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»Materialien zu Aufklärung und Kritik«
Die schlechte Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft
Thesen zur Diskussion mit der Leipziger Gruppe in Gründung (GiG),
Juni 2006
1.
Wenn Nazis in Parlamente einziehen, die neueste Kampagne – »Weg
mit Deutschland«, »Weg mit Europa«, »Weg mit den
Kameras am Connewitzer Kreuz« – mal wieder scheitert oder
bei der Demonstration, für deren Vorbereitung die Initiatoren Freizeit,
Taschengeld und letzte Nerven geopfert haben, erneut nur 300 Leute erscheinen,
sucht die Linke regelmäßig nach »neuen Strategien«.
Diese Strategiediskussionen sind die aktuelle Form linker Selbstkritik;
durch sie wird suggeriert, man selbst habe beim letzten Mal nur etwas
falsch gemacht, müsse sich beim nächsten Versuch also nur mehr
anstrengen, cleverer vorgehen, geschickter taktieren usw. Mit dieser Form
der Selbstkritik wird das Ausbleiben tatsächlicher Veränderungen
kompensiert; mit ihr wird der Glaube an den nur noch zu findenden revolutionären
Nippel gerettet, der lediglich durch die Lasche gezogen werden muss, um
die Verhältnisse doch noch zum Tanzen zu bringen. [1] Selbstkritik
wird damit zum Instrument bei der Abwehr der Realität; sie hilft
bei der Abwehr der Erkenntnis, dass das regelmäßige Scheitern
der Linken und der Fortbestand des falschen Ganzen nicht nur subjektive
Gründe haben. So waren die Existenz eines selbstbewussten Bürgertums,
die Existenz von Individuen, Klassen, eines freien Marktes usw. »die
Bedingungen der theoretischen wie praktischen Möglichkeit […]
der Aufhebung der Totalität«. [2] »Die Kategorie ›Gesellschaft‹
selbst«, so Herbert Marcuse, »drückte den akuten Konflikt
zwischen der sozialen und politischen Sphäre aus – die Gesellschaft
als antagonistisch gegenüber dem Staat. Entsprechend bezeichneten
Begriffe wie ›Individuum‹, ›Klasse‹, ›privat‹,
›Familie‹ Sphären und Kräfte, die in die etablierten
Verhältnisse noch nicht integriert waren – Sphären von
Spannung und Widerspruch.« [3] Diese Sphären von Spannung und
Widerspruch sind längst in Auflösung begriffen: Staat und Gesellschaft
stehen sich nicht mehr antagonistisch gegenüber, der Begriff Klasse
taugt allenfalls zur soziologischen Umschreibung von Einkommensunterschieden,
und der Einzelne kann sich nur noch durch seine Zugehörigkeit zu
verschiedenen Rackets – also tendenziell durch die Verleugnung seiner
selbst als Individuum – erhalten. Das heißt: »Die Spannung
zwischen individuellem Unglück und der Welt, in der es erfahren wird,
verliert an Kontur; aus aktuellen gesellschaftlichen Widersprüchen
kann kaum mehr ein Allgemeines von einem Besonderen geschieden werden,
weil das Besondere sich im Allgemeinen aufzulösen scheint.«
[4]
2.
Max Horkheimer konstatierte 1939: »Im Spätkapitalismus verwandeln
sich die Menschen zuerst in Unterstützungsempfänger und dann
in Gefolgschaften.« [5] Verantwortlich hierfür ist die immer
größere Entbehrlichkeit des Menschen aufgrund fortschreitender
Technisierung bzw. das »dauernde Zittern um die erbärmliche
Notstandshilfe im Zeitalter der großen Industrien«. [6] Die
Menschen werden damit, wie Wolfgang Pohrt in Anlehnung an Horkheimer ausführt,
Rentner und Zwangsarbeiter in einem. [7]
In der bürgerlichen Gesellschaft traten sich die Einzelnen als freie
Marktsubjekte gegenüber. Aus dem Interesse an der Ware Arbeitskraft
leitete sich der selbstbewusst vertretene Anspruch auf Entgelt (Motto:
»Gutes Geld für gute Arbeit!«) sowie seine juristische
Fixierung im bürgerlichen Recht ab. Heute existiert kein wirkliches
Interesse an der Ware Arbeitskraft mehr; die »staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
lassen alle Tätigkeiten tendenziell zur Beschäftigungstherapie
werden«. [8] Wenn ein Teil der Gesellschaft um des puren Werkelns
Willen Löcher gräbt und wieder zuschüttet, Rabatten anlegt,
die kurz darauf wieder eingerissen werden, oder als Citydienst in bunten
Jacken durch die Stadt jagt, dann wird durch diese Beschäftigungstherapien
langfristig auch jede andere Tätigkeit affiziert; es wird ununterscheidbar,
was sinnvolle und was sinnlose Tätigkeit ist. Die Vergabe eines Arbeitsplatzes
wird nicht mehr auf das Interesse des »Arbeitgebers« an den
Fähigkeiten des jeweiligen Arbeitskraftbehälters erfahren, die
Bezahlung nicht mehr als selbstverständliche Erfüllung eines
auf Beiderseitigkeit beruhenden Vertrages begriffen, sondern als Gnadenerweis.
Die Menschen treten sich nicht mehr als konkurrierende und freie Marktsubjekte
gegenüber; sie konkurrieren nicht mehr um unterschiedliche Anteile
am (Arbeits-)Markt. Sie wetteifern vielmehr um Zuwendungen, das heißt
um die Gunst des Staates – in Form von ABM-Stellen, Sozialhilfe
und »normalen« Arbeitsplätzen, deren Schaffung und Vergabe
ebenfalls als Aufgabe des Staates (Wirtschaftsministerien, Arbeitsämter
usw.) begriffen wird. In dem Maß, in dem sich die Menschen in staatsunmittelbare
Soldaten der Arbeit verwandeln, verschwindet der bourgeois, der Marktbürger,
zugunsten des Staatsbürgers citoyen.
3.
Die Rede vom Nachtwächterstaat war in gewisser Weise stets Lüge.
Mit ihr sollte verschleiert werden, dass der Staat der »Staat des
Kapitals« war; mit ihr sollte kaschiert werden, dass der Nachtwächter
der Bourgeoisie als »Tagespolizist fürs Proletariat«
(Johannes Agnoli) fungierte. Nichtsdestotrotz konnte sie einen gewissen
Wahrheitsgehalt für sich beanspruchen: Der Souverän kümmerte
sich ȟber den Schutz des Eigentums hinaus nur wenig um die
Wirtschaft«. [9] Staat und Gesellschaft, Staat und Kapital waren
getrennte Sphären. Polizei, Gericht und Administration waren, wie
Marx ausführt, »Abgeordnete des Staats, um den Staat gegen
[Hervorhebung von uns] die bürgerliche Gesellschaft zu verwalten«.
[10]
Im Verlauf der großen Krisen wurde diese Trennung von Staat und
Gesellschaft, Staat und Kapital aufgehoben. Der Grund: Der Wert war im
Rahmen der gegebenen Möglichkeiten nicht mehr in der Lage, sich »selbst«
zu verwerten. In dieser Situation erhielt der Staat neue Aufgaben. Er
ist nicht länger »ideeller Gesamtkapitalist« (Friedrich
Engels); Krieg und Weltkrisen haben, wie Heinz Langerhans erklärt,
Staat und Kapital vielmehr zu »einem einzigen Schutzpanzer eingeschmolzen«:
»Aus dem automatischen Subjekt Kapital mit dem besonderen Organ
ist das einheitliche Staatssubjekt Kapital geworden.« [11] Der Wert
verwertet sich nicht mehr »selbst«, er ist nicht länger
»automatisches Subjekt«; sein Prozessieren kann nur noch mit
Hilfe des Staates – durch direkte Interventionen, die Vergabe von
Staatsaufträgen, Schutzzölle, Preisvorschriften und damit: die
(partielle) Suspendierung des Marktes – gewährleistet werden.
Mit anderen Worten: Der Staat verwandelt sich vom Nachtwächter in
einen »gigantischen Konflikt- und Krisenmanager«. [12]
4.
Die Arbeiterklasse existiert zwar noch. Sie kann allerdings nur noch soziologisch,
das heißt: über Gehaltsscheck, kulinarische Vorlieben oder
die Treue zu bestimmten Fußballvereinen, bestimmt werden. Auch wenn
im Grundkurs Soziologie anderes behauptet wird, war Marx allerdings kein
Sozialwissenschaftler; er sprach nicht im Stile des Wissenschaftsbetriebs
von einem Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital, sondern weil er auf
die dialektische Aufhebung dieses Widerspruchs hoffte. Voraussetzung für
die Verweise des jungen Marx – der alte verzichtete weitgehend darauf
– auf die »historische Mission der Arbeiterklasse« war
die vorweggenommene Perspektive der Befreiung der Menschheit durch das
Proletariat.
Nach den gescheiterten Revolutionen, zwei Weltkriegen und Auschwitz ist
das Proletariat harmonischer Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaft.
»Die Klasse samt ihrer Organisation fügt sich ein in eine Konstellation,
in der alle ›um den größtmöglichen Anteil am Mehrwert‹
kämpfen.« [13] So hat durch die Verschmelzung von Staat und
Kapital nicht nur die Bourgeoisie ihre bisherige Rolle im ökonomischen
Prozess verloren. Im Rahmen der großen Krisenbewältigung seit
der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts (Faschismus, Nationalsozialismus,
New Deal, Verstaatlichung, Keynesianismus usw.) kam es auch zur »Enteignung
der Arbeiterbewegung im Interesse der Reproduktion der Arbeit«.
[14] Das Proletariat und alle übrigen Schichten wurden, wie Heinz
Langerhans 1934 erklärt, weitgehenden Veränderungen unterworfen:
»Das Staatssubjekt Kapital erzwingt sich das Monopol auf Klassenkampf.
[...] Eine rücksichtslose soziale Pazifierungsaktion mit dem Zweck
der ›organischen‹ Einfügung des Kapitalteils Lohnarbeit
in den neuen Staat wird eingeleitet.« [15] Am konsequentesten wurde
diese Entwicklung bekanntlich in Deutschland betrieben: Hier wurde der
Interessengegensatz zwischen Arbeit und Kapital aufgehoben, indem alle
gemeinsam zum »Wohle des Ganzen«, zum Unwohl der Juden zur
Volksgemeinschaft verschmolzen. Marx’ vorweggenommene Perspektive
der Befreiung durch die Arbeiterklasse »an sich« und »für
sich« lässt sich seither nicht mehr einnehmen. Ließ sich
zuvor noch in kritischer Absicht auf einen Widerspruch zwischen Arbeit
und Kapital verweisen, lässt sich seither nur noch von Arbeitsteilung
sprechen. Ebenso wenig wie sich aus der Existenz von Drohnen, Arbeitsbienen
und Königinnen ein Klassenantagonismus ableiten lässt, lässt
sich aus der Existenz von Staatsbürgern, die schrauben, mauern oder
morden, und Staatsbürgern, die das Schrauben, Mauern und Morden überwachen,
auf einen »Grundwiderspruch« von Ausbeutern und Ausgebeuteten
schließen. Der so genannte »Grundwiderspruch von Arbeit und
Kapital«, so Joachim Bruhn, wurde zum »systemimmanenten Motor
der Akkumulation transformiert«. [16]
5.
In der bürgerlichen Gesellschaft werden die Menschen bekanntlich
von direkten, persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen –
Sippe, Stamm, Feudalherr usw. – befreit. Sie werden stattdessen
den unpersönlichen Gesetzen des Marktes unterworfen. Das ist allerdings
nur die halbe Wahrheit. Das »Recht des Stärkeren«, so
erklärte Marx dementsprechend gegen die politischen Ökonomen
seiner Zeit gerichtet, lebe »unter anderer Form auch in ihrem ›Rechtsstaat‹«
fort. [17] Das bürgerliche Zeitalter war also nicht nur durch abstraktes
Recht und sachliche Vermittlung gekennzeichnet, sondern auch durch die
Herrschaft der Stärkeren, die sich in Form von Rackets zusammenrotteten.
Die Tendenz der nachbürgerlichen Zustände ist die Totalisierung
der Racket-Herrschaft. »Das Racket-Muster, wie es für das Verhalten
der Herrschenden gegenüber den Beherrschten typisch war«, so
Max Horkheimer in den vierziger Jahren, »ist jetzt repräsentativ
für alle menschlichen Beziehungen.« [18]
Der wohl zentrale Grund dieser Entwicklung ist in der wirtschaftlichen
Monopolisierung zu suchen. Konkurrierten früher viele kleinere Produzenten
miteinander, teilen sich heute wenige große Aktiengesellschaften
den Markt: »Ihre geringe Zahl, die erweiterten Möglichkeiten
direkter Kommunikation und der Umfang der gefährdeten Investitionen«,
so Wolfgang Pohrt, »legt es nahe, sich auf Kosten Dritter zu einigen,
statt gegeneinander zu konkurrieren. Die Gefahr ruinösen Preisverfalls
infolge enorm gestiegener Produktivität drängt auf Absprachen,
und die Gleichförmigkeit der Produkte verschiedener Aktiengesellschaften
ebnet ihnen […] den Weg.« [19] Die jeweiligen Monopole können
dem Konkurrenzkapital, Zuliefererbetrieben und Arbeitskraftbehältern
ihre Bedingungen unmittelbar diktieren.
Unter diesen Umständen – vor dem Hintergrund eines Überangebots
an Arbeitskraft, des Verschwindens von freien Marktsubjekten und Klassengegnern,
die den status quo in Frage stellten – wird der Tauschakt nicht
mehr wie in der bürgerlichen Gesellschaft mit der Übergabe von
Geld und Ware beendet; er begründet vielmehr ein persönliches
Abhängigkeitsverhältnis. Der Verkäufer von Arbeitskraft,
Rinderhälften und Kotflügelaufhängungen muss es als Gnade
empfinden, überhaupt arbeiten oder liefern zu dürfen. Diese
Gnade verlangt nach einer Gegenleistung: Jungunternehmer, Werbezeichner
und Prolet müssen ihre persönliche Treue und Dankbarkeit beweisen,
ihre Freizeit der Firma opfern und ihrem Vorgesetzten, dem Großabnehmer
oder dem Chef des Gewerbeamtes jederzeit als Seelentröster, Squash-
und Trinkpartner zur Verfügung stehen. Ebenso wie die Unternehmen,
die sich aus Angst vor dem eigenen Untergang zu Kartellen und Oligopolen
zusammenschließen, müssen auch die menschlichen Elementarteilchen
erkennen: »Allein machen sie Dich ein!« Auch sie vertrauen
nicht mehr auf die Selbstheilungskräfte des Marktes und die eigenen
Fähigkeiten, sondern versuchen, ihrem Glück nachzuhelfen. Sie
organisieren sich dementsprechend in Banden, Gangs und Rackets, die in
Interaktion mit anderen Banden, Gangs und Rackets treten und Gruppenloyalität
über Gesetzestreue stellen. Mit anderen Worten: »Die bürgerliche
Gesellschaft, die ihrem Begriff nach die Versammlung von freien Individuen
war, die nur den Gesetzen des Marktes gehorchen müssen, bildet sich
zurück in ein Geflecht von Unter- und Überordnung und persönlicher
Abhängigkeit.« [20]
6.
Die Entstehung des Individuums ging mit der sich durchsetzenden bürgerlichen
Produktionsweise einher. Deren Konkurrenzprinzip bedingte freie Wirtschaftssubjekte,
die sich gegeneinander abgrenzten, ihre Einzigartigkeit zum eigentlichen
Prinzip und sich selbst zum Maßstab erhoben.
»Heute nun««, so Adorno, »verlieren Konkurrenz
und freie Marktwirtschaft gegenüber den zusammengeballten Großkonzernen
und den ihnen entsprechenden Kollektiven mehr und mehr an Gewicht. Der
Begriff des Individuums […] erreicht seine Grenze.« [21] Mit
der Verschmelzung von Staat und Kapital formiert sich die Gesellschaft
nicht mehr als Ansammlung vereinzelter Marktteilnehmer; es stehen sich
vielmehr verschiedene Interessengruppen als Banden und Rackets gegenüber.
Diese Banden, Gangs und Rackets vereinnahmen das Individuum mit dem Gewähren
von Schutz, unter Forderung der völligen Ein- und Unterordnung. Dabei
kann der Einzelne seine Existenz in der Gesellschaft nur noch durch Anpassung
ans Kollektiv erhalten; er muss sich selbst somit tendenziell als Individuum
verleugnen. Die Charakterzüge, die zum Überleben notwendig sind,
sind nicht mehr Weitsicht, Autonomie, Spontaneität usw., sondern
Anpassungsfähigkeit und Konformismus, also: nicht nur die Fähigkeit,
sich im Enddarm des jeweiligen Führers und Vorbeters häuslich
einzurichten, sondern sich dort auch noch wohl zu fühlen. Das heißt:
»Selbsterhaltung verliert ihr Selbst« [22]; das Individuum
wird schrittweise liquidiert.
7.
Am Ende eine Mischung aus Fazit und ein wenig Pathos: Anders als von zahlreichen
Linken suggeriert, hinter deren Deutschlandkritik sich möglicherweise
eine Mischung aus besonderem Sendungsbewusstsein und Tatstolz (»Auschwitz
bleibt deutsch!«) verbirgt, ist diese Entwicklung nicht nur auf
Deutschland beschränkt. In Ländern mit demokratischer Tradition
und entwickeltem Kapitalismus ist die schlechte Aufhebung der bürgerlichen
Gesellschaft allerdings »oft ein mühsamer Prozess, weil gegen
die Brutalisierung der Masse, die sukzessive Ausschaltung der freien Konkurrenz,
die Lähmung der öffentlichen Kontrollorgane und die kriminellen
Touren des Führungspersonals sich hinhaltender, manchmal sogar erfolgreicher
Widerstand bildet«. [23] »Aufhebung« ist dabei ganz
im Sinne der Einführungsveranstaltung Philosophie, deren Besuch also
doch nicht ganz umsonst war, in der dreifachen Wortbedeutung zu verstehen:
Aufheben im Sinne von »zerstören«, im Sinn von etwas
– hier in negativer Form – »auf eine höhere Stufe
heben« und im Sinn von »bewahren«. Dem Kritiker bleibt
derzeit nicht viel mehr, als zu hoffen, dass nicht nur die Kälte
des bürgerlichen Subjekts, sondern auch einige Grundlagen für
Empathie und Erfahrungsfähigkeit bewahrt wurden. Die Begeisterung,
die systemtheoretischen und poststrukturalistischen Zumutungen in den
schon erwähnten Soziologie- und Philosophiegrundkursen entgegengebracht
wird, weckt allerdings nicht gerade Optimismus. Anstatt sich darüber
zu empören, dass es in der Gesellschaft, die von Luhmann, Butler
und Co. affirmativ beschrieben wird, auf das Handeln der Menschen nicht
mehr ankommt, reagiert der Wissenschaftsbetrieb auf solche Aussagen mit
zufriedenem Kopfnicken. Der Kritiker muss vor diesem Hintergrund also
noch auf etwas Zweites hoffen: darauf, dass die Menschheit schlauer ist
als ihre intellektuelle Vorhut. Zumindest darauf stehen die Chancen nicht
schlecht; immerhin sind die Intellektuellen, vom verbeamteten Denker im
Universitätsbetrieb bis zum Zeilenschinder im Zeitgeistmagazin, diejenigen,
die sich stets als erste flachlegen und die jeweils neueste Agentur der
Barbarei – seien es die Nazis, sei es der Islamismus – begeistert
begrüßen.
Anmerkungen
[1] Vgl. hierzu Jan Gerber: Me and my Monkey, in: Phase2 18 (2005).
[2] Herbert Nagel: Besinnung auf ein stillschweigend Vorausgesetztes:
Totalität, in: ders., Frank Böckelmann (Hrsg.): Subversive Aktion.
Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern, Neuausgabe, Frankfurt am
Main 2002, S. 407.
[3] Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie
der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Frankfurt am Main 1970, S.
16.
[4] Herbert Nagel: Besinnung auf ein stillschweigend Vorausgesetztes:
Totalität, in: ders., Frank Böckelmann (Hrsg.): Subversive Aktion.
Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern, Neuausgabe, Frankfurt am
Main 2002, S. 417.
[5] Max Horkheimer: Die Juden und Europa, in: ders.: Autoritärer
Staat, Amsterdam 1967, S. 13.
[6] Max Horkheimer: Autoritärer Staat, in: ders.: Autoritärer
Staat, Amsterdam 1967, S. 74.
[7] Wolfgang Pohrt: Nutzlose Welt. Ohnmacht im Spätkapitalismus,
in: ders.: Theorie des Gebrauchswerts. Über die Vergänglichkeit
der historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert
setzt, Berlin 1995, S. 21.
[8] Ebd.
[9] Gerhard Scheit: Die Meister der Krise. Über den Zusammenhang
von Massenvernichtung und Volkswohlstand, Freiburg 2001, S. 16.
[10] Zit. nach: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, S.
384.
[11] Heinz Langerhans: Die nächste Weltkrise, der zweite Weltkrieg
und die Weltrevolution, in: ders.: Staatssubjekt Kapital, Halle 2004,
S. 19.
[12] Ebd.
[13] Gerhard Scheit: Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt,
Freiburg 2004, S. 342 f. Scheit zitiert hier Horkheimer.
[14] Initiative Sozialistisches Forum: Materialismus und Barbarei, in:
Kritik und Krise 6 (1993), S. 3.
[15] Heinz Langerhans: Die nächste Weltkrise, der zweite Weltkrieg
und die Weltrevolution, in: ders.: Staatssubjekt Kapital, Halle 2004,
S. 19.
[16] Joachim Bruhn: Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation,
Freiburg 1994, S. 153.
[17] Zit. nach Gerhard Scheit: Suicide Attack. Zur Kritik der politischen
Gewalt, Freiburg 2004, S. 343.
[18] Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Bd. 12. Nachgelassene Schriften
1931-1949, Frankfurt am Main 1985, S 101.
[19] Wolfgang Pohrt: Theorie des Gebrauchswerts. Über die Vergänglichkeit
der historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert
setzt, Berlin 1995, S. 252 f.
[20] Wolfgang Pohrt: Durchbruch der deutschen Außenpolitik in die
gleiche Richtung, in: ders.: Das Jahr danach. Ein Bericht über die
Vorkriegszeit, Berlin 1992, S. 248.
21 Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften. Bd. 8. Soziologische Schriften
1, Frankfurt am Main 1980, S. 450.
[22] Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften. Bd. 4. Minima Moralia, Frankfurt
am Main 1997, S. 261.
[23] Wolfgang Pohrt: Durchbruch der deutschen Außenpolitik in die
gleiche Richtung, in: ders.: Das Jahr danach. Ein Bericht über die
Vorkriegszeit, Berlin 1992, S. 239.
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