand ihren bislang wohl markantesten Ausdruck 1984/85, als die Kohl-Regierung
ein Gesetz, in dem die Bestrafung der Auschwitz-Lüge festgeschrieben
wurde, um einen entsprechenden Passus zur so genannten Vertriebenen-Lüge
ergänzt wissen wollte.
Im Antisemitismus nach 1945 sind die Juden damit nicht mehr allein Projektionsfläche
für den Hass auf das Abstrakte, die Abscheu vor bürgerlicher
Affektkontrolle oder das Ressentiment gegen die Zirkulationssphäre.
Sie fungieren zugleich als Projektionsfläche für die Vergangenheitsbewältigung
des Kollektivs, zu dem sich nicht nur Vertreter der extremen Rechten wieder
ohne schlechtes Gewissen bekennen wollen.
Dieses Verdrängungsbedürfnis konkurrierte, überlappte und
vermischte sich in der deutschen Erinnerungskultur oftmals mit einer anderen
Variante des sekundären Antisemitismus. Aufgrund ihrer Zugehörigkeit
zur aktiven Gefolgschaft im Nationalsozialismus, so verwies Adorno 1962
auf einen weiteren charakteristischen Umgang mit der NS-Vergangenheit
in den Nachfolgestaaten des Dritten Reiches, sähen sich Eltern oftmals
gezwungen, »ihren Kindern gegenüber ihre damalige Haltung zu
verteidigen«. Hierdurch würden sie »fast automatisch
veranlasst, ihren Antisemitismus aus den dreißiger Jahren aufzuwärmen«.
Auschwitz, der nationalsozialistische Antisemitismus und das Wissen um
die Massenmorde werden im Rahmen dieser innerfamiliären Auseinandersetzungen
nicht geleugnet; der Rückgriff auf antisemitische Stereotypen dient
nicht der Artikulation des Hasses auf diejenigen, die angeblich »keine
Ruhe geben« wollen. Die Pogrome und Verfolgungen der NS-Zeit werden
mit Hilfe des Antisemitismus der 30er Jahre – durch Verweise auf
vermeintliche jüdische Kriegserklärungen, Greueltaten usw. –
vielmehr gerechtfertigt. Im Zentrum dieser Spielart des Antisemitismus
»wegen Auschwitz« steht damit nicht die Befreiung der Nation
von den nationalsozialistischen Verbrechen. Sie läuft vielmehr tendenziell
auf die Versöhnung mit bzw. das Bekenntnis zu Auschwitz
hinaus. Vergasungswünsche, mit denen ausländische Spieler oder
ganze gegnerische Mannschaften in Fußballstadien oftmals konfrontiert
werden, verweisen immerhin darauf, dass Auschwitz nach wie vor als Symbol
für die adäquate Realisierung von Vernichtungssehnsüchten
angesehen wird.
Da solcherlei Bekenntnisse nach 1945 lediglich im privaten oder quasi
rechtsfreien Raum getätigt werden konnten, wurde dieses Bedürfnis
zumeist – bewusst oder unbewusst – über Umwege artikuliert.
Eine erste Ausdrucksform erhielt es paradoxerweise in den stetigen Forderungen
nach einem Ende der Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus.
Insbesondere die Schlussstrich-Debatten der 50er Jahre entbehrten nahezu
vollständig einer realen Basis in der politischen Kultur der Bundesrepublik
– Auschwitz war in der Öffentlichkeit im Grunde nicht existent.
Der penetrant vorgetragene Wunsch, endlich etwas zu beschweigen, über
das bislang noch gar nicht debattiert wurde, beruht dabei entweder auf
Realitätsverlust. Oder das unterschwellige Ziel der Artikulation
dieser Forderung besteht darin, das entsprechende Thema endlich in die
öffentlichen Debatten einbringen zu können. Diese Reaktion weist
Ähnlichkeiten mit dem Verhalten eines gewöhnlichen Verbrechers
auf: Er möchte pausenlos über den gelungenen Coup reden, beschränkt
sich aus Angst vor Strafe jedoch auf Andeutungen oder einen negativen
Bezug auf die Tat.
Nachdem Auschwitz in den 50er und 60er Jahren, wenn auch negationistisch,
vor allem in der Mitte sowie am rechten Rand der Gesellschaft thematisiert
wurde – eine Ausnahme bilden fast ausschließlich die marginalisierten
Opferverbände –, wurden in den 70er und 80er Jahren schließlich
linke, alternative und liberale Kreise zu den dominanten Trägern
des Bedürfnisses, »endlich darüber reden« zu können.
Zielte die Thematisierung des Massenmordes um 1968 noch darauf hin, die
»Ursachen des Vergangenen« zu beseitigen, wurde nach dem Scheitern
der Protestbewegung auch von ehemaligen Protagonisten der Studentenrevolte
affirmativ auf die Funktion der Erinnerung für die nationale Selbstfindung
verwiesen. In Seminaren evangelischer Akademien wurde über deutsch-jüdische
Verbrüderung diskutiert, alternative Initiativen organisierten Klezmer-Konzerte
und verwiesen auf die damit verbundene Bereicherung der deutschen Kultur,
und der Begriff Trauerarbeit wurde zum Modewort. Der Bau einer zentralen
Gedenkstätte für die Opfer des Massenmordes, so betonte schließlich
der Sprecher des Initiativkreises für die Errichtung des Holocaust-Mahnmales
in Berlin bereits zu Beginn der Projektplanung, sei »eine nationale
Aufgabe und Verpflichtung«. Auschwitz sollte somit – wenn
auch zunächst kritisch – als sinnstiftendes Element in die
nationale Identität eingebracht werden.
Spätestens während des Kosovo-Krieges 1998 fand dieses Motiv
schließlich Eingang in die offizielle Politik des nunmehr wiedervereinigten
Deutschland. Verteidigungsminister Scharping glaubte im Kosovo in die
»Fratze der eigenen Geschichte« zu blicken, Außenminister
Fischer wollte ein zweites Auschwitz verhindern, und eine Vielzahl der
kritischen Intellektuellen erklärte, die Deutschen müssten sich
gerade aufgrund ihrer Geschichte an einem Angriff auf Rest-Jugoslawien
beteiligen.
Hatte das Reden über Auschwitz im Rahmen der konservativen und rechten
Geschichts-Debatten der 80er Jahre noch den Zweck, endlich damit aufhören
zu können, so scheint ein entsprechendes Bedürfnis zumindest
bei Teilen der politischen und kulturellen Elite mittlerweile nicht mehr
zu existieren. Ob sich hinter der neuen Gesprächigkeit tatsächlich,
wie es der inneren Logik dieser speziellen Variante des deutschen Umgangs
mit Auschwitz entspricht, das Verlangen verbirgt, endlich auf den kritischen
Beiklang der Gedenkreden verzichten zu können, wird sich aufgrund
der – wenn auch immer brüchiger erscheinenden – Integration
der Bundesrepublik in das westliche Bündnissystem in den nächsten
Jahren wohl nicht verifizieren lassen. Umso aufmerksamer gilt es, auf
Untertöne, Versprecher und Andeutungen in öffentlichen Verlautbarungen
zu Auschwitz, den »deutsch-jüdischen Beziehungen« und
zum Verhältnis zu Israel zu achten. »Auf der Grundlage einer
Leugnung der Vergangenheit oder des Versuchs, ihr zu entfliehen, kann
es kein anderes Deutschland geben«, so verwies Moishe Postone bereits
Mitte der 80er Jahre auf die Implikationen der verschiedenen Formen der
deutschen Erinnerung an Auschwitz. »Es gibt in der Tat nur zwei
Möglichkeiten: Eine endgültige Versöhnung mit dieser Vergangenheit
oder aber der konstante, d. h. in fortwährender Auseinandersetzung
zu vollziehende Bruch mit ihr.«
Halle, Juni 2003
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