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Peter Siemionek
Phantasie und Vernichtung. »Momo« und die autoritäre
Sehnsucht des Michael Ende
In: Bahamas 55/2008
Ein Lied mehr zur Lage der Nation
Und zur Degeneration meiner Generation
Zur Unentschlossenheit der Jugend
Zur Verdrossenheit der Tugend
Zu meiner aussichtslosen Lage
Und zur Klärung der Schuldfrage
Und darum klag ich an:
Michael Ende, nur du bist schuld daran
Dass aus uns nichts werden kann
Du hast uns mit deinen Tricks
Aus der Gesellschaft ausgeXt
Mit den Eltern aller Schichten
Willst du uns vernichten
Michal Ende, du hast mein Leben zerstört
Mit diesen treffenden Worten besang die Band Tocotronic im Jahr 1995
ein Gefühl, das Leuten, die in den 80er Jahren sozialisiert wurden,
durchaus vertraut sein könnte: Abscheu vor den Gängelungen und
Zumutungen durch Erwachsene, die ihre friedensbewegte und ökologische
Weltanschauung an ihre Zöglinge weitergeben wollten. Dirk von Lowtzow,
Frontmann der Band, beklagte damals in einem Radiointerview die »ständig
aufgekocht(en)« und mit den Worten »das musst du lesen«
auf den »Präsentierteller gebracht(en)« Literaturempfehlungen
der Bücher Michael Endes als »symptomatisch für die Zeit«
der 80er Jahre. Die Aversion gegen Lehrer, die mit einem antiautoritärem
»ihr könnt mich duzen« das Klassenzimmer betreten, um
die von ihnen geschätzte »Alternativkultur von (…) freundlichem
Zusammenleben und Phantasie« mit einem autoritärem »du
musst jetzt Phantasie haben« und »Fernsehen ist eh schlecht«
an den Schüler bringen, sei Auslöser für den Text gewesen.
[1] Mittlerweile lässt sich die Schar der Ende-Verehrer nicht mehr
auf das linksalternative Milieu eingrenzen. Es sind tatsächlich die
»Eltern aller Schichten«, die ihren Kindern die Bücher
des Schriftstellers nicht nur ans Herz, sondern auch auf den weihnachtlichen
Gabentisch legen. Deren Lektüre muss Schülern dementsprechend
nicht mehr durch Empfehlungen wollpullitragender Lehrer nahe gebracht
werden. Vielmehr gehört der Autor seit etlichen Jahren zum festen
Bestandteil des Literaturkanons an deutschen Schulen, seine Bücher
sind als Schullektüre nahezu verbindlich geworden.
Endes größter Erfolg wurde der bei Deutschlehrern besonders
hoch im Kurs stehende Roman »Momo«, seit 35 Jahren eines der
beliebtesten deutschen Jugendbücher. [2] Das Buch – 1973 erstmals
und mittlerweile in der 47. Auflage erschienen und inzwischen in 39 Sprachen
übersetzt – wurde mehrfach verfilmt und bereits ein Jahr nach
seinem Erscheinen mit dem renommierten Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet.
[3] Wie kein anderes Buch wird »Momo« seit seinem Erscheinen
mit der Sehnsucht nach einem besseren Leben, der Utopie von einer freien
Welt und vor allem mit der lebensnahen Darstellung von Phantasie, Kreativität
und Sinnlichkeit in Verbindung gebracht. Endes Geschichten beflügeln
den Einfallsreichtum der keineswegs nur minderjährigen Leserschaft,
so der allgemeine Grundtenor. Dabei halten solche Qualifizierungen bezogen
auf Endes gesamte Produktion und gerade im Hinblick auf »Momo«
noch nicht einmal einer ersten, kursorischen Überprüfung, geschweige
denn gründlicher Textkritik stand. Doch die findet nicht statt. Als
ob ein ungeschriebenes Gesetz existierte, welches besagt, dass über
»Momo« nichts als nur gutes ausgesagt werden dürfe und
mögliche Einwände schon im Keim zu ersticken wären, ist
der legendäre Ruf dieses Buches seit seinem Erscheinen nahezu unantastbar.
Vielleicht wagt schon deshalb keiner, auf die Drittklassigkeit des Autors
und die Leblosigkeit seines Hauptwerks, seinen bedrückenden Mangel
an Phantasie und die fade Schablonenhaftigkeit seiner Gestalten hinzuweisen,
weil alle insgeheim wissen, dass Momo gar nicht als literarisches Kunstwerk,
sondern als hochideologisches Traktat den Deutschen generationenübergreifend
so unentbehrlich geworden ist. Es verwundert also nicht, dass das fürwitzige
Michael-Ende-Bashing von Tocotronic schon zwei Jahre später von der
Band mit Bedauern zurückgenommen und seither auch nicht mehr in die
Konzertprogramme aufgenommen wurde. [4] Wahrscheinlich findet die Momo-Kritik
aber auch deshalb nicht statt, weil Eltern und Lehrer, die es einem einst
nahegebracht haben, mit ihrer Erziehungsleistung so durchschlagenden Erfolg
hatten, dass sogar zur Kritik später Befähigte niemals vermuten
würden, dass dieser Quell reiner Lesefreude ihrer Adoleszenz Gegenstand
vernichtender Kritik zu sein hätte. Das mag seinen Grund auch darin
haben, dass vielfach noch nicht einmal die Lektüre von Adornos »Notizen
zur Literatur« die Beschäftigung mit Weltliteratur nach sich
zieht, was wiederum zu der verbreiteten Unfähigkeit führt, ein
ausgesprochen triviales Volksbuch aus jener scheinbar besseren Zeit, als
Willy Brandt Bundeskanzler war, wenigstens im Nachhinein als den gefährlichen
Schund der es ist, zu erkennen.
Mignon und Momo
Schon die Lieblosigkeit, mit der Ende seine Titelfigur gezeichnet hat,
sollte misstrauisch stimmen. Missmut aber müsste aufkommen, wenn
man zum Vergleich einen Blick auf eine Gestalt wirft, die Goethe vor über
200 Jahren mit sehr viel Genauigkeit, Liebe und Emphase kreiert hat, und
bei der Ende offensichtliche Anleihen für seine Momo genommen hat:
Michael Ende war so kühn, ausgerechnet die Mignon aus »Wilhelm
Meisters Lehrjahre« als Rohstoff für Momo zu verwenden, weil
er davon ausgehen konnte, dass niemand sein Geschöpf an einem Original
messen würde, mit dem zumeist nicht mehr als ein zu Tode gesungenes
und vielfach verballhorntes Zitronen-Lied und diffuses Herzeleid verbunden
wird. Der Vergleich zwischen den Figuren Mignon und Momo lässt einen
in einen Abgrund von schlechtem Geschmack und dichterischem Unvermögen
schauen.
Schon bei Mignons erstem Erscheinen tritt eine Figur in die Romanhandlung
ein, die mit Geheimnissen, Rätseln und einer sonderbaren, feierlichen
Fremdheit eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf den Romanhelden ausübt,
der sich ihr nicht entziehen kann. Die Kindfrau Mignon ist zwischen 12
und 13 Jahren alt, und auf den ersten Blick wird nicht ganz klar, ob sie
Knabe oder Mädchen ist. Goethe zeichnet sie als reizvolles Geschöpf,
das Sinnlichkeit, Wehmut und Trauer, Unschuld und leidenschaftliches Begehren
in sich vereint. Mignons Sehnsucht nach Italien, dem Land ihrer Herkunft,
von dem ihr seit ihrer gewaltsamen Verschleppung durch eine Gauklerbande
nur die dunkle Ahnung einer glücklichen Kindheit blieb, vermischt
sich mit ihrer ebenso unerfüllbaren, mehr ahnungsvollen als bewussten
Sehnsucht nach Wilhelm, der ihr nur väterliche Liebe zu geben bereit
ist. Von ihrer brennenden Begierde wird sie verzehrt, und sie stirbt an
gebrochenem Herzen.
Momo taucht ebenso plötzlich wie Mignon im »Wilhelm Meister«
in Michael Endes italienischer Stadt auf. Um sie ranken sich jedoch keine
Geheimnisse, denn sie hat einfach keine Geschichte. Während Mignon
über ihre Herkunft schweigt, die Neugier über ihre rätselhafte
Fremdheit vom Autor durch Andeutungen und kleine Hinweise genährt
und erst am Ende der Geschichte vollends befriedigt wird, wird das Geheimnisvolle
und Faszinierende, das Momo umgebe, lediglich behauptet, ohne dass der
Autor zur Begründung mit einem außergewöhnlichen Schicksal
aufwarten würde. Wo keine Vergangenheit ist, fehlt die Persönlichkeit
und entsprechend gelingt Ende nicht mehr als die Beschreibung eines charakterlosen,
langweiligen und kontaktgehemmten Mädchens, ohne besondere Eigenschaften,
einer Person also, von der unmöglich die unterstellte Faszination
auf ihre Umgebung ausgehen kann. Lediglich ein Merkmal zeichnet sie aus:
sie hört sich die Probleme der Leute immer geduldig an, was in Zeiten,
in denen immer mehr Leute gegenüber Wildfremden ihr Innerstes nach
außen kehren, noch nicht einmal eine Eigenschaft ist. Auch von Sinnlichkeit
und Sexualität findet sich bei Momo keine Spur. Sie ist zwar etwa
im gleichen Alter wie Mignon, wird aber völlig geschlechtsneutral
geschildert. Da ist weder Begehren noch die Fähigkeit, andere zu
bezaubern (Mignon ist dagegen zum Beispiel eine faszinierende Sängerin);
im Vergleich zu Momo verfügt selbst Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf
über mehr Koketterie, Reiz, Witz und Charme. Momo ist nicht mehr
als die Projektionsfläche für das Manifest eines anthroposophischen
Ideologen, der geahnt haben muss, dass er mit einer reinen Erbauungsschrift
nur einer jener belächelten Idealisten geworden wäre, die ihre
autoritären Sehnsüchte zur Menschheitsbeglückung im Selbstverlag
herausbringen.
If the kids are united...
Ende ist von dem Wunsch nach einer harmonischen, widerspruchslosen und
konfliktfreien Gemeinschaft umgetrieben, die den Einzelnen unter ihre
wärmenden Fittiche nimmt und ihn vor den Zumutungen der bösen
Welt zu schützen hat, und da Gemeinschaft ohne Führer nicht
zu haben ist, fällt Momo diese Aufgabe zu. Sie ist die Verkörperung
von Sinnstiftung, die Erkenntnis und Selbstreflexion von vornherein abwehrt.
Ihre Funktion besteht darin, ein sich zeitgleich mit ihrer Ankunft in
einem Wohnbezirk der Stadt wundersam konstituierendes Kollektiv zusammenzuhalten.
Das gelingt durch ihr »übernatürliches« Talent:
das Zuhören. Durch ihre bloße Anwesenheit lösen sich Streitereien
in nichts auf und der Frieden kehrt in die Gemeinschaft zurück. Droht
einer einmal an seiner eigenen Ohnmacht zu verzweifeln, sorgt Momo dafür,
dass diese schmerzhaft aufblitzende Erkenntnis sofort einer die Harmonie
wieder herstellenden Lüge weicht. Ihr gelingt es, den Abweichler
ins Kollektiv zu reintegrieren, denn sie stiftet neue Hoffnung und spendet
Kraft zum Durchhalten: »Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz
verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen,
einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell
ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und
erzählte alles der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während
er redete, auf geheimnisvolle (!) Weise klar, dass er sich gründlich
irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges
Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt
wichtig war.« (Ende 2005, S. 15)
Die Gemeinschaftsvorstellung in Michael Endes Roman steht im krassen Gegensatz
zu jenen Kinderbanden, die in der Kinder- und Jugendliteratur so häufig
anzutreffen sind. Erscheint dort die kindliche Gemeinschaft oftmals als
Notwendigkeit, sich gegen die triste und langweilige, mitunter auch bedrohliche
Welt der Erwachsenen zu behaupten, ist dieser Widerspruch bei Ende schlichtweg
nicht existent. Vielmehr zeichnet er eine kleine Welt, in der es Kinder,
die das Bedürfnis haben, sich von Erwachsenen abzugrenzen, gar nicht
erst gibt. Ein Generationskonflikt wird somit im Buch gar nicht erst möglich.
»Mit den Eltern aller Schichten/ willst du uns vernichten«,
sang Tocotronic und hat damit recht gut erkannt, dass es bei intergenerativen
Pädagogikveranstalten gleich welcher Art um die Auslöschung
von Kindheit durch die brutalst mögliche pädagogische Zurichtung
ganz kleiner Menschen zu alters- und geschichtslosen Mitgliedern einer
freudlosen Gesellschaft geht, der »Degeneration einer Generation«
und eines ganzen Lebensabschnitts eben.
Die Zementierung der schlechten Zustände
Neben der Mär von der ach so phantasievollen literarischen Welt des
Michael Ende wird eine weitere Lüge in Hinblick auf »Momo«
ständig aufs Neue kolportiert. Ende würde, so kann man von seinen
begeisterten Anhängern immer wieder hören, in »Momo«
eine Gesellschaft entwerfen, die über die jetzt bestehende hinausweise.
Im Buch hätte er die Utopie von einem besseren Leben verwirklicht,
das mit etwas Gemeinsinn im Hier und Jetzt durchaus auch realisiert werden
könne. Wie dürftig die Endesche Utopie tatsächlich ist,
offenbart sich am Schluss des Buches. Das Happy End gestaltet sich, nachdem
Momo das Böse besiegt hat, so: »Und in der großen Stadt
sah man, was man seit langem nicht mehr gesehen hatte: Kinder spielten
mitten auf der Straße und die Autofahrer, die warten mussten, guckten
lächelnd zu und manche stiegen aus und spielten einfach mit. Überall
standen Leute, plauderten freundlich miteinander und erkundigten sich
ausführlich nach dem gegenseitigen Wohlergehen. Wer zur Arbeit ging,
hatte Zeit, die Blumen in einem Fenster zu bewundern oder einen Vogel
zu füttern. (…) Die Arbeiter konnten ruhig und mit Liebe zur
Sache arbeiten, denn es kam nicht mehr darauf an, möglichst viel
in möglichst kurzer Zeit fertig zu bringen. Jeder konnte sich zu
allem so viel Zeit nehmen, wie er brauchte und haben wollte, denn von
nun an war ja wieder genug davon da.« (Ebd., S. 296) Es ist keine
Utopie, die Ende da zeichnet; es gibt kein befreiendes Moment, nichts,
was auch nur ansatzweise über die bestehende Ordnung hinausweisen
würde. Ende schreibt lediglich die bestehenden Verhältnisse
fort und gibt vor, dass dem sinnlosen Treiben und Getriebensein mit ein
wenig mehr Gemütlichkeit, Zeit und einem klein Bisschen weniger Hektik
der Sinn doch noch einzuhauchen sei. Letztlich fällt Ende noch weniger
ein, als Heinrich Böll zehn Jahre vor dem Erscheinen »Momos«
in seiner »Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral«, einer Ironisierung
der alltäglichen Jagd nach Geld und Erfolg im Wirtschaftswunder-Deutschland,
vorzubringen vermochte. Bölls Bild vom (natürlich italienischen)
Fischer, der zufrieden mit sich und der Welt dösend am Hafen liegt,
ohne den Ehrgeiz, mehr zu erwirtschaften, als er von der Hand in den Mund
braucht, ist wenigstens als Widerwort gegen einen Touristen, der ihn zu
mehr Leistung anspornen will, sympathisch. Problematisch wird die Parabel
dort, wo nicht nur entgegen der tatsächlichen Verhältnisse behauptet
wird, dass in südlicheren Gefilden wegen permanent schönen Wetters
und überquellender Fanggründe der Kampf ums physische Überleben
obsolet sei. In der Fischerfigur taucht zugleich einer auf, der mit seiner
überreichlich vorhanden freien Zeit offensichtlich nichts anzufangen
weiß, also weder sich selber noch anderen Vergnügen zu bereiten
vermag. Aber immerhin: Bölls italienischer Fischer hat nicht vor,
andere an seinem Wesen genesen zu lassen.
Ende ist viel realistischer und damit bösartiger als Böll in
seinem Gleichnis vom Fischer, den weder Ehrgeiz noch sine Fru anspornen.
In »Momo« herrscht eine zutiefst deutsche Vorstellung von
Arbeit vor, die um ihrer selbst Willen betrieben wird, was die Momo-Italiener
auf intensive Suche nach dem Sinn ihrer täglichen Plackerei gehen
lässt. Arbeit erscheint in Momos Gemeinschaft nicht als von den Verhältnissen
aufgezwungene Notwendigkeit, um die eigene körperliche Existenz zu
sichern, sondern als identitätsstiftend für die Einzelnen. Diese
haben sich nach Endes Vorstellungen ruhig und fügsam ins gesellschaftliche
Ganze einzupassen und aus ihren miesen und unterbezahlten Jobs gefälligst
Sinn und Freude zu ziehen. Sie dürfen, als Belohnung dafür,
dass sie die Verhältnisse nicht in Frage stellen, auch mal etwas
langsamer und gemächlicher vor sich hin werkeln. Sinnbild dieses
Arbeitsethos’ ist die Figur des Straßenkehrers. Beppo, der
»seine Arbeit gern und gründlich« tat und »wusste«,
dass »es (...) eine sehr notwendige Arbeit« war, bringt Endes
Vorstellungen folgendermaßen auf den Punkt: »Man darf nie
an die ganze Straße auf einmal denken (…). Man muss nur an
den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den
nächsten Besenstrich. (…) Dann macht es Freude; das ist wichtig,
dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.« (Ebd., S.
37f.). »Der Weg ist das Ziel!«, hatten italienische Faschisten
in den frühen 20er Jahren ihr futuristisches Programm vom ständig
angespannten, dynamischen Volkskörper überschrieben. Heute ist
die Beppo-Ideologie schon lange nicht mehr die von Straßenkehrern
oder Mussolinis Schlägertrupps, sondern die von anthroposophisch
geschulten deutschen Führungskadern, die beim autogenen Training
genauso wenig an »die ganze Straße« denken wie bei ihren
Leitungsaufgaben oder beim Radsport. Ruhig atmen, in kleinen Schlucken
drei Liter Wasser am Tag nieder machen und den demenzkranken Vater schrittweise
aufs Heim vorbereiten, das macht Freude, dann macht man seine Sache gut.
Es verwundert wenig, dass in Endes Buch Luxus und Wohlstand als verdammenswert
gelten. Momos Freunde sind zwar arm, aber dafür umso glücklicher.
Die Leser, die lernen sollen, wie die sprichwörtlichen Schuster bei
ihren Leisten zu bleiben, erfahren anhand verschiedener Protagonisten
des Buches, dass materieller Reichtum das »Leben immer ärmer,
immer gleichförmiger und immer kälter« (Ebd., S. 78) werden
lässt. Die Allgemeinplatz gewordene Binsenweisheit vom charakterverderbenden
Geld wird von Momos Freund Gigi formuliert, dessen Traum von Wohlstand
und Ruhm in Erfüllung ging: »Ich sage dir eines (…),
das Gefährlichste, was es im Leben gibt, sind Wunschträume,
die erfüllt werden.« (Ebd., S. 230) Denn wahres Glück
lässt sich nicht in materiellen Gütern finden, sondern nur in
der Gemeinschaft: »Es gibt Reichtümer, an denen man zugrunde
geht, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann.« (Ebd., S. 237)
Ende denunziert nicht etwa die Vorstellung, Glück ließe sich
erreichen, wenn man nur eifrig und verbissen genug an der eigenen Karriere
und dem damit verbundenen gesellschaftlichen Aufstieg bastele. Ihm geht
es vielmehr darum, dem Wunsch nach Veränderung selbst seine Berechtigung
abzusprechen, und der drückt sich zunächst in dem Ehrgeiz aus,
Armut und Elend hinter sich zu lassen. In diesem Ehrgeiz sieht Ende zu
Recht die größte Bedrohung für seine Gemeinschaftsutopie
– die man heute »gewachsene soziale Milieus« nennt und
erfolglos unter Naturschutz zu stellen versucht – begründet.
Das Netz der Blutsauger
Und so zieht Momo aus, um das zu bekämpfen, was seiner zersetzenden
Wirkung wegen als das Böse schlechthin gebrandmarkt wird. Es sind
die grauen Herren, die nicht nur als Angestellte eines Bankinstituts mit
dem Geld identifiziert werden, sondern auch mit eleganten Autos und guten
Anzügen die Moderne repräsentieren. Sie – die von außen
in die heile Welt der Endeschen Phantasie einbrechen wie »ein Schatten,
der wuchs und wuchs« (Ebd., S.43), einem Krebsgeschwür gleich
in die Gemeinschaft hineinwuchern, sich »unauffällig (...)
im Leben der großen Stadt und ihrer Bewohner festgesetzt«
(Ebd., S. 62) hatten – sind der teuflische Gegenentwurf zu Momos
Gemeinschaft. Während es vor der Ankunft der Bösewichter in
der Stadt ruhig und beschaulich zuging, verwandelt sich diese Gemütlichkeit
mit der Ankunft der grauen Herren in Hast. Sie »huschten«
(Ebd., S. 149) umher und gingen »rastloser Tätigkeit«
(Ebd., S. 87) nach, die Menschen werden unter ihrem Einfluss »nervöser
und ruheloser« (Ebd., S. 75), und eine »blinde Besessenheit«
(Ebd.) befällt sie.
Den Einfluss der grauen Herren – der die naturwüchsige Gemeinschaft
im alten, eher dörflichen Stadtviertel zerstört, ihre Mitglieder
anstiftet, ihrem Herkunftsort den Rücken zuzukehren und sie, vereinzelt
und auf sich gestellt, in die große, ständig wachsende Metropole
hinausschleudert – kann sich Ende dann auch nur als groß angelegte
Verschwörung vorstellen. Die grauen Herren verstanden es, sich »auf
unheimliche Weise (…) unauffällig zu machen«, »im
Geheimen (zu) arbeiten« (Ebd., S. 43) und so ihrem »Geschäft
nach(zu)gehen« (Ebd., S. 106), auf das sie sich so gut verstanden,
»wie Blutegel sich aufs Blut verstehen« (Ebd., S. 61). Sie
sitzen im Verborgenen und weben die Fäden, in denen die Menschen
sich wie Fliegen zappelnd verfangen: »Das Netz, das sie über
die große Stadt gewebt hatten, war (...) dicht und – wie es
schien – unzerreißbar.« (Ebd., S. 207) Ende ist zwar
einfallslos, aber in der Beschreibung und Charakterisierung des Typus
des geldgierigen Geschäftemachers äußerst beredt. Neben
der mehrfachen Verwendung des Verbs »raffen«, rundet Ende
die Beschreibung der grauen Herren mit folgender Darstellung ab: »Sie
trugen runde steife Hüte auf den Köpfen und rauchten kleine
aschenfarbene Zigarren.« (Ebd., S. 44)
Das Werkzeug der Vernichtung
Im Gegensatz zu Mignon tritt Momo nicht als handelndes, mit einem eigenen
Willen ausgestattetes Subjekt der erzählten Geschichte auf. Alles
geschieht ohne ihr nennenswertes Zutun; sie hat nahezu keine eigenen Bedürfnisse,
die sie zum Handeln im eigenen Interesse verleiten könnten. Sie ist
so identisch mit der Gemeinschaft, dass sie nur dann zufrieden und glücklich
sein kann, wenn diese reibungslos funktioniert. Momo ist nicht Individuum,
sondern willenloses Instrument des Schicksals. Der hässliche und
autoritäre Kern der Endeschen Vision tritt in der Figur von Meister
Hora zutage, dieser gottgleichen, gütigen Vaterfigur, die immer weiß,
wo’s langgeht, die alle Antworten parat hat und Momo auf ihre Mission
schickt. Hora klärt Momo über den wahren Charakter und die schändlichen
Ziele der grauen Herren auf und schärft ihr ein, dass sich »die
Menschen (...) von diesen Plagegeistern befreien« (Ebd., S. 270)
müssten.
Während in spannenden Kinderbüchern der Held durch Klugheit
und Witz, Einfallsreichtum und Raffinesse den Bösewichtern immer
fair das Handwerk legt, sie verjagt, oder sie gar durch Überzeugungskraft
von ihren finsteren Plänen abbringt und vom Bösen zum Guten
bekehrt, geht es in »Momo« um etwas ganz anderes. Zur physischen
Vernichtung des als Gemeinschaftszersetzer und -schädling stigmatisierten
Gegners gibt es keine Alternative; sie ist »die einzige und letzte
Möglichkeit«, wie Hora Momo gegenüber betont. (Ebd., S.
272) Momo ist die vom Schicksal Auserwählte, eine von kosmischen
Mächten gesandte Erlöserin, die allein in der Lage ist, »Stimmen
aus undenkbaren (!) Fernen und von unbeschreibbarer (!) Mächtigkeit«
(Ebd., S. 181f.) zu hören. Sie ist das von Ende ersehnte Werkzeug
der Vernichtung, das ohne die geringste Spur von Gnade und Erbarmen den
totalen Feind auslöscht.
Italiensehnsucht und Artenschutz
Die Frage, wen Ende vor den grauen Herren schützen möchte, lässt
sich beantworten, wenn man sich vor Augen führt, wo die Handlung
von »Momo« angesiedelt ist. Es ist Mignons Herkunftsland,
in dem er seine Figuren in Aktion bringt und in das er 1970 seinen Hauptwohnsitz
verlegte. Endes Italiensehnsucht ist eine ordinär deutsche. Er halluziniert
sich Italien als einen Hort der Ursprünglichkeit, an dem sich –
um es im Jargon seiner Fans auszudrücken – der Mensch noch
nicht von sich selbst entfremdet hat. Die Charakterisierung der Figuren
in »Momo« offenbart, wie sehr Italien als geographischer und
ideeller Ort allein der Endeschen Sehnsüchte fungiert und anders
als bei Goethe keine Entsprechung im wirklichen Italien hat. Im Momo-Italien
herrscht noch echte Gemeinschaft, Solidarität und kollektive Wärme,
hier kann sich der Einzelne noch sicher vor den Zumutungen der Individuation
und Vereinzelung wähnen. Ende schreibt den Italienern einen Nationalcharakter
zu, der sich in nichts von den platten und dümmlichen So-sind-Land-und-Leute-Beschreibungen
alternativer Italienreiseführer unterscheidet. Er zeichnet die Italiener
als lebenslustige und sonnige Gemüter, immer fröhlich, grundehrlich
und genügsam von Natur aus. Mit anderen Worten: Momos Freunde sind
im Grunde naive und unschuldige Kinder, letztlich liebenswerte Tölpel,
die, weil sie niemandem etwas Böses antun können und wollen,
Gefahr laufen, ahnungslos und blind in die durch die grauen Herren personifizierte
Gefahr zu rennen. Es sind »einfache Leute« und Träumer,
wie der Friseur Fusi, der Maurer Nico und der Restaurantbesitzer Nino,
die leicht um ihre Identität gebracht werden können und also
schutzbedürftig sind – nicht zuletzt vor falschem Begehren
in sich selbst. Momo tritt als Artenschützerin auf, die den »Italienern«
zeigen soll, wie sie ihren von Ende imaginierten »Volkscharakter«
gegen wurzellose Gesellen verteidigen können. Solch fragwürdiges
Kontrastieren von ursprünglicher, »menschlicher« Vorstadt
mit kalten Neubaukolossen ist seit den späten 50er Jahren auch in
der italienischen Literatur und mehr noch im Film anzutreffen, vermag
aber wegen der genau und häufig auch ironisch gezeichneten Charaktere
und der stringent erzählten Geschichten in der Regel als bloße
ideologische Zutat das Kunst- oder häufiger Kulturbetriebsprodukt
selber nicht nachhaltig zu beschädigen. Italiener mögen von
deutscher Ideologie überreichlich gekostet haben, eine so hanebüchene
Selbstcharakterisierung wie Ende sie vorgenommen hat, verböte ihnen
schon die bloße die Selbstachtung.
Was Mignon von Momo unterscheidet – und damit Goethes Italien von
dem Michael Endes –, ist der Gegensatz von regressiver Sehnsucht,
die doch nichts weiter will, als an einen niemals existenten Ort verklärter
Kindheit zurückzukehren, und einer Sehnsucht, die sich eine Ahnung
von der Möglichkeit der Versöhnung von Sinnlichkeit und Zivilisation
bewahrt hat. Endes Italienbild hat nichts mit der Sehnsucht Goethes nach
dem »Land, wo die Zitronen blühn«, gemein, dem es eben
nicht um rohe Natur, Ursprünglichkeit und traditionelle Bindungen
an Sippschaft und Boden zu tun war. Schon allein der Verweis auf die Zitronenbäume
deutet auf eine Vorliebe für Kulturlandschaften statt für deutschen
Wald. Die Sehnsucht erscheint bei Goethe als etwas Unauflösbares,
das auf keinen Fall preiszugeben ist. Mignons Sehnsucht bleibt unerfüllt
und unerfüllbar, würde sie eingelöst werden, wäre
es endgültig vorbei mit dem Zauber, der von ihr ausgeht. Mignon stirbt
und mit ihrem Tod bleibt ihre Sehnsucht als eben auch bittere Erinnerung
an das erst noch einzulösende Glücksversprechen schmerzlich
bestehen. Von Momo hingegen bleibt am Ende nichts übrig. Da sie ihre
Mission erfüllt und mit der Ausrottung der grauen Herren zugleich
die Aussicht auf einen Zustand jenseits der schlechten Verhältnisse
vernichtet hat, verliert sie ihre Funktion und könnte sich ebenso
wie ihre Feinde ins Nichts auflösen.
Pädagogik des Wahns
»Was will uns der Dichter damit sagen?« Diese Frage beschäftigt
heute noch wie seit Generationen deutsche Pädagogen, gleich ob sie
den Schülern ein Meisterwerk wie »Wilhelm Meisters Lehrjahre«
oder ein Machwerk wie »Momo« andienen. Hat man bei Goethe
immerhin noch einige lästige Fragen ästhetischer Natur abzuarbeiten,
darf man sich also auf Handlung und Botschaft allein nicht beschränken,
zumal die Botschaft des Wilhelm Meister irgendwie vertrackt, ja eigenartig
vage und doppeldeutig ausfällt, so bietet sich die Ausdeutung Momos
wie ein Befreiungsschlag an: Mit Momo sagen, was man sich über Dichtung
und Wahrheit immer schon so gedacht hat. Wirft man einen Blick in das
wohl wichtigste Handwerkszeug von Deutschlehrern, mit dessen Hilfe sie
den von den Kultusministerien empfohlenen Literaturkanon pädagogisch
aufbereitet an die Schüler bringen – in diesem Fall also in
die Lehrerbegleitliteratur zu Endes »Momo« –, wird man
feststellen, dass der regressive Wahn des Kinderbuchautors zwar höchst
differenziert gedeutet, jedoch zutiefst affirmativ geteilt wird. Dietrich
Steinbach, Autor zahlreicher literaturdidaktischer Schriften, spricht
in einem Lehrerbegleitheft [5] mutig aus, was er immer schon gegen Goethe
und Konsorten vortragen wollte, aber nicht darf, und bringt im uneingeschränkten
Lob Michael Endes »positiv« zum Ausdruck, dass er das autonome
Kunstwerk und seine Aura nie verstanden, aber immer schon verachtet hat:
Endes Bücher würden »keineswegs allein in der frei stehenden
Schönheit ihrer ästhetischen Existenz ruhen«, sondern
sie »verkünden Lehren«. (Ebd., S. 9) Die Lehre, die aus
»Momo« zu ziehen sei, ist die der »Heilung des Menschen
durch die Rettung der ihm zugemessenen individuellen Zeit«. (Ebd.)
In diesem Sinne sei »Momo« ein »Buch des Widerstandes
gegen die Vernichtung der individuellen und subjektiven Zeit (…)
durch die vermeintlich objektive ökonomische und zweckrationale Zeit,
die allein der Beschleunigung und dem Mehrwert des Produktionsprozesses
gehorcht.« (Ebd., S. 19) Seine Kollegin Astrid Gathmann wird im
gleichen Heft noch drastischer. [6] Momo kämpfe »gegen die
lebensvernichtenden Kräfte der Gleichgültigkeit, Passivität,
Dummheit, Leere, die dem Menschen auflauern wie Räuber in der Nacht«.
(Gathmann, S. 25) Auch sie warnt vor tödlichen Anschlägen auf
die Zufriedenheit: »Die Flucht in die Zukunft und die vorauseilende
Begierde, immer mehr haben oder sein zu wollen, töten das Bewusstsein
für das Hier und Jetzt.« (Ebd., S. 23) Doch es gibt ja Momo,
die stellvertretend für uns alle »gesellschaftliche Zwänge
(…) mutig bekämpft« (Ebd., S. 22), indem sie ausgerechnet
das »Hier und Jetzt« affirmiert und es sich und ihren Freunden
verbietet, von einer Flucht in ein »Draußen, irgendwann später«
wenigstens zu träumen. »Ihren Traum vom Leben« sieht
Astrid Gathmann zusammen mit Momo in einer bescheidenen Existenz verwirklicht,
in der nicht »äußerer Glanz oder äußerer Schein,
sondern Wahrhaftigkeit und Intensität (…) wichtig sind«.
(Ebd.) Wo allein könnte der Quell solcher in sich ruhenden Innerlichkeit
liegen? Es kann nur der Deutschen mythische Urheimat sein, wo stille Veilchen
über stolze Rosen den Sieg davon tragen und nur die ganz stillen
Wasser als tief gelten. In jener Welt also, wo angeblich weder Ehrgeiz
noch falsches Begehren den Menschen zum Opfer künstlicher Paradiese,
mithin ihm wesensfremder Verhältnisse machen: »Momo verkörpert
die Sehnsucht nach etwas Vergangenem, nach authentischem, einfachem, ehrlichem
Leben, dessen Gesetze von der Freiheit und den vielfältigen Möglichkeiten
eines menschlichen Daseins Kunde geben.« (Ebd., S. 23) Im Roman
ließe sich »ein utopischer Entwurf einer Gesellschaft«
(Ebd., S. 24) finden, in der nicht »Angst und Hetze und Perfektion
(…) die herrschenden Maßstäbe (sind), sondern Gefühle
wie Freude, Brüderlichkeit, Geborgenheit in einer Gemeinschaft freier
Menschen«. (Ebd., S. 25) Vor der Gefährdung solcher Geborgenheit
kann nicht schrill genug gewarnt werden. »Die Bedrohung der Freiheit
ist vielfältig. In welchen Erscheinungsformen sie uns begegnen kann,
verdeutlicht Ende in den grauen Herren. Sie sind unsichtbar und doch Wirklichkeit.
Sie sind die Allegorie des Bösen, das die Freiheit und das Leben
der Menschen vernichtende Potenzial, das im Menschen selber steckt. Es
ist konkret, es kann tödlich sein.« (Ebd., S. 24) Gegen diese
imaginierte tödliche Bedrohung hilft nach Ansicht Gathmanns nur eines:
selbst ein wenig wie die Romanfigur zu werden, und wie diese »nach
innen, in den Herz-Innenraum« zu hören. (Ebd., S. 22) Man kann
nur hoffen, dass die Kinder von Frau Gathmann für sich rechtzeitig
Tocotronic entdeckt haben und gegen das regressives Bedürfnis ihrer
Mutter nach ewig währender Infantilität, die sie ihnen aufherrschen
wollte, erfolgreich polemisiert haben. Denn gegen Leute, die die »Wahrheit
und (…) Wahrhaftigkeit des Kindseins« in einer »Stärke«
erkennen, »die aus dem Mut zur Phantasie erwächst« (Ebd.,
S. 24), bestehen Kinder nur unter Aufbietung eines Höchstmaßes
von Selbstverteidigung. Alle Mittel der Subversion, von der Playstation
bis hin zur exzessiven Nutzung der Kinder-Chatrooms im Netz sind Ausdruck
legitimer Notwehr gegen die Zumutungen, die Christiane Michaelis [7],
Autorin eines anderen Lehrerbegleitheftes zu »Momo«, den Kindern
andient. Sie agitiert gegen die verdorbene Phantasie des »Lügner(s)
Girolamo, der seine Geschichten kommerziell ausschlachtet, um sich seinen
Traum von Ruhm und Reichtum zu erfüllen. Doch diese Geschichten haben
mit kreativ-originärer Fantasie nichts mehr zu tun.« (Michaelis,
S. 13) Gegen diese von Ruhmsucht und Profitgier verdorbene Phantasie breitet
sie schon einmal jene Folterwerkzeuge sprachlicher Verderbtheit und rigorosen
Verbots aus, mit denen versucht wird, die Kindheit »auszuixen«:
»Positiv-produktive Fantasie ist unabhängig von materiellen
Gütern und frei von zweckorientiertem Handeln. Dies verkörpert
Momo insbesondere durch ihr unkonventionelles Aussehen und ihren inspirativen
Einfluss auf die Kreativität ihrer Freunde (…). Moderne Spielsachen
(…) oder die kommerzielle Vermarktung von Geschichten wirken dagegen
kontraproduktiv, denn sie beschränken die Freiräume der Fantasie
und verursachen durch mechanisch-künstliche Stereotypie eher Langeweile.«
(Ebd., S. 13f.)
Erziehung und Barbarei
In seinen pädagogischen Reflexionen aus den 60er Jahren, knüpfte
Adorno die Hoffnung, dass die Einrichtung zivilisierter Verhältnisse
in der postnazistischen Bundesrepublik möglich sei, an die schulische
Erziehung, wenngleich er sich durchaus bewusst war, dass sich diese Hoffnung
an etwas zutiefst Prekäres heftete. [8] »Sicherlich ist, solange
die Gesellschaft die Barbarei aus sich heraus erzeugt, zum Widerstand
dagegen die Schule nur minimal fähig.« (Ebd.) Jedoch unter
der Voraussetzung einer geübten »Kritik am Erziehungsprozeß
selbst, der (…) bis heute im allgemeinen misslingt« (Ebd.,
S. 81), also unter der Voraussetzung, dass auf die barbarischen Momente,
die in der Erziehung angelegt sind, reflektiert würde, könnte
Schule »unmittelbar auf die Entbarbarisierung der Menschen hinzuarbeiten«.
(Ebd., S. 86) Die Begeisterung für Endes »Momo« von Lehrern,
die im Literaturunterricht in miserablem Deutsch gegen die autonome Kunst
wettern, die ihnen in der »frei stehenden Schönheit ihrer ästhetischen
Existenz« als mindestens so artfremd erscheint, wie Girolamos »Lügengeschichten«,
bekräftigen die Zweifel Adornos daran, dass seine Kritik bei ihren
Adressaten etwas bewirken könnte. Die in der Lehrerbegleitliteratur
zu »Momo« herauspräparierten Unterrichtsentwürfe
und -ziele laufen auf die unhinterfragbare Identifizierung der Schüler
mit dem »Hier und Jetzt« in seiner missvergnügten, ideologischen
Variante hinaus, dem Appell an die Einrichtung einer widerspruchsfreien
und damit vollends autoritären Gemeinschaft. So sollen schon die
Grundschüler bei der gemeinschaftlichen Lektüre des Romans »Momo«
lernen, dass »gemeinsames Lesen (…) Spaß« mache,
um »über das Lesevergnügen (…) den Zauber gemeinsamen
Zuhörens und Erlebens« zu »erfahren«. (Gathmann,
S. 26) Diese »Erfahrungen« sollen ihnen vermitteln, wie »wichtig«
für den Einzelnen der »Zusammenhalt in der Gruppe«, also
einer »Gemeinschaft, in der einer dem anderen am Herzen liegt«,
zu sein hat. (Ebd., S. 29) Sekundarschülern wird nahegelegt, dass
egoistisches Verhalten und das Streben nach »Reichtum und Erfolg«
(Michaelis, S. 11) schlimme »Konsequenzen (…) sowohl für
den Einzelnen (Verlust der Identität) als auch für die Gemeinschaft
(Momo verliert einen Freund)« hat. (Ebd., S. 52) Angesichts einer
praktizierten Gemeinschaftserziehung, die ihre wesentlichen Motive aus
einem antisemitischen Kinderbuch zieht, wirken Adornos Forderungen nach
einer »Erziehung zur Entbarbarisierung«, die in erster Linie
Aufgabe von Schule sein sollte, scheinbar naiv. Und doch sind sie gegen
Lehrer, die mit »Momo« in der Hand die gesamtgesellschaftliche
Regression beschleunigen, aktueller denn je. Die professionellen Lehrer
in ihrer Mehrheit kommen als Adressaten dieser Kritik, gar als Akteure,
die in ihrem Bereich aktiv gegen den Rückfall in die Barbarei kämpfen
würden, allerdings nicht in Betracht. Eine Erziehung gegen »Momo«
wird sich notwendig gegen die Schule zu richten haben.
C. und A. gewidmet, die Michael Ende totgesungen haben. Für
wertvolle Hinweise danke ich Justus Wertmüller.
Anmerkungen
1 Nachzulesen unter: http://www.tocotronix.de/lesezeichen/aufsatz_dirkvspostoptimisten.php.
2 Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben
und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte.
Ein Märchen-Roman. Schulausgabe mit Materialien. 47. Aufl., Stuttgart
2005.
3 Der Preis wurde 1981 in Deutscher Jugendliteraturpreis umbenannt, dessen
Sieger, nur soviel am Rande, neben dem Preisgeld eine Bronzeplastik erhalten,
die Endes Romanfigur Momo nachgebildet ist.
4 Nachdem die ansonsten völlig humorresistente taz im August 1995
den Tod Michael Endes mit einem Abdruck des Tocotronic-Textes angemessen
gewürdigt hatte, bewies die Band, dass es mit ihrer Kritik nie wirklich
ernst war. Auf einmal wollte man alles gar nicht mehr so gemeint haben
und selbstverständlich sei man völlig missverstanden worden.
Die Aktion der taz sei »total drastisch« und »blöd«
gewesen, so Lowtzow in einem Interview aus dem Jahr 1997. »Das ist
genau so ein Beispiel dafür, daß was man ganz ernst und ganz
traurig meint dann so als Schenkelklopfer mißverstanden wird. (…)
Da stirbt der Mann, und dann hat so eine Zeitung nichts Besseres zu tun
als zu denken: Höhö, das paßt ja jetzt super. Also den
Tod von dem Mann haben wir nun wirklich nie gewünscht.« Er
und die anderen Bandmitglieder hätten die Bücher Endes damals
genossen und es »ging in diesem Stück eben auch nicht darum,
ein Haßpamphlet zu verfassen, sondern sich zu erinnern, was einen
in der Kindheit eigentlich geprägt hat.« Bezeichnenderweise
ist besagter Song seit Endes Tod auf keinem Konzert der Band mehr zu hören:
»Wir spielen das überhaupt nicht mehr – aus Pietätsgründen!«,
so die Aussage des Sängers auf einem Konzert in Bremen am 25.10.1997.
Dass die Band von Michael Endes Werken nicht nur geprägt wurde, sondern
mittlerweile in seine Fußstapfen getreten ist, wird deutlich, wenn
man sich ihre Aussagen zum neuen Album betrachtet. Gelang es ihr in der
Vergangenheit hin und wieder auf durchaus gelungene Weise, in einigen
Songs eine Ahnung von der Langeweile in der spätkapitalistischen
Gesellschaft auszudrücken (man denke an »Samstag ist Selbstmord«
oder »Let there be rock«), befindet sie sich mittlerweile
auf dem Weg zu einer romantischen Innerlichkeit Endescher Prägung.
Und so möchte Lowtzow den Titel »Kapitulation« des aktuellen
Albums dann auch verstanden wissen: »Aber das Wort ‚Kapitulation’
ist für uns ein durchaus positiv besetzter Begriff. Wir haben ihn
thematisiert, weil das Aufgeben eine sehr interessante Wirkung entfalten
kann. Es ist immer ein Kampf, auch als Strategie des Sich-Entziehens aus
dieser Leistungsgesellschaft, in der wir leben.« (Nachzulesen unter:
http://www.intro.de/magazin/musik/23011215., unter: http://www.intro.de/platten/kritiken/23022641.
und unter: http://www.ard.de/kultur/musik/pop/tocotronic/-/id=454310/nid=454310/did=626792/1x5x5zk/index.html.)
5 Dietrich Steinbach: Michael Ende. Momo oder Die seltsame Geschichte
von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene
Zeit zurückbrachte. Ein Märchen-Roman. Lehrerbegleitheft. 5.
Aufl., Stuttgart 2005.
6 Astrid Gathmann: Momo. Eine Unterrichtseinheit im Deutschunterricht
der Unterstufe., in: Steinbach 2005.
7 Christiane Michaelis: Michael Ende. Momo. München 2001.
8 Theodor W. Adorno: Tabus über den Lehrerberuf, in: Ders.: Erziehung
zur Mündigkeit. 21. Aufl., Frankfurt a. M. 2004.
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