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Jan Gerber
Meine Kuh, meine Scholle, mein Block. Über den »Standortfaktor
Heimatbindung«
In: Bahamas 55/2008
»When you’re growing up in a small town
You know you’ll grow down in a small town
There’s only one good use for a small town
You hate it and you know you’ll have to leave«
(Lou Reed)
Wer Sam Peckinpahs Film »Straw Dogs« kennt, weiß alles,
was er über das Leben auf dem flachen Land wissen muss: Der Amerikaner
David Sumner, gespielt von Dustin Hofmann, und seine Frau Amy (Susan George)
ziehen in einen kleinen Ort im englischen Cornwall. [1] Hier suchen sie
die Ruhe und Idylle, die es dem Astro-Mathematiker David ermöglichen
sollen, seine Doktorarbeit zu schreiben. Diese Idylle erweist sich jedoch
als reine Hölle. Angesichts der Langeweile, der kargen Landschaft,
des schlechten Wetters und der allgemeinen Trostlosigkeit beginnen die
Frischverheirateten nicht nur, sich gegenseitig zu schikanieren. Auch
die Einheimischen, die untereinander zu keiner freundschaftlichen Bindung
fähig zu sein scheinen, versprechen sich von ihren neuen Nachbarn
Abwechslung zu ihrem tristen Alltag. Aus der distanzierten Feindseligkeit,
die den beiden überall entgegenschlägt, wird schnell offene
Aggression: Eine Gruppe Ureinwohner treibt David »aus Spaß«
mit dem Auto von der Straße, tötet die Katze der Sumners und
hängt sie in deren Schlafzimmerschrank. Während David bei einer
Jagdpartie ist, wird Amy von zwei Einheimischen vergewaltigt. Nach einem
ländlichen Kulturabend greift eine Horde Betrunkener schließlich
das Haus der Sumners an. Der Grund: Sie beherbergen den Aussätzigen
des Ortes, einen verstörten jungen Mann, der verdächtigt wird,
ein Mädchen entführt und vergewaltigt zu haben, und weigern
sich, ihn der Meute auszuliefern. Dieser Grund ist jedoch bald vergessen.
Einer derjenigen, die auf der Jagd nach dem vermeintlichen Vergewaltiger
sind, fällt nach dem Sturm auf das Haus der Sumners zunächst
über Amy her; ein anderer hält ihn gewaltsam davon ab, weil
er sie für seine eigene Beute hält. Selbst für David scheint
es wichtiger zu sein, dass sein Revier verletzt wird, als dass jemand
gelyncht werden soll. So postuliert er nicht nur pathetisch – und
nur kurz nachdem er Amy gedroht hat, ihr den Arm zu brechen, wenn sie
ihm nicht gehorche –, dass er »keine Gewalt in diesem Haus«
dulden wolle. Nachdem er sämtliche Angreifer getötet hat, erklärt
er darüber hinaus in einer Mischung aus Stolz und Fassungslosigkeit:
»Oh mein Gott, alle habe ich sie erledigt.«
Peckinpahs Film, der trotz seines Handlungsortes und seiner Handlungszeit
in den frühen 1970er Jahren immer wieder als Western bezeichnet wird,
ist tatsächlich ein Abgesang auf das Western-Genre: Die »bad
guys« sind zwar noch immer böse, die »good guys«
sind allerdings nicht mehr wirklich gut. Gleichzeitig denunziert Peckinpah
die Harmonievorstellungen der klassischen Westernregisseure: In den stilbildenden
Filmen John Fords oder John Hustons werden die Kleinstadt, die einsame
Farm oder die Ranch in der Regel als Orte der Harmonie dargestellt; Gefahr
droht stets von außerhalb: von Indianern, Aussätzigen oder
Fremden. Mit »Straw Dogs« rückt Peckinpah diese Vorstellungen
zurecht und präsentiert die kleinen Gemeinschaften, die Einsamkeit
und Trostlosigkeit des Landlebens als Hort von Brutalität, Aggression
und Dummheit.
Der Idiotismus des Landlebens
Tatsächlich gehört keine große Phantasie dazu, die Handlung
von »The Siege of Trencher’s Farm«, so der Titel des
Romans, auf dem der Film basiert, in eine x-beliebige Kleinstadt zu verlegen;
Peckinpah beschreibt Zustände, die in nur leicht abgeschwächter
Form fast überall auf dem flachen Land – dort, wo kein einziges
Gebäude den Kirchturm überragt – vorstellbar sind: Die
Nähe zur Natur hat die Menschen hart und verbittert gemacht; ihre
Freizeit basiert auf der Pflege eines festen Kanons barbarischer Rituale;
und die eingeschränkten Sozialkontakte produzieren schon in jungen
Jahren die boshafte Wunderlichkeit, die man sonst nur aus dem Altersheim
kennt. In diesen Gegenden: in Peckinpahs Dorf im Cornwall ebenso wie in
den langsam deindustrialisierten Klein- und Mittelstädten der Magdeburger
Börde, des Elbe-Saale-Winkels oder Brandenburgs, scheint es so, als
wären die vermittelten Herrschaftsverhältnisse des Kapitalismus
nie richtig angekommen zu sein. Je kleiner der Ort ist, umso größer
scheint der Bogen zu sein, den das abstrakte Recht und die Vermittlung
über den Markt um ihn gemacht haben. Das archaische Recht des Stärkeren
lebt hier nicht, wie von Marx für die bürgerliche Gesellschaft
in ihrem goldenen Zeitalter – und gegen ihre politischen Ökonomen
– festgestellt wurde, unter der Oberfläche bzw. »unter
andrer Form« fort. (MEW 43: 23) Es kommt vielmehr unverstellt zum
Vorschein. Hier wird Kleidung weniger als Frage von Ästhetik und
Stil behandelt, sondern soll ausschließlich vor Wind und Wetter
schützen. Essen scheint weniger dem Genuss als dem Kampf gegen die
Angst vor dem Verhungern zu dienen. Und auch mit einer Hochzeit wird oft
ausschließlich der Zweck verfolgt, dem vergrößerten Acker
jemanden zu verschaffen, der ihn in Zukunft pflügt, düngt und
aberntet. Selbst der Generationenkonflikt, in dem einmal der Gedanke an
einen Ausbruch aus dem Kontinuum Schule-Arbeit-Tod aufgehoben war, findet,
wenn überhaupt, lediglich als Auseinandersetzung ums Erbe statt.
Aufgrund der frühzeitigen Integration in die Bestellung des elterlichen
Hofes oder – weitaus häufiger – die Strategien der Alten,
ihre Zeit totzuschlagen, überspringen die Heranwachsenden die Phase
des Ekels vor den Eltern und ihrem Leben in der Regel: Alt und jung sitzen
an den gleichen Orten (Marktplatz, Tankstelle, Buswartehäuschen usw.)
zusammen, spielen Karten, rauchen, trinken, demütigen sich und warten
auf die Abwechslung, die doch nicht kommt.
Die Freunde des Landlebens
Es spricht also durchaus einiges dafür, diese Gegenden zu meiden
und sich darüber zu freuen, dass es immer mehr Menschen gibt, die
sie verlassen. Statt denjenigen allerdings zu gratulieren, die es schaffen,
dem »Ozean von Demenz und Armut«, von dem die Süddeutsche
Zeitung spricht (SZ vom 7. August 2003), den Rücken zu kehren, kann
sich vor allem das Feuilleton kaum etwas schlimmeres vorstellen als »schrumpfende
Städte«, »verlassene Dörfer« und das »Sterben«
von Regionen, die der Welt nichts außer Grützwurst und Bregensuppe
gebracht haben. Die immer wieder erhobene Behauptung, dass diese Schrumpfregionen
und ihre Bewohner keine Lobby haben, wird dabei allein schon dadurch dementiert,
dass sie immer wieder erhoben wird. So wird seit Jahren nicht nur im Hallischen
Amtsblatt, im Merseburger Stadtanzeiger oder auf Dessau TV, sondern auch
im Spiegel, in der Frankfurter Rundschau, der Zeit und in Büchern
und Ausstellungen, die von der Kulturstiftung des Bundes finanziert werden
[2], über Deurbanisierungsprozesse und »Entvölkerung«
lamentiert. Ganze Berufsgruppen sind damit beschäftigt, die Abwanderung
aus den ost- und westdeutschen Abbruchgebieten zu stoppen und die Einheimischen
zum Bleiben zu bewegen.
Bis in die 1990er Jahre waren vor allem Ökonomen und die Mitarbeiter
von Gewerbeämtern und Wirtschaftsdezernaten dafür zuständig,
die weitere Flucht aus »schrumpfenden Städten« und »sterbenden
Dörfern« zu verhindern. Ihre Parole hieß »Arbeitsplätze
schaffen!«; die brachliegenden Gewerbegebiete, die nach 1990 in
jedem zweiten ostdeutschen Kaff erschlossen wurden, sind die traurigen
Denkmäler ihrer Tätigkeit. Inzwischen stehen hauptberufliche
und ehrenamtliche Stadtplaner, Raumordner, Raumpioniere, Grünplaner
und Landschaftsarchitekten an vorderster Front im Kampf um »sterbende
Städte« und Regionen. Diese Verschiebung der Zuständigkeiten
auf diejenigen, die berufsmäßig mit Hecken, Wanderwegen, Grünflächen,
Fachwerk und Bodennutzung beschäftigt sind, zeigt, dass es kaum noch
jemanden gibt, der daran glaubt, dass sich Industrie in den ost- oder
westdeutschen Abbruchgebieten ansiedeln wird. Der Stadtkämmerer von
Bremerhaven, einem Ort, der pro Jahr 2.000 Einwohner verliert, ist einer
der Wenigen, die die Situation nicht nur hinter vorgehaltener Hand richtig
einschätzen: »Die Chance auf Ansiedlung eines Großbetriebs«,
so erklärte er gegenüber dem Hamburger Abendblatt, »ist
etwa so groß wie auf einen Sechser im Lotto.« (Hamburger Abendblatt
vom 18. November 2004) Dieses allgemein vorhandene, allerdings nur selten
artikulierte Wissen spiegelt sich auch in zahlreichen Konzepten von Stadt-
und Raumplanern wider: So wurde für einige ostdeutsche Städte
bereits über eine »temporäre innerstädtische Landwirtschaft«
(Gemüse, Obst usw.) diskutiert; bei einer Ausstellung zum Thema »shrinking
cities« wurde gefragt, warum nicht auch Kuhherden durch die »aufgelockerten
Städte der Zukunft« ziehen dürften. [3] Diese Vorschläge
sorgen bei öffentlichen Veranstaltungen der Branche zwar immer wieder
für eine Mischung aus Amüsement und romantischer Begeisterung.
Tatsächlich wird mit ihnen jedoch ein Zustand vorweggenommen, der
für viele Menschen in der Dritten Welt oder in den ehemaligen Ostblockstaaten
längst lebensnotwendig ist: In den Elendsregionen der Welt sind der
bepflanzte Grünstreifen vor dem Haus, das »temporäre innerstädtische«
Feld oder die Kuh auf dem Hinterhof die Voraussetzung dafür, um nicht
zu verhungern. Wenn Raumplaner vor diesem Hintergrund immer wieder mit
beeindruckender Penetranz erklären, dass die zukünftigen Strukturen
»auch bei knappen finanziellen Mitteln bezahlbar sein müssen«
(IBA. Stadtumbau 2010 Sachsen-Anhalt) [4], ist kein großes Kombinationsvermögen
nötig, um zu erkennen: Hier ist ein vorauseilendes Krisenbewusstsein
am Werk, das sich schon heute um die Elendsverwaltung von morgen kümmert.
Als hätte der immer wieder beschworene Zusammenbruch der Weltwirtschaft
bereits stattgefunden, sollen sich die Bewohner der sterbenden Landstriche
lieber wieder auf die Erzeugnisse des eigenen Gartens als auf EC-Karten
und Supermärkte, die es in einigen Regionen der Altmark, Mecklenburg-Vorpommerns,
Brandenburgs aber auch Schleswig-Holsteins ohnehin schon nicht mehr gibt,
verlassen. Die Forderung nach Bürgerbeteiligung, die in nahezu jedem
aktuellen Stadt- und Raumplanungskonzept erhoben und in vermeintlich progressiven
Architekturzeitschriften gern als Aufruf zur »Selbstermächtigung«
gefeiert wird [5], ist damit kaum etwas anderes als die Forderung nach
Elendsselbstverwaltung. Die Menschen tauchen in diesen vorauseilenden
Krisenbewältigungskonzepten nicht einmal mehr als Arbeitskraftbehälter
auf. Sie erscheinen nur noch als Anhängsel von Landschaft, Region
und Natur: So schlugen Studenten des Instituts für Landschaftsarchitektur
der Technischen Universität Berlin der Stadt Dessau vor, in den neuen
innerstädtischen Grünzonen keine festen Wege zu bauen, sondern
es den Anwohnern zu überlassen, Trampelpfade zu schaffen; der frühere
Umweltminister Jürgen Trittin freute sich vor einigen Jahren darüber,
dass seltene Tiere in die Ödländer zurückkommen und die
»Koexistenz von Mensch und Wolf« (O-Ton Trittin) in bestimmten
Regionen Sachsens »bereits Normalität« sei (vgl. Spiegel
Online vom 20. März 2006); und die nicht ganz unbekannte Stiftung
Trias (stiftung-trias.de) die nahezu bundesweit Projekte eines so genannten
»neuen Wohnens« fördert, nennt »Jugend- und Naturschutzarbeit«
immer wieder in einem Atemzug. Wenn sie sich darüber hinaus als Stiftung
für »Boden, Ökologie und Wohnen« bezeichnet, machen
allein der Kontext (»Boden« und »Ökologie«)
und die Stellung des Begriffs »Wohnen« in diesem Kontext (Rang
drei) noch einmal deutlich: Das Dahinvegetieren in den langsam renaturisierten
Zonen gilt nicht mehr als soziales oder ökonomisches, sondern allenfalls
als forstwirtschaftlich-ökologisches Problem.
Heimatliebe
Zu dieser Einordnung der Menschen in die regionale Fauna passt auch der
neueste Schlachtruf von Stadtplanern, Raumpionieren und Kollegen. Er heißt:
regionale Identität. Mit Hilfe von regionaler Identität, Heimatbindung
und Heimatverbundenheit sollen die Bewohner der Abbruchgebiete dazu animiert
werden, trotz fehlender Industrie, Buchläden, Postämter, Schulen
und medizinischer Versorgung – in einigen Gegenden der Uckermark
müssen Patienten 60 Kilometer bis zur nächsten Arztpraxis fahren
(vgl. Spiegel Online vom 15. März 2006) – im Ödland auszuharren.
Diese Agitation für die heimatliche Scholle basiert nicht nur auf
dem Versuch einer krisengeschüttelten Branche, sich am 2,7-Milliarden-Euro-Topf
des Bund-Länder-Programms Stadtumbau Ost, aus dessen Mitteln die
Mehrheit der ostdeutschen Planungsbüros finanziert werden dürfte,
zu regenerieren. Die Verweise auf das ehrenamtliche Engagement in Heimatvereinen
und Initiativen zur Stärkung regionaler Identität, ohne die
kaum ein Internetauftritt eines Planungsbüros auskommt [6], signalisieren
vielmehr, dass es sich bei der Heimatliebe um eine Herzensangelegenheit
von Stadt- und Raumplanern, Raumpionieren und Landschaftsarchitekten handelt.
Diese Herzensangelegenheit ist allerdings keine alleinige Domäne
dieser Berufsgruppe. Das Verlangen nach einer Stärkung regionaler
Identität, von Heimatbindung oder Heimatverbundenheit vereint die
Branche vielmehr mit Kulturarbeitern, Medienschaffenden und dem hiesigen
Allparteienkartell: In Chemnitz fand im Herbst 2007 eine 40teilige Veranstaltungsreihe
statt, bei der vom Schauspieler Jan Josef Liefers über Gerd Ruge
bis hin zum unvermeidlichen Doppelgespann Norbert Blüm und Peter
Sodann jeder auftreten durfte, der sich affirmativ zum Begriff »Heimat«,
dem Titel der Reihe, äußern wollte. Der Regisseur Edgar Reitz
wird aufgrund seiner »Heimat-Trilogie« (1980-2004), eines
52stündigen Monumentalwerks über den Hunsrück, in dem der
Regisseur seine »Sehnsucht nach Heimat« (Spiegel vom 1. Oktober
1984) auslebt, noch immer mit Ehrungen (Adolf-Grimme-Preis, Ehrendoktorwürden,
Bundesverdienstkreuz usw.) überhäuft. Und auch der mecklenburgische
Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD), Bildungsministerin Anette
Schavan (CDU) und Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) halten Heimatgefühl
und Heimatverbundenheit für »wichtig« (Ringstorff), für
eine »Zukunftsgarantie für unser Land« (Schavan) bzw.
für den »wesentlichen Motor« (Gabriel) des so wichtigen
Natur- und Umweltschutzes. [7]
Im diesem kollektiven Verlangen nach einer Stärkung von Heimatverbundenheit
und regionaler Identität verschmelzen mindestens zwei Dinge miteinander:
1. das Wissen, dass es in den entsprechenden Regionen nahezu unerträglich
ist. Wer sich in einer bestimmten Gegend wohl fühlt, hat es weder
nötig, diesen Ort durch das repressive Wort »Heimat«
zu denunzieren noch muss er sein Bleiben mit Begrifflichkeiten wie »regionale
Identität«, »Heimatverbundenheit« oder »Heimatbindung«
überhöhen. Wer permanent an die Liebe zur Heimat appelliert,
scheint zu ahnen, dass es kaum etwas anderes gibt, das die Menschen in
der Region zu halten vermag. Hinter der permanenten Versicherung der eigenen
Heimatverbundenheit dürfte insofern der Drang stehen, die eigene
Scholle endlich zu verlassen. »Heimatverbundenheit«, »Heimatliebe«
und ihr modernes Pendant »regionale Identität« sind mit
anderen Worten Formeln, mit denen zunächst die eigenen Fluchtreflexe
bekämpft werden sollen. Ganz in diesem Sinn hatten die Protagonisten
der ersten deutschen Heimatbewegung – die Volkslied-, Volkskunst-
und Heimatfreunde des frühen 20. Jahrhunderts – 1914 nichts
besseres zu tun, als begeistert in die Züge zu steigen, die sie nach
Flandern, Russland oder in Richtung Paris bringen sollten. Der Heimatfilmboom
der 1950er und frühen 1960er Jahre wurde von den Reise- und Fernwehfilmen
Freddy Quinns (»Freddy und das Lied der Südsee«, »Freddy
unter fremden Sternen« usw.) begleitet. Und auch die aktuelle Heimatwelle
kommt nicht ohne die Sehnsucht nach der Ferne aus: So sind Angaben der
Zeitschrift Bücher zufolge zwar 65 Prozent der Landsleute der Meinung,
dass die Deutschen ruhig stolzer auf »ihr Land« sein sollten.
Dennoch scheint sie nicht allzu viel in der geliebten Heimat zu halten:
76 Prozent der Befragten beantworteten die Frage, ob sie auch in einem
andern Land als Deutschland arbeiten würden, mit einem eindeutigen
»Ja«. (vgl. Bücher 2/2008)
2. das Wissen, dass es auch bei großer Anstrengung nicht so einfach
ist, den Ort der eigenen Verdummung nicht nur zu verlassen, sondern anderswo
auch noch sein Glück zu finden. Wolfgang Pohrt bezeichnete Heimatverbundenheit
dementsprechend vor vielen Jahren als »schönfärberische
Umschreibung der Unfähigkeit einer Branche, beim internationalen
Konkurrenzkampf mitzuhalten«. [8] Diese Aussage, die noch immer
nichts von ihrer Richtigkeit verloren hat, gilt sowohl für die Wirtschaftszweige,
die früher überdurchschnittlich oft in den inzwischen sterbenden
Städten und Regionen angesiedelt waren: Landwirtschaft, Bergbau und
Schwerindustrie. Und sie gilt auch für die Branche, deren Vertreter
neben den Protagonisten des notorischen Kulturbetriebs derzeit zu den
umtriebigsten Propagandisten »regionaler Identität« gehören
– und die sich laut Auskunft ihrer Verbände seit Jahren in
der Krise befinden [9]: für Architektur, Stadt- und Raumplanung.
So muss man kein Architekt oder Landschaftsgestalter sein, um zu wissen,
dass zukünftige Architekturstudenten oder Landschaftsgestalter nicht
von Wurzen, Weißwasser oder dem Landschaftsschutzgebiet Goitzsche
bei Bitterfeld träumen, sondern von New York, Skidmore, Owings and
Merrill in Chicago oder dem Monument Valley. Und man muss keine große
Ahnung von Schwermaschinenbau, Bergbau, Ackerbau und Viehzucht zu haben,
um zu wissen, dass arbeitslose Mähdrescherfahrer, Stahlbauer und
Tagebau-Arbeiter in ihrer Kindheit keine arbeitslosen Mähdrescherfahrer,
Stahlbauer und Tagebau-Arbeiter werden wollten, sondern Astronauten, Cowboys,
Detektive, Piloten oder ähnliches. Es ist nie leicht, sich von den
Illusionen einer hoffnungsfrohen Kindheit zu verabschieden und zu realisieren,
aufgrund eigener Unzulänglichkeiten oder der viel häufigeren
unglücklichen Zufälle nicht das zu bekommen, was man nach eigener
Ansicht verdient.
Die Mittel, mit denen die damit verbundenen Selbstzweifel, die Versagungen
und die Borniertheit, die etwa nötig ist, um auch mit Mitte Dreißig
noch jeden Tag an die dörfliche Bushaltestelle zu gehen und sich
dort frustriert zu betrinken, anstatt in den Bus zu steigen und den Ort
der eigenen Verdummung ein für alle Mal zu verlassen, kompensiert
werden können, sind Heimatverbundenheit und regionale Identität.
Mit Hilfe von Heimatverbundenheit, regionaler Identität und Heimatbindung
können sich die Ambitionierten und Verhinderten darüber hinwegtrösten,
dass sie, anstatt bei Peter Eisenman in New York zu arbeiten, als verkannte
Genies in einem Einmannunternehmen in Greitz versauern; mit ihrer Hilfe
können Dummheit und Bequemlichkeit in tiefe Treue und Liebe zu Feld,
Wald und Wiesen umgelogen werden; und mit ihrer Hilfe kann aus der Not
der ländlichen Enge die vermeintliche Tugend des einfachen Lebens,
der sauberen Luft und der Nähe zur Natur gemacht werden. Der Lokalpatriotismus,
der aus Heimatbindung und regionaler Identität folgt, ist darum nicht
nur umso stärker, je weniger Berechtigung für ihn besteht. Er
ist auch umso nötiger, je weniger Anknüpfungspunkte er in der
Realität hat. Je trostloser die Scholle ist, auf der die Daheimgebliebenen
bei Wind, Wetter und Dosenbier vor sich hinvegetieren, umso stärker
muss sich der Stolz auf sie äußern.
Standortfaktor Verfolgung
Der Trost, den Heimatverbundenheit und regionale Identität spenden,
liegt allerdings weniger in der besinnlich-harmonischen Pflege tatsächlicher
und vermeintlicher Traditionen. Wer einmal längere Zeit auf dem flachen
Land ausharren musste, weiß, dass sich die versprochene Harmonie
nicht einstellt. Die Einheimischen scheinen kaum jemanden so sehr zu hassen,
wie ihre Nachbarn, Freunde und Mitbewohner; sie ertragen sich und ihre
Traditionen: das jährliche Ringreiten, das Schützenfest oder
den Karnevalsumzug, nur mit Unmengen Alkohol.
Die Loblieder auf Blut und Boden – eine etwas aus der Mode gekommene
Bezeichnung für regionale Identität – sind dementsprechend
keine Liebeserklärungen an Land und Leute. Sie sind, und das hat
nicht zuletzt die Geschichte gezeigt, vielmehr die Kampfansage ans Fremde.
Hinter der Begeisterung fürs Kollektiv, für Gemeinschaftsarbeit
und das kollektive Zupacken steht immer schon die Aggression gegen diejenigen,
die nicht mitmachen wollen oder sollen: Wer einen Verein aufmacht, legt
nicht nur fest, wen er aufnimmt, sondern auch, wen er ausschließen
darf. So basierte bekanntlich bereits der Heimatfilm der 1950er Jahre,
der noch immer als Sinnbild von Friedfertigkeit und Idylle gilt, stets
darauf, dass derjenige, der diese Idylle stört, gesucht, gejagt und
schließlich zur Strecke gebracht wird: der Wilderer, der Schmuggler
oder, wie im »Fischer vom Heiligensee«, der fiese Gutsverwalter,
der das Geld für die Reparatur des Staudamms unterschlagen hat.
Hinter dem Bekenntnis zur Heimat verbirgt sich damit das Versprechen,
sich beim Heimatfest für die eigenen Entbehrungen und Versagungen,
für das Ertragen von Karnevalsumzügen oder der immergleichen
Geschichten derjenigen, die man Abend für Abend an der Tankstelle
oder bei der örtlichen Honoratiorenversammlung trifft, entschädigt
zu werden. Ganz in diesem Sinn gilt ein solches Fest – und auch
das dürfte jeder wissen, der einmal zu späterer Stunde bei einer
Kirmes oder einem Schützenfest war – erst dann als gelungen,
wenn jemand gedemütigt, gequält und durch den Ort getrieben
werden kann. So ist es in Peckinpahs »Straw Dogs«; so war
es vor ein paar Monaten im sächsischen Mügeln, wo sich auf dem
Stadtfest ein Mob von 50 Leuten zusammenfand, sieben Inder durch den Ort
prügelte und schließlich unter allgemeinem Beifall die Scheiben
ihrer Pizzeria einwarf; und so war es auch im Sommer 2000 in Dessau, als
ein paar Jugendliche aus dem benachbarten Wolfen auf einen Zug warteten,
nach eigenen Angaben »ein bisschen feiern« wollten und schließlich
Alberto Adriano im Stadtpark ermordeten.
Wenn es gegen Fremde, gegen Urlauber oder die neuen Nachbarn geht, die
dem Großstadtleben entfliehen wollen und auf dem Land die Idylle
suchen, die es dort nicht gibt, dann verbünden sich selbst Sippen,
die seit Generationen verfeindet sind. Das gemeinschaftsstiftende Moment
ist der Hass auf diejenigen, die allein durch ihre Hautfarbe, durch ihren
Akzent oder einfach durch ihr Nummernschild zeigen, dass sie auch etwas
anderes als das Dörfchen im Cornwall bei Peckinpah, als Mügeln,
Dessau oder Wolfen kennen. Nur hier, nur in der Verfolgung Gemeinschaftsfremder,
kommt die Gemeinschaft zu sich; nur hier wird regionale Identität
tatsächlich und vollkommen verwirklicht. Die Forderung nach der Stärkung
von Heimatbindung, die von Stadt-, Raum- und Landschaftsplanern regelmäßig
erhoben wird, ist mit anderen Worten nichts anderes als die Affirmation
der ländlichen Barbarei; sie läuft auf nichts anderes hinaus
als auf Mord und Totschlag.
Das Dorf in der Stadt
Das Gegenteil dieser Beihilfe zu Mord und Totschlag wäre die Beihilfe
zur Flucht. [10] Die Hoffnung auf ein klein wenig Glück jenseits
des Schattens der örtlichen Kirchturmspitze, die insbesondere junge
Frauen aus den Abbruchgebieten fliehen lässt – die Männer
harren in der Regel aus und schrauben, wie sich die Sächsische Zeitung
vor einigen Jahren im grobschlächtigen Jargon des flachen Landes
empörte, lieber »an ihren Mopeds herum, statt an ihrer Freundin«
(Sächsische Zeitung vom 27. April 2005) –, kann allerdings
nicht nur aufgrund der Tatsache, dass die ohnehin brüchige Basis
des bürgerlichen Glücksversprechens beständig weiter erodiert,
immer seltener erfüllt werden. Auch die Aufhebung des Unterschieds
zwischen Stadt und Land, von dem die Sozialisten und Kommunisten früherer
Jahrzehnte sprachen, dürfte sich inzwischen in negativer Hinsicht
verwirklichen. Ebenso wie Heimatbewusstsein nie ohne heimliches Fernweh
zu haben ist, scheint der Gang in die große, fremde Stadt nicht
ohne die Sehnsucht nach dem sprichwörtlichen Dorf auszukommen. (In
Freddy Quinns Fernweh-Filmen gab es dementsprechend stets das Heimweh-Lied,
in dem von den Schwierigkeiten des Lebens »weit weg von zuhaus’«,
von Geborgenheit und dem Wunsch nach Rückkehr gesungen wurde.) So
erzeugen die Verzweiflung und Vereinsamung, die die moderne Welt produzieren,
auch den Wunsch nach dem Dorf, sprich: nach der idealisierten Kindheit
bzw. der Kindheit der Gattung, den geringen Bedürfnissen kleiner
Gemeinschaften und ihren scheinbar überschau- und kontrollierbaren
Konflikten. Diese Sehnsucht dürfte dabei nicht nur auf der Begeisterung
für die repressive Kuhwärme des urtümlichen Lebens auf
heimatlicher Scholle und die damit verbundene eigene Entmündigung
beruhen. Sie scheint zugleich auf der Ahnung zu basieren, dass das ländliche
Kollektiv, die weitgehend unvermittelte Herrschaft, die es ausübt,
und die dörfliche Sozialkontrolle im Unterschied zur immer wieder
beklagten Anonymität der Großstadt – die immerhin Privatheit
ermöglicht und insofern auch die Suche nach dem Opfer erschwert –,
vergleichsweise einfache Möglichkeiten bieten, sich für die
Demütigungen und Entbehrungen, die das Leben unter den gegenwärtigen
Bedingungen für jeden bereit hält, zu rächen.
Trotz dieser Begeisterung für das Leben jenseits des urbanen Raumes
zieht es die Bewohner der Großstädte nur in Ausnahmefällen
aufs Land zurück. Wer es sich leisten kann, kauft sich allerdings
ein Eigenheim in einer der suburbanen Reihenhaussiedlungen. Hier wird
das Leben des flachen Landes mit all seinen Revierstreitigkeiten, der
gemeinschaftlichen Kontrolle des nachbarschaftlichen Rasens, der kollektiven
Beobachtung der neuen Nachbarn und der Verteidigung angestammter Rechte
simuliert. Doch auch in den Zentren selbst gestaltet sich das Leben zunehmend
dem Leben auf dem flachen Land nach. Tatsächlich unterscheiden sich
die Mitglieder der diversen Bürgerinitiativen, Kiezmilizen und Stadtteilgruppen,
wie vor einiger Zeit im Ankündigungstext einer Veranstaltungsreihe
in Dessau erklärt wurde, in ihrem Vorgehen kaum noch von den Bewohnern
gallischer Wehrdörfer: »Die archaischen Rituale, die lange
Zeit vor allem bei der Kirmes oder den Schützenfesten des flachen
Landes zu beobachten waren, haben schon vor Jahren Einzug in die Großraumdiskotheken
gehalten; und auch die persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse,
die auf dem Land stets in Konkurrenz zur vermittelten Herrschaft des bürgerlichen
Zeitalters standen, sind inzwischen auch im urbanen Raum keine Seltenheit
mehr«. Die Provinz ist, so wurde dementsprechend geschlussfolgert,
»gerade aufgrund ihrer Rückständigkeit zur Avantgarde
der allgemeinen Entwicklung geworden«. [11] Diese Aussage ist sicherlich
richtig. Allerdings gilt, und das sollte vielleicht einschränkend
hinzugefügt werden, auch für das Verhältnis von Stadt und
Land, was für die Beziehung zwischen Mainstream und Avantgarde immer
gilt: Die Avantgarde ist ihren Nachahmern stets ein wenig voraus. Insofern
gibt es nach wie vor gute Gründe, die Ödländer zu verlassen
und sein Glück anderswo zu suchen.
Anmerkungen
1 Der Text ist die überarbeitete und deutlich erweiterte Fassung
eines Vortrags, den ich im Januar bei einer Podiumsdiskussion mit einem
Stadtplaner in Dessau (Thema: »Standortfaktor Heimatbindung«)
gehalten habe.
2 So die Ausstellungen »Schrumpfende Städte« I und II,
die zunächst in Halle und Berlin bzw. Leipzig gezeigt wurden und
seit einiger Zeit auf Tour durch die USA, Großbritannien, Japan,
Russland, Bulgarien und Italien sind, und die dazugehörigen Ausstellungskataloge:
Schrumpfende Städte Bd. I und II. Hrsg. von Philipp Oswalt im Auftrag
der Kulturstiftung des Bundes, Ostfildern 2005.
3 Vgl. Spiegel Online vom 20. März 2006; Ausstellung »Schrumpfende
Städte I« in Halle und Berlin.
4 Internationale Bauausstallung (IBA) Stadtumbau 2010 Sachsen-Anhalt:
Grundlagen (Januar 2005).
5 Vgl. kritisch dazu: Barbara Steiner: Komplizenschaft? In: Archplus 173/2005.
6 Ein Beispiel soll genügen: Die Mitarbeiter des Büros für
Siedlungserneuerung, das im Dreieck zwischen Halle, Magdeburg und Leipzig
als einer der Lokalmatadoren der Planungsbranche gelten kann, verweisen
auf der Homepage des Büros auf durchschnittlich vier ehrenamtliche
Mitgliedschaften pro Planer. Ein besonders engagierter Mitarbeiter bringt
es nach Eigenangaben sogar auf sieben ehrenamtliche Mitgliedschaften.
Vgl. wohnbund-beratung.de.
7 Vgl. mv-regierung.de, baden-wuerttemberg.de, bmu.de.
8 Wolfgang Pohrt: Zeitgeist, Geisterzeit. Kommentare und Essays, Berlin
1986, S. 23.
9 Vgl. etwa: Stadtplanung in der Krise? Innovations-Report vom 26. Januar
2005.
10 Wie diese Unterstützung aussehen könnte, beschrieb vor einiger
Zeit eine kleine linke Gruppe aus dem sächsischen Chemnitz. An die
Adresse heimattümelnder Hausbesetzer gerichtet, die die Aneignung
eines leer stehenden Kaufhauses allen Ernstes als Beitrag dazu begriffen
wissen wollten, die Abwanderung aus Chemnitz zu stoppen, den Ort aus der
Krise zu retten und sein Image zu verbessern, erklärte sie: »Es
gibt viele gute Gründe dafür, in Chemnitz ein Haus zu besetzen.
Wer aus finanziellen Gründen gezwungen ist, an der hiesigen Universität
zu studieren (der Ruf der Hochschule kann es ja schlecht sein), könnte
dort auf Gleichgesinnte treffen, die ihm dabei helfen, das Elend der sächsischen
Provinz besser zu ertragen und die Zeit bis zum Ende des Studiums und
dem wünschenswerten Wegzug halbwegs unbeschadet an Körper und
Geist zu überstehen. (...) Schülern könnte bis zu dem Zeitpunkt,
an dem sie die Schule beendet haben und endlich in eine vernünftige
Stadt ziehen können, ein Zufluchtsort geboten werden, an dem sie
den Zumutungen von Eltern, Lehrern, ehren- und hauptamtlichen Sozialarbeitern
oder dem autoritären Rentnerehepaar von nebenan nicht ausgesetzt
sind.« Aber hier leben...? Nein, danke! Flugblatt (etwa September
2007).
11 FJM/Beatclub e.V.: Die Barbarei des flachen Landes. Die Provinz zwischen
Rückständigkeit und Avantgarde, in: beat-club.org.
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