Jens Schmidt
Halle liegt im Trend: Nach dem Reaktorunglück in Fukushima tat man auch in Sachsen-Anhalt, als habe der Atomunfall nicht in Japan stattgefunden, sondern in Halle-Neustadt, Kelbra oder Zeitz. Jens Schmidt führt aus, warum die Deutschen wieder einmal die ersten Opfer der Katastrophe waren. Die ersten Opfer sind immer die Deutschen. Diese Weisheit bestätigte sich nach dem Reaktorunglück in Japan wieder einmal. Die Bundesbürger verhielten sich, als habe der Unfall nicht im japanischen Fukushima, sondern auf der hallischen Silberhöhe, bei einem Lena-Konzert oder auf dem „Eisleber Wiesenmarkt“, laut Eigenwerbung „Mitteldeutschlands größtes Volksfest“, stattgefunden. Statt über die Vorgänge in Japan unterhielt man sich hierzulande miteinander übereinander. Der Fernsehsender „Pro 7“ beschloss, von der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ nur noch Folgen zu zeigen, in denen das Atomkraftwerk des Serienschurken Montgomery Burns keine Rolle spielt. Die Bundesregierung vergaß kurzerhand, dass die Notverordnungsgesetzgebung der Weimarer Republik schon vor einigen Jahren außer Kraft gesetzt wurde und ließ ohne größeres parlamentarisches Pipapo sieben Reaktoren vom Netz nehmen. (Da die Opposition ebenfalls der Meinung zu sein schien, dass sich über Elbe, Ruhr und Wipper längst Tsunamiwellen auf die Atomkraftwerke Krümmel, Biblis und Buxtehude zubewegen, hatte sie an dieser Degradierung der Parlamente zur Quasselbude lediglich auszusetzen, dass die Entscheidung nicht früher gefallen und nicht konsequent genug gewesen sei.) Und selbst in Sachsen-Anhalt, einem Bundesland, von dem nicht einmal die schwer angeschlagene Atomlobby viel wissen will – der Bau des Kernkraftwerks Stendal, des ersten, einzigen und letzten AKWs im Land, wurde 1991 gestoppt –, sorgte die Katastrophe von Fukushima für einen pompösen Durchmarsch der „Grünen“ bei den Landtagswahlen. Die Partei, die aufgrund des eklatanten Mangels an Besserverdienenden in Sachsen-Anhalt das letzte Mal im politischen Pleistozän der 1990er Jahre im Landesparlament vertreten war, überholte selbst die heimlichen Lokalmatadore von der NPD, warf die FDP aus dem Rennen und stellt seither mit knapp sieben Prozent die viertstärkste Fraktion im Magdeburger Landtag. Aber nicht nur die politische Klasse und der Kulturbetrieb signalisierten, dass kein notwendiger Zusammenhang zwischen radioaktiver Belastung und schwerster Verstrahlung bestehen muss. Auch die Mehrheit der Bundesbürger kannte keine Parteien, Fraktionen, Klassen und Schichten mehr, sondern nur noch engagierte Kämpfer gegen die Kernspaltung: Innerhalb weniger Tage nach dem Reaktorunglück waren Geigerzähler und Jodtabletten ausverkauft. Basisgruppen riefen zu bundesweiten Flashmobs auf, bei denen sich die Teilnehmer das Radioaktivitätssymbol an die Brust pappen, sich auf den Boden werfen und für drei Minuten Strahlenopfer spielen konnten – eine, wie die Anti-Atom-Initiative „Ausgestrahlt“ auf ihrer Homepage versprach, „schnelle Aktion mit viel Spaß“. Und am 14. März versammelten sich auf 450 deutschen Marktplätzen mehr als 100.000 Menschen zu Mahnwachen gegen Atomkraft. Noch nie, so erklärten Vertreter des bundesweiten Vorbereitungskreises, seien so viele Menschen einem Demonstrationsaufruf gefolgt, der so kurzfristig verbreitet wurde. Allein in Halle, das bis dahin weder als Bastion ökologischen Bewusstseins noch der internationalen Solidarität bekannt war, fanden sich Angaben der Regionalpresse zufolge 350 Personen zusammen, um eine Schweigeminute abzuhalten, die obligatorischen Kerzen anzuzünden und weiße Chrysanthemen auf den Beton zu legen. „Fukushima ist überall!“ Während in amerikanischen Nachrichtensendungen analytisch sauber zwischen den Folgen des Reaktorunglücks und der vorangegangenen Naturkatastrophe getrennt wurde, interessierte sich in Deutschland kaum jemand für solche Feinheiten. Die Organisatoren der bundesweiten Mahnwachen erklärten, dass ihr Engagement dem Gedenken an die 20.000 Opfer des Tsunamis, des Erdbebens und der Atomkatastrophe in Japan gewidmet sei. Um auf der antiatomaren Regenbogenwiese gar nicht erst Zweifel aufkommen zu lassen, wurde allerdings eine Kleinigkeit verschwiegen: Der Atomunfall, so katastrophal seine Folgen langfristig möglicherweise auch sein werden, hatte bis zu dem Zeitpunkt, zu dem sich die deutsche Öffentlichkeit wieder der Kneipeneröffnung Daniela Katzenbergers auf Mallorca zuwandte, kein einziges Todesopfer gefordert. Die 20.000 Toten, von denen Mitte März auf den Marktplätzen fast aller deutschen Groß- und Mittelstädte gesprochen wurde, gingen ausnahmslos auf das Konto jener reinen und unberührten Natur, die auf den Spielplätzen des Münsteraner Kreuz-, des Hamburger Schanzen- oder des hallischen Paulusviertels sonst als Gegenbild zur bösen Technik beschworen wird. Da die fiese Atomenergie den Kernkraftgegnern bis dahin einfach nicht den Gefallen tun wollte, auch nur einen Toten zu produzieren, wurden die Opfer des Tsunamis und des Erdbebens kurzerhand zur eigenen Klientel erklärt. Angesichts dieses Dranges, den body count möglichst hoch ausfallen zu lassen, der hektischen Geschäftigkeit, in die die Anti-Atom-Lobby – von der Bundesregierung über die Opposition bis hin zur Teenager-Zeitschrift „Bravo“ – hierzulande sofort nach dem Reaktorunglück verfiel, und der permanenten Selbststilisierung zum Opfer (Stichwort: „Die-in“-Flashmobs) war kaum zu entschlüsseln, ob das beliebteste Plakat jener Tage eher als Warnhinweis oder als Wunschzettel zu lesen war: „Fukushima ist überall!“ Sonderbewusstseinszone Deutschland Wer den Ursachen dieser deutschen Atomklatsche auf den Grund gehen will, muss in die Zeit zurückzugehen, in der sie entstanden ist; er muss sich mit jenen Jahren auseinandersetzen, in denen ihre verborgenen Motive noch weitaus offener zutage traten als nach zwei biblischen Zeitaltern umweltbewegter Anti-Kernkraft-Konditionierung: in die Jahre der ersten deutschen Anti-Atommobilisierung. Zwar gab es in dieser Zeit, in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, in fast allen westeuropäischen Ländern Bewegungen, die sich gegen Atomkraft – genauer: gegen Kernwaffen – richteten. In den Jahren zwischen dem ersten erfolgreichen sowjetischen Atombombentest im Sommer 1949 und der Einrichtung des Roten Telefons zwischen Washington und Moskau im Nachgang der Kubakrise stand die Welt tatsächlich mehrmals am Rand des Super-Gaus: des Atomkrieges zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Aber schon in dieser Zeit der europaweiten Mobilisierung gegen Kernwaffen war Deutschland jene antiatomare Sonderbewusstseinszone, die noch heute in die Welt strahlt. Nirgendwo war die Angst vor der nuklearen Katastrophe so überdeterminiert wie zwischen Zugspitze und Helgoland, für dessen Heimholung ins Reich – die Insel stand seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges unter britischer Oberhoheit – kurz zuvor tausende Bundesbürger demonstriert hatten. Auf den ersten Blick sahen die Deutschen mit einem nahezu unerschütterlich wirkenden Optimismus in die Zukunft: Ludwig Erhards Ausspruch „Wohlstand für alle“ wurde zur Parole der Zeit; der Abschluss eines Bausparvertrages – krisenfest und auf zwanzig Jahre ausgelegt – wurde zum kollektiven Initiationsritus für den Einstieg ins Erwachsenenleben. Bereits die Exzesse der Wirtschaftswunderzeit zeigten jedoch, dass die Deutschen ihrem Glück nicht so recht trauten: Während der so genannten Fresswelle Anfang der 1950er Jahre stopften sie sich mit Würsten, Eisbein, Grillhaxen und Sahnetorten voll, als gäbe es kein Morgen; im Zuge der Reisewelle, die der Fresswelle folgte, fielen sie, eingepfercht in Neckermann-Busse, in Scharen über die Länder her, die Vati mit seinen Kameraden bereits im Krieg erkundet hatte, als würde sich nie wieder die Möglichkeit ergeben, andere Gegenden der Erde kennenzulernen. Als die Adenauer-Regierung schließlich plante, die Bundeswehr mit Kernwaffen auszustatten, wurde die Angst vor der Vergänglichkeit von Reihenhaus, Nierentisch und VW-Käfer auch offen formuliert. Der „Kampf-dem-Atomtod“-Bewegung, aus der kurz darauf die deutsche Ostermarschbewegung hervorging, gelang die größte Massenmobilisierung seit dem Volkssturm. Hunderttausende gingen auf die Straße, um, wie es im ersten Text der Initiative hieß, gegen den „sicheren Atomtod“ des „deutschen Volkes“ zu protestieren. Rund siebzig Prozent der westdeutschen Bevölkerung, also auch ein Großteil derjenigen, die ihre Stimme bei den Bundestagswahlen von 1957 der Union gaben, sprachen sich Meinungsumfragen zufolge gegen die Stationierung von Atomraketen in Deutschland aus. Das Nebeneinander von Fortschrittsoptimismus und Untergangsangst fand seine Entsprechung, mit anderen Worten, nicht im Gegenüber zweier politischer Lager. Auch wenn die „Kampf-dem-Atomtod“-Kampagne zunächst von der SPD und den Gewerkschaften initiiert worden war, entzogen sich die Proteste gegen die Atombombe – und später: die Kernkraft – der traditionellen Gesäßgeografie von „links“ und „rechts“. Der Slogan „Wohlstand für alle“ und die Rede vom „sicheren Atomtod des deutschen Volkes“ waren das Yin und Yang des postnazistischen Bewusstseins: Sie verhielten sich komplementär zueinander. Als der damalige Finanzminister Franz Josef Strauß 1969 erklärte, dass „ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht“ habe – gemeint waren die Deutschen und ihr Wirtschaftswunder –, ein Recht darauf habe, „von Auschwitz nichts mehr wissen zu wollen“, verwies er unfreiwillig auf den Kitt, der beides zusammengehalten hatte: Der Zweite Weltkrieg war 1957, als 18 prominente deutsche Atomphysiker die „Göttinger Erklärung“ gegen Kernwaffen, das erste Manifest des deutschen Anti-Atom-Engagements, unterschrieben, gerade eine Dekade vorbei; Auschwitz war nur zwölf Jahre zuvor befreit worden. Anstatt, wie es von der NS-Propaganda immer wieder vorhergesagt worden war, zur Verantwortung gezogen zu werden, erlebten die Deutschen den ökonomischen Aufstieg; die Bundesrepublik wurde in die Nato aufgenommen und mauserte sich, als wäre nichts geschehen, zu einer der führenden europäischen Wirtschaftsmächte. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ Doch hatte man nicht gelernt, dass Strafe sein muss? Und dient die Strafe nicht oft auch dem Weltvertrauen der Täter? So zieht es Verbrecher nicht nur aufgrund der bekannten Mischung aus Neugier, Tatstolz und Leichtsinn immer wieder an den Ort ihrer Untaten zurück. Der vermeintliche Leichtsinn ist regelmäßig auch Ausdruck des untergründig wirkenden Bedürfnisses, doch noch gestellt und für die eigenen Handlungen zur Verantwortung gezogen zu werden. Gerade den Taten Halbwüchsiger ist gelegentlich die Sehnsucht anzumerken, jene Grenzen gesetzt zu bekommen, die sie auch im eigenen Interesse benötigen: Wer lebt schon gern im Bewusstsein, jemanden zum Krüppel geschlagen zu haben; wer will schon, dass mit ihm selbst ungestraft so umgegangen werden kann, wie es die unterdrückten Triebe von Zeit zu Zeit verlangen? Wenn der Tatbestand jedoch nicht Diebstahl, Ehebruch oder Körperverletzung, sondern Mord heißt, wenn die potentielle Strafe also existentielle Ausmaße annimmt, wird das ohnehin labile Verlangen, um des eigenen Weltvertrauens willen zur Verantwortung gezogen zu werden, prekär. Bei Massenmord stößt schließlich auch das Recht an seine Grenzen. Denn was hätte mit denen geschehen sollen, die sich kollektiv an der Ermordung einer ganzen Bevölkerungsgruppe beteiligt hatten? Hätten die Alliierten 1945 nach den Grundsätzen der Deutschen aus dem Krieg gehandelt, die auf den Tod eines Nazihäuptlings mit der Auslöschung ganzer Ortschaften reagierten, dann hätte das „deutsche Hiroshima“, von dem die Anti-Atombewegung der 1950er Jahre immer wieder sprach, nach dem Krieg tatsächlich auf der Tagesordnung gestanden. Denn welche Waffe wäre besser als Vergeltung für die systematische Vernichtung von Männern, Frauen und Kindern, gleich welchen Alters, welcher sozialen Zugehörigkeit und welcher politischen Überzeugung, geeignet gewesen als eine Atombombe, deren Sprengkraft sich in den 1950er Jahren im Vergleich zur Hiroshima-Bombe vervielfacht hatte? Und war von alliierter Seite nicht tatsächlich darüber diskutiert worden, die beiden Atombomben, die schließlich über Japan abgeworfen wurden, gegen Deutschland einzusetzen? Dieser Bombenabwurf sollte zwar nicht der Vergeltung der deutschen Verbrechen, sondern der Abkürzung des Krieges dienen. Da die Atomwaffen erst nach Einstellung der Kampfhandlungen in Europa einsatzfähig wurden, wurden sie dementsprechend nicht mehr gegen Deutschland eingesetzt. Auch die Bombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki dienten nicht dem Zweck der Bestrafung, sondern sollten den Druck auf die japanische Führung erhöhen, die die Aufforderungen zur Kapitulation bis dahin ignoriert hatte: Sie retteten Schätzungen zufolge einer viertel Million amerikanischer Soldaten und mehreren Millionen Japanern, die bei einer Invasion gestorben wären, das Leben. (Über das Ausmaß der Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis zeigte sich schließlich auch die amerikanische Führung bestürzt.) Da die Deutschen die ohnehin fließenden Grenzen zwischen Mittel und Zweck, konventioneller Kriegführung und Massaker, Kriegshandlung und Rache, Militär und Zivilbevölkerung selbst bis zur Unkenntlichkeit verwischt hatten; da sie sich spätestens seit dem Ersten Weltkrieg von aller Welt gedemütigt, verfolgt und ungerecht behandelt fühlten; und da aufgrund der ausbleibenden Strafe nicht nur ihr Selbstbewusstsein, sondern auch ihre Verunsicherung wuchs, waren sie zu solchen Unterscheidungen allerdings nicht fähig. In der Mischung aus Untergangssehnsucht und Untergangsangst, die den Fortschrittsoptimismus der Wirtschaftswunderzeit wie ein Schatten begleitete, spiegelte sich, mit anderen Worten, die Ahnung, die fetten Jahre nicht verdient zu haben. Der heimliche Wunsch und die Angst, doch noch für den Massenmord bestraft zu werden, fielen zusammen. So verwandelten sich die Deutschen in ihrer Phantasie in das Spiegelbild der Opfer von Auschwitz. Die Vernichtung der europäischen Juden, von der sie in den gesamten 1950er und 1960er Jahren nichts hören wollten, fiel ihnen immer dann ein, wenn über die Stationierung von Atomwaffen (und später: über Atomkraftwerke) in Deutschland gesprochen wurde: So waren die Diskussionen über Hiroshima, Nagasaki und die Atombombe nicht nur der einzige Kontext, in dem in dieser Zeit überhaupt von Auschwitz gesprochen wurde – und werden konnte. Auch die Begriffe und Metaphern wurden ununterscheidbar: Bereits kurz nachdem Elie Wiesel die Ermordung der Juden erstmals mit dem Begriff „Holocaust“ umschrieben hatte, sprach man hierzulande vom „atomaren Holocaust“; in Gudrun Pausewangs Anti-Atom-Bestsellern aus den 1980er Jahren („Die letzten Kinder von Schewenborn“, „Die Wolke“) wurden die Strahlungsopfer schließlich ganz nach dem Vorbild von KZ-Häftlingen gezeichnet. Die obsessive Verkopplung von Auschwitz und Atomenergie verschaffte sich in verschobener Form schließlich selbst im Begriff des „atomaren Endlagers“ Geltung: Während die Aufbewahrungsorte für radioaktive Abfälle in Amerika und Großbritannien schlicht als „Repositories for radioactive Waste“ bezeichnet werden, griff man in Deutschland auf einen Neologismus aus „Endlösung“ und „Lager“ zurück. Ganz im Sinn dieser Angst vor einer Vergeltung für Auschwitz hatten das Deutsche Reich und die Anti-Hitler-Koalition in der Vorstellungswelt der Anti-Atom-Aktivisten der 1950er und 1960er Jahre auch über das Kriegsende hinaus Bestand. Obwohl 1949 zwei deutsche Staaten gegründet worden waren, die sich auf unterschiedlichen Seiten des neu entstandenen Eisernen Vorhangs befanden; obwohl die Bundeswehr und die Nationale Volksarmee der DDR verfeindete Armeen waren; und obwohl das Bündnis gegen die Achsenmächte bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zerbrochen war, erschienen die Deutschen auch weiterhin als Schicksalsgemeinschaft, die von den beiden zentralen Trägern der früheren Anti-Hitler-Koalition in ihrer Existenz bedroht werde: Die „Kampf-dem-Atomtod“-Bewegung erklärte in ihrem Gründungsdokument, solange kämpfen zu wollen, wie der „sicheren Atomtod“ das „deutsche Volk diesseits und jenseits der Zonengrenze“ bedrohe; die amerikanischen und sowjetischen Truppen, die längst zum Bündnispartner geworden waren und, insbesondere im Fall der US-Streitkräfte, als Bestands- und Schutzmacht fungierten, galten als Besatzer. Die Endlösung der Atommülllagerfrage Solche offenen Verweise auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust fanden in den Debatten um das Reaktorunglück von Fukushima allerdings nur noch am Rande statt. Die wenigen Reminiszenzen an jene Zeit, in der Atomkatastrophen als Vergeltung für Auschwitz begriffen wurden, waren nur noch in mehrfach kodierter Form zu haben: Im Ankündigungstext eines Vortrages, der von der „Anti-Atom-Initiative“ Halle organisiert wurde, wurde davon gesprochen, dass es für die „Endlagerung“ atomarer Brennstäbe keine „Lösung“ gebe; die Berufsirre Nina Hagen wurde bei einer ihrer Performances noch deutlicher und erklärte, dass es keine „Endlösung“ für atomare Brennstäbe gebe. Die Rede vom „nuklearen Holocaust“ oder der „atomaren Endlösung“ ist aus der Mode gekommen; der Massenmord an den europäischen Juden scheint nach dem weitgehenden Aussterben der Tätergeneration verjährt zu sein – kaum jemand achtet so sehr darauf, dass Auschwitz nicht vergessen wird, wie die Deutschen: lieber „Nation der Täter“ als gar keinen Standortvorteil. Dennoch sorgt die Kombination der Worte „Japan“, „Atomkraft“ und „Katastrophe“ auch knapp siebzig Jahre nach den – von der Öffentlichkeit längst vergessenen – amerikanischen Überlegungen eines Atombombeneinsatzes gegen Deutschland dafür, dass sich die Landsleute wie die Insassen einer großen Strahlenklinik benehmen. Nach fünfzig Jahren antiatomarer Gehirnwäsche haben sich die Verhaltensmuster der Atomangstbürger von ihren untergründigen Motiven abgelöst. Wo in der Zeit der ersten Anti-Atomkraft-Mobilisierungen noch Projektionen, Verdrängungs- und Verschiebungsleistungen vorhanden waren, existieren inzwischen nur noch konditionierte Reflexe. So begleitet die deutsche Öffentlichkeit die Entwicklung, die ihren Niederschlag im Abstieg des Seelenklempners vom Psychoanalytiker zum Verhaltenstherapeuten gefunden hat, in der ihr eigenen Weise. Jens Schmidt
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