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Jan Gerber
Staat, Markt, Gesellschaft. Kurze Geschichte einer Ménage
à trois
In: Prodomo 6/2007
1.
Die Marxschen Untersuchungen über das Kapital sind bekanntlich unvollendet.
Das Manuskript des dritten Bandes des Kapitals bricht im zweiundfünfzigsten
Kapitel mit dem Titel »Die Klassen« nach wenigen Zeilen unvermittelt
ab. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass auch das Kapital Teil einer
größeren, unvollendeten Untersuchung über das System der
bürgerlichen Ökonomie ist. 1858 sprach Marx von sechs geplanten
Büchern: über das Kapital, das Grundeigentum, die Lohnarbeit,
den Staat, den auswärtigen Handel und den Weltmarkt. (Vgl. Müller
1978, S. 148ff)
Aus der Stellung des Staates in diesem Vorhaben – Rang vier –
lassen sich Rückschlüsse auf die Bedeutung ziehen, die ihm der
Marx dieser Zeit beimaß: Er ist so bedeutend, dass er auf jeden
Fall in die Untersuchung einbezogen werden muss – immerhin ist es
der Staat, der, wie Gerhard Scheit in Anlehnung an Marx schreibt, »dem
Warenhüter die Form garantiert, worin er sich von der Ware trennen
kann, ohne ihren Wert zu verlieren« (Scheit 2004, S. 46). Aber er
ist nicht so bedeutend, dass er dabei auf den Plätzen eins bis drei
rangiert. Im Kommunistischen Manifest von 1848 fiel Marx und Engels zum
Staat dementsprechend lediglich die lapidare Feststellung ein: Der Staat
ist »nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte
der ganzen Bourgeoisieklasse verwaltet« (Marx/Engels 1989, S. 14).
Eine ähnliche Aussage findet sich auch in der Deutschen Ideologie:
»Durch die Emanzipation des Privateigentums vom Gemeinwesen ist
der Staat zu einer besonderen Existenz neben und außer der bürgerlichen
Gesellschaft geworden; er ist aber weiter nichts als die Form der Organisation,
welche sich die Bourgeoisie sowohl nach außen als nach innen hin
zur gegenseitigen Garantie ihres Eigentums und ihrer Interessen notwendig
gibt.« (MEW 3, S. 62) Die »Selbstständigkeit des Staats«,
wie sie im späten Feudalismus überall zu beobachten war, so
Marx und Engels 1845/46, komme nur noch in den Ländern vor, in denen
sich die Stände noch nicht vollständig in Klassen verwandelt
haben und es kein Teil der Bevölkerung zur Herrschaft über die
anderen bringen kann (ebd.) Zum Beispiel in Deutschland. Hier setzte sich
die Tradition merkantilistischer Wirtschaftspolitik auch über den
Beginn der liberalen Ära hinweg fort [1]. Der Staat bemühte
sich auch weiterhin um die Steuerung der wirtschaftlichen Entwicklung.
Er hielt das Eigentum im Verkehrswesen, im Bergbau und der Salzgewinnung.
Und neben dem aufkommenden Liberalismus behauptete sich eine »organische«
Staats- und Wirtschaftslehre, die auf »deutsche Eigenart«
bedacht war und in Fichtes geschlossenem Handelsstaat von 1800, Adam Heinrich
Müllers Schriften oder Friedrich Lists nationalem System der politischen
Ökonomie von 1841 ihren Ausdruck fand. Den meisten deutschen Nationalökonomen,
so Hans Jaeger, schien auch zum Beginn der liberalen Epoche »ein
System angezeigt, das Freihandel im Innern mit Schutzzöllen gegenüber
dem Ausland verband« (Jaeger 1988, S. 67).
In ihrem – wenn auch nicht ganz ungebrochenen – Zukunfts-
und Fortschrittsoptimismus hielten Marx und Engels diese deutschen Besonderheiten
für eine Art Atavismus, für ein Relikt vergangener Zeiten, das
im Zuge der kapitalistischen Entwicklung allmählich von selbst verschwinde.
Der Weltmarkt, so begeisterten sich die beiden im Kommunistischen Manifest,
gestalte »die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch«
und entziehe der Industrie »den nationalen Boden« (Marx/Engels
1989, S. 16f). Die »nationale Einseitigkeit und Beschränktheit«
und die »nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker«,
»verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie,
mit der Handelsfreiheit, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion
und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse«. (Ebd., S. 17,
45f)
2.
Tatsächlich wurde das Kommunistische Manifest, das sich streckenweise
wie ein affirmativ gewendeter Bericht einer No-global-Gruppe liest, in
einer Zeit geschrieben, in der die gerade entstandenen Nationalstaaten
schon wieder obsolet zu werden schienen. Das Proletariat begann, sich
über Grenzen hinweg zu organisieren, und seine fortschrittlichsten
Teile hatten mit dem Vaterland nichts am Hut. Zur Erinnerung: Die schlesischen
Weber, die sich 1844 erhoben, wollten kein »anderes Deutschland«
wie die KPD in der Emigration, sie wollten kein »gutes Deutschland«
wie Brecht in seiner Kinderhymne, und sie wollten kein »sozialistisches
Deutschland« wie der Nationalrevolutionär Rudi Dutschke, sondern
sie wollten gar keins. Sie wollten, wie es in Heines berühmtem Weberlied
heißt, Deutschland das Leichentuch weben.
Auch in anderen Bereichen schienen die gerade geschaffenen neuen Grenzen
keine große Bedeutung mehr zu haben: Die Migration nahm Ausmaße
an, die an heutige Verhältnisse erinnert; Jahr für Jahr überquerten
tausende italienische Saisonarbeiter, die so genannten golondrinas (deutsch:
Schwalben), den Atlantik, um in Argentinien die Weizenernte einzubringen
und danach wieder nach Hause zu fahren (vgl. Hobsbawm 1989, S. 71); und
kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte auch der internationale Handel ähnliche
Ausmaße angenommen wie heute. (Heinrich 2001)
Die Formel vom Nachtwächterstaat, mit der diese Entwicklung für
den nationalstaatlichen Rahmen beschrieben werden sollte, war dabei zwar
immer Lüge. Mit ihr sollte einerseits verschleiert werden, dass der
Staat der »Staat des Kapitals« war. Andererseits sollte kaschiert
werden, dass der Nachtwächter der Bourgeoisie, wie Johannes Agnoli
das einmal irgendwo erklärt hat, der »Tagespolizist fürs
Proletariat« war. (Die schlesischen Weber wurden bekanntlich genauso
wie die Aufständischen der Pariser Kommune zusammengeschossen oder
»kartuschiert«, wie man das damals nannte.) Nichtsdestotrotz
konnte die Rede vom Nachtwächterstaat einen gewissen Wahrheitsgehalt
für sich beanspruchen. Denn: Der Souverän kümmerte sich
»über den Schutz des Eigentums hinaus nur wenig um die Wirtschaft«
(Scheit 2001, S. 16). Staat und Kapital, Staat und Gesellschaft waren
getrennte Sphären. Polizei, Gericht und Administration waren, wie
Marx ausführt, »Abgeordnete des Staats, um den Staat gegen
die bürgerliche Gesellschaft zu verwalten« (zitiert nach: Historisch-kritisches
Wörterbuch des Marxismus, S. 384). Oder mit den Worten Eric Hobsbawms:
»Der Liberalismus war der Anarchismus des Bürgertums, und ganz
wie im revolutionären Anarchismus hatte der Staat in ihm keinen Platz«.
(Hobsbawm 1989, S. 59)
3.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich also ein Großteil
dessen bestätigt, was Marx und Engels freudig vorausgesagt hatten
– und den heutigen no globals noch immer den Angstschweiß
auf die Stirn treibt. 1. Die nationalen Grenzen hatten an Bedeutung verloren.
2. Der Staat hatte sich aus dem Wirtschaftsleben zurückgezogen. 3.
Die Bourgeoisie hatte durch »ihre Exploitation des Weltmarkts«
die »Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch
gestaltet« (Marx/Engels 1989, S. 16). Darüber hinaus wurde
der Optimismus, den das liberale Bürgertum bis dahin an den Tag gelegt
hatte, von einer Katerstimmung abgelöst. In den 1870er Jahren begann
das erste Mal einer der vielen Zeitabschnitte, die von den Zeitgenossen
und später von den Historikern als Great Depression bezeichnet wurden.
In Deutschland sprach man von der Gründerkrise; D.A. Wells konstatierte
1883 weltweit eine »beispiellose Störung und Depression des
Handels«; und Alfred Marshall, der kommende Guru der Wirtschaftswissenschaften,
sprach 1888 von einer anhaltenden »Depression der Preise, eine[r]
Depression der Zinsen und eine[r] Depression der Gewinne«. (Vgl.
Hobsbawm 1989, S. 53, 51, 53) Es zeichnete sich also das ab, was die meisten
Marxisten in aufgeregte Spannung versetzt: die große Krise. Die
Produktivkräfte waren, wie Heinz Langerhans später formulierte,
nicht mehr mit dem liberalen System des Konkurrenzkapitalismus kompatibel.
(Langerhans 2004b, S. 26) In dieser Situation bekamen die Alphatiere der
Zweiten Internationale – also: Karl Kautsky und Co. –, vorgeführt,
dass der historische Materialismus nichts mit der Vorsehung oder der Evolution
zu tun hat; ihnen wurde verdeutlicht, dass die Verhältnisse immer
noch von den Menschen abgeschafft werden müssen. Das Proletariat,
das diesen Job nach der Marxschen Herleitung im Auftrag der Menschheit
erledigen sollte, hatte dummerweise keine große Lust auf seine historische
Mission. Anstatt die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, schmückten
die deutschen Arbeiter ihre Wohnzimmer mit Bildern des »Arbeiterführers«
August Bebel, die sie einträchtig neben das Foto des Kaisers hängten;
und russische Arbeiter gingen 1905 mit Bildern von Väterchen Zar
auf die Straße, um für bessere Lebensbedingungen zu demonstrieren
– und wurden dabei zusammengeschossen.
An Stelle des Proletariats, das den Kapitalismus abschaffen sollte, trat
der Staat auf den Plan und schaffte den Liberalismus ab. Unter den Bedingungen
des Hochkapitalismus schienen die Experten das Wirtschaftssystem nach
dem Vorbild des Merkantilismus reformieren zu wollen. Fast alle nennenswerten
Staaten näherten sich – wenn auch in unterschiedlichem Maß
– nahezu instinktiv einem Zusammenspiel von Staat und Kapital an,
das in Deutschland zwar zurückgedrängt, aber auch in der liberalen
Ära nie wirklich verschwunden war. Die unternehmerischen Aktivitäten
des Staates nahmen zu, die Staatsausgaben stiegen, und angefangen mit
Deutschland und Italien wurden Schutzzölle seit Ende der 1870er Jahre
zu einem festen Bestandteil der internationalen Wirtschaftspolitik. Die
einzige Ausnahme war Großbritannien.
Neben dieser zunächst nur allmählichen Veränderung des
Verhältnisses von Staat und Kapital wandelte sich auch die Struktur
der Unternehmen. Das Stichwort lautet »Monopolisierung«. In
den Vereinigten Staaten bildeten sich Trusts heraus, in Deutschland entstanden,
teilweise unter direkter Einwirkung des Staates, die bekannten Syndikate
und Kartelle. Rudolf Hilferding, der Erfinder des Begriffs »Finanzkapital«,
hat diese doppelte Strukturveränderung – Staatseingriffe und
wirtschaftliche Konzentrationsprozesse – auf die halbwegs brauchbare
Formel »organisierter Kapitalismus« gebracht (Hilferding 1947).
Die »unsichtbare Hand« des freien Marktes, von der Adam Smith
spricht, wurde also, wie Hobsbawm bemerkt, nach und nach durch die »sichtbare
Hand« des Staates und der modernen Konzernorganisation ersetzt.
(Hobsbawm 1989, S. 75) Damit wurde für das Verhältnis von Staat,
Kapital und Gesellschaft im 20. Jahrhundert die Richtung vorgegeben.
4.
Der zentrale Referenzpunkt dieser Entwicklung war die Krise. Wirtschaftliche
Konzentration, zunehmende Staatstätigkeit, Schutzzollpolitik usw.
waren Krisenlösungsstrategien. Diese Strategien taugten allerdings
nur bedingt. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges hat nicht, wie es immer
wieder behauptet wurde [2], eine schlimmere Krise verhindert; der Erste
Weltkrieg war vielmehr die Krise. Während des Krieges drohten die
Produktivkräfte, wie Heinz Langerhans 1934 erklärte, »das
auf Lohnarbeit und Kapital beruhende Nationalstaatensystem zu zersprengen«
(Langerhans 2004a, S. 11). Nach dem Krieg und nachdem sich das Projekt
Weltrevolution in eine Strategie zur Modernisierung des Vaterlands verwandelt
hatte, konnten sie zwar wieder »zu friedlichem Geschäfte«
in das kapitalistische Weltsystem eingezwängt werden. Aber, so Langerhans:
»Sobald die bis 1913 angesammelten, im 1. Weltkrieg zerstörerisch
entfesselten und seitdem weiter gesteigerten produktiven Kräfte ein
paar Jahre einigermaßen in Gang gesetzt waren, trat in den großen
Weltkrisen der Gegenwart zutage, dass der Rahmen des auf Lohnarbeit und
Kapital beruhenden nationalstaatlichen Gesellschaftssystems bereits zur
drückenden Fessel für die Produktivkräfte geworden ist.
Zwar gelingt es in den Nachkriegskrisen, sie wieder an das Produktionsverhältnis
Lohnarbeit-Kapital und den kapitalistischen Verwertungsprozess zu fesseln,
und in den nationalstaatlichen Rahmen einzufügen, aber die Kapazität
des industriellen Apparats kann auch in der Prosperität nicht voll
ausgenutzt werden.« (Ebd., S. 18)
Diese Reorganisation des Verwertungsprozesses nach dem Ende des Ersten
Weltkrieges, so lautet Langerhans’ zentrale These, korrespondierte
mit einer Veränderung der bis dahin existierenden Formen von Staat
und Kapital. Die von den Theoretikern der Zweiten und Dritten Internationale
konstatierte Trennung von Ökonomie und Politik, so beschreibt er
das Ende der liberalen Epoche des Kapitalismus, wurde mit dem Ersten Weltkrieg
endgültig aufgehoben. Der Staat war nicht mehr länger bloß
»ideeller Gesamtkapitalist« oder, wie in der Zeit kurz vor
dem Ersten Weltkrieg, gelegentliche Steuerungsinstanz. Krieg und Weltkrisen
schmolzen Kapital und Staat vielmehr zu »einem einzigen Schutzpanzer«
zusammen: »Aus dem automatischen Subjekt Kapital mit dem Garanten
Staat als besonderem Organ ist das einheitliche Staatssubjekt Kapital
geworden.« (Ebd.) Mit anderen Worten: Die Selbstverwertung des Werts
– der Vorgang also, auf den Marx mit der Formel »automatisches
Subjekt« verweist – konnte nur noch mit Hilfe des Staates
gewährleistet werden. Der Staat verwandelte sich vom liberalen »Nachtwächter«
über den Patron des »organisierten Kapitalismus« in einen
gigantischen Konflikt- und Krisenmanager. Dieses Konfliktmanagement basierte
auf mindestens drei Säulen: 1. Die Produktion wurde national beschränkt;
die verschiedenen Staaten begannen, sich in wirtschaftlicher Hinsicht
voneinander abzuschotten. 2. Der freie Binnenmarkt wurde tendenziell abgeschafft.
Der innere Markt – sei es nun der Arbeitsmarkt oder die für
den Markt bestimmte Produktion – wurde vom Staatssubjekt Kapital
organisiert. 3. Durch die Verschmelzung von Staat und Kapital verlor einerseits
die Bourgeoisie ihre bisherige Rolle im ökonomischen Prozess. Andererseits
wurde auch die Arbeiterbewegung »im Interesse der Reproduktion der
Arbeit« enteignet. (ISF 1993, S. 3) Noch einmal Langerhans: Das
Staatssubjekt Kapital »erzwingt sich das Monopol auf Klassenkampf«;
eine »rücksichtslose soziale Pazifierungsaktion mit dem Zweck
der ›organischen‹ Einfügung des Kapitalteils Lohnarbeit
in den neuen Staat wird eingeleitet«. (Langerhans 2004a, S. 19)
Das heißt: Der Marktbürger bourgeois zog sich zugunsten des
Staatsbürgers citoyen zurück. Dieser citoyen, den sich die Vordenker
der bürgerlichen Gesellschaft nur in dialektischer Einheit mit dem
bourgeois vorstellen konnten, konnte nach dem Rückzug seines komplementären,
ihn gleichsam mit konstituierenden Widerparts allerdings nicht einfach
der citoyen bleiben. Ohne seinen bourgeoisen Charakter ist der citoyen
vielmehr der Volksgenosse.
Dieses Staatssubjekt Kapital, von dem Langerhans redet – und das
wird oft falsch verstanden –, fand seinen Idealtyp zwar in Deutschland.
»Nur in Deutschland«, so erklärt Gerhard Scheit, »wurde
jenes einheitliche Staatssubjekt Kapital, von dem Langerhans spricht,
vollkommen realisiert« (Scheit 2000, S. 7); nur in Deutschland zog
sich der bourgeois vollständig zugunsten des citoyen zurück
und wurde damit zum Volksgenossen. Die Verschmelzung von Staat und Kapital,
und darauf weist Langerhans in seinen Gefängnisthesen immer wieder
hin, war dennoch keine deutsche Spezialität.
5.
Um die strukturellen Differenzen zwischen den verschiedenen Formen des
Staatssubjekts Kapital zu verdeutlichen, ist es möglicherweise hilfreich
– und das Folgende ist als Diskussionsvorschlag zu verstehen –,
auf Ernst Fraenkels Formel vom »Doppelstaat« zurückzugreifen
und sie aus ihrer Fixierung auf den juristischen Sektor zu lösen.
Zur Erklärung: Fraenkel, der vor seiner Verwandlung in den Superstar
der staatstragenden Politikwissenschaft marxistisch geschult war, verwies
Ende der 1930er Jahre auf ein Strukturmerkmal des »Dritten Reiches«,
das in den öffentlichen Diskussionen über den Nationalsozialismus
in der Regel nicht beachtet wird. Er beschrieb die Verfassungswirklichkeit
des Dritten Reiches für 1936/38 als Nebeneinander eines Normen- und
eines Maßnahmenstaates. Der Normenstaat, der nicht mit dem liberalen
bürgerlichen Rechtsstaat zu verwechseln ist [3], respektierte seine
eigenen Gesetze im Allgemeinen, der Maßnahmenstaat missachtete sie.
Im Gegensatz zum Rechtsstaat, in dem die »Gerichte die Verwaltung
unter dem Gesichtspunkt der Gesetzmäßigkeit« kontrollieren,
kontrollieren im Maßnahmenstaat die »Polizeibehörden
die Gerichte unter dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit«.
(Fraenkel 2001, S. 125) Der Normenstaat, so soll Fraenkel hier etwas schematisch
wiedergegeben werden, war der Sektor des Eigentums und der Wirtschaft
[4]; einer Wirtschaft, die nicht mehr nach dem Modell des liberalen Konkurrenz-Kapitalismus
funktioniert, sondern in eine »höher entwickelte Phase des
›organisierten‹ Kapitalismus« getreten war. [5] Sie
basierte, wie er immer wieder betont, auf der »Beeinträchtigung
des Eigentumsrechts und der Unternehmensfreiheit«, der »Kontrolle
der Konjunkturpolitik« durch den Staat, einer »Kontrolle der
Investitionen«, des Außenhandels, des Börsenwesens usw.
(Ebd., S. 225)
Diese Beeinträchtigung – und an dieser Stelle ist Fraenkel
zu erweitern – war allerdings nicht nur in Deutschland zu beobachten.
Vor dem Hintergrund der Krise hatte sich der klassische bürgerliche
Laissez-faire-Staat spätestens in den 1930er Jahren überall
mehr oder weniger verabschiedet. Die Vereinigten Staaten, Frankreich,
Großbritannien usw. bemühten sich einerseits um eigene Krisenlösungsstrategien,
in denen der Staat als Konsument, Arbeitgeber und Planer auftrat: In den
USA brachte die Regierung Roosevelt in den 1930er Jahren den New Deal
auf den Weg, und selbst im liberalen Großbritannien, das sich der
neuen Entwicklung lange Zeit entzogen hatte, wurde der Freihandel, der
für die Identität der britischen Wirtschaft bis dahin so bedeutend
war wie das Zölibat für das Selbstverständnis des katholischen
Priesters, 1931 abgeschafft. Junge britische Konservative wie der spätere
Premierminister Harold Macmillan sprachen sich offen für die Einführung
der Planwirtschaft aus, und auch gesetzte Beamte der Krone wie Sir Arthur
Salter, legten Bücher vor, in denen sie betonten, dass eine geplante
Gesellschaft nötig sei, um der Wirtschaftskrise zu entgehen. (Salter
1932)
Andererseits wurden die Staaten, die nicht sofort von der Wehrmacht überrannt
wurden, mit dem Zweiten Weltkrieg unfreiwillig in das deutsche Krisenlösungsmodell
(Rüstung, Vernichtung von nicht verwertbarem Wert durch Krieg usw.)
hineingezogen (vgl. Scheit 2001). Das heißt: Mit der Formel »Normenstaat«
kann auch die Variante des Staatssubjekts Kapital umschrieben werden,
die seit den 1930er Jahren beispielsweise in Großbritannien, den
USA oder Kanada zu beobachten war. Der Fraenkelsche Normenstaat ist der
besorgt-ambitionierte – und aus diesem Grund gelegentlich zum Autoritarismus
neigende – Nachfolger des liberalen bürgerlichen Staates. Er
erweist seinem liberalen Vorgänger jedoch regelmäßig Referenzen
und hält vor allem an einer seiner zentralen Prämissen fest:
der Rechtssicherheit bzw. Berechenbarkeit. Diese Berechenbarkeit war im
nationalsozialistischen Maßnahmenstaat, der im Deutschland der 1930er
Jahre im stetigen Kampf mit dem Normenstaat stand, nicht mehr existent;
der Maßnahmenstaat war die Sphäre der Bewegung, der Dynamik,
des Eigenengagements; er war das Gebiet der Denunziationen bei der Geheimpolizei,
des Pogroms, des vorauseilenden Gehorsams ohne Befehl und des »Drucks
von der Straße«. Er war also mit anderen Worten das Spezifikum
des Nationalsozialismus.
Franz Neumanns berühmter Behemoth von 1942/44 lässt sich –
und darauf hat erstmals Richard Saage hingewiesen – dahingehend
lesen, dass dieser Dualismus von kalkulierbarem Recht (Normenstaat) und
ad-hoc-Entscheidungen (Maßnahmenstaat) seit dem Ende der 1930er
Jahre zu Gunsten des Maßnahmenstaates in Auflösung begriffen
war. [6] Die fortschreitende Verzahnung staatlicher, halbstaatlicher,
parteipolitischer, privatwirtschaftlicher usw. Institutionen und Strukturen
verwischte - wie Martin Broszat in konflikttheoretischer Anlehnung an
Neumann ausführt - die Grenze zwischen Staat, Gesellschaft und Partei
und erzeugte ein totalitäres Verbundsystem zwischen ihnen. Die stetige
»Auflösung des staatlichen Charakters des Regimes, seine progressive
Zergliederung in immer neue Aktionszentren, die nach dem Bewegungsgesetz
des Führerprinzips jeweils dazu tendierten, benachbarte Kompetenzen
aufzusaugen und sich zu verselbständigen, zerstörte [...] zunehmend
diese rationale Gesamtorganisation der Herrschaft und verstärkte
die partikulare, auf die jeweiligen Ressortzwecke und -ideologien bezogene
Egozentrik«. (Broszat 1995, S. 438) Um einerseits – wie es
z.B. in Italien passiert ist – die tendenzielle Rückbildung
in einen klassischen autoritären Staat unter Beteiligung der alten
Eliten zu verhindern [7] und andererseits die drohende Implosion des Regimes
zu verzögern, war der NS-Staat auf die permanente Mobilisierung der
Volksgemeinschaft angewiesen. Der »Staat Hitlers« entwickelte
sich damit, wie Broszat erklärt, zur Kampfbewegung zurück; er
dehnte seinen Einfluss weit in den Bereich der Öffentlichkeit und
Gesellschaft hinein aus, allerdings ohne »dass es einer völligen
Uniformierung und Bürokratisierung bedurfte«. (Ebd., S. 440,
427)
6.
Was passierte nun nach 1945? Die Legende sagt, dass mit dem Ende des Krieges
überall in der westlichen Welt die klassische bürgerliche Gesellschaft,
die es auch vor 1933/39 nur noch als Desiderat gab, wieder eingeführt
wurde. Der Weltmarkt, der seit den 1930er Jahren zusammengebrochen war,
rekonsolidierte sich. In Deutschland wurde die parlamentarische Demokratie
reaktiviert. Und in Großbritannien wurde die Pass- und Ausweispflicht,
die aus Angst vor deutschen Spionen und Terroristen eingeführt wurde,
wieder abgeschafft. Eric Hobsbawm bezeichnet diese Phase der relativen
Freizügigkeit nicht zu Unrecht als »golden age of capitalism«.
Tatsächlich lassen sich die Verschmelzung von Staat und Kapital und
das Verschwimmen der Grenzen zwischen Staat, Markt und Gesellschaft jedoch
nicht einfach per Willensakt rückgängig machen. Die Grundlagen
des Wohlstands und der darauf basierenden relativen Freizügigkeit
der westlichen Welt waren nicht nur der Krieg und die ungeheure Kaufkraft,
die in dieser Zeit angestaut worden war. Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit
beruhte zugleich auf zwei weiteren Faktoren, die aus dem »Katastrophenzeitalter«
in das »golden age« herüberragten:
1. Der Sozialpakt zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie, der in den
1930er Jahren in Deutschland teilweise terroristisch, teilweise begeistert
und in den westlichen Staaten nicht zuletzt notgedrungen geschlossen wurde,
um gegen die Bedrohung durch die faschistische Internationale bestehen
zu können, wurde erneuert. In den Ländern, in denen es noch
nicht geschehen war, verabschiedete sich das Proletariat nach und nach
von seiner revolutionären Rhetorik und bekannte sich nun auch offen
zu der Sozialverträglichkeit, die es schon vorher an den Tag gelegt
hatte. Im Gegenzug ließ sich die Bourgeoisie ebenfalls aufs Gemeinwohl
verpflichten. In Deutschland ließen sich die großen Parteien
jetzt auch offiziell Volkspartei nennen. In Italien schlossen die Kommunistische
Partei und die Christdemokraten 1976 den so genannten »historischen
Kompromiss«, in dem die KPI eine christdemokratische Minderheitsregierung
der »nationalen Solidarität« parlamentarisch unterstützte
und dafür mit dem Einzug in die Institutionen des Staates belohnt
wurde. Und aus dem Frankreich der frühen 1970er Jahre existieren
Bilder von Georges Marchais, dem langjährigen Generalsekretär
der KPF, die ihn mit erhobenem Daumen auf einer Planierraupe zeigen, mit
der er zum Wohle des Vaterlands eine Siedlung illegaler Einwanderer platt
macht. Die früheren Kampforganisationen der Klassen traten also weniger
als Interessenvertretungen von Marktbürgern auf, die ihr Marktbürgerdasein,
wie das Proletariat in seinen besten Zeiten, teilweise transzendierten,
sondern von Staatsbürgern, denen am reibungslosen Funktionieren des
Ganzen gelegen war.
2. Der Staat behielt seine Funktion als Konflikt- und Krisenmanager bei.
Er trat als Arbeitsbeschaffer, Auftraggeber, Koordinator oder sogar Unternehmer
auf. In Deutschland wurde die staatliche Koordination durch den nationalsozialistischen
Vierjahresplan bis zu einem gewissen Punkt zurückgenommen, während
in Großbritannien und in den USA ein stärker staatsinterventionistischer
Kurs gefahren wurde. Das heißt: Die deutsche und die angelsächsische
Auffassung über die Rolle des Staates in der Wirtschaft glichen sich
nach Ende des Krieges weiter an (vgl. Jaeger 1988, S. 267). Noch 1988
konnte Hans Jaeger erklären, dass die von den Labour-Regierungen
begünstigte Ausweitung des öffentlichen Unternehmensbesitzes
in Großbritannien, die französische planification und der schwedische
Wohlfahrtsstaat Beispiele »eines inzwischen über die deutschen
Verhältnisse weit hinausgehenden Staatsinterventionismus« sind
(ebd.). Und tatsächlich waren die Erfolgsgeschichten der westlichen
Staaten im »golden age« – von Ausnahmen wie Hongkong
abgesehen – Geschichten von Industrialisierungen, die »von
Regierungen gestützt, überwacht, gelenkt und manchmal auch geplant
und gemanagt wurden: von Frankreich und Spanien in Europa bis hin zu Japan,
Singapur und Südkorea« (Hobsbawm 1995, S. 339). Selbst der
Weltmarkt konnte nur mit Hilfe des Staates reorganisiert werden: Die Weltbank
und der IWF wurden gegründet, um internationale Aufbauinvestitionen
zu leisten und die Wechselkurse stabil zu halten; mit Hilfe des GATT sollten
Handelsbarrieren durch periodische Verhandlungen reduziert werden.
Hobsbawm, den man manchmal gar nicht genug zitieren kann, fasst diese
beiden Faktoren in seinem Zeitalter der Extreme folgendermaßen zusammen:
Die westlichen »Vordenker und Entscheidungsträger« wollten
»eine Welt, in der Produktionssteigerung, wachsender Außenhandel,
Vollbeschäftigung, Industrialisierung und Modernisierung vorherrschten,
und alle von ihnen waren willens, dies, wenn nötig, durch systematische
staatliche Kontrolle […] und über die Zusammenarbeit mit der
organisierten Arbeiterschaft zu erreichen, solange diese nicht kommunistisch
war. Das Goldene Zeitalter des Kapitalismus wäre ohne den Konsens,
dass die Wirtschaft des privaten Unternehmertums […] vor sich selbst
gerettet werden musste, nicht möglich gewesen.« (Ebd., S. 345)
Das heißt: Der Liberalismus, den nahezu alle Beobachter nach 1945
in der westlichen Welt zu erkennen glaubten, war ein simulierter Liberalismus.
Er war der Liberalismus des starken Staates oder, um mit Ernst Fraenkel
zu sprechen, der Liberalismus des weiterhin bestehenden Normenstaates.
[8]
7.
1972 veröffentlichte der Club of Rome seinen berühmten Bericht
über die »Grenzen des Wachstums« (Meadows/u. a. 1972).
Egal, ob die Aussagen dieses Berichts im Einzelnen stimmen, spricht aus
ihnen doch die Erkenntnis, dass das »Goldene Zeitalter« an
sein Ende gekommen war. Die im Krieg angestaute Kaufkraft war aufgebraucht,
die seit den großen Zusammenbrüchen betriebene Krisenlösung
in Permanenz versagte. Mit anderen Worten: Das Krisenmanagement war selbst
in eine Krise geraten. Die Zauberformeln, mit deren Beschwörung die
Krise »bewältigt« werden sollte, hießen »schlanker
Staat« und »Deregulierung«. Die Beispiele sind bekannt:
Privatisierung des Schienennetzes in Großbritannien, der Börsengang
der Telekom, der Verkauf der Regierungsanteile von Elf Aquitaine. Viel
mehr gibt es nicht. Legt man die Staatsquote, also den Anteil der Staatsausgaben
am Bruttosozialprodukt, zugrunde, lässt sich nämlich keine eindeutige
Tendenz benennen. Es ist vielmehr ein widersprüchliches In- und Nebeneinander
von Privatisierung und Verstaatlichung zu beobachten, das eher an eine
Umgruppierung als an einen »Rückzug des Staates aus der Wirtschaft«
erinnert. In Großbritannien, das den Globalisierungsgegnern neben
den USA als Mutterland der Privatisierung gilt, nahm die Staatsquote zwischen
1990 und 2005 nicht ab, sondern um 1,8 Prozent zu. In Japan waren es 5,5
Prozent, in Frankreich 4,4 und in Deutschland 2,5 Prozent. Gerade in den
Staaten, die von gemäßigten Globalisierungsgegnern immer wieder
als Vorbild genannt werden, war der entgegen gesetzte Trend zu beobachten:
In Schweden ging die Staatsquote zwischen 1995 und 2005 um 4,6 Prozent
zurück, in Norwegen waren es sogar 8,1 Prozent. [9]
Weitaus typischer als die Privatisierung von Staatsunternehmen ist für
die jüngste Zeit allerdings eine Entwicklung, die mit Staatsquoten
nicht beschrieben werden kann: die Abgabe bisheriger Staatsaufgaben an
»die Gesellschaft«. Zwischen Görlitz und Eggesin überwacht
die Bundespolizei in Kooperation mit der Bevölkerung, die hierzu
regelmäßig animiert wird, die Grenze zu Polen. Die Deutsche
Bahn lässt einen Teil ihrer Bahnhöfe inzwischen mit Hilfe von
Bahnhofspatenschaften reinigen – Bürger erklären sich
bereit, Bahnhöfe ohne Bezahlung sauberzumachen. Und in nahezu jeder
größeren Stadt gibt es mittlerweile eine Freiwilligenagentur,
die von staatlicher Seite unterstützt wird und die Pest des Ehrenamtes
koordinieren soll.
Anders als von den Globalisierungsgegnern immer wieder behauptet, wird
das Programm für diese Entwicklung nicht von einer neuen Form des
Liberalismus geliefert, sondern vom Kommunitarismus. Wenn Altkanzler Schröder,
Tony Blair und Co. von der Zivilgesellschaft sprechen, die einen Großteil
dieser früheren Staatsaufgaben übernehmen soll, beziehen sie
sich nicht auf die societas civilis, die Hegel einst mit »bürgerliche
Gesellschaft« übersetzte, sondern auf die civil society des
Kommunitarismus. Dieser Kommunitarismus ist das Gegenteil des Liberalismus.
Seine civil society entsteht nicht, wie es vor einigen Jahren in einer
Debatte über die Frage »Wer oder was ist die Zivilgesellschaft?«
hieß, »wo Menschen ihr Schicksal in die Hand nehmen«
oder »Frauen, Homosexuelle, so genannte Behinderte« »Lobbypolitik
für Gerechtigkeit« betreiben. (Sven 2004, S. 35) Im Zentrum
der kommunitaristischen Agitation steht vielmehr »das Plädoyer
für die Übernahme sozialer Verantwortung, Bürgersinn, gemeinschaftliche
Selbstorganisation und Bürgerengagement gegen antisoziales und gemeinschaftsschädigendes
Verhalten, kurz: für eine mobilisierte Gesellschaft, die auf der
Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft, gegenseitiger Kontrolle
und der freiwilligen Unterordnung der Individuen unter das Gemeinwohl
beruht«. (Plättner 2005, S. 37) Das heißt: Im Unterschied
zur liberalen bürgerlichen Gesellschaft, in der das soziale Engagement
zum guten Ton gehörte, handelt der Bürger in der kommunitaristischen
Zivilgesellschaft nicht mehr als philanthropischer bourgeois, der, wenn
er gläubig war, das Ehrenamt vor allem ausübte, um sein eigenes
Seelenheil zu retten. Er steht vielmehr, wie die intermediären Organisationen
und Vermittlungsinstanzen des Normenstaates, im Dienst an der Gemeinschaft.
Anders als im Normenstaat werden die politischen und sozialen Konflikte
inzwischen jedoch immer weniger durch spezielle Institutionen (Gewerkschaften
usw.) vermittelt und integriert. Die Gemeinwohlverantwortlichkeit hat
sich vielmehr diversifiziert, sie hat sich auf viele Schultern verteilt.
Der Staat hat sich mit anderen Worten in die Köpfe der Menschen outgesourct.
»Nicht der omnipräsente Staat ist stark«, so brachte
der Altkanzler diese neue Entwicklung vor einigen Jahren affirmativ auf
den Punkt, »sondern der aktive und aktivierende Staat.« (Zit.
nach BGR Leipzig 2003, S. 33)
Aus diesem Merksatz spricht die Sehnsucht nach Fraenkels flexiblem und
effizientem Maßnahmenstaat. In der Krise des Etatismus scheinen
sich unter demokratischen Vorzeichen gerade diejenigen Momente des Nationalsozialismus
zu reaktivieren, die besonders »modern« und ihrer Zeit voraus
waren: das Abstellen auf die Unmittelbarkeit von Herrschaft, eine breite
Bürgerbeteiligung und einen äußerst flexiblen (Selbst-)Verwaltungsapparat,
der gerade dadurch zu seiner mörderischen Effizienz gelangen konnte,
dass er weder durch langwierige Entscheidungs- und Gesetzgebungsprozesse
noch durch das Warten auf explizite Führerbefehle gehemmt wurde –
sondern den Führer- und Volkswillen erahnen und in Eigeninitiative
in die Tat umsetzen konnte.
Dieser Maßnahmenstaat, der in den 1930er und 1940er Jahren noch
eine deutsche Spezialität war, wird jedoch längst nicht mehr
von der Maginotlinie aufgehalten. Lange bevor die Begriffe Kommunitarismus
und Zivilgesellschaft, mit denen ein neuer Terminus für die deutsche
Idealvorstellung eines Ausgleichs von Arbeit und Kapital, Individuum und
Gemeinschaft importiert wurde, in Deutschland auftauchten, wurden sie
im akademischen Betrieb Großbritanniens und der USA diskutiert.
Es gibt dabei allerdings mindestens einen zentralen Unterschied zwischen
Deutschland bzw. den Ländern, die sich an Deutschland orientieren,
und den klassischen liberalen Staaten, in denen der Normenstaat auch in
Krisensituationen weitaus freizügiger war als Deutschland im liberalen
Zeitalter: Während hierzulande nahezu keine Kritik am Kommunitarismus
formuliert wird (der Kommunitarismus wurde in Deutschland von Anfang an
parteiübergreifend rezipiert und hatte Anhänger sowohl in der
SPD und bei den Grünen, als auch in der CDU und bei der PDS), existieren
in den USA und auch Großbritannien nach wie vor erstaunliche liberale
Gegen- und Resistenzkräfte, die sich dem Gemeinschaftstrend des nachbürgerlichen
Zeitalters – und damit der Globalisierung deutschen Denkens –
entgegenstellen.
8.
Die Ausweitung des Staates in die Gesellschaft markiert zugleich den tendenziellen
Zerfall von Staat und Markt. [10] Vor dem Hintergrund der Krise –
eines Überangebots an Arbeitskraft, der zunehmenden Überflüssigkeit
der Menschen und des Verschwindens von freien Marktsubjekten und Klassengegnern,
die den status quo in Frage stellen – appellieren die depravierten
Einzelnen an den Staat, der sie doch alle sind. Wenn jedoch alle der Staat
sind, ist niemand der Staat. Ebenso wie die Unternehmen, die sich aus
Angst vor dem eigenen Untergang zu Kartellen und Oligopolen zusammenschließen,
müssen auch die menschlichen Elementarteilchen, die sonst nichts
mehr erkennen können, erkennen: »Allein machen sie dich ein!«
Auch sie können nicht mehr auf die Selbstheilungskräfte des
Marktes und die eigenen Fähigkeiten vertrauen; auch sie versuchen,
ihrem Glück nachzuhelfen. Sie organisieren sich dementsprechend in
Banden, Gangs und Rackets, die in Interaktion mit anderen Banden, Gangs
und Rackets treten und Gruppenloyalität über Gesetzestreue stellen.
Der Verkäufer von Arbeitskraft oder anderen Waren muss es als Gnade
empfinden, überhaupt arbeiten oder liefern zu dürfen. Diese
Gnade verlangt nach einer Gegenleistung: Jungunternehmer, Werbezeichner
und Prolet müssen ihre persönliche Treue und Dankbarkeit beweisen,
ihre Freizeit der Firma opfern und ihrem Vorgesetzten, dem Großabnehmer
oder dem Chef des Gewerbeamtes jederzeit als Seelentröster, Squash-
und Trinkpartner zur Verfügung stehen. Mit anderen Worten: »Die
bürgerliche Gesellschaft, die ihrem Begriff nach die Versammlung
von freien Individuen war, die nur den Gesetzen des Marktes gehorchen
müssen, bildet sich zurück in ein Geflecht von Unter- und Überordnung
und persönlicher Abhängigkeit.« (Pohrt 1992, S. 248)
Gleichzeitig wird der Staat, der durch seine Verankerung in den Menschen
nahezu allmächtig erscheint, durch die Herausbildung der in Konkurrenz
zueinander stehenden und gelegentlich miteinander kooperierenden Banden,
Gangs und Rackets permanent in Frage gestellt. Franz Neumann beschrieb
den nationalsozialistischen Bandenstaat dementsprechend als Unstaat oder
als zerfallenden Staat. Er irrte sich mit seiner Aussage über den
Zerfall des Staates dabei zwar in Hinblick auf den Nationalsozialismus.
Die freund-feindschaftlich zueinander stehenden Rackets blieben im Dritten
Reich bis zum Schluss in das Ganze des Staates integriert; der Nationalsozialismus
brach nicht zusammen, sondern musste von außen zum Einsturz gebracht
werden. Er beschreibt damit trotzdem eine nahezu überall zu beobachtende
Tendenz. In zahlreichen Regionen der Dritten Welt ist dieser Zerfall bereits
in vollem Gang: Große Teile Afrikas sind unter der Kontrolle konkurrierender
warlords; der so genannte palästinensische Staat, der Libanon, das
Kosovo, und die vermeintlich befreiten Teile Tschetscheniens sind gangland.
Hier herrschen die Rackets, die im Wortsinn Verbrecherbande und Wohltätigkeitsverein
sind; hier herrscht der permanente Ausnahmezustand; hier werden Staatlichkeit
und Markt nach ihrem Zerfall fortgeführt. Adornos bekannter Ausspruch,
dass der Mythos gerade in seiner Allmacht – in diesem Fall der Staat,
der aufgrund seiner Ausweitung in die Menschen omnipräsent zu sein
scheint – »ganz schwach« ist (Adorno 1998, S. 391),
lässt sich als Hinweis auf diese Entwicklung lesen. Er hat allerdings
auch eine zweite Bedeutung, die Adorno weit näher gelegen haben dürfte:
Ebenso wie die Bibel nicht von Gott, sondern von Menschen geschrieben
wurde, wurde auch der Staat, den Hobbes mit den biblischen Ungeheuern
Leviathan und Behemoth beschrieb, von den Menschen geschaffen. Und was
die Menschen schaffen – daran kann gar nicht genug erinnert werden
–, sollte von ihnen auch wieder abgeschafft werden können.
Der Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor im Mai 2007 in
Mühlheim/Ruhr gehalten hat.
Anmerkungen:
[1] Zum folgenden vgl. Jaeger 1988, S. 61ff.
[2] Vgl. den Hinweis bei Scheit 2001, S. 29.
[3] So erklärt Fraenkel, dass »die Betätigung der Bürokratie,
die Eingriffe in das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte darstellen,
vom Normenstaat vollzogen werden, obwohl solche Eingriffe die vormals
bestehende Freiheitssphäre beeinträchtigt haben«. Fraenkel
2001, S. 237.
[4] Dieser Schematismus ist in gewisser Weise schon bei Fraenkel zu finden.
Er bricht allerdings immer wieder mit ihm, wenn er etwa erklärt:
»Da die Kompetenz der Behörden des Maßnahmenstaates rechtlich
nicht festgelegt ist, gibt es keinen rechtlich garantierten Zuständigkeitsbereich
der Organe des Normenstaates. Existenz und Funktionen des Normenstaates
sind nicht vom Recht gewährleistet, sondern beruhen – so paradox
dies auch klingen mag – auf der Durchdringung des Staatsgefüges
mit nationalsozialistischem Gedankengut.« Fragen der Wirtschaftspolitik
gehören dem Aufgabenkreis des Normenstaates an, »nicht kraft
Rechtens, sondern kraft Nationalsozialismus«. Ebd., S. 124f.
[5] Ebd., S. 224. Um Missverständnisse zu vermeiden, betont Fraenkel,
dass »die Betätigung der Bürokratie, die Eingriffe in
das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte darstellen, vom Normenstaat
vollzogen werden, obwohl solche Eingriffe die vormals bestehende Freiheitssphäre
beeinträchtigt haben«. Ebd., S. 237.
[6] Vgl. Saage 1997, S. 61ff; Neumann 1984. Schon Fraenkel verwies allerdings
darauf, dass der Normenstaat im Rückzug begriffen ist. Fraenkel 2001,
S. 50. In einer Rezension zu Neumanns Schrift von 1942 schloss er sich
schließlich seinen Ausführungen weitgehend an. Vgl. Alexander
von Brünneck: Vorwort des Herausgebers, in: Fraenkel 2001, S. 14.
[7] In Italien blieb der »Doppelstaat« im Grunde bestehen.
Hier war das Gegenteil der deutschen Entwicklung zu beobachten: Hier drängte
nicht der Maßnahmenstaat den Normenstaat zurück, sondern umgekehrt.
[8] Auch in dieser Zeit gab es allerdings einen zentralen Unterschied
zwischen dem deutschen Normenstaat und anderen Normenstaaten. Während
der Bezugspunkt des britischen oder amerikanischen Normenstaates der liberale
bürgerliche Staat war, war der Fluchtpunkt des deutschen Normenstaates
der nationalsozialistische Maßnahmenstaat, der in Form der Notstandsgesetze
als Potenz juristisch verankert wurde.
[9] OECD: Economic Outlook 79, Juli 2006. Die Zahlen finden sich auch
unter www.zahlenspiegel.ch/d/index.cfm?id=45&thema=245&act=2&art=1.
Auch in den Staaten, in denen die Staatsquote zurückgeht, muss sich
nicht unbedingt ein »Rückzug des Staates aus der Wirtschaft«
vollziehen. Beispiel Italien: Silvio Berlusconi war bis vor kurzem nicht
nur Präsident und damit erster Repräsentant des Staates; er
ist zugleich bedeutendster Unternehmer Italiens. Während die Staatsquote
in Italien zwischen 1990 und 2005 um 5,7 Prozent abnahm (ebd.), dürfte
der Staatssektor nie so groß gewesen sein wie in dieser Zeit. Der
Grund: Der Unterschied zwischen offiziellem Staatssektor und dem Besitz
des Staatspersonals war – und das kann keine Staatsquote ausdrücken
– ununterscheidbar geworden. Berlusconi hat sich, um eine Formel
aufzugreifen, die Heinz Langerhans 1934 in seinen Gefängnisthesen
verwendet hat, »teilweise persönlich dem Staatssubjekt Kapital«
einverleibt. (Heinz Langerhans: Die nächste Weltkrise, S. 21) Diese
Entwicklung ist nicht allein auf Italien beschränkt; die so genannten
italienischen Verhältnisse sind längst keine italienischen Verhältnisse
mehr. Auch hierzulande gibt es kaum einen untragbar gewordenen Staatssekretär,
der nicht irgendwann im Vorstand eines privatisierten Staatsbetriebes
auftaucht; auch hierzulande gibt es kaum einen höheren Parteifunktionär,
der nicht irgendwann im Aufsichtsrat eines großen Automobilkonzerns
landet. Diese Entwicklung verweist auf den Übergang von der apersonal-vermittelten
Herrschaft zur Bandenherrschaft. Vgl. hierzu Teil 7 und 8.
[10] Zum folgenden vgl. auch Materialien zur Aufklärung und Kritik
2006.
Literatur:
Adorno, Theodor W., Reflexionen zur Klassentheorie [1942], in: ders.,
Gesammelte Schriften. Bd. 8, Frankfurt/M. 1998.
BGR Leipzig, Das Projekt Zivilgesellschaft, in: Phase 2, Nr. 8/2003.
Broszat, Martin, Der Staat Hitlers, 14. Auflage, München 1995.
Fraenkel, Ernst, Der Doppelstaat [1938/40], 2. Auflage, Frankfurt/Main
2001.
Heinrich, Michael, Globalisierung und Protest (Interview), in: Phase2,
Nr. 1/2001.
Hilferding, Rudolf, Das Finanzkapital[1909], Berlin 1947.
Hobsbawm, Eric, Das imperiale Zeitalter 1875-1914, Frankfurt am Main 1989.
Hobsbawm, Eric, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts,
München/Wien 1995.
Initiative Sozialistisches Forum (ISF), Materialismus und Barbarei, in:
Kritik und Krise, Nr. 6/1993.
Jaeger, Hans, Geschichte der Wirtschaftsordnung in Deutschland, Frankfurt
am Main 1988.
Langerhans, Heinz, Die nächste Weltkrise, der zweite Weltkrieg und
die Weltrevolution [1934], in: ders., Staatssubjekt Kapital, Halle 2004a.
Langerhans, Heinz, Krieg und Faschismus [1939], in: ders., Staatssubjekt
Kapital, Halle 2004b.
Marx, Karl/Engels, Friedrich, Die deutsche Ideologie, in: MEW 3, Berlin
1959, S. 9-530.
Marx, Karl/Engels, Friedrich, Manifest der Kommunistischen Partei [1848],
Berlin 1989.
Materialien zur Aufklärung und Kritik, Die schlechte Aufhebung der
bürgerlichen Gesellschaft, in: CeeIeh, Nr. 137/2006.
Meadows, Denis L./u. a., Die Grenzen des Wachstums, München 1972.
Müller, Manfred, Auf dem Wege zum »Kapital«, Berlin (Ost)
1978.
Neumann, Franz, Behemoth [1942/44], Frankfurt/Main 1984.
Plättner, Thomas, Volksgemeinschaft reloaded, in: Phase 2, Nr. 15/2005.
Pohrt, Wolfgang, Durchbruch der deutschen Außenpolitik in die gleiche
Richtung, in: ders., Das Jahr danach, Berlin 1992.
Saage, Richard, Faschismustheorien [1976], 4. Auflage, Baden-Baden 1997.
Salter, Arthur, Recovery, London 1932.
Scheit, Gerhard, Die Meister der Krise, Freiburg 2001.
Scheit, Gerhard, Suicide Attack, Freiburg 2004.
Scheit, Gerhard, Totalität und Krise des Kapitals, in: Streifzüge,
Nr. 4/2000.
Sven, Was Volkt?, in: CeeIeh, Nr. 1/2004.
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