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Jan
Gerber
Sie waren die Guten. Waren die Revolutionären Zellen die bessere
RAF?
In: Bahamas 54/2008
Zwischen den meisten Geschwistern sind die innerfamiliären Rollen
klar verteilt: Es gibt den good guy und den bad guy;
es gibt den Streber, über dessen Karriere beim Geburtstag der Oma
stolz berichtet wird, und seinen missratenen Bruder, dem es trotz aller
Anstrengungen nicht gelingen will, die Sympathien der Sippschaft auf sich
zu ziehen – und dessen verpfuschtes Leben gerade aus diesem Grund
das zentrale Gesprächsthema jeder Familienfeier ist. Die Rollen zwischen
den Gruppen des »bewaffneten Kampfes« waren innerhalb der
westdeutschen Linken ähnlich verteilt: Es gab die großmäuligen
Genossen von der RAF, über deren »Abgehobenheit« und
»peinliche Avantgarde-Arroganz« sich die Linke in nahezu jedem
Kommentar zum Thema Stadtguerilla empörte. Es gab die Familien-Clowns
von der Bewegung 2. Juni, die trotz der Schokotörtchen, die sie bei
Banküberfällen gelegentlich verteilten, überhaupt nicht
witzig waren. Und es gab die Streber von den Revolutionären Zellen,
denen nicht nur die Restbestände der autonomen Szene auch heute noch,
knapp fünfzehn Jahre nach ihrem letzten Anschlag, hinterher trauern:
Abgesehen von sentimentalen Reminiszenzen, wenn das Berliner Autonomenblatt
Interim vor gar nicht langer Zeit noch einmal den alten Slogan
»Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle« auf den Titel
hievt oder wenn Wolf Wetzel von der autonomen Lupus-Gruppe dem autonomen
Nachwuchs von der guten alten Zeit erzählt [1], in der »die
Zellen« noch jeden Monat pflichtgemäß ihr Anschlagssoll
erfüllten, gelten die RZ als einzige Stadtguerillagruppe, die sich
anlässlich ihrer Auflösung gründlich und selbstkritisch
mit ihrer Geschichte befasst habe. Doch ebenso wie die Jahre des bewaffneten
Kampfes mittels retrospektiver Verklärung durch ihre Protagonisten
nicht glorreicher werden, unterliegt auch die Auflösungsphase der
Gruppe einem Missverständnis, denn es ging keineswegs um Selbstkritik,
sondern darum, die antiimperialistische Ideologie zu modernisieren. Dass
die RZ-Auflösungserklärungen Anfang der 1990er Jahre als Selbstkritik
interpretiert wurden, war dem Schockzustand der Linken nach der deutschen
Vereinigung zuzuschreiben, als man ganz überrascht feststellte, in
welchem Land man lebte.
Leichen pflastern ihren Weg?
Der Grund für die unterschiedliche Sympathieverteilung unter den
Stadtguerillagruppen dürfte weniger darin zu suchen sein, dass der
Weg der RAF mit Leichen gepflastert ist. Erstens hatte die deutsche Linke
nie etwas gegen Mörder einzuwenden (siehe die Solidaritätsarbeit
für Pol Pot, Idi Amin oder Yassir Arafat). Zweitens sind die Revolutionären
Zellen ebenfalls für mehrere Tote verantwortlich: Als ein Kommando
der RZ und der palästinensischen Wadi-Hadad-Gruppe im Dezember 1975
die OPEC-Konferenz in Wien überfiel und elf Minister als Geiseln
nahm, um ihre Regierungen aufzufordern, den palästinensischen Kampf
gegen Israel noch stärker als bisher zu unterstützen, wurden
ein libyscher OPEC-Angestellter, ein irakischer Sicherheitsbeamter und
ein österreichischer Polizist getötet. Als Mitglieder der Gruppe
1976 gemeinsam mit Antisemiten der PFLP eine Air-France-Maschine, die
von Paris nach Tel Aviv unterwegs war, kaperten, die jüdischen von
den nicht-jüdischen Passagieren selektierten und zu Idi Amin nach
Uganda flogen, starben die KZ-Überlebende Dora Bloch [2] und mindestens
drei weitere Passagiere.
Im Mai 1981 erschossen die Revolutionären Zellen den hessischen Wirtschaftsminister
Heinz Herbert Karry, einen der ersten Juden, die es seit der Ermordung
Walter Rathenaus auf einen deutschen Ministerposten geschafft hatten.
Es sei zwar, wie die Gruppe später erklärte, nicht geplant gewesen,
Karry »in die ewigen Jagdgründe« zu befördern; er
sollte durch einen Schuss in die Knie »nur« bewegungsunfähig
gemacht werden. (Die Früchte des Zorns: 450) Allein der Ablauf der
Tat – der Täter feuerte von einer Leiter, die an Karrys Schlafzimmerfenster
gelehnt wurde, sechs Schüsse auf den schlafenden Minister –
und die tödlichen Verletzungen im Bauchbereich lassen jedoch zumindest
Zweifel an dieser Version aufkommen. Und so erklärten die Revolutionären
Zellen nach der Tat auch lapidar, dass sie der Tod Karrys lediglich insofern
bekümmere, »als dies nicht geplant war, wir damit das Aktionsziel
verfehlten«. (ebd.)
Auf dem Weg zum Volk
Während sich die Revolutionären Zellen sowohl mit ihrem Antizionismus
als auch mit ihrer Hetze gegen »Schweine wie Karry« (ebd.:
452) ganz im linken Mainstream der Zeit bewegten, stand am Beginn des
»bewaffneten Kampfes« in der Bundesrepublik zunächst
ein Bruch mit dem Großteil der Linken: Verwiesen die Protagonisten
der Protestbewegung, die nach der Liquidierung ihrer antiautoritären
Phase zu Tausenden in den akademischen Betrieb, eine der zahllosen proletarischen
Avantgardeparteien oder gleich durch die Fabriktore strömten, immer
wieder auf »historische Gesetzmäßigkeiten« und
hiervon vorgegebene Wartezeiten auf die befreite Gesellschaft, wussten
die Gruppen des »bewaffneten Kampfes« zumindest, dass das
Kapitalverhältnis reif für seine Abschaffung ist, seit es sich
in der Welt befindet. Während sich die Mehrheit der Maoisten, Stalinisten,
Trotzkisten und akademischen Marxisten also als Exekutoren einer halluzinierten
Tagesordnung der Geschichte begriff und ihre Vorstellung von Revolution,
wie die Revolutionären Zellen 1974 kritisierten, kaum noch von Evolution
zu unterscheiden war (ebd.: 108), verzichteten die Gruppen des »bewaffneten
Kampfes« zumeist auf solche autoritären Rückversicherungen.
Sie verwiesen stattdessen ganz schlicht und materialistisch darauf, dass
der Marxsche kategorische Imperativ auch dann richtig ist, wenn die Geschichte
nicht mit naturwissenschaftlicher Exaktheit auf den Fluchtpunkt der freien
Assoziation hinausläuft. Möglicherweise war diese – zumindest
relative – Distanz zum Glauben an einen roten Faden der Geschichte
der Grund dafür, warum sich die Stadtguerilla im Unterschied zur
Mehrheitslinken zunächst nicht sonderlich optimistisch zeigte: In
einem Interview vom Mai 1975 erklärten die Revolutionären Zellen,
dass sich die Linke in einer »defensiven Phase« befinde (ebd.:
98); für die von K-Gruppen und Spontis propagierte »Massenarbeit
in den Betrieben« gebe es derzeit »kaum eine Grundlage«
(ebd.: 108).
Diese berechtigten Zweifel am revolutionären Willen »der Massen«
hinderten die Gruppe jedoch nicht daran, im gleichen Interview ausgerechnet
dem SB-Mitglied Oskar Negt vorzuwerfen, er kümmere sich »einen
Scheißdreck um die Massen«. (ebd.: 99) Im folgenden Jahr beschuldigten
sie die SPD, eine »Spaltung des Volkes« zu betreiben (ebd.:
149); das BKA und die staatstragende Presse wurden als »kriminelle
Vereinigung gegen das Volk« bezeichnet. (ebd.: 145) Wie schon bei
Rudi Dutschke und Hans Jürgen Krahl, die 1967 in ihrem »Organisationsreferat«,
dem Initiationstext der deutschen Stadtguerilla, erklärt hatten,
dass die »Propaganda der Schüsse« in der Dritten Welt
durch die »Propaganda der Tat« in den Metropolen ergänzt
werden müsse (Dutsch¬ke/Krahl: 139), war der Link zwischen der
realistischen Einschätzung der Bevölkerung auf der einen und
der revolutionären Begeisterung für die Massen auf der anderen
Seite auch bei den Revolutionären Zellen das so genannte Manipulationstheorem.
Soll heißen: Das deutsche Volk und sein Proletariat galten als »an
sich« revolutionär und lediglich durch Springerpresse, »Konsumterror«
und »falsche Bedürfnisse« manipuliert. So sprachen die
Revolutionären Zellen 1976 von einer »militärisch-psychologische[n]
Kriegsführung gegen die eigene Bevölkerung« (ebd.: 370)
und halluzinierten eine riesige Verschwörung von Geheimdienst, Polizei
und Presse gegen »die Massen« am Werk: »Der Chef des
Bundeskriminalamtes (BKA) Herold, bestellt regelmäßig die großen
Nachrichtenagenturen, die Chefredakteure von Tageszeitungen und Magazinen,
die Leiter von Rundfunk- und Fernsehanstalten zu sich. In den Sitzungen
dieser kriminellen Vereinigung [...] wird die medienpolitische, psychologische
Kriegs¬führung gegenüber allen gesellschaftlichen Bewegungen
als Voraussetzung und Ergänzung polizeilich-militärischer Maßnahmen
diskutiert, taktisch und strategisch abgestimmt. Die jeweilige Konzeption
wird dabei auf den unterschiedlichen Leserkreis abgestimmt. Für die
Frankfurter Rundschau werden andere Argumentationsstränge
entwickelt als für die Zeit oder die Bildzeitung.
Gerade auch die Kritik an den staatlichen Maßnahmen wird so bestimmt
und durchgespielt. Die gleiche Scheiße, nur anders aufgewärmt,
soll täglich in Gehirn und Unterbewusstsein gepumpt werden.«
(ebd.: 145f.)
Diese Vorstellungen von Verschwörung und Manipulation sind der Hintergrund,
vor dem die Revolutionären Zellen in Anlehnung an die Wortführer
der Protestbewegung davon sprachen, dass es ihre Aufgabe sei, »den
Staat zu entlarven«. (ebd.: 98) So hatten Dutschke, Enzensberger,
Horlemann, Salvatore und andere, die seinerzeit als »Studentenführer«
bezeichnet wurden, als »anonymes Autorenkollektiv« schon 1968
in der Konkret erklärt: »Erst wenn die manipulative Gewalt
der Herrschenden sich in die offene Gewalt zurückverwandelt hat,
kann die verinnerlichte Gewalt der Lohnabhängigen sich zur proletarischen
Gewalt befreien.« (Konkret 6/1968)
Hinter dieser Entlarvungsstrategie stand im besten Fall ein interessiertes
Missverständnis über das Land, in dem aus einer Revolutionären
Zelle »viele Revolutionäre Zellen« und schließlich
die »Guerilla als Massenperspektive« (Die Früchte des
Zorns: 115) entstehen sollten. Denn der Faschismus, der von den Gruppen
des »bewaffneten Kampfes« immer wieder beschworen wurde, war
hierzulande nicht der Faschismus, sondern der Nationalsozialismus; die
berühmten Massen wurden nicht von der Bourgeoisie unterdrückt,
sondern verschmolzen mit ihr zum »Wohle des Ganzen« und zum
Wehe der Juden zur Volksgemeinschaft.
Noch 1991, als es kurzzeitig so schien, als würde sich das wiedervereinigte
Deutschland tatsächlich in ein »Viertes Reich« verwandeln,
signalisierten die Revolutionären Zellen, welche Vorstellung sie
von ihrem Vaterland hatten: Im Februar versuchte eine Gruppe der RZ, die
Siegessäule, an der sich in den 1920er Jahren schon Mitglieder der
KAPD versucht hatten, zu sprengen; vier Monate später legte sie im
Berliner Reichstagsgebäude zwei Brandsätze. Mit dem ersten Anschlag
wollte die Gruppe nach eigenen Angaben gegen den bevorstehenden zweiten
Golfkrieg und gegen »Männergewalt« protestieren (ebd.:
656); mit den Brandsätzen im Reichstagsgebäude sollte, wie im
Bekennerschreiben erklärt wurde, »wenige Tage vor der Entscheidung
des Bundestages über den zukünftigen Regierungssitz Entscheidungshilfe«
gegeben und verhindert werden, dass Berlin eine »Bonzenmetropole«
wird. (ebd.: 655) Gerade mit diesen Anschlägen, mit denen sie auf
die Ereignisse seit dem November 1989 reagieren wollte, signalisierte
die Gruppe – wie eine andere Revolutionäre Zelle, die sich
kurz darauf konsequenterweise auflöste, erklärte – dass
sie sich inzwischen »völlig außerhalb von Zeit und Raum«
bewegte. (ebd.: 659) Das deutsche Kaiserreich, dessen Militarismus von
der Siegessäule symbolisiert wird, war 1918 unwiderruflich untergegangen;
der letzte Brandanschlag auf den Reichstag war hingegen im Februar 1933,
am Beginn einer neuen Epoche, verübt worden. Auch wenn sich die Historiker
inzwischen darüber streiten, ob das Gebäude tatsächlich,
wie von Georgi Dimitroff in seiner berühmten Verteidigungsrede vor
dem Leipziger Reichsgericht erklärt, von den Nazis in Brand gesetzt
wurde, symbolisiert der brennende Reichstag doch eher die vollkommene
Niederlage der Linken und den Beginn des Nationalsozialismus als das Aufbegehren
gegen den deutschen Nationalismus oder Militarismus – geschweige
denn gegen eine »Bonzenmetropole«.
Gegen die Kolonisierung des Volkes
Dabei hätten die späteren Mitglieder der Revolutionären
Zellen spätestens im Zuge der Verhaftungswelle gegen die erste Generation
der RAF, die den Ausschlag für die Gründung der RZ gab, wissen
können, in welchem Land sie »Massenpolitik« betreiben
wollten. Nach der Mai-Offensive der RAF fahndete nicht allein der Polizeiapparat
nach Baader, Meinhof, Ensslin und Genossen, sondern ein ganzes Land: Familien
denunzierten ihre Nachbarn als Terroristen; Prominente, die, wie der unerträgliche
aber garantiert Stadtguerilla-unverdächtige Heinrich Böll, zur
Mäßigung aufriefen, wurden in der Öffentlichkeit als RAF-Unterstützer
angegriffen. Auch als am 31. Mai 1972 aufgrund der Fahndungsmaßnahmen
und Straßensperren das wohl größte Verkehrschaos in der
Geschichte der Bundesrepublik entstand, reagierte die Bevölkerung
mit mehr als nur Verständnis: »Ich habe nie wieder einen so
hohen Grad an Identifikation zwischen Bürger und Polizei erlebt«,
erinnerte sich Horst Herold, der oberste Terroristenjäger der Bundesrepublik,
später. »Ich bin selbst mit dem Hubschrauber die Strecken abgeflogen,
und wir begegneten eigentlich überall nur winkenden Autofahrern.«
(nach Aust: 238) Auch die Linke blieb nicht unbeeindruckt von dieser Identifikation
von Staat und Volk: Auf die Wohnung, die die RZ-Mitbegründerin Brigitte
Kuhlmann für Ulrike Meinhof besorgt hatte – und in der Meinhof
schließlich verhaftet wurde –, wurden die Beamten nicht dank
eigener Fahndungsmaßnahmen, sondern durch Meinhofs Gastgeber, einen
linken Lehrer, aufmerksam: Er verständigte die Polizei.
Je stärker die Stadtguerilla die Distanz zwischen sich und denjenigen
zu spüren schien, um deren Zuneigung sie sich verzweifelt bemühte,
um so weiter näherte sie sich ihnen an: So agitierten die Revolutionären
Zellen gegen ein »profitgieriges, menschenverachtendes Bonzenpack«
(ebd.: 117) und »Spekulantengesindel« (ebd.: 315), verübten
einen Anschlag auf einen »Spekulantenanwalt« (ebd.: 311) oder
deponierten im Haus einer »Spekulantensau« (ebd.: 311) eine
Bombe. Im Juni 1976 erklärten sie schließlich im Stil der National-Zeitung,
dass sie ihren Kampf »als den eines kolonisierten Volkes, dessen
Territorium von der bundesdeutschen Regierung dem US-Imperialismus als
Hauptversorgungsgebiet und als militärische und strategische Zentrale
[...] bereitgestellt wurde«, begreifen würden. (ebd.: 160)
Im Kampf gegen diese »Kolonisierung« verübten die Revolutionären
Zellen Anschläge auf amerikanische Militäreinrichtungen, Offizierskasinos
und Kantinen der US-Army. Die amerikanische Politik, so begründeten
sie einen dieser Angriffe 1981, setze sich, »um die Weltherrschaft
zu erlangen, [...] skrupellos über das Selbstbestimmungsrecht aller
Völker« hinweg. (ebd.: 373) Als im folgenden Jahr im Rhein-Main-Gebiet
Anschläge auf amerikanische Wohnviertel und ein Krankenhaus der US-Streitkräfte
verübt wurden, gingen Polizei und Presse zunächst davon aus,
dass die Revolutionären Zellen dafür verantwortlich seien. Die
autonome Linke war begeistert. Kurz darauf stellte sich allerdings heraus,
dass die Bomben von einer neofaschistischen Gruppe – deren Chef,
Odfried Hepp, seine Ausbildung bei den palästinensischen Freunden
der deutschen Stadtguerilla erhalten hatte [3] – gelegt worden waren.
Die Revolutionären Zellen veröffentlichten mit »Beethoven
gegen MacDonald« einen ihrer bekanntesten Texte und bemühten
sich, einen Unterschied zwischen ihrer eigenen Praxis (Stichwort: Antiimperialismus)
und den Anschlägen der Neonazis (Stichwort: Antiamerikanismus) aufzumachen.
Die Schuld für die vermeintliche Verwischung von Antiimperialismus
und Antiamerikanismus suchten sie jedoch nicht bei sich oder beim radikalen
Teil der Linken, sondern ausschließlich bei anderen: »linken
Reformisten aller Schattierungen«, den »Matadoren der Friedensbewegung«
und dem »Unterschriftenkartell«: (ebd.: 366) »Die politische
Verantwortung für die Verunsicherung darüber, wo die Urheber
der antiamerikanischen Anschläge anzusiedeln sind,« so die
RZ, »liegt nicht bei uns oder anderen Gruppen der bewaffneten Linken.
Nicht wir, sondern insbesondere Teile der Friedensbewegung ergehen sich
in einem diffusen Nationalismus, verbreiten den Unsinn von der BRD als
einem ›besetzten Land‹.« (ebd.: 366) Kein Wort davon,
dass die Revolutionären Zellen die Deutschen noch fünf Jahre
zuvor selbst als »kolonisiertes Volk« bezeichnet hatten (ebd.:
160); kein Wort davon, dass auch die andere noch existierende Gruppe der
»bewaffneten Linken«, die RAF, noch im September 1981 vom
»Kolonialstatus dieses Landes« gesprochen hatte. (Geschichte
der RAF: 283, 290) Die richtige Kritik am Antiamerikanismus der reformistischen,
friedensbewegten Linken wurde hier nicht nur zum Freispruch der radikalen
Linken und ihres bewaffneten Armes. Das Schreiben der Revolutionären
Zellen diente zugleich der Ehrenrettung des Antiimperialismus –
und damit zugleich der Kernelemente des Antiamerikanismus: des »Selbstbestimmungsrechts
der Völker« und des »revolutionären Volkskriegs«,
von dem die RZ noch 1983 sprachen. (ebd.: 378)
Feindbild Israel
Wie alle Vertreter autochthoner Völker, die sich Sorgen um ihre Identität
und Kultur machen, sahen sich auch die Revolutionären Zellen nicht
nur von den USA, sondern auch von Juden bedroht. All denjenigen zum Trotz,
die Israel immer wieder als ganz normalen Staat bezeichnet wissen wollen,
verwiesen die RZ schon in der ersten Ausgabe ihrer Zeitschrift Revolutionärer
Zorn ex negativo auf die Besonderheit Israels. »Die Aktionen
der Revolutionären Zellen«, so die Gruppe, »lassen sich
in drei Bereiche unterteilen«: 1. »Aktionen, die den Kämpfen
von Arbeitern, Jugendlichen, Frauen weiterhelfen sollen«, 2. »antiimperialistische
Aktionen« und 3. »Aktionen gegen die Filialen und Komplizen
des Zionismus in der BRD«. (Die Früchte des Zorns: 88) Der
Antizionismus erschien hier nicht einmal mehr als Subkategorie des Antiimperialismus;
»Zionisten« wurden vielmehr als eigenständiger Gegner
neben »Imperialisten« und normalen »Kapitalisten«
geführt.
Während die RAF den militanten Antizionismus ihren palästinensischen
Genossen überließ – und sie hierfür als die neuen
Antifaschisten feierte (Geschichte der RAF: 151) –, ließen
es sich die Revolutionären Zellen nicht nehmen, selbst Hand anzulegen:
Neben Unterstützungsarbeiten für das palästinensische Kommando,
das 1972 bei den Olympischen Spielen in München ein Massaker unter
der israelischen Olympiamannschaft anrichtete (vgl. Spiegel 38/1978),
der Geiselnahme bei der OPEC-Konferenz und der Entführung der Air-France-Maschine
nach Entebbe waren die Revolutionären Zellen und spätere RZ-Mitglieder
[4] an mehr als einem halben Dutzend antizionistischer Aktionen beteiligt:
Sie ließen einen Sprengsatz in einem El-Al-Büro explodieren,
legten Bomben in Firmen, die angeblich »im Besitz der Zionisten«
seien (Die Früchte des Zorns: 88), und verübten Brandanschläge
auf Kinos, die den Spielfilm »Unternehmen Entebbe« zeigten.
Die PFLP bedankte sich bei ihren deutschen Freunden damit, dass sie dem
Kommando, das die Lufthansa-Maschine »Landshut« im Herbst
1977 nach Mogadischu entführte, den Namen »Martyr Halimeh«
gab. »Halimeh« (deutsch: »die Sanfte«) war der
Kampfname der RZ-Gründerin Brigitte Kuhlmann, die 1976 in Entebbe
erschossen wurde und einigen der selektierten Juden zuvor die Kippa vom
Kopf geschlagen haben soll. (vgl. Koenen: 413)
Modernisierung des Antizionismus
Selbst die Gruppe der Revolutionären Zellen, die im Dezember 1991
die Ermordung ihres Ex-Genossen Gerd Albartus durch eine palästinensische
Organisation öffentlich machte, konnte Verständnis für
die damaligen Aktivitäten aufbringen. Der Nachruf auf Albartus, der
noch immer als der Anfang einer selbstkritischen Ausein¬andersetzung
mit dem Antizionismus gilt, diente jedoch weniger der Kritik des antizionistischen
Weltbildes als dem Zweck, den Hass auf Israel auf die Höhe der Zeit
zu bringen. Er enthält nicht einen richtigen Gedanken, der nicht
sofort wieder durch Formelkompromisse und Beschwichtigungsfloskeln dementiert
wird. In strikter Abgrenzung zur Marxschen Kritik, deren zentraler Stachel
bekanntlich die Denunziation ist – »ihr wesentliches Pathos
ist die Indignation, ihre wesentliche Arbeit die Denunziation« (MEW
1: 380) –, betonten die Autoren, dass ihr Nachruf gerade nicht
der Denunziation derjenigen dienen sollte, »mit denen wir damals
gekämpft haben« (Die Früchte des Zorns: 28): derjenigen
also, mit denen die Revolutionären Zellen die Air-France-Maschine
nach Entebbe entführt hatten und die zeitweise planten, Heinz Galinski,
den damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlins und langjährigen
Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, zu ermorden. (vgl.
Jungle World 49/2000)
Als zentrales Argument gegen die Selektion von Juden fiel ihnen darüber
hinaus ausschließlich ihre eigene Herkunft ein: »Unsere Geschichte«,
so die Gruppe, schließe eine »vorbehaltlose Parteinahme«
aus. (Die Früchte des Zorns: 24) »So begreiflich die Schlussfolgerungen
waren, die die Palästinenser aus ihren Erfahrungen der Vertreibung
und Verfolgung gezogen hatten – wir konnten sie in der Konsequenz
nicht teilen, ohne in einen unauflöslichen Widerspruch zu unserer
Geschichte und unserem politischen Selbstverständnis zu gelangen.«
(ebd.: 25) Mit anderen Worten: Wir verstehen die Palästinenser, aber
aufgrund der Vergangenheit dürfen »wir als Deutsche«
nicht jedes Mittel des Kampfes gegen Israel billigen, auch wenn man angesichts
der israelischen Politik schon mal in Widerspruch zu seinem »politischen
Selbstverständnis« – hier kann nur das politische Selbstverständnis
als Antifaschist oder Revolutionär gemeint sein – geraten und
zum Judenfeind werden könnte. Zu diesem Verständnis für
den »an sich« berechtigten Kampf der Palästinenser passte
auch die Rücksichtnahme auf die Mörder des Genossen und angeblichen
Freundes. So erklärten die Revolutionären Zellen zwar, wie lieb
und teuer ihnen Gerd Albartus gewesen sei. Sie weigerten sich allerdings,
die Verantwortlichen – immerhin dürfte die Gruppe gewusst haben,
mit welcher der unzähligen palästinensischen Mörderbanden
Albartus in Kontakt stand – namentlich anzuprangern. Der Grund:
Die Revolutionären Zellen fürchteten, den palästinensischen
Kampf diskreditieren zu können. Obwohl der Terror palästinensischer
Feme-Gerichte schon damals mehr Opfer unter den Palästinensern forderte
als die Auseinandersetzungen mit den israelischen Sicherheitskräften,
behaupteten die Autoren, »dass das, was in die Verantwortung einer
einzelnen Gruppierung fällt« – die Ermordung von Mitstreitern
–, nicht »für den palästinensischen Widerstand in
seiner Gesamtheit« gelte: »Wir halten es für verkehrt,
von den Regeln und Methoden einer Gruppe auf die Verfasstheit einer gesamten
Bewegung zurückzuschließen.« (ebd.: 32)
Anstatt aus den Regeln und Methoden einer Gruppe auf die Verfasstheit
der Bewegung zu schließen, deren legitimes Produkt sie ist, gingen
die Revolutionären Zellen zu Befindlichkeits- und Betroffenheitsrhetorik
über: Angesichts des linken Antisemitismus’, der Selektion
jüdischer Passagiere und palästinensischer Femejustiz sprachen
sie im Stil eines Selbstfindungskreises bedeutungsschwer von sich selbst,
von der »Gewalt in den eigenen Reihen« (ebd.: 33), der »Ambivalenz
und Gebrochenheit metropolitaner Subjektivität« oder der Stärke,
»in Gegensätzen denken und Spannungen aushalten zu können«.
(ebd.: 30) Als sei Antisemitismus eine Falle, in die auch der kritischste
Mensch immer wieder geraten könne, erklärten die Revolutionären
Zellen, dass sie nach Entebbe »statt missverständlicher Aktionen«
gar keine machten, wenn sie »Bedenken hatten, ob sie vielleicht
antijüdisch waren oder zumindest ausgelegt hätten werden können«.
(ebd.: 26) Die antizionistische Praxis der 1970er Jahre wird hier zum
gutgemeinten Engagement von Philanthropen, die entweder nur vergessen
haben, dass sich bereits ihre Elterngeneration an der Verfolgung von Juden
beteiligt hatte, oder dem Antisemitismus gutgläubig aber schuldlos
auf den Leim gegangen sind.
Die Stunde Null der Revolutionären Zellen
Um weiter mit gutem Gewissen am »ehrbaren Antisemitismus«
(Jean Améry) festhalten zu können, musste entweder geleugnet
werden, dass in Entebbe Juden selektiert worden waren – eine Gruppe
der Revolutionären Zellen erklärte dementsprechend noch 1992,
dass es im Verlauf der Flugzeugentführung keine »Auswahl«
von Jüdinnen und Juden gegeben habe und die Selektion lediglich »bürgerliche
Medienpropaganda« sei. (Die Früchte des Zorns: 58) –,
oder dem Antizionismus musste eine Selbstbeschränkung auferlegt werden.
Um auch weiterhin an die Fiktion eines Unterschieds zwischen Antizionismus
und Antisemitismus glauben zu können, entwendete eine Fraktion der
Revolutionären Zellen ihren Mitstreitern nach Entebbe kurzerhand
den Sprengstoff. (vgl. Rauchzeichen) Der Grund: Der später als »Hardliner«-Fraktion
bezeichnete Teil der RZ setzte auf eine »schnelle und harte Reaktion«
auf die Beendigung der Geiselnahme in Entebbe und diskutierte nach Aussagen
des RZ-Aussteigers Hans-Joachim Klein über Anschläge auf die
Vorsitzenden Jüdischer Gemeinden in Deutschland. (vgl. Spiegel
20/1977)
Weil die Revolutionären Zellen nach Entebbe also nicht auf Distanz
zum Antizionismus gingen, sondern lediglich vor seiner logischen und zwingenden
Konsequenz – der Parole »Tod den Juden« – zurückschreckten,
wies der Tonfall ihrer antizionistischen Erklärungen aus den 1980er
Jahren keine großen Unterschiede zu ihrer israelfeindlichen Propaganda
der 1970er Jahre auf: Nach dem Tod Heinz Herbert Karrys 1981 sprachen
die Revolutionären Zellen von »zionistischen Verwicklungen«
des Ministers (Die Früchte des Zorns: 446), 1982 behaupteten sie
einen »geplanten Völkermord« an den Palästinensern
(ebd.: 374); und noch 1988 bezeichneten sie Israel als »Apartheid-Regime«,
riefen zum Boykott des jüdischen Staates auf und verübten einen
Anschlag auf einen deutschen Importeur israelischer Produkte. (ebd.: 538)
Selbst als der Text »Gerd Albartus ist tot« 1991 veröffentlich
wurde, erhob eine andere Gruppe der Revolutionären Zellen Einspruch
gegen die kritische Ehrenrettung des Antizionismus und erklärte im
Stil der 1970er Jahre, dass die »Existenz eines rassistischen Staates
Israel« die »Verweigerung des Existenzrechtes (sic! J.G.)
für die PalästinenserInnen« bedeute. (ebd.: 59)
Die Rede von einem Neuanfang nach Entebbe und dem »Deutschen Herbst«,
die erstmals in den RZ-Schriften der frühen 1990er Jahre auftauchte,
diente vor diesem Hintergrund nicht zuletzt dem Zweck, die Geschichte
der Revolutionären Zellen den aktuellen Konjunkturwellen der Linken
anzupassen. Die Aktivitäten, Anschläge und Kampagnen der Gruppe,
die auch beim besten Willen nicht mehr schöngeredet werden konnten,
wurden einer halbherzigen Kritik unterzogen und mit Hilfe der einschlägigen
Stunde-Null-Rhetorik (»Neuanfang«, »Neubeginn«,
»Neugründung« usw.) von der restlichen Geschichte der
Revolutionären Zellen abgetrennt. Die Selbsthistorisierung, die die
Gruppe seit dem Beginn der 1990er Jahre mit Hilfe von »kritischen
Aufarbeitungen« und Rückblicken betrieb, verfolgte, wie ehemalige
Mitglieder der Revolutionären Zellen 2001 in einer Retrospektive
auf »20 Jahre RZ« unfreiwillig offen erklärten, vor allem
das Ziel, »die Geschichte der 80er Jahre dagegen (zu) verteidigen,
dass sie zugeschüttet wird mit alten Horrorgeschichten«. (Rauchzeichen)
Die eigene Front
Eine solche Verteidigung ist jedoch auch dann nicht möglich, wenn
der Antizionismus und die »alten Horrorgeschichten« von den
Aktivitäten der Revolutionären Zellen in den 1980er Jahren abgespalten
werden. Ebenso wenig wie mit dem Antizionismus brachen die Revolutionären
Zellen in den 1980er Jahren nämlich mit seinen innerlinken Voraussetzungen:
der Liebe zum Volk, dem Glauben an die potentiell revolutionären
Massen und der antiimperialistischen Vorstellung guter und unterdrückter
Völker. Die Revolutionären Zellen begleiteten dementsprechend
auch in den 1980er Jahren die Konjunkturwellen der jeweiligen Massenbewegungen
– Anti-AKW, Frieden, Startbahn West usw. –, versuchten, mit
diesen Bewegungen zu verschmelzen, lieferten den passenden Anschlag zum
Thema, distanzierten sich nach der obligatorischen Enttäuschung vom
Objekt ihrer Begierde, um dann wieder von vorn zu beginnen. Selbst als
die Gruppe 1985 erneut auf Abstand zu den Neuen Sozialen Bewegungen ging,
um mit ihrer Flüchtlingskampagne nach eigener Aussage eine »eigene
Front« zu eröffnen, wollte sie ihre Anschläge auf Asylbehörden
und die Zerstörung der dort gelagerten Akten ausgerechnet als Beitrag
zur »Rückgewinnung eines konkreten Antiimperialismus«
in den Metropolen begriffen wissen. (Die Früchte des Zorns: 539)
Nach ihrem Abschied von den Neuen Sozialen Bewegungen setzte die Gruppe
die Flüchtlinge einfach als neues revolutionäres Subjekt; die
Migranten galten qua Herkunft als Verbündete.
Wie der klassische Völkerkunde-Antiimperialismus der KPD, des KBW
oder der KPD/ML war auch dieser »neue«, »konkrete«
Antiimperialismus der Revolutionären Zellen eine der zahlreichen
Umleitungen auf dem Weg zum Volk und zu den »Massen« im eigenen
Land. Eine Revolutionäre Zelle aus Nordrhein-Westfalen erklärte
in ihrer Auflösungserklärung vom Januar 1992 zwar, dass sie
nie an eine schnelle Verbrüderung von Flüchtlingen und deutschen
Arbeitern geglaubt habe. (ebd.: 41) Tatsächlich wollten die RZ mit
ihrer Flüchtlingskampagne jedoch die »soziale Frage«
auch für das autochthone Proletariat in der Bundesrepublik neu stellen;
die beiden genannten Gruppen, die die Revolutionären Zellen 1983
als Protagonisten der »zukünftigen Kämpfe« benannt
hatten – die Ausländer und die »von sozialer Armut Betroffenen
und Bedrohten« –, sollten mit Hilfe der Kampagne mit¬einander
in Beziehung gesetzt werden. (ebd.: 540ff.) An den Flüchtlingen,
so die RZ, werde vorexerziert, was im Krisenfall auch den unteren Bevölkerungsschichten
in der Bundesrepublik drohe. (ebd.: 540) In der Erklärung zu ihren
Knieschüssen auf Günter Korbmacher, den Vorsitzenden Richter
des Bundesverwaltungsgerichts, erklärten sie im September 1987 dementsprechend,
dass es ihr Ziel sei, »einen Klassenkampf mit dem Volk und für
das Volk« zu führen. (ebd.: 558) Ganz im Sinn dieser geplanten
Volksfront aus Migranten und der deutschen Unterschicht thematisierten
die Revolutionären Zellen die Ausländerfeindlichkeit auf deutschen
Baustellen, an der Aldi-Kasse oder in der Taz, wo seinerzeit
ebenfalls über einen »Ausländerstopp« diskutiert
wurde (vgl. Taz vom 2. August 1982), allenfalls am Rande. Das
Feindbild blieb auch hier der Staat, dessen Asylpolitik vor allem als
»Herrschaftskalkül« und Mittel der »Klassenspaltung«
begriffen wurde. (Die Früchte des Zorns: 540ff.)
Die Revolutionären Zellen bemühten sich im Rahmen ihrer Kampagne
gegen die deutsche Asylpolitik jedoch nicht nur um eine Annäherung
an die geliebten Massen. Mit ihrem Versuch, die richtige Solidarität
mit denen, die in Asylbewerberheime gepfercht oder abgeschoben werden
sollen, mit dem Antiimperialismus zu koppeln, waren sie zugleich einer
der Generatoren bei der Transformation des Antiimperialismus. Nachdem
infolge des linken Beifalls für Pol Pot, die Mullah-Revolution im
Iran oder Neonazi-Anschläge auf amerikanische Militäreinrichtungen
zumindest bei einem kleinen Teil der Linken eine zaghafte Abkehr von der
Begeisterung für Völker und ihre »angestammten Rechte«
eingesetzt hatte, betrieben die Revolutionären Zellen mit ihrer Kopplung
von Antirassismus und Antiimperialismus eine Modernisierung des antiimperialistischen
Weltbildes. Der langsam diskreditierte Begriff »Volk« wurde
nach und nach durch das Wort »Kultur« ersetzt; die Rasereien
der autochthonen Völker wurden zum schützenswerten Kulturgut
verniedlicht.
Das Resultat dieser antirassistischen Modernisierung des Antiimperialismus
konnte nicht nur in einer Erklärung der Roten Zora, der frauenbewegten
Abspaltung der Revolutionären Zellen, von 1995 nachgelesen werden:
Die Gruppe, die sonst keine Gelegenheit ausließ, tatsächliche
oder vermeintliche Frauenunterdrückung in den Metropolen zu geißeln,
präsentierte hier ausgerechnet ein Loblied auf die bäuerliche
Subsistenzwirtschaft, »kleinbäuerliche Familien« und
die »halb-nomadische Weidewirtschaft« in Ost-Anatolien. (Radikal
153/1995) Auch in dem bereits erwähnten Nachruf auf Gerd Albartus,
der von den Autoren auch als Abrechnung mit den bisherigen antiimperialistischen
Gewohnheiten vorgestellt wurde, findet sich die Form von Kulturrelativismus,
die das spätere Appeasement der Linken gegenüber dem Islam begründete.
So wies die verantwortliche Revolutionäre Zelle zwar immer wieder
darauf hin, dass die Gründe für die Ermordung Albartus’
nicht in seinen politischen Aktivitäten zu suchen seien: »Für
uns«, so konnte die Gruppe im Wissen um Albartus’ vehementen
Hass auf Israel erklären, »steht Gerds persönliche Integrität
außer Frage.« (ebd.: 22)
Ihre nahe liegende Vermutung, dass ihr Genosse von palästinensischen
Tugendwächtern ermordet wurde, weil er homosexuell war, brachten
sie allenfalls in einer Form zum Ausdruck, die ohne das Wissen um die
damaligen Diskussionen und Gerüchte nach fünfzehn Jahren kaum
noch entschlüsselt werden kann: Sie verwiesen darauf, dass Albartus
»offensiv als Schwuler lebte«, »Veranstaltungen zum
Thema Aids« organisierte und die Schwulenszene auf Ibiza genoss,
um wenige Zeilen später verdruckst zu erklären: »Unter
Bedingungen, die von der Logik des Krieges diktiert werden, zählen
unbedingte Gefolgschaft und Unterordnung, dort stoßen Ansichten
und Verhaltensweisen, die nicht mit den gewohnten Mustern übereinstimmen,
auf Misstrauen und Ablehnung«. Und weiter: Wo das Leben von »militärischen
Angriffen, von permanentem Ausnahmezustand, von Ausgangssperren, Verhaftungen
und Folter« bestimmt werde, sei »wenig Raum für Ambivalenzen,
die der metropolitanen Herkunft geschuldet sind« – eine euphemistischere
Umschreibung für Homosexualität dürfte sich nicht einmal
in den Pamphleten der katholischen Kirche finden –; dort müsse
»die Frage nach der eigenen Person fast lächerlich klingen«.
(ebd.: 31) Auch wenn sich die verantwortliche Gruppe der Revolutionären
Zellen dann doch entschied, diese Erklärung als zu »vordergründig«
zurückzuweisen (ebd.), spricht aus ihren Worten doch das Bedürfnis,
die Barbarei der »Völker, die um Befreiung kämpfen«,
unter ihr paternalistisches Kuratel zu stellen.
Was bleibt?
Diese Nähe zum paternalistischen Antirassismus verweist – und
damit soll die eingangs aufgeworfene Frage wieder aufgegriffen werden
– auf einen der Hintergründe des unterschiedlichen Beliebtheitsgrades
der RAF und der Revolutionären Zellen. So dürfte der Hauptgrund
für die linke Sympathieverteilung im unterschiedlichen Maß
der Volks- und Bewegungsnähe beider Gruppen zu suchen sein. Zwar
stand die RAF den RZ in Sachen Volksbegeisterung in nichts nach –
Baader, Ensslin, Meinhof, Raspe, Mahler und Co. hatten bereits die dritte
programmatische Schrift der RAF vom April 1972 mit der Mao-Parole »Dem
Volk dienen« überschrieben. Im Unterschied zu den Revolutionären
Zellen sprach die RAF in den 1980er Jahren jedoch fast nur noch von sich
und dem Staat; die Linke wurde in den diversen Erklärungen der Gruppe
immer wieder in überaus angemessener Weise beschimpft. Die RZ hingegen
agierten, trotz ihres kurzzeitigen Versuchs, eine »eigene Front«
zu eröffnen, stets nach dem Motto »aus der Bewegung, für
die Bewegung«. Sie propagierten ihr Konzept einer »Gegenmacht
in kleinen Kernen« (Die Früchte des Zorns: 115), begriffen
sich als »populäre Guerilla« und suchten insofern auch
mit ihren Aktionen – gegen Spekulanten, Zionisten usw. – immer
wieder die Nähe zu den berühmten Massen. »Prinzip unserer
Aktionen«, so erklärte die Gruppe 1981, »ist es […],
dass sie ausgehen von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, an denen
wir beteiligt sind, dass sie an den dort geführten politischen Auseinandersetzungen
anknüpfen, dass sie unter der Fragestellung ›bringen sie die
Bewegung weiter‹ bzw. ›verschärfen sie die Widersprüche‹
eindeutig bestimmbar sein müssen.« (ebd.: 259) Mit diesem Konzept
konnten die Revolutionären Zellen zu dem werden, was die RAF immer
sein wollte: zur Avantgarde der Linken. Aufgrund ihres weiterhin propagierten
Engagements in legalen Gruppen und ihrer obsessiven Bindung an die Linke
konnten die Revolutionären Zellen frühzeitig Stimmungen erkennen,
aufgreifen, zuspitzen und schließlich zurück in die Bewegungen
tragen.
Die Revolutionären Zellen waren dabei jedoch nicht nur das, was die
RAF immer sein wollte. Sie entsprachen zugleich dem Idealbild, das die
diversen autonomen und »undogmatischen« Linken von sich selbst
hatten: Da der politische Standort der Revolutionären Zellen stets
in der Nähe der jeweils beliebtesten Massenbewegung war, konnte ihnen
im Unterschied zur RAF niemals Dogmatismus – hinter dem sich immerhin
noch ein Rest des Rigorismus, der Konsequenz und der Überzeugungstreue
vermuten lässt, die im goldenen Zeitalter des Bürgertums einmal
die Person als Subjekt ausmachten – vorgeworfen werden.
Darüber hinaus verstanden sie es stets, ihre diversen Kurswechsel
als Resultat nachdenklich-solidarischer Debatten in der WG-Küche,
unendlicher Betroffenheit und eines tiefen Hineinhorchens in sich selbst
zu präsentieren. Diese Selbstbespiegelung entsprach genau der Form
von Selbstkritik, die die Linke immer wieder für sich einforderte:
Sie tat niemandem weh, blieb im Rahmen des linken common sense und drückte
sich stets vor der tatsächlichen Auseinandersetzung. Dabei hätten
sowohl der RZ-Text über Antiamerikanismus (»Beethoven gegen
MacDonald«) als auch die Broschüre über die Friedensbewegung
(»Krieg – Krise – Friedensbewegung«) den Beginn
eines tatsächlichen Bruchs mit Antiamerikanismus, Massenfetischismus
und antiimperialistischer Volksbegeisterung darstellen können. Die
darin formulierte Kritik bewegte sich bis zu einem gewissen Grad –
und trotz aller Beschwichtigungsformeln und Zugeständnisse an die
linke Mehrheitsmeinung – durchaus noch auf der Höhe der Zeit.
Auch Wolfgang Pohrt wollte den Antiimperialismus in der ersten Hälfte
der 1980er Jahre noch gegen den Antiamerikanismus verteidigen. (Pohrt:
70ff.) (Im Unterschied zu den Revolutionären Zellen verzichtete er
allerdings darauf, dem radikalen Teil der Linken einen Persilschein in
Sachen Antiamerikanismus auszustellen.) Während Pohrts zeitgenössische
Artikel jedoch den Beginn einer umfassenden Kritik des linken Weltbildes
markieren, stehen die nahezu gleichzeitig verfassten Texte der Revolutionären
Zellen für die Kapitulation vor dieser Aufgabe; während Pohrts
Aufsätze also trotz anfangs noch ähnlicher Aussagen auf einen
Abschied von den Voraussetzungen des »linken Faschistengeschwätzes«
(Gremliza) zielten, wiesen die Texte der Revolutionären Zellen in
die entgegen gesetzte Richtung: die Konservierung dieser Voraussetzungen
unter veränderten Rahmenbedingungen.
Neben dieser permanenten Konservierung und Modernisierung linker Gewohnheiten
– und das verweist auf einen weiteren Grund der linken RZ-Begeisterung
– gelang es den Revolutionären Zellen, das Konzept Stadtguerilla
zu demokratisieren. In den Verfassungsschutzberichten konnte Jahr für
Jahr nachgelesen werden, dass das RZ-Konzept einer »Vermassung militanter
Aktionen« tatsächlich aufging. Seit Beginn der 1980er Jahre
mussten die Verfassungshüter immer wieder konstatieren, dass die
Anzahl der Brand- und Sprengstoffanschläge, die von unbekannten Kleingruppen
nach dem Vorbild der Revolutionären Zellen verübt wurden, zunahmen.
Vor diesem Hintergrund sprachen BKA-Chef Herold und der damalige Bundesanwalt
Kurt Rebmann in der ersten Hälfte der 1980er Jahre zeitweise davon,
dass die Revolutionären Zellen die »gefährlichste deutsche
Terroristengruppe« seien. (vgl. Radikal 111/1982, 114/1983) Nach
dem Muster der RZ, mit Hilfe der »Praxis-Sondernummern« des
RZ-Blättchens Revolutionärer Zorn, ihrer Bas¬telbroschüre
»Feuer und Flamme für diesen Staat« und weiterer Brandsatz-
und Bombenbau-Guides der Gruppe konnte jeder autonome Hobbybastler seine
eigene Revolutionäre Zelle werden; mit Hilfe ihrer Bastelanleitungen
konnte jeder autonome Heimwerker seinem Ressentiment gegen Zionisten,
Spekulanten, Amerikaner und andere »Volksfeinde« (Die Früchte
des Zorns: 558) Taten folgen lassen. [5]
Diese Volks- und Bewegungsnähe der RZ beeindruckte die RAF schließlich
so sehr, dass sie sich ab 1992 um eine Annäherung an das frühere
Konkurrenzunternehmen bemühte: In ihrer Deeskalationserklärung
sprach sie plötzlich im Stil der Revolutionären Zellen von einer
»Gegenmacht von unten«, bezog sich positiv auf die Autonomen
in der Hamburger Hafenstraße, die damals schon mit Pippi Langstrumpf
für sich warben, und präsentierte die Bewohner der Hamburger
Stresemannstraße, die 1991 eine Bürgerinitiative für Tempo
30 gegründet hatten, als Paradebeispiel an Widerständigkeit.
(Geschichte der RAF: 431, 452f.) Damit wuchs am Ende des »bewaffneten
Kampfes« wieder zusammen, was zusammengehört.
Literatur
Aust, Stefan: Der Baader-Meinhof-Komplex, Hamburg 1985
Dutschke, Rudi / Krahl, Hans-Jürgen: Organisationsreferat, in: Linke
Liste Universität Frankfurt (Hrsg.): Die Mythen knacken. Materialien
wider ein Tabu, Wiesbaden 1987
ID-Archiv (Hrsg.): Die Früchte des Zorns. Texte und Materialien zur
Geschichte der Revolutionären Zellen und der Roten Zora. 2 Bände,
Berlin 1993
ID-Verlag (Hrsg.): Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte
der RAF, Berlin 1997
Koenen, Gerd: Das »rote Jahrzehnt«. Unsere kleine deutsche
Kulturrevolution, 2. Auflage, Frankfurt am Main 2004
Pohrt, Wolfgang: Stammesbewusstsein, Kulturnation. Pamphlete, Glossen,
Feuilleton, Berlin 1984
Rauchzeichen. Ein Rückblick auf 20 Jahre RZ, in: www.freilassung.de
Anmerkungen
[1] Mit seinem Buch »Von A bis RZ« tingelte er vor wenigen
Jahren durch die letzten besetzten Häuser und kokettierte damit,
dass der RZ-Kronzeuge Tarek Mousli in den 1980er Jahren mehrfach bei ihm
in Bockenheim übernachtet hätte.
[2] Die genauen Todesumstände konnten zwar immer noch nicht geklärt
werden. Fest steht allerdings: Wäre das Flugzeug nicht entführt
worden, hätte Dora Bloch mit einiger Sicherheit noch Jahre gelebt.
[3] Vgl. Jan Peters’ Dokumentarfilm »Der Rebell – Odfried
Hepp. Neonazi, Terrorist, Aussteiger« von 2006.
[4] 1972, als der RZ-Mitbegründer Wilfried Boese die Quartiere für
das Kommando des Schwarzen September – das für das Massaker
unter der israelischen Olympiamannschaft verantwortlich war – besorgte,
existierten die Revolutionären Zellen noch nicht.
[5] In einer ihrer Bastelanleitungen von 1981 beschrieben die Revolutionären
Zellen begeistert ein Szenario, das an die Endzeitfilme der 1980er Jahre
erinnert: »Mollies fliegen, Schweineautos brennen, Zwangsverteidiger
zittern um ihre Knie, Spekulanten um ihre Objekte, Behörden und Ämter
werden ausgeräuchert, Industrie- und US-Einrichtungen ausgebombt
– es wird in Massen demonstriert und klammheimlich zusammengerottet.
Die Zersetzung breitet sich aus.« (Die Früchte des Zorns: 644)
Hier scheinen sich die Revolutionären Zellen eher dafür zu begeistern,
dass etwas brennt als dafür, warum etwas brennt. Wenn schließlich
selbst eine Gruppe der Revolutionären Zellen in ihrer Auflösungserklärung
zugeben musste, dass die Art und Weise ihrer Anschläge die zentrale
Konstante ihrer Politik war (ebd.: 45), dann ist die Vermutung gerechtfertigt,
dass Mittel und Zweck in den Aktivitäten der Revolutionären
Zellen ineinander verschwammen. Den RZ schien das »Medium«
in einer Mischung aus postmoderner und deutscher Ideologie die »Message«
zu sein.
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