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Jan Gerber
Nach Weltuntergang. Die Linke, Auschwitz und das Ende der Geschichte
In: Jungle World 50/2006
I.
Kurz nach dem Fall der Berliner Mauer verkündete der amerikanische
Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das Ende der Geschichte. In einem
Aufsatz, der später zu einem Buch (The End of History and the
Last Man) ausgeweitet wurde, erklärte er, dass sich die Prinzipien
des Liberalismus, der bürgerlichen Demokratie und des »freien
Marktes« nach der Implosion des Ostblocks bald überall und
vor allem endgültig durchsetzen würden. Mit dem Ende der Bipolarität,
so führte er unter Berufung auf Hegel und die insbesondere in Frankreich
beliebte Hegelexegese Alexandre Kojèves aus, seien die weltpolitischen
Widersprüche in einer letzten Synthese aufgehoben worden. Damit habe
die Menschheit einen glücklichen Endzustand, das Ziel der Geschichte,
erreicht; Geschichte finde von nun an nicht mehr statt.
Fukuyamas Thesen zogen in nahezu allen politischen Lagern Kritik auf sich.
Niemand war allerdings so empört wie die Linke, die 1989 in eine
ihrer größten Krisen geraten war. Ein Teil der Bewegung erklärte
mit dem Rudi Dutschke der 1970er Jahre, dass die Chancen für den
Sozialismus in Deutschland mit der Wiedervereinigung erheblich gestiegen
seien. Andere beschränkten sich darauf, für die kommenden Jahre
eine Zunahme weltpolitischer Konflikte, Krisen und Auseinandersetzungen
vorauszusagen. Diese Fraktion schien Recht zu behalten. Nur wenige Jahre
nach dem Erscheinen von The End of History relativierte Fukuyama
seine Thesen schließlich. Er habe das Erstarken des Islamismus nicht
vorausgesehen; das Ende der Geschichte müsse vorerst vertagt werden.
Mit solchen Aussagen verwies Fukuyama zwar durchaus richtig auf die Gefahren,
die Emanzipation, individuellem Glück und Freiheit von Seiten des
Islamismus drohen. Die islamistische Formierung, die weltpolitischen Auseinandersetzungen
seit 1989/90 und die unzähligen Nationalitätenkonflikte, die
regelmäßig gegen Fukuyama aufgeführt wurden, können
allerdings auch als Beleg für das Gegenteil gewertet werden; sie
zeigen, dass Fukuyama mit seiner These vom Ende der Geschichte Recht hatte
– allerdings unfreiwillig. Das Ende der Geschichte ist dabei jedoch
nicht der glückliche Endzustand, von dem Fukuyama schwärmt.
In Fortführung eines Gedankens von Marx, der immer wieder gegen Hegel
betont, dass die wirkliche Geschichte erst mit dem Übergang in die
»Gesellschaft der Freien und Gleichen« beginne – alles
andere sei die »Vorgeschichte der Menschheit« –, lässt
sich das Ende der Geschichte vielmehr als katastrophische Wiederkehr des
Immergleichen begreifen.
II.
In seinen berühmten geschichtsphilosophischen Thesen erklärt
Walter Benjamin: »Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion,
deren Ort nicht die homogene und leere Zeit sondern die von Jetztzeit
erfüllte bildet.« Mit anderen Worten: Jede Erzählung von
Geschichte erfolgt aus dem Kontext der gegenwärtigen Gesellschaft.
Ihre Rekonstruktion und insbesondere die Rekonstruktion ihres »logischen
Fortgangs« setzt daher die Erkenntnis der Gegenwart voraus. Diese
Erkenntnis ist allerdings nicht so leicht zu haben. Eine Erkenntnis, so
Gerhard Stapelfeldt, »die sich allein auf dem Boden des Gegenwärtigen
bewegte, wäre in diesem gefangen; sie entzöge sich dem Begreifen«.
Das heißt, Erkenntnis über die Gegenwart – und damit
zugleich über die Vergangenheit – kann nur gewonnen werden,
wenn die Gegenwart transzendiert wird, wenn sie selbst als veränderbarer
Teil der Geschichte und als Voraussetzung für eine vernünftige
Zukunft erkannt werden kann; sie kann nur aus der Perspektive einer antizipierten
Zukunft gewonnen werden. Die Voraussetzung für Geschichte ist also
Zukunft. »Nur wenn man einen Ursprung und ein Ziel schon voraussetzt«,
so Wolfgang Pohrt, »stellt sich Geschichte überhaupt als ein
Prozess mit unterscheidbaren, nämlich in Relation zum Ursprung und
zum Ende verschiedenen Entwicklungsstufen dar, und die Unterscheidung
verschiedener Entwicklungsstufen ist die erste Voraussetzung, deren zeitliche
Abfolge in einen logisch zwingenden Zusammenhang zu bringen.« Erst
mit der bürgerlichen Gesellschaft und dem von ihr produzierten Glauben,
der Himmel könne auch auf Erden errichtet werden, entsteht Geschichte.
Während mittelalterliche Chronisten reine Genealogie betreiben und
die Zeugungs- und Gebärakte der jeweiligen Herrscherhäuser aneinanderreihen
mussten, waren bürgerliche und kommunistische Historiker in der Lage,
Abläufe zu analysieren, Prozesse zu benennen und von Epochen zu sprechen.
Vor dem Hintergrund eines vorweggenommenen besseren Zustands fanden plötzlich
Geschichte, Fortschritt, Logik und Vernunft zusammen. Vom Standpunkt der
Erlösung aus betrachtet, erschien die Kanonade von Valmy nicht mehr
als weitere Metzelei auf ungezählten Schlachtfeldern; sie erschien
vielmehr als schreckliche, aber doch notwendige Bedingung für die
Errichtung der erwarteten paradiesischen Bürgergesellschaft. Vom
Standpunkt der Erlösung aus betrachtet, erscheint auch das Kapitalverhältnis
nicht mehr nur als Hölle auf Erden, sondern zugleich als Voraussetzung
für das Reich der Freiheit. Wird das System der Wertvergesellschaftung
allerdings nicht von der befreiten Gesellschaft, sondern vom großen
Armageddon abgelöst, kann es nicht mehr als Fortschritt in der Entwicklung
der Menschheit begriffen werden; das Kapitalverhältnis ist dann Vorstufe
zu ihrer Vernichtung. Die Zerstörung von Sippe, Clan, Stamm und »Blutsurenge«
durch den Kapitalismus ist vor diesem Hintergrund nicht mehr Voraussetzung
für die Assoziation der Freien und Gleichen. Sie ist lediglich die
Ablösung eines Zwangsverhältnisses durch ein anderes; die »ganze
alte Scheiße« (Marx) wird durch neue ersetzt.
III.
Zeitgenössische Autoren berichteten immer wieder verwundert darüber,
dass die Kommunarden von Paris 1871 singend auf den Barrikaden standen
und singend in den Tod gingen. Trotz der brutalen Auseinandersetzungen
und des grausigen Endes der Kommune – die Reaktion ermordete nach
ihrem Sieg mehr als 25.000 Menschen – erfüllte der Aufstand
einen Anspruch, den die Situationisten fast 100 Jahre später in bemerkenswerter
Geschichtsvergessenheit an eine Revolution stellten: »Die proletarischen
Revolutionen werden Feten sein oder sie werden nicht sein, denn das von
ihnen angekündigte Leben wird selbst unter dem Zeichen der Fete geschaffen
werden.« Das aus heutiger Sicht kitschig anmutende Pathos der Kommunarden
war nur aufgrund der Überzeugung möglich – und das ist
zugleich der zentrale Unterschied zu den Irren von Langemarck, die 1914
aufrecht und mit dem Deutschlandlied auf den Lippen in französisches
Maschinengewehrfeuer marschiert sein sollen –, dass der eigene Tod
und der Tod all derer, die zuvor gestorben waren, nicht sinnlos war; es
war nur möglich, weil man den Tag der Rache und damit zugleich den
Tag der Befreiung von Freunden, Kindern und Geliebten in naher Zukunft
glaubte.
Der Oktoberrevolution und dem russischen Bürgerkrieg fehlte diese
Emphase bereits; das Pathos musste ihnen in ranzigen Revolutionsdramen
wie Ostrowskis Wie der Stahl gehärtet wurde oder Furmanows
Tschapajew nachträglich übergestülpt werden. Der
Grund: Die »letzten Tage der Menschheit«, die Karl Kraus in
seinem gleichnamigen Stück über den Ersten Weltkrieg beschreibt,
hatten bereits stattgefunden; die Mitglieder der Roten Armee dürften
geahnt haben, dass ihre Aktivitäten schon, wie Adorno in den Minima
Moralia formuliert, »nach Weltuntergang« stattfanden.
Isaak Babels Reiterarmee, eines der großartigsten Bücher
über die Revolution und den Bürgerkrieg, liest sich dementsprechend
nicht wie die Entstehungsgeschichte des »neuen Menschen«.
Babel beschreibt vielmehr geschundene Kreaturen, von denen nur schwerlich
vorstellbar ist, dass sie selbst jemals mit dem Schinden aufhören
können. Die Reiterarmee wurde unter Stalin folgerichtig
verboten, Babel wurde vermutlich 1941 hingerichtet.
Den Glauben an einen logischen Gang der Geschichte wollten sich diejenigen,
die sich die Befreiung der Menschheit auf Ihre Fahnen geschrieben hatten,
weder von ihrem Genossen Babel noch von Franco, Mussolini und Hitler,
den Proleten der SA oder den Folterknechten in den Kellern der Gestapo
nehmen lassen. Die KPD gab 1933 inoffiziell die Parole »Nach Hitler
wir!« aus; Georgi Dimitroff rationalisierte den Faschismus als Treppenstufe
auf dem Weg zum Kommunismus: Der Faschismus sei eine »Folge des
Niederganges des kapitalistischen Systems« und würde ganz logisch
und gesetzmäßig zu seiner eigenen »Zersetzung«
– und damit zum Sieg des Kommunismus – beitragen. Der Verweis
auf den logischen Gang der Geschichte wurde damit endgültig zum Religionsersatz.
Jean Améry erinnert sich dementsprechend, dass Parteikommunisten
und überzeugte Christen diejenigen waren, die die Qualen der Konzentrationslager
am stoischsten ertrugen. Beide glaubten, dass ihr Leiden einen tieferen
Sinn hatte; die einen erklärten sich ihr Elend mit dem unergründlichen
Willen Gottes, der im Paradies auf sie warte, die anderen beriefen sich
auf den gesetzmäßigen Gang der Geschichte in Gestalt Josef
Stalins.
IV.
War der Glaube an einen roten Faden der Geschichte schon mit dem Ersten
Weltkrieg in Mitleidenschaft geraten, lässt sich spätestens
seit Auschwitz kein Zusammenhang mehr zwischen Geschichte und Vernunft
herstellen. Warum Nationalsozialismus und Auschwitz eine notwendige Voraussetzung
für eine Gesellschaft der Freien und Gleichen sein sollen, ist mit
den Mitteln der Vernunft auch beim besten Willen nicht zu erklären.
Mit Auschwitz, so Moishe Postone, wurde die Frage gestellt, »ob
und auf welche Weise es noch möglich ist, eine Zukunft zu denken,
ohne die Vergangenheit zu verraten«. Das Leben »unter dem
Zeichen der Fete«, von dem die Situationisten 1966 sprachen, als
stünde der Aufstand der Pariser Kommune noch bevor, ist durch den
Massenmord affiziert worden – eine wahrhaft menschliche Gesellschaft
hätte dementsprechend die Trauer um die sinnlos Hingemetzelten in
sich aufzunehmen –; der glücklich-unbeschwerte Zustand, von
dem selbst gestandene Bolschewiki wie frühsozialistische Utopisten
schwärmten (Trotzki: »Der Mensch wird unvergleichlich viel
stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer,
seine Stimme musikalischer werden«), ist damit unerreichbar geworden.
Anstatt jedoch die Notbremse zu ziehen und einen Zustand zu schaffen,
in dem die Toten zumindest vor nachträglicher Bemächtigung sicher
sind, tat die Menschheit so, als wäre nichts geschehen. Im Osten
versuchte man, mit beschränkten Mitteln und noch beschränkteren
Vorstellungen zumindest eine Gesellschaft ohne Ausbeutung zu schaffen.
Die »Lehren aus der Geschichte« sollten allerdings mit Hilfe
»nationaler Volksarmeen«, »Helden der Arbeit«,
sozialistischer Zwangsmoral und uniformierten Kindern gezogen werden.
Im Westen simulierte man den status quo ante. Nach der Verschmelzung
von Staat und Kapital wurde freie Marktwirtschaft gespielt; während
das Individuum in den letzten Zügen lag, entdeckte die Kulturindustrie
»Individualität«; und nach der Auflösung des Klassenantagonismus
ernannte man kurzerhand die »unterdrückten Völker«
zum Nachfolger des Proletariats. Selbst diejenigen, die sich die Kritik
des Bestehenden auf ihre Fahnen geschrieben hatten, spielten mit: Die
Studenten der 1960er und 1970er Jahre verkleideten sich als Proleten,
zogen Kommissarslederjacken an und ahmten die KPD der 1920er Jahre nach.
Und tatsächlich: Vor dem Hintergrund des neu begonnenen Kalten Krieges
konnten einige zentrale Parolen des bürgerlichen Zeitalters –
allen voran die Aussage, ein jeder sei seines Glückes Schmied –
auch über das Ende dieser Epoche hinaus eine gewisse Gültigkeit
für sich beanspruchen. Das clevere Taktieren verschiedener Trikontstaaten
konnte im Rahmen des Ost-West-Konfliktes gelegentlich zu einer bescheidenen
Steigerung des Lebensstandards in diesen Ländern führen; die
Aufstiegschancen in den subventionierten Wirtschaftswunderländern
boten einen schwachen Abglanz der Vorstellung »vom Tellerwäscher
zum Millionär«. Fortschritt und Zukunft hatten auf beiden Seiten
des Eisernen Vorhangs Konjunktur. Ludwig Erhard versprach »Wohlstand
für alle«; die Staaten des »real existierenden Sozialismus«
wollten den Westen mit Fünfjahresplänen überholen und später
einholen; und die Helden der Jugend stammten aus der Science-Fiction-Literatur.
Im DDR-Standardwerk »Weltall, Erde, Mensch«, das junge Staatsbürger
zu ihrer »Jugendweihe« überreicht bekamen, wurden Weltraumstädte,
mit denen man um das Jahr 2000 rechnete, vorgestellt; im Westen gingen
Perry Rhodan, die Raumpatrouille Orion und das Raumschiff Enterprise auf
die Suche nach neuen Galaxien.
Voraussetzung für diesen fortschritts- und zukunftsfrohen Utopismus
war das Verschweigen von Auschwitz. Im Osten schien man zu ahnen, dass
die Kontinuitätslinie, die in »Weltall, Erde, Mensch«
vom Neandertaler über Spartakus und Lenin zu Walter Ulbricht gezogen
wurde, durch Auschwitz unterbrochen wurde. Verweise auf den Massenmord
fehlten dementsprechend. Im Westen verzichtete man ebenfalls auf Hinweise
auf die deutsche Vernichtungspolitik – wenn auch aus dem entgegen
gesetzten Grund. Hier wurde nicht geschwiegen, weil der Massenmord die
Vorstellung vom logisch-vernünftigen Gang der Geschichte und der
»historischen Mission der Arbeiterklasse«, die sich am Morden
bekanntlich enthusiastisch beteiligt hatte, in Frage stellte; hier wurde
Auschwitz verschwiegen, weil tatsächlich Kontinuitäten bestanden.
Diese Verbindungen existierten nicht nur, wie von der Protestbewegung
der 1960er Jahre immer wieder beklagt wurde, auf personeller Ebene; es
dürfte vielmehr ein Bewusstsein davon existiert haben, dass der Vernichtungskrieg
und der Massenmord tatsächlich die Voraussetzung für das Wirtschaftswunder
waren. So wurde die große Krise des Kapitals, wie Gerhard Scheit
in Die Meister der Krise ausführt, nicht durch den Ideenreichtum
der Ökonomen und Technokraten beendet, sondern durch den Krieg. »Im
Krieg, für den der Staat als monströser Konsument tätig
war, ist eine Kaufkraft angestaut worden, die sich nun am Ausstoß
der neu investierten Konsumgüterindustrie schadlos halten konnten.«
Das heißt: Diejenigen, die den Nachkriegsboom in den westlichen
Ländern genießen konnten, hatten dem Nationalsozialismus obszönerweise
etwas zu verdanken. Nicht zuletzt das ist die Barbarei, die laut Adorno
fortbesteht, weil auch ihre Bedingungen fortbestehen.
V.
In den 1970er Jahren fand das 1945 begonnene »golden age of capitalism«
(Hobsbawm) sein Ende. Die im Krieg angestaute Kaufkraft war aufgebraucht,
die seit den großen Zusammenbrüchen betriebene Krisenlösung
in Permanenz versagte. Hofften die Bewohner der Industrienationen in den
1950er und 1960er Jahren noch darauf, immer wohlhabender zu werden, sorgten
sie sich in Meinungsumfragen plötzlich darum, zumindest nicht ärmer
zu werden. Auch die Parolen hatten sich verändert. Ging es in den
Wahlkämpfen bis dahin um »Wohlstand für alle« und
den »Stolz auf das Erreichte«, hieß es von nun an, den
»Gürtel enger zu schnallen«, kürzer zu treten und
sich nicht auf dem Bisherigen auszuruhen. Mit der Implosion des Ostblocks
verschwand schließlich die letzte Bedingung für die Simulation
des bürgerlichen Zeitalters; der Zusammenbruch des alternativen Weltmarktes
des RGW machte die ohnehin armseligen Subventionspraktiken in der Dritten
Welt aus herrschaftsrationaler Sicht vollends sinnlos. Der erste, nunmehr
einzige Weltmarkt hat keine Verwendung mehr für die Überflüssigen
und ihre Produkte; die »eine Menschheit« ist auf Schicksal
und auf blinden Naturzusammenhang zurückgeworfen. »Der Gesellschaftszustand«,
so Wolfgang Pohrt, »reproduziert seine ideologische Existenzbedingung
nicht mehr, nämlich die mit seiner Unerträglichkeit versöhnende
Illusion, er werde sich kontinuierlich zum Besseren ändern, denn
alles Schlechte an ihm sei Übergangserscheinung und Restbestand,
Hinterlassenschaft von Verhältnissen, die man gerade überwindet.
[…] Seither hat, wie sich ohne Pathos und Übertreibung sagen
lässt, die Menschheit keine Zukunft.«
Weil die Menschheit keine Zukunft mehr hat, träumen die Menschen
wieder von ihrer Vergangenheit. Sie sehnen sich nach ihrer Kindheit bzw.
der Kindheit der Gattung zurück, nach einer Zeit, in der Kapitalismus
und Weltmarkt noch nicht existierten, die Menschen sich in Sippen, Stämmen
und Clans organisierten und die Konflikte scheinbar überschaubar
waren. Bei diesem Kampf um die Kindheit stehen sie allerdings vor zwei
Problemen: 1. Kindheit ist nie so schön, wie sie im Rückblick
erscheint; sie besteht in der Regel aus einer Aneinanderreihung von Unsicherheiten,
Demütigungen durch Eltern und Geschwister und Quälereien durch
Gleichaltrige. 2. Die guten alten Zeiten, in denen nichts gut war, können
nicht wiederkehren, weil die vorkapitalistischen Gemeinwesen irreparabel
und unwiderruflich zertrümmert sind. Wenn die Menschheit keine Zukunft
mehr hat und die Vergangenheit unwiederbringlich ist, so lautet ihre Schlussfolgerung,
bleibt nur der Tod. Mit den Worten Wolfgang Pohrts: Im Bewusstsein ihrer
eigenen Überflüssigkeit, »im Bewusstsein der Tatsache
vielleicht, dass sie auf der Welt nichts mehr zu suchen hätten, sind
die Menschen weltweit mit selbstzerstörerischer Aggressivität
erfüllt«. Ebenso wie vor dem Ersten Weltkrieg, als die Menschheit
ihrem bevorstehenden Untergang mit Endzeitgedichten, Untergangsgemälden
und militärischer Körperertüchtigung entgegenfieberte,
hofft die Gattung seit dem Ende des »goldenen Zeitalters«
wieder auf die Apokalypse. Die »neuen sozialen Bewegungen«
– Frieden, Ökologie, Anti-Atom – sehnten sich nach Atomkrieg
und explodierenden Kernkraftwerken und kaschierten diese Hoffnung nur
lieblos als Angst; Putzfrauen, Tankstellenwarte und Manager bereiteten
sich in Kampfsportschulen auf das Hauen und Stechen beim Weltuntergang
vor; und die Untergangsgedichte der Jahrhundertwende fanden ihre Entsprechung
in den Katastrophenfilmen – Mad Max, The Day After, Meteor
usw. –, die den Markt seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre
überschwemmten. Zur gleichen Zeit begann der erneute Siegeszug der
Religionen. Die Beatles fuhren ganz avantgardistisch schon Ende der 1960er
Jahre zu Maharishi Mahesh Yogi nach Indien; Bhagwan konnte sich mit den
Spenden seiner Anhänger auch noch seinen siebenundneunzigsten Rolls
Royce kaufen; und der Islam wurde mit der Revolution im Iran wieder zu
einer politischen Größe. Zwischen dieser »Suche nach
Spiritualität« und der Sehnsucht nach dem Weltuntergang besteht
nicht nur ein zeitlicher Zusammenhang. So ging der Niedergang der alten
Religionen bekanntlich mit der Entstehung des Glaubens einher, dass der
Himmel auch auf Erden errichtet werden kann; Dantes noch religiös
verbrämtes Loblied auf den Menschen, der aus eigener Kraft zum »irdischen
Paradies« gelangt, war der Anfang vom vorläufigen Ende der
Religionen. Seit die Zukunft der Menschheit wieder auf einen unbestimmten
Termin vertagt wurde, wird der Glauben auf ein besseres Dasein nahezu
konsequenzlogisch wieder ins Jenseits, den Zuständigkeitsbereich
der Priester, Gurus und Scharlatane, verschoben. Doch nicht nur das: Seit
die Verhältnisse den Slogan no future wieder auf die Tagesordnung
gesetzt haben, können sich die Menschen plötzlich wieder an
das Ereignis erinnern, das den Zukunftsoptimismus der vorangegangenen
Jahre permanent in Frage gestellt hatte – und nicht zuletzt deshalb
verdrängt wurde. So ist es möglicherweise mehr als ein Zufall,
dass man sich just zu dem Zeitpunkt, als die Nachkriegsprosperität
ein Ende fand, wieder an die so lange verschwiegene Voraussetzung des
eigenen kurzzeitigen Glücks zu erinnern begann: Seit den späten
1970er Jahren schrieben Stadtteilinitiativen und Geschichtswerkstätten
»Regionalgeschichten des Holocaust«; die Menora wurde zum
festen Bestandteil der zahnärztlichen Wohnzimmereinrichtung; und
die neu aufkommende Erinnerungsarbeit bewahrte tausende Historiker, Sozialpädagogen
und Erziehungswissenschaftler vor der Arbeitslosigkeit.
VI.
Ohne die Vorstellung eines zukünftigen Himmels auf Erden, die die
bürgerliche Gesellschaft noch von sich produzierte, verschwindet
Geschichte; mit dem Verfall einer Zukunft, die mehr ist als verlängerte
Gegenwart, kommt sie – und hier hatte Fukuyama unfreiwillig Recht
– an ihr Ende. Der seit den frühen 1970er Jahren immer wieder
beklagte »Verlust von Geschichte« ist, wie Klaus Bergmann
und Hans-Jürgen Pandel 1975 richtig feststellten, »in Wahrheit
ein Verlust von Zukunft«. Wenn als Reaktion auf die Krise alle nur
den Gürtel enger schnallen wollen und selbst Liberale nicht mehr
auf die Selbstheilungskräfte des Marktes vertrauen, lässt sich
der Standpunkt der Erlösung, aus dessen vorweggenommener Retrospektive
sich der Gang der Dinge als historischer Prozess darstellt, immer schwerer
einnehmen. An die Stelle von Geschichte tritt die Wiederkehr des Immergleichen.
Ebenso wenig wie sich die Arbeit des Sisyphos in geschichtliche Kategorien
fassen lässt, lässt sich die unendliche Verlängerung der
schlechten Gegenwart als Historie begreifen. Sie ist nicht einmal mehr,
wie Adorno in Anlehnung an Marx’ Begriff der Vorgeschichte formuliert,
die Verlängerung der Vorgeschichte ins Unabsehbare. Der Gang der
Dinge scheint vielmehr die vorbürgerliche Vorstellung von Geschichte
als einem ewigen Kreislauf, wie sie noch bei Machiavelli, einem der ersten
Bürger, zu finden ist, zu bestätigen.
In dem Maß, in dem sich Geschichte in den Lauf der Zeit, und damit
in Schicksal zurückverwandelt, kollabiert notwendigerweise auch das
Geschichtsbewusstsein. Ereignisse, an die sich schon nach zwei Tagen niemand
mehr erinnern kann, werden als »historische Momente« ausgegeben;
sechs Jahre nach dem Millenniumswechsel bejubeln Reporter und kreischende
Deutschlandschalträger einen Sieg im Achtelfinale als »Jahrhundertereignis«;
und die im Zweijahrestakt wiederholten linken Diskussionen erinnern an
die Zeitschleifen, mit denen Jean-Luc Picard und seine Mannschaft in den
neuen Star-Trek-Staffeln gelegentlich zu kämpfen haben.
Angesichts dieser Wiederkehr des Immergleichen macht sich überall
Langeweile breit. Das Fernsehprogramm ermüdet nur noch, Gespräche
im Bekanntenkreis werden fade, und die Eintönigkeit der Nachrichten
wird nur von der Monotonie linker Organisationsversuche übertroffen.
Diese permanente Langeweile ist allerdings nicht nur Ausdruck der Ermüdung
beim Warten auf die Neuigkeit, die doch nicht kommt. Sie entsteht auch
dann, wenn man ahnt, dass die eigenen Handlungen folgenlos bleiben. Die
Langeweile, über die sich vom Sechstklässler über seinen
Sozialkundelehrer bis hin zum »Partygirl« Paris Hilton alle
beklagen, dürfte Ausdruck des Verdachts sein, dass es auf das Handeln
der Menschen nicht mehr ankommt. Sie dürfte Resultat der Ahnung davon
sein, dass die Menschen selbst oder gerade dort, wo sie sich für
geschichtsmächtig halten, nur das exekutieren, was ohnehin auf der
Tagesordnung steht. Die freiwilligen und unfreiwilligen Vordenker der
Neuen Linken – von den Situationisten bis hin zu den kritischen
Theoretikern – hofften einmal darauf, dass sich die Gattung nach
dem Erhalt dieser Nachricht aus Scham doch noch dazu entschließt,
den Gegenbeweis anzutreten; sie hofften darauf, dass die Menschen aus
Empörung über die eigene Statistenrolle doch noch geschichtsmächtig
werden. In ihrer programmatischen Schrift über das »Elend im
Studentenmilieu« erklärten die Situationisten in exemplarischer
Weise, »die Schmach noch schmachvoller machen« zu wollen,
»indem man sie publiziert«. Die Begeisterung, die systemtheoretischen
und poststrukturalistischen Theorieproduktionen im Soziologie- und Philosophiegrundkurs
entgegengebracht wird, weckt hinsichtlich der Erfolgsaussichten dieses
Unterfangens allerdings nicht gerade Optimismus. Anstatt sich darüber
zu entrüsten, dass es in der Gesellschaft, die von Luhmann, Butler
und Co. affirmativ beschrieben wird, auf das Handeln der Menschen nicht
mehr ankommt, reagiert der Wissenschaftsbetrieb auf solche Aussagen mit
zufriedenem Kopfnicken. Bleibt also nur zu hoffen, dass die Menschheit
schlauer ist als ihre akademische Vorhut. Zumindest darauf stehen die
Chancen nicht schlecht. Immerhin sind die Intellektuellen, vom Philosophen
im Staatsdienst bis zum ehemaligen Kommunisten im Zeitgeistmagazin, diejenigen,
die sich stets als erstes krumm machen und die jeweils neueste Agentur
der Barbarei – seien es die Nazis, sei es der Islamismus –
begeistert begrüßen.
Literatur:
Klaus Bergmann, Hans-Jürgen Pandel: Geschichte und Zukunft. Didaktische
Reflexionen über veröffentlichtes Geschichtsbewusstsein, Frankfurt
am Main 1975.
Wolfgang Pohrt: Vernunft und Geschichte bei Marx, in: ders.: Theorie des
Gebrauchswerts. Über die Vergänglichkeit der historischen Voraussetzungen,
unter denen allein das Kapital Gebrauchswert setzt, Berlin 1995.
Ders.: Abschied ohne Tränen, in: ders.: Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand,
Berlin 1993.
Moishe Postone: Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen,
Freiburg 2005.
Gerhard Stapelfeldt: Der Merkantilismus. Die Genese der Weltgesellschaft
vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, Freiburg 2001, insbesondere das Vorwort.
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