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Christoph Beyer
Im Osten nichts Neues. Eine Erwiderung auf Hannes Gießlers
Artikel »Die relative Gefahr des eigenen Landes« [1]
In: CeeIeh 136/2006
Hannes Gießler hat Recht und Unrecht zugleich. Er hat Recht, wenn
er die Verharmlosung des Islam durch zahlreiche Linke kritisiert und darauf
hinweist, dass Deutschland nicht mehr die Pogromrepublik der frühen
neunziger Jahre ist. Das neue Deutschland ist links, multikulti und weltoffen.
Seine Protagonisten verlangen »wegen Auschwitz« nach mehr
Verantwortung, ihr bester Freund ist Jude oder zumindest Mitglied einer
Klezmer-Band, sie wollen Kulturen schützen und bringen dem Islam
aus diesem Grund besondere Begeisterung entgegen. Gießler hat ebenfalls
Recht, wenn er erklärt, dass der bunte Nationalismus im innenpolitischen
Rahmen weitaus harmloser ist als der Ausländer-raus-Nationalismus
der neunziger Jahre. Er irrt sich allerdings, wenn er die zivilisierende
Wirkung dieses Nationalismus einfach für den Osten der Republik konstatiert.
Außerhalb der wenigen Großstädte hat das neue Deutschland
dort nämlich keine Chance. Nur wenige Kilometer vom Leipziger Zentralstadion
entfernt, in Orten mit unappetitlichen Namen wie Delitzsch, Grimma oder
Schkeuditz, hätte Gießlers Aha-Erlebnis – ein Mann mit
schwarzer Hautfarbe wird von einer Fußballmeute mit freundlichen
Rufen begrüßt – vermutlich anders ausgesehen. Sportplätze,
Tank- und Bushaltestellen in der sächsischen, mecklenburgischen oder
sachsen-anhaltinischen Provinz sind auch weiterhin no go areas
für Schwarze.
In diesen Gegenden bemüht man sich zwar gelegentlich um die Aufnahme
ins neue Deutschland. Allein, diese Bemühungen misslingen regelmäßig.
Beispiel Pömmelte: Der Ort in der Nähe von Magdeburg geriet
Anfang des Jahres in die Schlagzeilen, weil fünf autochthone Jugendliche
einen 12jährigen schwarzen Jungen so gedemütigt und gefoltert
hatten, dass er in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste. Die Dorfgemeinschaft
versuchte zunächst, sich in die große antifaschistische Einheitsfront
aus empörten Nachrichtensprechern, schockierten Landtagsabgeordneten
und einem fassungslosen Landesvater einzureihen. Die örtlichen Honoratioren
trafen sich, gründeten den obligatorischen Runden Tisch und sprachen
zunächst über einen Jugendclub. Anders als vor dem »Aufstand
der Anständigen«, als rechte Gewalt noch als stummer Schrei
nach einer Jugendbegegnungsstätte begriffen wurde, ging es diesmal
allerdings nicht um Räumlichkeiten für eine örtliche Neonaziclique.
Mit Hilfe eines Sozialarbeiters sollten die Dorfjugendlichen vielmehr
vor den Zugriffen »rechter Ideologen«, die man in der acht
Kilometer entfernten Kreisstadt verortete, geschützt werden. Ganz
im Stile der neuen Republik, die »aus der Geschichte gelernt hat«,
wurde am Runden Tisch zudem kritisch über die »Unkultur des
Wegsehens« diskutiert.
Also alles neues Deutschland? Nicht ganz. Denn bereits nach kurzer Zeit
demonstrierte die Dorfgemeinschaft ihre Unfähigkeit, sich das Ethos
und die Sprachregelungen der geläuterten Republik vollständig
zu Eigen zu machen. Weitaus entsetzter als über die barbarische Freizeitbeschäftigung
des eigenen Nachwuchses waren zahlreiche Einwohner beispielsweise über
die Presseberichterstattung: Ein Teilnehmer des Runden Tisches beklagte
sich darüber, dass über dem Dorf »kübeleimerweise
brauner Dreck« ausgegossen werde, ein Bürger behauptete gegenüber
Journalisten, dass es »mit den Schwarzen doch immer Ärger«
gebe, und andere Ureinwohner drohten angereisten Reportern schon mal mit
der Reitpeitsche. Kurz: Die Empörung über die Tat trat –
eher untypisch für das neue Deutschland – regelmäßig
hinter die Sorge um den Ruf des Ortes zurück.
Solche halbherzig und erfolglos betriebenen Aufbruchsversuche ins neue
Deutschland sind keine Einzelfälle. Sie lassen vermuten, dass hierzulande
langfristig eine Entwicklung zu beobachten ist, die entfernt an die Situation
in Frankreich erinnert: In den Zentren schreitet die Herausbildung einer
modernen und weltoffenen Republik weiter voran. Hier ist man hip, mag
Gerald Asamoah und trägt Schwarz-rot-gold nicht wegen der Vergangenheit,
sondern aufgrund der deutschen Vorreiterrolle in Sachen Ökostrom.
In der ostdeutschen Peripherie hingegen bildet sich die ländliche
Version der Banlieues heraus. In diesen Gegenden, in denen der Staat oft
der einzige Arbeit- und Geldgeber ist und das bestimmende Gefühl
Langeweile heißt, verbindet sich die Vorstellung, von allen anderen
immer nur übervorteilt, reglementiert und betrogen zu werden, mit
der Sehnsucht nach der starken Hand, aggressivem Lokalpatriotismus und
einem dumpfen Antikapitalismus. Hier haben die Menschen, die sich oftmals
weigern, ihre Scholle zu verlassen, tatsächlich keine Zukunft. Sie
sehnen sich darum nach der Vergangenheit zurück. Die Wahlerfolge
der Linkspartei/PDS sind ebenso Ausdruck dieser Sehnsucht wie der Retro-Boom
um Bautzener Senf, Spreewaldgurken und Club Cola.
Bei ihrer Suche nach der Vergangenheit stehen die Bewohner der postindustriellen
wastelands allerdings vor zwei Problemen: 1. Als die Vergangenheit
Gegenwart war, in der Ära Honecker also, konnten sie ihr nicht allzu
viel abgewinnen; Ostprodukte waren in dieser Zeit bekanntlich nicht sonderlich
beliebt. 2. Die guten alten Zeiten, an denen nicht viel gut war, können
– nicht zuletzt dank der eigenen Beteiligung an den einschlägigen
Montagsdemos und der nächtlichen Abwicklung des örtlichen LPG-Bestandes
– nicht wiederkehren.
Da sie keine Zukunft mehr haben und die Vergangenheit unwiederbringlich
ist, simulieren die Einheimischen regelmäßig den Weltuntergang.
Im Bewusstsein ihrer eigenen Überflüssigkeit, das ohnehin zur
Grundausstattung jedes Arbeitskraftbehälters gehört, in den
ostdeutschen Abbruchgebieten allerdings besonders stark ausgeprägt
ist, sind die Menschen mit selbstzerstörerischer Aggressivität
erfüllt. So richtet sich das Verfolgungs- und Vernichtungsbedürfnis
der enthemmten Eingeborenen längst nicht mehr nur gegen »Zugereiste«,
»Ortsfremde« und »Auswärtige«. Die Existenz
dieser auswärtigen Feinde hält sie lediglich zeitweilig davon
ab, sich gegenseitig zu zerfleischen.
In diesem Klima allgemeiner Verrohung und wehleidiger Aggressivität
spielen organisierte Neonazis tatsächlich keine große Rolle
mehr. Wenn der Feuerwehrverein zugleich Bürgerwehr ist, die Jugendmannschaft
des Fußballvereins illegale Einwanderer jagt, und das gemeinsame
Vorgehen gegen Gemeinschaftsschädlinge im örtlichen Fleischereifachgeschäft
abgestimmt wird, verlieren sie ihre Avantgardefunktion. Der ideologische
Kitt, der die Gemeinschaft am Zerfallen hindert und oft nur noch dazu
dient, das Straf- und Verfolgungsbedürfnis der Einheimischen weltanschaulich
zu überhöhen, wird nicht von der örtlichen Kameradschaft
geliefert. Hierzu ist die Linkspartei/PDS weitaus besser in der Lage.
Denn im Gegensatz zu den Neonazis haftet ihr weder das Image des Gemeinschaftsschädlings
an, der die eigene Region in Verruf bringt, noch wird sie als Westimport
wahrgenommen.
Das heißt: Auch wenn ostdeutsche Dorfgemeinschaften in Folge der
staatlichen Antifa-Kampagnen Demonstrationen gegen Neonazis organisieren,
wird sich östlich der Elbe in den nächsten Jahren nicht so viel
verändern. Vor dem Hintergrund von Ost-Identität, sozialer Verwahrlosung
und aggressivem Selbstmitleid werden die natives der Magdeburger
Börde, der Sächsischen Schweiz oder der Mecklenburger Seenplatte
so bald nicht über das zaghafte Erlernen einzelner Sprachregelungen
des bunten Nationalismus hinauskommen. In den entvölkerten Regionen
Ostdeutschlands, in denen ohnehin kein vernunftbegabter Mensch investieren
will, wird weder das gebetsmühlenartig vorgetragene Gebot, dass man
Investoren auch dann nicht totschlagen darf, wenn sie eine dunkle Hautfarbe
haben, auf große Beachtung stoßen. Geschweige denn wird sich
hier die für das neue Deutschland typische Begeisterung für
fremde Kulturen, Stämme und Riten, flippige Ethnobekleidung, Töpferkurse,
Yoga und vegetarische Restaurants einstellen. Im Bewusstsein, dass sie
auf der Welt nichts mehr zu suchen hätten, werden sich die einschlägigen
Dorfgemeinschaften auch weiterhin regelmäßig in Horden wild
um sich schlagender Asozialer verwandeln, die allen – und letztlich
auch sich selbst – nach Besitz, Leib und Leben trachten. Auch wenn
die Landsleute in Berlin, Frankfurt/Main, Münster und Leipzig inzwischen
»weltoffen, multikulti und nett« sind.
Anmerkungen
[1] Der Text bezieht sich auf den Artikel »Die relative Gefahr des
eigenen Landes«, den der Cee-Ieh-Redakteur Hannes Gießler
in der Jungle World 33/2006 veröffentlichte (http://jungle-world.com/seiten/2006/33/8323.php)
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