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Jan Gerber
Sieger der Geschichte. Auschwitz im Spiegel der Geschichtswissenschaft
und Geschichtspolitik der DDR
In: AG Antifa/Antira im Stura der Universität Halle (Hrsg.): Trotz
und wegen Auschwitz. Antisemitismus und nationale Identität nach 1945,
Münster 2004
Als der Blick der ostdeutschen Öffentlichkeit durch die Gedenkfeierlichkeiten
zum 50. Jahrestag der so genannten Reichskristallnacht erstmals in größerem
Maßstab auf die Pogrome des Jahres 1938 gelenkt wurde, erschien
es zahlreichen Beobachtern, als habe die DDR die Juden und die Geschichte
der Verfolgungen überhaupt erst zu diesem Zeitpunkt entdeckt. [1]
Dieser Eindruck ist zugleich falsch und richtig. Falsch ist er, weil sich
die wissenschaftliche, literarische und journalistische Auseinandersetzung
mit dem Holocaust [2] – gemessen an der Stagnation der 50er Jahre
– seit 1960/61 in einem stetigen Aufwärtstrend befand. Richtig
hingegen ist auch, dass alle Beschäftigung das staatliche Desinteresse
an der Diskriminierung, Entrechtung und schließlichen Ermordung
der europäischen Juden bis zur Mitte der 80er Jahre nur äußerst
unzureichend zu kaschieren vermochte. Die Auseinandersetzungen wurden
zum Großteil nicht um der Opfer oder der Artikulation der Trauer
und Fassungslosigkeit willen geführt, sondern maßgeblich aus
realpolitischen Erwägungen heraus. Analog zur Veränderung der
innen- und außenpolitischen Situation, in der sich die DDR befand,
waren gleichzeitig auch die Intensität und die Qualität der
Beschäftigung mit dem Massenmord Wandlungen unterworfen.
Diese Wandlungen sowie Kontinuitäten im Umgang der DDR mit Auschwitz
sollen im Folgenden beschrieben werden. Darüber hinaus soll versucht
werden, die staatlichen Vorgaben und Voraussetzungen, die den Umgang mit
dem Massenmord bestimmten, die politischen und ideologischen Funktionen
sowie die Auswirkungen der in der DDR gepflegten Erinnerung zu skizzieren.
1. Die Auseinandersetzung mit Auschwitz
Nach 1945 nahmen zahlreiche politisch und »rassisch« Verfolgte
ihren Wohnsitz bewusst in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Der Neuanfang
und der Bruch mit dem Alten wurden dort stärker betont als in den
westlichen Besatzungszonen, die strafrechtliche Verfolgung von NS-Verbrechern
wurde konsequenter betrieben, und auf wissenschaftlich-kultureller Ebene
wurde zunächst durchaus Interesse an einer Auseinandersetzung mit
den Ursachen des Nationalsozialismus und des Massenmordes gezeigt. Insbesondere
KPD- bzw. spätere SED-Mitglieder, die vor dem Nationalsozialismus
in die USA, nach Mexiko oder Großbritannien geflohen waren –
Paul Merker, Leo Zuckermann, Siegbert Kahn, Wilhelm Koenen u. a. –,
verwiesen auf die zentrale Bedeutung des Rassenantisemitismus im NS-System,
setzten sich überaus kritisch mit der Rolle der deutschen Bevölkerung
in der Zeit des Nationalsozialismus auseinander und erklärten, die
Ermordung der Juden habe noch in der Phase des deutschen Rückzugs
Vorrang vor militärischen Belangen gehabt. Die Rassenideologie sei
das »Kernstück der faschistischen Weltanschauung«, der
Antisemitismus »die populärste Rassenfrage« gewesen.
[3] Von dieser Einschätzung ausgehend forderten Merker, Kahn u. a.
Wiedergutmachungszahlungen an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus.
Der bestimmende Teil der SED-Funktionäre, zumeist Sowjetemigranten,
vertrat in dieser Hinsicht allerdings konträre Positionen. Für
den Kreis um Walter Ulbricht und Hermann Matern präsentierten sich
Antisemitismus und Rassenideologie lediglich als Mittel zur »Verhetzung
der Volksmassen«, Hauptkennzeichen des Nationalsozialismus, so deutete
etwa Ulbricht an, sei nicht Antisemitismus, sondern »die Versklavung
der Arbeiter« gewesen. [4] Die Entrechtung, Verfolgung und Ermordung
der europäischen Juden fand in den Erklärungen und Stellungnahmen
der Vertreter dieser Fraktion dementsprechend nicht oder nur am Rande
Erwähnung. Diese Einschätzung wirkte sich zugleich auf die Positionierung
gegenüber Wiedergutmachungszahlungen aus. Zwar sollten den jüdischen
Opfern des Nationalsozialismus Opferrenten gezahlt werden. Wiedergutmachungsleistungen
wurden allerdings abgelehnt; enteignetes Vermögen, Grundstücke
und anderer Privatbesitz blieben – soweit nicht bereits vor 1945
zu Niedrigpreisen versteigert – weiterhin in behördlicher Verwaltung.
[5]
Spätestens mit der Staatsgründung im Oktober 1949 wurde die
Zeit der innerparteilichen Debatten und des spontanen Antifaschismus offiziell
beendet und durch eine verfestigte, dogmatisch gebundene Betrachtung von
Nationalsozialismus und Antisemitismus ersetzt. An die Stelle der noch
relativ offen geführten Diskussionen und des Versuches, das gesamte
Spektrum der Verfolgungen zumindest fragmentarisch in den Blickpunkt der
Öffentlichkeit zu rücken, traten spätestens mit den 1952
verkündeten »Lehren« aus dem Prozess gegen Rudolf Slansky
[6], den ehemaligen Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunistischen
Partei, Stillschweigen und Desinteresse. Die in dieser Zeit stattfindenden
Auseinandersetzungen innerhalb der SED – Parteiausschlussverfahren,
»Säuberungen« usw. – wurden im Partei- und Justizapparat
von antisemitischen Erscheinungen begleitet. Im wohl bekanntesten Prozess
dieser Jahre, dem Verfahren gegen das ehemalige Mitglied des Zentralkomitees
der SED, Paul Merker, wurde dem Angeklagten sein Eintreten für Wiedergutmachungszahlungen
an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zur Last gelegt, er
wurde als »König der Juden« bezeichnet und schließlich
zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. [7] Während der Verhöre
unterstellten ihm Ermittler, er sei »von den Juden gekauft«
worden und habe die Absicht gehabt, »die DDR an die Juden zu verschachern«.
[8] In einer öffentlichen Stellungnahme der SED wurde erklärt,
Merker sei »ein Subjekt der USA-Finanzoligarchie«, er habe
die »Interessen zionistischer Monopolkapitalisten« vertreten
und »sich als Feind seines eigenen Volkes entlarvt«. [9] Jürgen
Kuczynski, einer der prominentesten Wirtschaftshistoriker der DDR, berichtete
später, er selbst sei in der späten Stalinära aufgrund
seiner jüdischen Herkunft vom Vorsitz der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische
Freundschaft abgelöst worden [10], Büros der Jüdischen
Gemeinden wurden von Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes durchsucht,
Akten wurden gesichtet und die Korrespondenz beschlagnahmt [11]. In Folge
dieser Ereignisse verließen mehrere hundert Juden, mindestens ein
Viertel der Mitglieder der Jüdischen Gemeinden, die DDR, fünf
der acht Gemeindevorsitzenden flohen nach West-Berlin. [12]
In Lehrbüchern wurden die während der Zeit des Nationalsozialismus
verfolgten und ermordeten Juden fortan, wenn überhaupt, nur noch
als Opfer unter vielen betrachtet; im Literaturbetrieb wurde versucht,
die so genannte Leidensliteratur – zumeist Berichte Überlebender
– zurückzudrängen, und aus Bibliotheken wurden einzelne
Werke über die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, die nur
wenige Jahre, zum Teil Monate zuvor angeschafft worden waren, aussortiert.
Diese Bücher, so wurde dieses Vorgehen begründet, seien nicht
mehr zeitgemäß. [13] Eines der zentralen Kennzeichen dieser
Jahre war der immer deutlicher verengte, strikt hierarchisch angelegte
Antifaschismusbegriff: Während aus den »Kämpfern gegen
den Faschismus« – mit dieser Formel wurden nahezu ausschließlich
Parteikommunisten bezeichnet – neue nationale Identität geschöpft
werden sollte, wurde den Juden die Rolle des Opfers zugewiesen, für
das in der vor allem auf Heldentum basierenden nationalen Erinnerungskultur
nur wenig Platz vorgesehen war. [14] Wie insbesondere die Gedenkstätten-
und Mahnmalkonzepte der späten 40er und frühen 50er Jahre verdeutlichen
– die ermordeten Juden wurden dort ihren Herkunftsstaaten zugeordnet
–, stellte sich der Massenmord zu dieser Zeit gar nicht mehr als
eigenständiges Problem.
Als im Jahre 1960 die Gefangennahme Adolf Eichmanns bekannt gegeben wurde,
veränderte sich ebenso wie in der Bundesrepublik auch in der DDR
die Beschäftigung mit Auschwitz. Ziel der nun einsetzenden Thematisierung
des Massenmordes war allerdings nicht die Intensivierung individueller
Auseinandersetzungen mit dem eigenen Verhalten sowie dem Verhalten der
eigenen Familie in der Zeit des Nationalsozialismus. Im Zentrum der plötzlichen
Beschäftigung mit Auschwitz stand vielmehr die realpolitische Funktionalisierung
einer speziellen Holocaustinterpretation in den deutsch-deutschen
Beziehungen. Durch eine groß angelegte Kampagne, in der die NS-Vergangenheit
prominenter westdeutscher Funktionsträger thematisiert wurde, versuchte
die DDR, die Existenz der Bundesrepublik zu delegitimieren und die eigene
Staatlichkeit im Gegenzug als einzig wahrhafte Konsequenz aus den Lehren
der Geschichte zu präsentieren. Formeln wie »der Bonner Kanzler
deckt den Judenmörder« [15], Globke ist »der Eichmann
Bonns« [16] oder »ohne die Globkes hätte es keinen Eichmann
geben können« [17] bestimmten in den folgenden Jahren den publizistischen
Umgang mit der Bundesrepublik. Nicht zuletzt aus Prestigegründen
intensivierten staatliche Stellen der DDR darüber hinaus ab etwa
1961 die Beziehungen zu den Jüdischen Gemeinden und leisteten u.
a. Unterstützungsarbeit bei Vorbereitungen für Gedenkveranstaltungen
aus Anlass der Pogromnacht des Jahres 1938. [18] Im Kontext dieser Ereignisse
– der Propagandakampagne gegen die Bundesrepublik und dem darüber
vermittelten Ausbau der Zusammenarbeit mit jüdischen Institutionen
– ergab sich zugleich erstmals seit vielen Jahren wieder die Möglichkeit,
Untersuchungen über die Vernichtungspolitik zu veröffentlichen.
[19] Die weitgehende Tabuisierung des Massenmordes und seiner Vorgeschichte
war somit – wenn auch weniger zum Zweck tatsächlicher Erinnerung
– zu Beginn der 60er Jahre durchbrochen.
Der Fall Günter Paulus zeigte jedoch, dass die nach 1961 einsetzende
Auseinandersetzung mit Auschwitz nur im Rahmen enger politisch-ideologischer
Vorgaben möglich war: In einem 1965 erscheinenden Sammelband stellte
Paulus die bis dahin geltenden Grundlagen für die Erforschung des
Nationalsozialismus – und damit, ohne es explizit auszusprechen,
auch der Ermordung der europäischen Juden – in Frage, nahm
Thesen voraus, die Tim Mason im folgenden Jahr in seinem bahnbrechenden
Aufsatz über den »Primat der Politik« formulierte [20]
und fragte nach den Ursachen der Begeisterung für den Nationalsozialismus
in der deutschen Bevölkerung. [21] In der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft
(ZfG), dem bedeutendsten historiographischen Periodikum der DDR, wurden
Paulus daraufhin die »Abschwächung der Schuld des Monopolkapitals«
und »Zugeständnisse an bürgerliche Geschichtsauffassungen«
vorgeworfen. [22] Paulus habe, so ein Rezensent, politisch-ideologisch
»von der marxistischen Historiographie der DDR überwundene
Auffassungen« wieder aufgegriffen. [23] Das Buch wurde noch 1965
verboten, bereits ausgehändigte Exemplare wurden eingezogen. [24]
Nach langwierigen Auseinandersetzungen konnte mit »Kennzeichen J«
1966 schließlich ein Werk erscheinen, das auf weiten Strecken dem
Niveau der internationalen Forschung dieser Zeit entsprach. [25] Für
die Herausgabe dieses Bandes zeigte sich Helmut Eschwege, der große
Außenseiter der Antisemitismus-Forschung der DDR, verantwortlich,
Rudi Goguel verfasste das Vorwort und Klaus Drobisch fügte einen
chronologischen Abriss der Diskriminierungs- und Verfolgungspolitik an.
Nicht zuletzt aufgrund des unkonventionellen Beitrages von Goguel –
sein Vorwort verließ ebenfalls den Rahmen der in der DDR bis dahin
üblichen Einordnung des Massenmordes in das Funktions- und Beziehungsgeflecht
des Nationalsozialismus – dauerte es schließlich bis 1973,
bis mit »Juden unterm Hakenkreuz« zumindest thematisch an
das Projekt Eschweges angeknüpft werden konnte. [26] War in »Kennzeichen
J« noch versucht worden, Ursachenforschung zu betreiben, verharrten
die Autoren Klaus Drobisch, Rudi Goguel und Werner Müller nunmehr
allerdings weitgehend auf der deskriptiven Ebene.
Im Anschluss an das Erscheinen von »Juden unterm Hakenkreuz«
erlebte die Antisemitismus-Forschung in der DDR einen deutlichen Aufschwung.
Nachdem die politische Einbindung der DDR-Wissenschaft bereits 1967, in
Folge des VII. Parteitags der SED gelockert worden war, konnten sich DDR-Wissenschaftler
– soweit sie die politisch-ideologischen Vorgaben akzeptierten –
nunmehr auch weitaus intensiver mit der Verfolgung und Ermordung der europäischen
Juden auseinandersetzen. [27] Gemessen an anderen Bereichen der Zeitgeschichtsschreibung
nahm Auschwitz jedoch auch weiterhin nur eine marginale Rolle im Kontext
der historischen Forschung und ihrer Darstellung ein. Während die
zum Teil durchaus differenzierten Arbeiten einiger Historiker ohnehin
nur eine begrenzte Aufmerksamkeit auf öffentlicher Ebene erfuhren,
wurde das Thema in der Literatur zumindest etwas breitenwirksamer bearbeitet.
Die Zahl der literarischen Annäherungen wurde größer,
zahlreiche autobiographische Werke konnten publiziert werden, und es entstanden
mehrere durchaus anspruchsvolle Film- und Fernsehproduktionen, in denen
eine Auseinandersetzung mit der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik stattfand.
[28]
Im Zuge der internationalen Entwicklungen, des Wandels in der Sowjetunion,
aber auch aus veränderten innen- und außenpolitischen Zielstellungen
heraus erfuhr die Auseinandersetzung mit Auschwitz seit der Mitte der
80er Jahre eine letzte Wandlung. Institutionen der DDR, so die Vermutung
zeitgenössischer Beobachter, reagierten mit ihrer seit Mitte der
80er Jahre forcierten Gedenkpolitik auf Initiativen, die sich aus den
Kirchen heraus entwickelten und griffen Impulse der ebenfalls seit Beginn
der 80er Jahre verstärkt wahrnehmbaren internationalen Erinnerungspolitik
auf. [29] Vor allem nach der Bitburg-Affäre 1985 [30] glaubte die
DDR-Führung darüber hinaus, die kritischen Stimmen unter den
europäischen und amerikanischen Juden gegenüber der Bundesrepublik
zur Aufbesserung ihres außenpolitischen Prestiges nutzen zu können.
[31] Insbesondere ein von Erich Honecker angestrebter Empfang im Weißen
Haus – der Besuch sollte auf Wunsch der SED-Führung mit Hilfe
des Jüdischen Weltkongresses arrangiert werden – sollte zur
Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der DDR und den USA
beitragen. [32]
Im Verlauf des nun einsetzenden Erinnerungsbooms – von Bodemann
später als »Gedenkepidemie« bezeichnet [33] – wurde
jüdischer Geschichte und Tradition öffentliche Aufmerksamkeit
in bis dahin in der DDR nicht gekannter Weise entgegengebracht. Jüdische
Relikte wurden plötzlich in größerem Maßstab restauriert,
es wurden Bücher und Broschüren veröffentlicht, und es
entwickelte sich, ähnlich wie zehn Jahre zuvor in der Bundesrepublik,
ein verstärktes Interesse an einer regional orientierten Aufarbeitung
jüdischer Geschichte. [34] Auf wissenschaftlicher Ebene entwickelte
Kurt Pätzold sein seit der Mitte der 70er Jahre konzipiertes DDR-Pendant
zur funktionalistischen Interpretation des Nationalsozialismus weiter
und erstellte damit erstmals ohne größerem politisch-ideologischen
Druck ausgesetzt zu werden [35] einen differenzierteren Forschungsansatz
über die Rolle wirtschaftlicher Interessenverbände bei der Ermordung
der europäischen Juden sowie über die Bedeutung des Antisemitismus
in der NS-Ideologie. [36]
Als Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident der DDR,
im Jahre 1990 vor der Volkskammer erklärte, es gelte die Schuld und
Verantwortung der Deutschen gegenüber den Juden anzuerkennen, stand
er also durchaus in der Tradition der seit Mitte der 80er Jahre einsetzenden
Umorientierung der Auseinandersetzung mit Auschwitz. Da dieses Eingeständnis
erstmals über vereinfachende Schuldzuweisungen an die Monopolbourgeoisie
hinauslief, vollzog er damit jedoch zugleich einen Bruch mit den bis dahin
geltenden politisch-ideologischen Voraussetzungen. Durch seinen Verzicht
auf Hinweise auf die sozioökonomischen Bedingungen, die Auschwitz
möglich gemacht hatten, verabschiedete er sich allerdings zugleich
von denjenigen Elementen der DDR-Forschung, die – wenn auch enorm
modifikationsbedürftig – eine Basis für eine weitere Auseinandersetzung
mit dem Holocaust hätten bilden können. [37]
2. Forschungs- und erinnerungspolitische Vorgaben
Die Grundlage und gleichzeitig den Rahmen für die Analyse des Nationalsozialismus
– und daraus abgeleitet auch des Holocaust – bildete die 1935
vom Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) erarbeitete
Dimitroff-Formel. Auch wenn in der Geschichtswissenschaft seit den späten
60er Jahren Entwicklungen zu verzeichnen waren, die zu einer allmählichen
Aushöhlung dieser politisch-ideologischen Vorgabe führten [38],
verließen insbesondere die öffentlichen Verlautbarungen, die
Darstellungen in Reden, Schulbüchern und Zeitungsartikeln bis 1989
nie den Boden der EKKI-Definition.
Faschismus [39] – nach der von Dimitroff vorgetragenen These die
»offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten
chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals«
[40] – wurde in der Öffentlichkeit als Extremform des Kapitalismus
bzw. Imperialismus dargestellt und gleichsam darauf reduziert. Nach dem
Motto »das Kapital hat Name und Adresse« spitzte Walter Ulbricht
diese Formel bereits 1945 verschwörungstheoretisch weiter zu und
benannte die »300 deutschen Plutokraten«, die 1932 im Düsseldorfer
Industrieclub an einem Treffen mit Hitler teilgenommen hatten, als Auftraggeber
des Nationalsozialismus. [41]
Die Massenbasis der NS-Bewegung wurde in diesem Zusammenhang weitgehend
ausgeblendet, geleugnet oder – in anspruchsvolleren Arbeiten –
auf Kleinbürgertum und Lumpenproletariat reduziert. Insbesondere
die Arbeiterklasse, aber auch große Teile anderer Bevölkerungsgruppen
waren nach DDR-offizieller Geschichtssicht resistent gegen Nationalsozialismus
und antisemitische Propaganda geblieben und hätten in unzähligen
Fällen sogar versucht, aktiv dagegen anzugehen. [42] Der Antisemitismus,
so wurde im DDR-Standardwerk über den Holocaust erklärt, sei
nur von einer »verschwindenden Minderheit vorbehaltlos bejaht und
von der Mehrheit der Bevölkerung, insbesondere der Arbeiterklasse,
abgelehnt« worden. [43]
Hitler, so wurde darüber hinaus immer wieder behauptet, sei lediglich
eine austauschbare Marionette der Monopolbourgeoisie gewesen. Sämtliche
Maßnahmen seiner Regierung – somit auch der Massenmord an
den europäischen Juden – hätten demzufolge in »Übereinstimmung
mit dem übergeordneten Klasseninteresse der aggressivsten Kreise
des Finanzkapitals« gestanden. [44] Noch von den Toten der Vernichtungslager,
so hieß es in einer Publikation aus den 50er Jahren, hätten
die »heutigen Geschäftsfreunde amerikanischer, englischer und
französischer Monopolisten« profitiert: »Den Opfern wurde
das Haar geschnitten; es wurde zu Filz und Steifleinen verarbeitet. Das
bei den Verbrennungen abtropfende Knochenfett wurde zu Seife verarbeitet.«
[45] Die Vernichtungslager, so wurde hierdurch suggeriert, seien profitorientierte
Fabriken zur Gewinnung und Verarbeitung »menschlicher Rohstoffe«
gewesen.
Während die Vorstellung, Auschwitz lasse sich direkt aus den Verwertungsinteressen
des Monopolkapitals erklären, die öffentliche Darstellung in
Zeitungen oder Lehrbüchern teilweise bis in die 80er Jahre hinein
bestimmte, begannen sich einige Wissenschaftler bereits im Anschluss an
den Eichmann-Prozess von entsprechenden Aussagen zu distanzieren. Mit
der Barbarei-These des Wirtschaftshistorikers Jürgen Kuczynski –
Kuczynski führte aus, die Ermordung der Juden lasse sich aus dem
barbarischen System faschistischer Monopolherrschaft heraus erklären
– rückte die DDR-Wissenschaft, ohne es eingestehen zu wollen,
bereits von der Vorstellung ab, der Massenmord habe konkrete wirtschaftliche
Ziele gehabt. Von profitzentrierten Erklärungsmustern vermochten
sich jedoch auch diese Ansätze nicht wirklich zu lösen. In der
gleichen Schrift, in der sich Kuczynski von einer reinen Kosten-Nutzen-Rechnung
distanzierte, erklärte er, Eichmann sei »auch nichts anderes
als ein Manager« gewesen – »nicht eines einzelnen Industriekonzerns,
sondern des deutschen Monopolkapitals insgesamt, besonders aber, und damit
nennen wir doch einen einzelnen Konzern, seines einflussreichsten Kerns
in der Zeit der Herrschaft der Faschisten, des IG-Farbenkonzerns«.
[46] Der Geschichtswissenschaftler Heinz Kühnrich ergänzte etwa
zur gleichen Zeit: »Der Antisemitismus war und ist ein Ausdruck
des Profitstrebens der herrschenden Klasse. Neben den politischen Zielen,
die damit verfolgt werden, war die faschistische Judenpolitik ein einziger
Raubzug, angefangen von der Plünderung des Besitzes der Vergasten
bis zur Aneignung ganzer Industriebetriebe.« [47]
Die von Kühnrich angedeuteten politischen Funktionen des Antisemitismus
und der Judenverfolgungen bestanden nach Ansicht der offiziellen Geschichtsschreibung
darin, die Bevölkerung von der Empörung über die Ausbeutung
abzulenken, die Menschen gezielt zu »verrohen« sowie Oppositionelle,
insbesondere aus dem Spektrum der Arbeiterbewegung, abzuschrecken. [48]
Die Nazis, so wurde 1963 in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft
behauptet, hätten die Rassenhetze forciert, »um im Interesse
des Monopolkapitals und des Militarismus von der Lösung der sozialen
Probleme abzulenken, die den Massen der faschistischen Anhänger von
Hitler demagogisch versprochen worden war«. [49] Im gleichen Jahr
erklärte Friedrich Karl Kaul: »Der Antisemitismus diente dem
reaktionären deutschen Imperialismus dazu, alle Schwierigkeiten auf
die Juden abzuwälzen und damit seine Herrschaft zu festigen.«
[50] Antisemitismus galt somit als ein bewusst eingesetztes Manipulationsinstrument
der herrschenden Klasse, das in Blitzableitermanier Klassenkämpfe
in so genannte »Rassenkämpfe« umzuwandeln hatte. [51]
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden war nach dieser
Auffassung demnach auch kein Hauptkennzeichen des Nationalsozialismus,
sondern ein zwar barbarisches, aber dennoch eher nebensächliches
Phänomen, das sich den außen- und innenpolitischen Zielen der
Monopolbourgeoisie unterordnete. [52] Als zentrales Opfer der NS-Zeit
wurde sowohl in der Geschichtswissenschaft als auch in der staatlichen
Erinnerungskultur nicht die jüdische Bevölkerung, sondern stets
die deutsche Arbeiterbewegung mit der KPD an ihrer Spitze wahrgenommen.
3. Funktionen, Folgen und Ursachen
Aus der unverhältnismäßig starken Betonung des deutschen
Widerstandes, der Reduktion des Nationalsozialismus und des Massenmordes
auf ökonomische Interessenlagen verschiedener Fraktionen der deutschen
Monopolbourgeoisie und der direkt damit verbundenen nachträglichen
Entlastung der Bevölkerung ergab sich mit dem Bild des »anderen
Deutschland« der zentrale Gründungsmythos der DDR. »Wie
aus einem Jungbrunnen«, so umschrieb Eike Geisel die Implikationen
der in Ost und West gleichermaßen beliebten Formel, »entstieg
dieser Konstruktion, kaum war es mit der kriminellen Volksgemeinschaft
vorbei, ein neues Kollektiv, das ganz anders, vor allen Dingen anders
deutsch, nämlich anständig gewesen war. Abgesehen vom völkischen
Denkmuster, das mit dem Begriff vom ›anderen Deutschland‹
tradiert wird; abgesehen von der Berufung auf Anständigkeit, ein
Charakterzug, auf den gerade die Nazis ihre Schlächter immer wieder
eingeschworen haben; abgesehen von der Tatsache, dass es Widerstandsaktionen
von einzelnen Personen und isolierten Gruppen, nicht aber eine anderen
Ländern vergleichbare Widerstandsbewegung gegeben hat; abgesehen
von all diesen Momenten wird bei der Berufung auf das ›andere Deutschland‹
dessen größte Schande sanktioniert: die Gleichgültigkeit
gegenüber dem Schicksal der Juden.« [53]
Durch die eindeutigen Schuldzuweisungen an die gesellschaftlichen Eliten,
die das eigene Volk »missbraucht« bzw. »verführt«
hätten, wurden die zwölf Jahre des Dritten Reiches als »eine
Phase der Fremdherrschaft« verstanden, »als gehöre die
NS-Zeit gar nicht zur Vorgeschichte der eigenen Gesellschaft«. [54]
Die Selbstbeschreibung als antifaschistische deutsche Nation, in der sich
in Verlängerung über den Widerstandskampf gegen Hitler alle
vermeintlich positiven Traditionen der deutschen Geschichte vereinigt
hätten, ermöglichte und verlangte gleichzeitig die Abstraktion
»die Faschisten« zur Kennzeichnung der Täter. Der antifaschistische
Selbstanspruch der DDR – der hier trotz aller Kritik nicht in Frage
gestellt werden soll – in Kombination mit der Selbstwahrnehmung
als Opfer des Faschismus, führte den Blick auf Auschwitz wie von
unbeteiligter Seite, die zwar bedauert, tatsächlich aber kein aufrichtiges
Interesse am Leid der ermordeten Juden aufbringen kann. Als Kurt Löffler,
der Kirchenbeauftragte der DDR, bei einem Staatsbesuch in Israel noch
im Februar 1989 erklärte, sein Land sei selbst indirekt ein Opfer
der Nazis geworden und brauche daher auch keine Verantwortung für
Auschwitz zu übernehmen und demzufolge auch keine Wiedergutmachungszahlungen
zu leisten [55], verlieh er eben diesem staatlichen Selbstverständnis
seinen offiziellen Ausdruck.
Obwohl sie die kollektive Vorgeschichte mit der Bevölkerung der Bundesrepublik
teilten, wurden die Menschen in der DDR im Unterschied zu ihren ehemaligen
Volksgenossen westlich der Elbe, »zu Mitsiegern der Geschichte erklärt«
und »sozusagen posthum zu einem Teil der Antihitlerkoalition erhoben«.
[56] Die Wünsche großer Teile der Bevölkerung nach Entlastung
und Entschuldung ergänzten sich in diesem Punkt nahezu idealtypisch
mit den staatlichen Versuchen innenpolitischer Akzeptanzgewinnung. [57]
Eine individuelle moralische Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten
und der Rolle der eigenen Familie im System des Nationalsozialismus wurde
dadurch, ähnlich wie in der Bundesrepublik, zu Gunsten einer möglichst
reibungslosen Integration in den neuen Staat verhindert. Der Umgang mit
der Vergangenheit wurde auf diese Weise auf die staatliche Ebene verlagert
und in Form einer Abgrenzungspolitik gegenüber dem »westdeutschen
Staat der Kriegsverbrecher« auf die außenpolitischen Beziehungen
projiziert.
Insbesondere bei den Beziehungen der DDR zu Israel, dem Staat der Überlebenden
des Holocaust, wird die Schieflage der zentralen Gründungsmythologie
der »sozialistischen deutschen Nation« deutlich: Kurz nach
der Gründung Israels erklärten sich auch Vertreter der SED im
Zentralorgan der Partei solidarisch mit den dort lebenden Juden: »Der
jüdischen Bevölkerung gehören die Sympathien und die tatkräftige
Hilfe aller fortschrittlichen Kräfte. Besonders die demokratischen
Kräfte Deutschlands haben die Verpflichtung, ihre Sympathie und Hilfsbereitschaft
offen zum Ausdruck zu bringen.« [58] 25 Jahre später, im Jahre
1973, wurde im DDR-Rundfunk erklärt: »Wir lassen uns auch nicht
von jenen erpressen, die uns mit dem heuchlerischen Gerede irgendwelcher
besonderer Beziehungen zwischen Deutschen und Juden kommen.« [59]
Ein »schuldbeladenes Gewissen« sei für die DDR »längst
gegenstandslos geworden«. [60] An die Stelle einer besonderen historisch-politischen
Verpflichtung war spätestens seit der Mitte der 50er Jahre ein vehementer
Antizionismus getreten. Israel galt von nun an ausschließlich als
Brückenkopf des US-Imperialismus. [61] Bei dieser Agitation wurde
sowohl die Rolle, die der Holocaust bei der Entstehung des jüdischen
Staates gespielt hatte, als auch der Anteil der Sowjetunion an der Gründung
Israels verschwiegen.
Auch wenn die späteren Auseinandersetzungen um Israel, die Palästinenser
und den Zionismus eine globalpolitische Dimension vor dem Hintergrund
des Kalten Krieges hatten und zusätzlich dem Versuch geschuldet waren,
die außenpolitische Isolation der DDR über eine Anerkennung
durch die arabischen Staaten zu durchbrechen, wurden sie immer auch als
Projektionsfläche für die staatliche Vergangenheitsbewältigung
genutzt. Insbesondere der – zunächst von der Sowjetunion übernommene
– Antizionismus bot der DDR die Möglichkeit, die eigene reale
Vergangenheit, die in den Biographien und Mentalitäten vieler Bürger
durchaus noch präsent war – und die in den meisten Fällen
nicht mit der staatlichen Gründungsmythologie übereinstimmte
– zu entsorgen. Die stets vorhandenen staatlichen Entlastungswünsche
der DDR manifestierten sich somit, neben der Abgrenzung zur Bundesrepublik,
paradoxerweise vor allem in den ständigen Gleichsetzungen der israelischen
Politik mit dem Nationalsozialismus. In einer Botschaft des Friedensrates
der DDR an die arabischen Staaten hieß es 1968: »Wir Deutschen
erinnern uns nur zu gut, dass vor wenigen Jahrzehnten deutsche Eroberer
mit ihrem ›Großdeutschland‹ triumphierten, und wir erfahren
mit Schrecken, dass nun ›Groß-Israel‹ Trumpf und Triumph
sein soll.« [62] Auch in den folgenden Jahren wurden regelmäßig
nationalsozialistisch konnotierte Begriffe – »Blitzkrieg«,
»Wehrmacht«, »Massenpogrom« usw. [63] –
zur Beschreibung bzw. Denunziation der israelischen Politik verwendet.
Während des Libanonkrieges 1982 erreichten die Faschismusvergleiche
schließlich geradezu exzessive Ausmaße: In den Medien der
DDR wurde behauptet, Israel betreibe einen »Vernichtungsfeldzug
gegen die Palästinenser« [64], einen »Völkermord«
[65] und eine »zionistische Endlösung der Palästinenserfrage«
[66], bei der Verbrechen begangen würden, für deren Beschreibung
»selbst Superlative« nicht ausreichen würden [67]. Die
Zeitschrift Asien-Afrika-Lateinamerika ergänzte: »Die israelischen
Rechtsextremisten [gemeint sind u. a. Menachim Begin und Ariel Scharon,
J.G.] verübten an Arabern Verbrechen, denen vergleichbar, die wenige
Jahrzehnte zuvor Faschisten an Juden begangen hatten.« [68] Das
Ziel des »Ausrottungsfeldzuges« [69] der Israelis, so wurde
verkündet, sei »die physische Vernichtung des arabischen Volkes«
[70]; die Palästinenser würden »wie Vieh aneinander gebunden
[...] in ›Speziallager‹ getrieben« [71]; neue Konzentrationslager
seien errichtet worden [72]. Im August 1982 wurde in der Zeitschrift Horizont
schließlich erklärt, von Israel werde »ein von langer
Hand vorbereiteter Holocaust« [73] betrieben.
Nachdem die Juden so in die Nazis der Gegenwart verwandelt worden waren,
wurde schließlich zeitweise versucht, dieses Schema auch auf die
Jahre 1933 bis 1945 zu übertragen. Die »zionistischen Führer«,
so wurde u. a. in der Zeitschrift Horizont ausgeführt, seien nach
1933 gewillt gewesen, »den Antisemitismus des deutschen Faschismus
für ihre Zwecke auszunutzen« [74], sie hätten in den USA
und Großbritannien antifaschistische Kriegsanstrengungen sabotiert
[75] und seien in »wahrlich nicht wenigen Fällen« als
»Hitlers ›Fünfte Kolonne‹« tätig gewesen
[76]. Der auch über die DDR hinaus bekannte Publizist Julius Mader
behauptete in einem seiner Aufsätze, »zwischen zionistischen
Akteuren und der SD-›Elite‹ des schwarzen Totenkopfordens«
habe sich »eine Hand-in-Hand-Arbeit herausgebildet«. [77]
Darüber hinaus verwies er auf einen ehemaligen SS-Geheimdienstgeneral:
Dieser habe in seinen Memoiren die moderne Büroorganisation eines
jüdischen Agenten gelobt und den Wunsch geäußert, sein
Amt ebenso modern aufbauen zu können, wie das Büro des betreffenden
Spions. »Man geht also durchaus nicht zu weit,« so Mader,
»wenn man behauptet, dass sogar SS-Geheimdienstgenerale bei zionistischen
Fanatikern in die Lehre gingen.« [78] Die Juden, das ist die wenig
versteckte Botschaft dieser Äußerung, tragen nicht nur Mitschuld
am Massenmord, sie sind auch nicht nur ebenso schlimm wie die Nazis, sie
sind vielmehr das Original, das von den Nationalsozialisten lediglich
kopiert wurde.
Insbesondere in den Jahren nach 1967 wurden schließlich selbst Publikationen
über die nationalsozialistische Vernichtungspolitik zur Abrechnung
mit Israel genutzt. [79] Vor allem israelischen Politikern wurde in diesem
Zusammenhang immer wieder vorgeworfen, sie als Juden hätten nichts
aus ihrer Vergangenheit gelernt – eine Anklage, die Auschwitz auf
das Niveau einer Besserungsanstalt reduziert. Die wohl perfideste Anschuldigung
dieser Art findet sich in einer von Heinz Seydel herausgegebenen Publikation
mit Gedichten über den Holocaust. Dieser Sammelband – der Untertitel
lautet »Die Judenverfolgung des Dritten Reiches im deutschen Gedicht«
– wurde mit einem antizionistischen Gedicht Louis Fürnbergs
eingeleitet, dessen erste Strophe im Folgenden zitiert werden soll: »Ein
Ghettovolk, jahrhundertelang gequält,/ hat nichts gelernt und fühlt
sich auserwählt/ zu Knutenschwingen und zu Herrenton./ Von Bomben
träumt die junge Generation,/ das Hakenkreuz schlingt sich zum Zionsstern./
Eintänzertypen fühlen sich als Herrn/ über Arabiens sonngebräunten
Sohn [...]« [80]
Anders als von Seiten der DDR-Publizistik immer wieder behauptet, stehen
diese Faschismusvorwürfe selbstverständlich nicht im Zusammenhang
mit der israelischen Politik. Sie machen vielmehr das Bedürfnis deutlich,
endlich auch einmal die Juden als Täter vorführen, die Deutschen
indirekt entlasten und somit die eigene staatliche (Vor-)Geschichte relativieren
zu können. [81] So entsteht bereits nach einer oberflächlichen
Zeitschriften- und Zeitungsanalyse der Eindruck, dass den Medien der DDR
zu kaum einem Staat der Welt so häufig Begriffe einfielen, die in
irgendeiner Weise in Beziehung zum Nationalsozialismus stehen, wie zu
Israel. Der französische Publizist Alain Finkielkraut verwies bereits
vor mehr als 20 Jahren auf die sozialpsychologische Dimension solcher
Analogiebildungen: »Allein der Vergleich an sich«, so Finkielkraut,
»ist schon ein Skandal. Man muss um jeden Preis Auschwitz aus dem
Gedächtnis der Menschen auslöschen wollen, um einen solchen
Vergleich anzustellen. Tatsächlich werden sich an dem Tag, an dem
man bewiesen hat, dass die Opfer genauso schuldig sind, wie die Henker,
die Henker oder die Kinder der Henker erleichtert fühlen.«
[82]
Die Faschismusvorwürfe an Israel symbolisieren jedoch nicht nur das
Bedürfnis nach Relativierung der deutschen Verbrechen. Sie verdeutlichen
zugleich das Bewusstsein einer Diskrepanz zwischen dem offiziellen antifaschistischen
Widerstandsmythos und der nationalsozialistischen Realität. Bei einer
vollständigen Verinnerlichung der Gründungsmythologie vom »anderen,
anständigen Deutschland« wäre es nicht mehr nötig
gewesen, die Bedürfnisse nach kollektiver Entschuldung über
aggressive Angriffe gegen die einstigen Opfer abzuleiten. Unter diesen
Voraussetzungen hätte kein Bewusstsein von Schuld und folglich auch
kein Bedürfnis nach kollektiver Entschuldung mehr existiert. Die
Faschismusassoziationen, die sich in der DDR bei Handlungen des Staates
Israel stets einstellten, waren somit ein – bewusster oder unbewusster
– Versuch, auf die Korrekturen des offiziellen Geschichtsbildes
durch individuelle Erinnerungen, literarische Vorstöße, unterschwellige
Ahnungen oder konkretes Wissen einzugehen und – ohne von der grundsätzlichen
Konzeption des offiziellen Holocaust-Gedenkens abzugehen – einzelne
Elemente des offiziellen Geschichtsbildes an Teile der Realität anzupassen.
Der sich aus den Versuchen, diese Widersprüchlichkeiten zu überwinden,
ergebende sekundäre Antisemitismus – ein Antisemitismus nicht
trotz, sondern gerade »wegen Auschwitz« [83] – repräsentiert
insofern einerseits das Verlangen nach »deutscher Normalität«,
nach einer »normalen Arbeiterklasse« bzw. einem »normalen
Volk« in einem »ganz normalen Land«. Er symbolisiert
damit jedoch gleichzeitig auch das zumindest unterschwellig vorhandene
Wissen, dass die jüngere deutsche Geschichte gerade diese gewünschte
Normalität nicht hergibt.
4. Fazit
Ebenso wie in der Bundesrepublik war der Umgang mit dem Massenmord auch
in der DDR vor allem von Desinteresse geprägt. Die Beschäftigung
mit Auschwitz vollzog sich nicht im politikfreien Raum; sie muss u. a.
vor dem Hintergrund des Kalten Krieges verstanden werden. Der Blick auf
den Massenmord war an politisch-ideologische Vorgaben gebunden, die ihrerseits
die Aufgabe zu übernehmen hatten, die Legitimationsdefizite der DDR
im Inneren und nach außen hin abzubauen. Auschwitz wurde als grausames
und barbarisches, aber dennoch eher nebensächliches Phänomen
»des deutschen Faschismus« betrachtet, das allen anderen außen-
und innenpolitischen Zielstellungen des Nationalsozialismus nachgeordnet
war. Durch den Versuch, die Ermordung der europäischen Juden allein
aus Kosten-Nutzen-Rechnungen heraus zu erklären und Antisemitismus
als bewusstes Kalkül der Eliten darzustellen, wurde die deutsche
Bevölkerung im Nachhinein von Schuld freigesprochen und selbst als
Opfer des Faschismus präsentiert. Wie die stetig wiederholte Formel,
Antisemitismus und Rassismus seien in der DDR in Folge der Entmachtung
des Finanzkapitals »mit der Wurzel ausgerottet«, zeigt, standen
antisemitische Einstellungen in der Bevölkerung oder die vormalige
Akzeptanz der nationalsozialistischen Politik überhaupt nicht zur
Debatte. Das nahezu kompromisslose Beharren der SED-Führung auf einer
strikten Einhaltung der Dimitroff-These hatte dabei gute Gründe:
So waren in dieser Formel bereits das gesamte Selbstbild, das Selbstverständnis
und die Legitimationsgrundlage für die staatliche Existenz der DDR
angelegt. Der Versuch mit einer Bevölkerung, die zu einem nicht unerheblichen
Teil wenige Jahre zuvor noch zu den festen Stützen der nationalsozialistischen
Gesellschaft gehört hatte, einen sozialistischen Staat aufzubauen
und diesen in das neu entstandene System der Blockkonfrontation einzugliedern,
war auf ideologische Hilfestellungen förmlich angewiesen. Ein solches
Unterfangen, das es sich aufgrund der politischen Situation und der damit
verbundene Zielstellungen vermutlich gar nicht leisten konnte, die Auseinandersetzungen
mit der Vergangenheit schonungslos einzufordern [84] – und dessen
Protagonisten solche Auseinandersetzungen wahrscheinlich auch gar nicht
wollten – benötigte geradezu eine Verharmlosung des Massenmordes
– offenbarte sich doch gerade an diesem Verbrechen die Beteiligung
der deutschen Bevölkerung und ihre Integration in das System des
Nationalsozialismus am deutlichsten. Die spezielle Art des in der DDR
gepflegten Umgangs mit Auschwitz war damit den außen- und innenpolitischen
Faktoren der neu entstandenen politischen Situation nach 1945, gleichzeitig
jedoch auch dem positiven Bezug auf die Kategorien »Volk«,
»Nation« und »Masse« geschuldet. Individuelle
Auseinandersetzungen bzw. ein Gedenken im Sinne einer »Trümmer
auf Trümmer« häufenden Erinnerung (Benjamin) [85] wurden
somit einer möglichst konfliktfreien Eingliederung der vormaligen
»einfachen Volksgenossen« geopfert.
In den unterschwelligen Intentionen, die hinter der Entscheidung standen,
die Thesen des EKKI zum Schema für jegliche Auseinandersetzung mit
dem Nationalsozialismus zu erheben, sind gleichzeitig auch die Ursachen
für die in späteren Jahren stattfindende inflationäre Verwendung
von nationalsozialistisch konnotierten Begriffen für Handlungen des
Staates Israel zu suchen. Insbesondere über die Gleichsetzung der
israelischen Politik mit dem Nationalsozialismus wurde versucht, die eigene
nationale Vergangenheit mit Handlungen des Staates Israel aufzuwiegen
und sich damit – als Staat und »gerettete Gemeinschaft«
– zu entlasten. Das Schreiben über Auschwitz und das offizielle
Gedenken an den Massenmord wurde somit »von deutscher Seite, sowohl
gesellschaftlich wie staatlicherseits, in Besitz genommen [...], um deutsche,
nationale Deutungsbedürfnisse zu erfüllen«. [86] Wie in
der Bundesrepublik hatte auch die Gedenk- und Erinnerungskultur der DDR
sehr wenig mit dem real existierenden Judentum zu tun; sie war vielmehr
ein wichtiges Element in der neuen deutschen Identitätspolitik nach
1945. [87]
Anmerkungen
[1] Der Vortrag ist eine geringfügig überarbeitete Fassung meines
Aufsatzes über den »Umgang der DDR mit Auschwitz« in
den Hallischen Beiträgen zur Zeitgeschichte 8 (1999).
[2] Der Begriff »Holocaust« wurde in der Geschichtswissenschaft
der DDR fast nicht verwendet. Lediglich in den Printmedien wurde er seit
Beginn der 80er Jahre gelegentlich gebraucht. Viel häufiger wurde
allerdings auch dort der Begriff »Endlösung« –
in Anführungszeichen – benutzt.
[3] Stefan Heymann: Marxismus und Rassenfrage, Berlin 1948, S. 5, 43.
[4] Walter Ulbricht: Die Legende vom »deutschen Sozialismus«.
Ein Lehrbuch für das schaffende Volk über das Wesen des deutschen
Faschismus, Berlin 1945, S. 34 ff.
[5] Vgl. Constantin Goschler: Paternalisierung und Verweigerung. Die DDR
und die Wiedergutmachung für jüdische Verfolgte des Nationalsozialismus.
In: Wolfgang Benz (Hg.): Jahrbuch für Antisemitismusforschung 2,
Frankfurt am Main, New York 1993.
[6] Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slansky.
In: Karl Wilhelm Fricke: Warten auf Gerechtigkeit. Kommunistische Säuberungen
und Rehabilitationen. Bericht und Dokumentation, Köln 1971. Die »Lehren«
erschienen erstmals am 4. Januar 1953 im Neuen Deutschland. Slansky wurde
im Rahmen der spätstalinistischen Kampagnen gegen »Zionismus
und Kosmopolitismus« verhaftet und im November 1952 zum Tode verurteilt.
[7] Vgl. Paul Merker: An die zentrale Kontrollkommission des ZK der SED.
Schreiben vom 1. Juni 1956. In: Jeffrey Herf: Antisemitismus in der SED.
Geheime Dokumente zum Fall Paul Merker aus SED- und MfS-Akten. In: Vierteljahrshefte
für Zeitgeschichte 4 (1994). Merker wurde 1950 aus der SED ausgeschlossen,
1952 wurde er verhaftet. Nach drei Jahren in Untersuchungshaft wurde er
1955, bereits nach Stalins Tod, zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach
einer internen Überprüfung seines Falles wurde Merker 1956 aus
dem Gefängnis entlassen. Dieselben Richter, die ihn nur kurz zuvor
verurteilt hatten, befanden ihn nun für unschuldig. Eine volle politische
Rehabilitation blieb aus.
[8] Vgl. ebd., S. 653.
[9] Lehren, S. 170 ff.
[10] In seinem 1983 erstmals in der DDR veröffentlichten Buch »Dialog
mit meinem Urenkel« bemühte sich Kuczynski jedoch gleichzeitig
um Relativierung. Seine Ablösung sei auf sowjetische Initiative hin
geschehen, die Parteiführung der SED habe antisemitische Haltungen
»niemals auch nur in der allerkleinsten Andeutung übernommen«.
Vgl. Jürgen Kuczynski: Dialog mit meinem Urenkel. Neunzehn Briefe
und ein Tagebuch. Erstveröffentlichung der ungekürzten und unzensierten
Originalfassung, Berlin 1996, S. 57 f.
[11] Vgl. Fricke: Warten, S. 87.
[12] Vgl. die kürzlich erschienene, äußerst instruktive
Studie von Thomas Haury: Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie,
Nationalismus und Antisemitismus in der frühen DDR, Hamburg 2002,
S. 400, 403.
[13] Vgl. Olaf Groehler: Der Umgang mit dem Holocaust in der DDR. In:
Rolf Steininger (Hg.): Der Umgang mit dem Holocaust. Europa – USA
– Israel, Wien, Köln, Weimar 1994, S. 242 ff.
[14] Jüdischer Widerstand – 1948/49 noch mit der Veröffentlichung
eines Erinnerungsberichts Zivia Lubetkins gewürdigt (Zivia Lubetkin:
Die letzten Tage des Warschauer Ghettos, Potsdam 1949) – wurde nicht
mehr thematisiert.
[15] Ausschuss für deutsche Einheit (Hg.): Globke. Der Bürokrat
des Todes. Eine Dokumentation über die Blutschuld des höchsten
Bonner Staatsbeamten bei der Ausrottung der Juden, ohne Ort und Jahr,
S. 254.
[16] Heinz Kühnrich: Judenmörder Eichmann. Kein Fall der Vergangenheit,
Berlin 1961, S. 104.
[17] Friedrich Karl Kaul: Der Fall Eichmann, Berlin 1963, S. 217. Hans
Globke war in den 30er Jahren Mitverfasser eines juristischen Kommentars
zu den Nürnberger Gesetzen. Von 1953 bis 1963 war er Staatssekretär
im Bundeskanzleramt.
[18] Vgl. u. a. Angelika Timm: Der 9. November in der politischen Kultur
der DDR. In: Steininger: Der Umgang, S. 254.
[19] Z.B. Siegbert Kahn: Dokumente der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung
gegen Antisemitismus und Rassenhetze. In: Beiträge zur Geschichte
der deutschen Arbeiterbewegung 2 (1960); Kühnrich: Judenmörder
Eichmann; Martin Riesenburger: Das Licht verlöschte nicht. Dokumente
aus der Nacht des Nazismus, Berlin (Ost) 1960.
[20] Vgl. Tim Mason: Der Primat der Politik. Politik und Wirtschaft im
Nationalsozialismus. In: Das Argument 41 (1966).
[21] Vgl. Günter Paulus: Die zwölf Jahre des tausendjährigen
Reiches. Streiflichter auf die Zeit der faschistischen Diktatur über
Deutschland, Berlin (Ost) 1965.
[22] Karl Drechsler: Günter Paulus: Die zwölf Jahre des tausendjährigen
Reiches (Rezension). In: ZfG 4 (1966), S. 645 ff.
[23] Ebd., S. 647.
[24] Vgl. Olaf Groehler: Der Holocaust in der Geschichtsschreibung der
DDR. In: ders., Ulrich Herbert: Zweierlei Bewältigung. Vier Beiträge
über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in den beiden deutschen
Staaten, Hamburg 1992, S. 55.
[25] Helmut Eschwege (Hg.): Kennzeichen J. Bilder, Dokumente, Berichte
zur Geschichte der Verbrechen des Hitlerfaschismus an den deutschen Juden,
Berlin (Ost) 1966. Zu den Auseinandersetzungen um die Veröffentlichung
des Buches vgl. ders.: Fremd unter meinesgleichen. Erinnerungen eines
Dresdner Juden, Berlin 1991, S. 189 ff.
[26] Klaus Drobisch, Rudi Goguel, Werner Müller: Juden unterm Hakenkreuz.
Verfolgung und Ausrottung der deutschen Juden, Berlin (Ost) 1973.
[27] Z.B. Dietrich Eichholtz: »Großgermanisches Reich«
und »Generalplan Ost«. In: ZfG 11 (1980); Kurt Pätzold:
Faschismus, Rassenwahn, Judenverfolgung. Eine Studie zur politischen Strategie
und Taktik des faschistischen deutschen Imperialismus (1933-1945), Berlin
(Ost) 1975; ders.: Von der Vertreibung zum Genozid. Zu den Ursachen, Triebkräften
und Bedingungen der antijüdischen Politik des faschistischen deutschen
Imperialismus. In: Dietrich Eichholtz, Kurt Gossweiler (Hgg.): Faschismusforschung.
Positionen, Probleme, Polemik, Berlin (Ost) 1980.
[28] Z.B. Jurek Becker: Jakob der Lügner, Berlin (Ost) 1969; Peter
Edel: Wenn es ans Leben geht. Meine Geschichte, Berlin (Ost) 1979; Mischket
Liebermann: Aus dem Ghetto in die Welt. Autobiographie, Berlin (Ost) 1977.
Darüber hinaus sei an Frank Beyers 1974 nach einer Romanvorlage von
Jurek Becker gedrehten Film »Jakob der Lügner« erinnert.
[29] Vgl. Y. Michal Bodemann: Gedächtnistheater. Die jüdische
Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung, Hamburg 1996, S. 106.
[30] 1985 trafen sich Helmut Kohl und Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof
in Bitburg – dort sind u. a. Angehörige von Einheiten der Waffen-SS
begraben – zu einer »Versöhnung über den Gräbern«.
[31] Die Vorstellung, dass die Politik der USA mit Hilfe des Jüdischen
Weltkongresses beeinflusst werden kann, ist – wie vermutlich nicht
weiter ausgeführt werden muss – bereits selbst Teil des antisemitischen
Tickets.
[32] Vgl. Angelika Timm: Israel in den Medien der DDR. In: Benz: Jahrbuch,
S. 170.
[33] Vgl. ebd., S. 110.
[34] Z.B. Hans-Gerhard Cheim: Zur Verfolgung Berliner Jüdischer Rechtsanwälte
1933-1945. In: ZfG 11 (1988); Wolf Gruner: Der Beginn der Zwangsarbeit
für arbeitslose Juden in Deutschland 1938/39. Dokumente aus der Stadtverwaltung
Berlin. In: ZfG 2 (1989); Harry Stein: Quellen zum antisemitischen Pogrom
in Thüringen. In: ZfG 10 (1988).
[35] Vgl. Joachim Käppner: Erstarrte Geschichte. Faschismus und Holocaust
im Spiegel der Geschichtswissenschaft und Geschichtspropaganda der DDR,
Hamburg 1999, S. 159.
[36] Zwar machte auch Pätzold das Monopolkapital für alle Aspekte
der nationalsozialistischen Herrschaft verantwortlich, anders als ein
Großteil seiner orthodox-marxistischen Kollegen gestand er der antisemitischen
Ideologie jedoch eine gewisse Eigendynamik zu, die im Verlauf der Kriegshandlungen
zu einer Radikalisierung der antijüdischen Politik geführt habe.
Vgl. Kurt Pätzold: Von der Vertreibung zum Genozid; ders.: Der historische
Platz des antijüdischen Pogroms von 1938. Zu einer Kontroverse. In:
Jahrbuch für Geschichte 26 (1982), Berlin (Ost) 1982; ders.: Einleitung.
In: ders. (Hg.): Verfolgung, Vertreibung, Vernichtung. Dokumente des faschistischen
Antisemitismus 1933 bis 1942, Leipzig 1983. Zur Kritik bzw. den Implikationen
der funktionalistischen Schule vgl. Dan Diner: Ereignis und Erinnerung.
Über Variationen historischen Gedächtnisses. In: Nicolas Berg,
Jess Jochimsen, Bernd Stiegler (Hgg.): Shoah. Formen der Erinnerung, München
1996.
[37] Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier soll es – wie
auch aus den beiden folgenden Kapiteln deutlich werden dürfte –
nicht um die Ehrenrettung der Faschismus- und Antisemitismusforschung
der DDR gehen. Im Gegensatz zu den Vertretern der Totalitarismustheorie,
die nach 1989/90 zu neuer Anerkennung gelangten, war den DDR-Wissenschaftlern
– so holzschnittartig und verschroben ihre »Analysen«
auch immer waren – jedoch immerhin noch bewusst, dass es einen Zusammenhang
von Kapitalismus und Faschismus/Nationalsozialismus gibt.
[38] Vgl. hierzu Richard Saage: Faschismustheorien. Mit einem Vorwort
»Zwanzig Jahre danach: Faschismustheorien und ihre Kritiker«,
Baden-Baden 1997, S. 42 f.; Manfred Weissbecker: Entteufelung der braunen
Barbarei. Zu einigen Tendenzen der Geschichtsschreibung der BRD über
Faschismus und faschistische Führer, Berlin (Ost) 1975, S. 94 ff.
[39] Der Nationalsozialismus wurde in der DDR durch die Bezeichnung »deutscher
Faschismus« bekanntlich auf eine deutsche Version eines internationalen
Phänomens reduziert. Zu den sozio-politischen Gemeinsamkeiten und
Unterschieden zwischen italienischem Faschismus und Nationalsozialismus
vgl. Richard Saage: Der italienische und der deutsche Faschismus. In:
ders.: Arbeiterbewegung, Faschismus, Neokonservativismus, Frankfurt am
Main 1987. Dieser Aufsatz bietet zwar selbstverständlich keine Erklärung
für Auschwitz. Für ihn gilt jedoch, was Saage auch in Hinblick
auf seine Studie über Faschismustheorien bzw. die dort präferierte
Bonapartismustheorie konstatiert: »Gerade in dem Aufweis, dass der
deutsche Faschismus die von dem bonapartismustheoretischen Modell nahe
gelegte ›Normalität des starken Staates‹ gesprengt hat,
kann er uns zumindest die sozio-politischen Rahmenbedingungen und ihre
Ursachen vor Augen führen, die die Katastrophe in Form von ›Hitlers
willfährigen Vollstreckern‹ (Goldhagen) ermöglichten.«
Saage: Faschismustheorien, S. 18.
[40] Georgi Dimitroff: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der
Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterbewegung
gegen den Faschismus. 2. August 1935. In: Institut für Marxismus-Leninismus
beim ZK der SED (Hg.): VII. Kongress der Kommunistischen Internationale.
Referate und Resolutionen, Berlin (Ost) 1975, S. 93.
[41] Ulbricht: Die Legende, S. 13 ff.
[42] Vgl. Drobisch u. a.: Juden unterm Hakenkreuz, S. 73, 138, 265 f.,
319 ff., 382.
[43] Ebd., S. 138.
[44] So der kritische Hinweis bei Groehler: Der Umgang, S. 57.
[45] Kuratorium für den Aufbau Nationaler Gedenkstätten in Buchenwald,
Sachsenhausen, Ravensbrück (Hg.): Buchenwald. Nationale Gedenkstätte
für die Widerstandskämpfer gegen den Faschismus. Dokumentensammlung
mit Skizzen und Lagekarten, 2. Auflage, Reichenbach ohne Jahr, S. 19.
[46] Jürgen Kuczynski: Die Barbarei – extremster Ausdruck der
Monopolherrschaft in Deutschland. In: ZfG 7 (1961), S. 1485.
[47] Kühnrich: Judenmörder Eichmann, S. 19.
[48] Vgl. ebd.; Drobisch u. a.: Juden unterm Hakenkreuz, S. 70, 225, 239.
[49] Manfred Unger: Die »Endlösung« in Leipzig. Dokumente
zur Geschichte der Judenverfolgung 1933-1945. In: ZfG 5 (1963), S. 941.
[50] Kaul: Der Fall Eichmann, S. 30.
[51] Vgl. Drobisch u. a.: Juden unterm Hakenkreuz, S. 11 ff.
[52] Ebd., S. 135.
[53] Eike Geisel: Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte
Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung, Berlin 1998, S. 132 f.
[54] Martin Broszat: Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte,
München 1986, S. 38.
[55] Vgl. Goschler: Paternalismus, S. 111.
[56] Ralph Giordano: Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu
sein, Hamburg 1987, S. 214.
[57] Meuschel stellt die These auf, dass der Antifaschismus auch für
die Integration ansonsten eher systemferner Bürger eine besondere
Rolle spielte. Zum Beweis und zur Begründung zitiert sie Christa
Wolf: »Weil wir als sehr junge Menschen, aufgewachsen im Faschismus,
erfüllt waren von Schuldgefühlen und denen dankbar waren, die
uns da herausgeholt hatten.« Vgl. Sigrid Meuschel: Legitimation
und Parteiherrschaft in der DDR. Zum Paradox von Stabilität und Revolution
in der DDR 1945-1989, Frankfurt/Main 1992, S. 28 ff. Angesichts der Tatsache,
dass der Antifaschismus der DDR ein Antifaschismus ohne Blick auf Auschwitz
und die Massenbasis des Nationalsozialismus war, bekommt dieser Satz eine
zweite Bedeutung: Befreit wurde die Generation Christa Wolfs nicht nur
vom Faschismus, sondern ganz offiziell auch von den von ihr erwähnten
Schuldgefühlen. Das Bekenntnis zu diesem entlastenden Antifaschismus
dürfte selbst vormals stark in den Nationalsozialismus integrierten
Personen nicht besonders schwer gefallen sein.
[58] Paul Merker: Der neue Staat des jüdischen Volkes. In: Neues
Deutschland vom 24. Februar 1948. Eine Dokumentation des Textes findet
sich auch bei Angelika Timm: Hammer, Zirkel, Davidstern. Das gestörte
Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel, Bonn 1997, S. 458.
[59] Zit. nach: Thomas Haury: Deutscher Antiimperialismus. In: Jungle
World 47 (1998), S. 16.
[60] Zit. nach: Ebd.
[61] Vgl. hierzu Angelika Bator, Wolfgang Bator (Hgg.): Die DDR und die
arabischen Staaten. Dokumente 1956-1982, Berlin (Ost) 1984.
[62] Aus der Botschaft des Friedensrates der DDR an die arabischen Völker
vom 25. Januar 1968. In: ebd., S. 131.
[63] Vgl. exemplarisch Albert Norden: An der Seite der arabischen Völker.
Rede auf der außerordentlichen Tagung des Präsidiums des Friedensrates
der DDR in Berlin. 14. Juni 1967. In: ders.: In Aktion für das sozialistische
Vaterland. Ausgewählte Aufsätze und Reden 1964-1969, Berlin
1969, S. 398 f.
[64] Wolfgang Schüssler: Die israelische Aggression gegen Libanon
und das palästinensische Volk. In: Deutsche Außenpolitik 12
(1982), S. 58.
[65] Martin Robbe: Palästinenser verteidigen Recht auf Selbstbestimmung.
In: Asien-Afrika-Lateinamerika 6 (1982), S. 1013.
[66] Gerhard Zázworka, Peter van Dick: Israelischer Mordfeldzug
verschärft Nahostkrise weiter. In: Horizont 34 (1982), S. 5.
[67] Ingo Schönfelder: Israels Libanonaggression 1982. In: Lothar
Rathmann u. a. (Hgg.): Asien-Afrika-Lateinamerika. Bilanz und Chronik
des Jahres 1982, Berlin (Ost) 1983, S. 124.
[68] Robbe: Palästinenser, S. 1021.
[69] O.A.: o.T. In: Horizont 27 (1982), S. 2.
[70] Edmund Röhner: USA – Nahostpolitik gegen Frieden und nationale
Unabhängigkeit. In: Horizont 28 (1982), S. 9.
[71] Rainer Kerndl: Fotos klagen an. In: Horizont 33 (1982), Bildunterschrift
S. 17.
[72] Vgl. ebd.
[73] Zázworka, van Dick: Israelischer Mordfeldzug, S. 5.
[74] Klaus Polkehn: Wie es wirklich war – Zionismus im Komplott
mit dem Faschismus. In: Horizont 3 (1970), S. 28.
[75] Julius Mader: Nazikonspiration mit Zionisten. In: Horizont 38 (1970),
S. 28.
[76] Ders.: Juden gegen Ware. In: Horizont 37 (1970), S. 28.
[77] Ebd., S. 29
[78] Ebd.
[79] Vgl. u. a. Drobisch u. a.: Juden unterm Hakenkreuz, S. 34; Heinz
Seydel: Reflexionen. In: ders. (Hg.): Welch ein Wort in die Kälte
gerufen. Die Judenverfolgung des Dritten Reiches im deutschen Gedicht,
Berlin 1968, S. 21 f.
[80] Ebd., S. 21.
[81] Vgl. Haury: Deutscher Antiimperialismus, S. 16.
[82] Zit. nach: Susann Heenen: Deutsche Linke, linke Juden und der Zionismus.
In: Dietrich Wetzel (Hg.): Die Verlängerung von Geschichte. Deutsche,
Juden und der Palästinakonflikt, Frankfurt am Main 1983, S. 104.
[83] Dan Diner: Negative Symbiose. Deutsche und Juden nach Auschwitz.
In: Babylon 1 (1986), S. 10.
[84] Dies sollte nicht als Rechtfertigung der Erinnerungspolitik der DDR
verstanden werden, sondern als Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse,
die nach Auschwitz fortbestanden.
[85] Vgl. Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. In: ders.:
Allegorien kultureller Erfahrung. Ausgewählte Schriften, Leipzig
1984, S. 161.
[86] Bodemann: Gedächtnistheater, S. 13 f.
[87] Vgl. ebd., S. 99.
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