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Peter Siemionek
Mahatmas Moral und Gandhis Masochismus. Der indische Weg und sein
Beitrag zur Globalisierung der Fortschrittsfeindlichkeit
In: Bahamas 53/2007
Bei genauerer Betrachtung von Publikationen fundamentalistischer deutscher
Friedensfreunde fällt eines auf: In Texten und Aktionen bezieht sich
dieser harte Kern pazifistischer Ideologen in tantrischer Regelmäßigkeit
auf Mohandas Karamchand Gandhi (1869–1948), der außerhalb
Indiens als Kopf der indischen Unabhängigkeitsbewegung angesehen
wird. Von seinen Anhängern als Mahatma (dt.: »große
Seele«) verehrt, ist er den hiesigen Friedensbewegten gottgleicher
Übervater, dem es nachzueifern gilt. Eine dieser Friedenssekten,
die seit den 80er Jahren besonders gern an den Ostertagen für den
Weltfrieden Fahrrad fahren, das Lebenshaus Schwäbische Alb –
Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie
e.V., hat es sich zum Ziel gesetzt, Gandhis Erbe anzutreten und »Gewaltfreiheit
in Theorie und Praxis zu entfalten.« [1] Ihre Mitglieder feiern
Gandhi als »Visionär des Konkreten«, der der Welt »den
allgemeinen Schlüssel zur Erklärung und Bewältigung von
Konflikten in die Hand« gegeben habe. Es sei höchste Zeit,
dies zu begreifen, da »die Menschheit möglicherweise sonst
überhaupt keine Zukunft haben wird.« Es gelte, sich noch mehr
anzustrengen, denn die »Bürgerinitiativen-, Alternativ-, Ökologie-,
Friedens- und Dritte-Welt-Bewegung der Bundesrepublik« habe »den
kleinen und doch so großen Inder (...) noch längst nicht eingeholt.«
Was hier als Relikt einer längst vergangenen Zeit erscheint –
wo gibt es noch »Bewegungen«, wo Bedarf nach dem »allgemeinen
Schlüssel«? –, erlebt in jüngster Zeit unter dem
Label der No-globals eine bemerkenswerte Renaissance. Ausgerechnet Gandhi,
möchte man ausrufen, dessen Pazifismus sich angesichts des Nazi-Faschismus
so restlos erledigt hat! Aber es bleibt einem im Leben nichts erspart,
auch nicht die Wiederkehr tot geglaubter Ideologien.
Ausgerechnet Gandhi!
Schon Gandhis Ideen waren keineswegs neu und noch zu seinen Lebzeiten
erledigt, d.h. von der Wirklichkeit dementiert worden. Wie er in seiner
Autobiographie betonte, gehörte das 1860 erstveröffentlichte
Unto This Last. Four Essays On The First Principles Of Political Economy
des Engländers John Ruskin zu den ihn am meisten beeinflussenden
Werken. Verzückt schwärmt Gandhi vom »magischen Zauber
eines Buches«, in dem er seine »tiefsten Überzeugungen
(...) ausgedrückt fand« und welches in seinem Leben »eine
sofortige und praktische Umwandlung (...) herbeiführte.« [2]
Kurze Zeit nach der Lektüre Ruskins gründete Gandhi 1904 nahe
der südafrikanischen Stadt Durban mit seinen Mitstreitern eine Landkommune,
in der er sich mit seiner Gefolgschaft dem Ideal des »einfachen
Lebens« hingab. Später übertrug er Unto This Last
in eine der indischen Sprachen und veröffentlichte es unter dem Titel
Sarvodaya (dt.: »Wohlfahrt für alle«).
Der aus evangelisch-puritanischem Elternhaus stammende Schriftsteller,
Landschaftsmaler und Sozialreformer Ruskin (1819–1900) gelangte
bereits in der ersten Hälfte seines Lebens als Kunsthistoriker und
-kritiker zu Berühmtheit. Seine von religiösem Eifer und Pathos
triefenden Abhandlungen über Architektur und Malerei, denen es an
Forderungen nach Ganzheitlichkeit, Echtheit, wahrem Glauben, Rückbesinnung
auf das Mittelalter und ähnlichem nicht mangelt, waren für ihn
jedoch nur die Vorstufe zu jenen ökonomischen Abhandlungen, die er
selbst als »die wahrsten, zutreffendsten und zweckdienlichsten aller
meiner bisherigen Schriften« [3] bezeichnete. Aus Unfähigkeit
zur Kunst wird Wahn: Ruskin prangert »die Liebe zum Mammon als die
Wurzel alles Übels« [4] an und ereifert sich über den
Abfall vom Glauben und den angeblichen Verrat seiner Landsleute an den
Grundsätzen der christlichen Religion. Sein Ziel ist eine »echte
Wissenschaft der Nationalökonomie«, welche die bisherige »Bastardwissenschaft«
ablöst. [5] Diese echte Wissenschaft fußt auf der Annahme einer
Verschwörung der Kapitalisten und der modernen Nationalökonomen,
»welche Habsucht statt Wahrheit predigen.« [6] In Ruskins
moralischem Antikapitalismus tragen der Zins – für ihn das
»moderne (…) System (…) des Schutz- und Lösegelds
an die Raubritter« [7] – und die geldgierigen Kapitalisten
die Hauptschuld am Elend der Welt. Ruskins Sehnsucht nach einem harmonischen
Verhältnis von Kapital und Arbeit gipfelt im Traum von einem autoritären
Volks- und Wohlfahrtsstaat auf agrarischer Grundlage, in dem mittels »Verteilungs-
und Einschränkungsgesetzen« [8] der Reichtum auf die Massen
verteilt werden soll. Wenn nötig, sollen den Massen in staatlichen
Erziehungsanstalten bzw. Arbeitslagern die »Gesetze der Arbeit«
[9] eingebläut werden. Der Einzelne soll seinen Körper einer
rigiden Dressur unterziehen, denn »richtig in Zucht gehalten, wird
er dem Staate sowohl im Kriege als bei friedlicher Arbeit, Dienste leisten.«
[10] Verweigert sich der Einzelne dieser Zurichtung, wird sein Körper
und mit ihm sein Besitzer »für den Staat wertlos.« Mit
logischer Konsequenz läuft Ruskins »echte Nationalökonomie«
auf die »Selbstaufopferung« [11] des Einzelnen hinaus, wie
er es offenherzig selbst bezeichnet.
Eben diese »Selbstaufopferung« des Einzelnen war das, was
Gandhi an Ruskins Theorie am meisten faszinierte; was Gandhi Svaraj
nannte, stand für den Lebensweg der Selbstzüchtigung, die Verinnerlichung
der Opferbereitschaft des Einzelnen für die Gemeinschaft. Diese wiederum
wird entweder mit Natur unmittelbar identifiziert oder es wird ein historisch
Gewordenes als vorgeblich »organisch Gewachsenes« zur unantastbaren
Quasi-Natur verklärt: Vergleicht Ruskin den »Kreislauf des
Reichtums in einem Lande« mit »dem des Blutes im menschlichen
Körper« [12], so unternimmt es Gandhi, die britische Kolonialmacht
mit einem Gleichnis aus der Tierwelt zu denunzieren: »Wie der Elefant
außerstande ist, in den Vorstellungen der Ameise zu denken (...),
so ist der Engländer außerstande, in den Vorstellungen des
Inders zu denken oder ihm Gesetze zu geben.« [13]
Mit der Durchsetzung wesentlicher Grundsätze des angelsächsischen
Rechtssystems, des Common Law, hatte die britische Kolonialmacht in Indien
den Einfluss feudaler Fürsten und anderer Clanchefs bereits geschwächt.
Schon unter britischer Kolonialverwaltung wurden die heute viel seltener
vorkommenden Witwenverbrennungen drakonisch bestraft, die Wiederverheiratung
von Witwen legalisiert, die Polygamie untersagt und die damals übliche
Verheiratung von Kindern verboten. Am angelsächsischen Recht orientierte
sich auch die Elite des neu gegründeten Staates nach Abzug der britischen
Verwaltung: Britische Gesetze flossen nach Erlangung der Unabhängigkeit
nicht nur in das indische Familienrecht ein – es wurden zahlreiche
Gesetze erlassen, die gerade für die indischen Frauen ein deutliches
Mehr an Freiheit bedeuteten. Interkonfessionelle Eheschließungen
wurden ermöglicht, die Heirat zwischen Mitgliedern unterschiedlicher
Kasten wurde legalisiert, Diskriminierungen aufgrund von Kastenzugehörigkeit
untersagt, Frauen wurde das Recht auf Ehescheidung zugesprochen, das Zahlen
von Mitgift wurde verboten und im Erbschaftsrecht wurden Frauen den Männern
gleichgestellt.
Den Fortschritt verlernen
Den Fortschritt, wie er vom Kapital und der von ihm konstituierten Verkehrsform
des Rechts als einem kolonialistisch-expansiven gesellschaftlichen Verhältnis
ausgeht, hatte Karl Marx 1853 mit dankenswerter Deutlichkeit benannt:
Der Auflösung des »so genannten Dorfsystems”, diesem
»kleinen, halb barbarischen, halb zivilisierten Gemeinwesen«,
weinte er keine Träne nach: »Diese kleinen stereotypen Formen
des gesellschaftlichen Organismus haben sich zum größten Teil
aufgelöst und stehen im Begriff zu verschwinden, nicht so sehr infolge
des brutalen Eingreifens des britischen Steuereintreibers und des britischen
Soldaten als vermöge der Wirkung des englischen Dampfes und des englischen
Freihandels.« [14] Vor allem der zivilisierende Einfluss des Schienenverkehrs
hatte es Marx angetan: »Man kann nicht in einem riesigen Lande ein
Eisenbahnnetz unterhalten, ohne alle die industriellen Verfahren einzuführen,
die nötig sind, um die augenblicklichen wie die laufenden Bedürfnisse
des Eisenbahnverkehrs zu befriedigen, woraus sich notwendig die Anwendung
von Maschinerie auch in solchen Industriezweigen ergibt, die nicht unmittelbar
mit der Eisenbahn zusammenhängen. Daher wird das Eisenbahnwesen in
Indien ganz naturgemäß zum Vorläufer einer modernen Industrie
werden. Dies kann um so weniger bezweifelt werden, als die britischen
Behörden selbst den Hindus die besondre Fähigkeit zusprechen,
sich völlig neuen Arbeitsmethoden anzupassen und die erforderliche
Kenntnis der Maschinerie zu erwerben.« [15]
Gandhis Werdegang bestätigt Marxens Analyse: Er, der nach jahrhundertealten
Kastengesetzen mit 13 Jahren die gleichaltrige Kasturba Makharji zwangsweise
heiraten musste, konnte nicht nur in London Jura studieren, sondern wurde
auch als Barrister (Rechtsanwalt) an englischen Obergerichten zugelassen
und konnte in Bombay wie in Südafrika als Anwalt tätig sein.
Zugleich dementiert Gandhi Marxens implizite Hoffnung auf eine mit dem
Siegeszug des Kapitals einhergehende Zivilisierung, wenn er 1909 den von
den Briten eingeführten rechtsstaatlichen Verkehrsformen den Krieg
erklärt: »Indiens Rettung liegt im Verlernen all dessen, was
es in den letzten fünfzig Jahren gelernt hat. Eisenbahn, Telegraph,
Krankenhäuser, Advokaten, Doktoren, all dies muss verschwinden; und
die so genannt besseren Kreise müssen bewusst, gläubig und gezielt
das einfache Bauernleben lernen, im Wissen, dass dieses Leben das wahre
Glück bringt.« [16] Gandhi erscheint hier als Vollstrecker
einer dem aufklärerischen Denken und der von ihm ausgedrückten
Gesellschaft inhärenten Tendenz zur Selbstdestruktion: Wie zur Produktion
des allgemeinen Reichtums die fortwährende Versagung und dessen periodische
Vernichtung in Krise und/oder Krieg, so gehört zum Bürger seit
jeher der Selbsthass, der ihn vom »einfachen und gerechten Leben«
träumen lässt, mit dem er vermeintlich alle gesellschaftlichen
Vermittlungen und Zwänge zerschlagen wähnt und die er mit solchem
Eskapismus erst recht in Reinform zur Geltung bringt.
Die diesem antibürgerlichen Affekt des Bürgers zugrunde liegende
Psychopathologie hat Gandhis Zeitgenosse Sigmund Freud als »moralischen
Masochismus« bezeichnet: »Das Leiden selbst ist das, worauf
es ankommt; ob es von einer geliebten oder gleichgültigen Person
verhängt wird, spielt keine Rolle; es mag auch von unpersönlichen
Mächten oder Verhältnissen verursacht sein, der richtige Masochist
hält immer seine Wange hin, wo er Aussicht hat, einen Schlag zu bekommen.«
[17] Diese Beschreibung klingt, als wäre sie auf Gandhi gemünzt,
auf den Kolonialisierungsgewinnler, der nicht etwa seinen persönlichen
Gewinn auch für alle anderen einforderte und zum Maßstab seines
gesellschaftlichen Engagements erhob, sondern den Verzicht auf diesen
Gewinn zur Grundlage eines kompletten Gesellschaftsentwurfes und für
alle anderen zur persönlichen Verpflichtung machen wollte. Nicht
nur denunzierte er zivilisatorische Errungenschaften wie das öffentliche
Verkehrs-, Bildungs- und Gesundheitswesen als unstatthaften »Versuch,
die Welt mit Hilfe der völlig unnatürlichen und rasenden Maschinenkraft
zu verbessern« [18] – »Einklang mit der Natur«
[19] hieß für ihn, schon der täglichen Nahrungsaufnahme
jegliche Lust auszutreiben, indem er die Nahrung so einfach und roh wie
möglich und frei von jeglichen Gewürzen zu sich nahm.
Gandhis Kampf gegen Sinnlichkeit und Freude, sein Eifer, mit dem er Sexualität
nur zur Fortpflanzung zulassen wollte, seine Verteufelung des Sexualtriebes
als etwas Unmenschliches, dem Tierreich Zugehöriges – der darin
gipfelte, dass er im Alter von 37 Jahren gegenüber seiner Ehefrau
ein Keuschheitsgelübde ablegte – verkörpert geradezu,
was Freud als Besonderheit des »moralischen Masochismus« hervorhob.
Zeitlebens übte sich Gandhi nicht nur durch Fasten und vegane Ernährung
in Selbstzucht und Keuschheit. Sein zwanghafter Wunsch, »unreine
Gedanken« abzutöten, die ihn »heimtückisch überfallen«
[20], trieb ihn in den Versuch der Selbstzerstörung, der zum Kern
des Masochismus gehört. In den Worten Freuds: »Um die Bestrafung
(...) zu provozieren, muss der Masochist das Unzweckmäßige
tun, gegen seinen eigenen Vorteil arbeiten, die Aussichten zerstören,
die sich ihm in der realen Welt eröffnen, und eventuell seine eigene
reale Existenz vernichten.« [21]
No sex, no violence
Sexuelle Enthaltsamkeit bildete folglich zusammen mit Besitz- und Gewaltlosigkeit
eine Trias, die Gandhi als Satyagraha [22] bezeichnete –
eine radikale Verzichtsideologie. Gandhis Anhänger nannten sich Satyagrahi
(gewaltfreie Krieger). Von den Dörfern ausgehend, sollte Satyagraha
die ganze »Nation mit Leben erfüllen.« Doch »die
Nation« ist nicht genug: Gandhi propagierte darüber hinaus
die »universale Gültigkeit von Satyagraha« als einzigen
Weg zur Erlösung der Menschheit: »In Indien besitzen wir dieses
Wissen seit langem, und so wurde uns gelehrt, dass das ganze Universum
eine Familie ist. (...) Ich werde nie den Glauben aufgeben, dass Indien
fähig ist, diese Wahrheit der ganzen Welt aufzuzeigen.« [23]
Nach Erlangung der vollen Souveränität sollte Indien nach der
Vorstellung Gandhis und seiner Anhänger in einen vorindustriellen
Zustand zurückversetzt werden. Grundlage der Nation sollten jene
autark funktionierenden Dorfgemeinschaften werden, deren vollständige
Auflösung durch die britische Kolonialmacht Marx gerade herbeisehnte.
Die damit einhergehende stumpfsinnige Existenz in asketisch lebenden Bauernkommunen
bezeichnete Gandhi »als ein Leben in der wahren Religion«,
in dem »die Prinzipien des häuslichen Zusammenlebens auf die
Beziehungen zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen den Menschen
überhaupt übertragen werden« sollten. [24] Die Hoffnung,
der geistigen Enge dieser Familienbande mit all ihrer Willkür, Gewalt
und erzwungener Harmonie entfliehen zu können, stellt in dieser Vorstellung
die größte Sünde dar. So verwundert es kaum, dass Gandhi
allen, »die die familiären Bindungen missachten« das
Menschsein schlichtweg absprach und sie als »wilde Tiere und Rohlinge«
denunzierte. [25]
Gandhis Zivilisationsfeindschaft hat ihre Ursprünge in der Religion,
die alles Weltliche als Schein und Illusion verdammt und deren Anhänger
sich dem Fatalismus verschreiben. Ständig darauf bedacht, ein Leben
nach den religiösen Vorschriften zu führen, um irgendwann den
Kreislauf der Wiedergeburten zu durchbrechen und damit erlöst zu
werden, steht der Einzelne teilnahmslos dem Leid seiner Mitmenschen gegenüber.
Doch ist er nicht nur teilnahmslos. Hat er etwas mehr Glück als sein
Gegenüber, kann er – selbstgefällig und sich hämisch
auf der Seite der Rechtschaffenen wähnend – aus dessen Elend
noch Lustgewinn ziehen, ist dieses doch selbstverschuldet, stammt es doch
aus den Sünden eines früheren Lebens. Derselben inneren Logik
folgt auch der Antisemitismus hinduistischer Prägung. So schreibt
Gandhi über die mittelalterliche Judenverfolgung: »Die alten
Juden betrachteten sich mit Ausschluss aller anderen als das auserwählte
Volk Gottes, mit dem Ergebnis, dass ihre Nachkommen von einer seltsamen
und sogar ungerechten Vergeltung heimgesucht wurden.« [26] Folgt
man dieser Opfer zu Tätern machenden Verdrehung, ist der Antisemitismus
göttliche Strafe für die Sünden der Vorfahren heute lebender
Juden.
Ein durchaus nicht widerspruchsfreies Verhältnis, wie Vincent Jauvert
jüngst im Nouvel Observateur anmerkte: »Vom Moment
seiner Ankunft in Südafrika an knüpft Gandhi freundschaftliche
Beziehungen zu vielen Juden, die er ›die Unberührbaren des
Christentums‹ nennt (…) Doch später (…) bezieht
Gandhi hinsichtlich der jüdischen Gemeinschaft mehrere sehr umstrittene
Positionen. 1938 schreibt er zu Recht, dass die deutschen Juden ›eine
Verfolgung, die keine Parallele in der Geschichte zu haben scheint‹,
erleiden. Doch fordert er sie auf, sich den Nazi-Verbrechen auf gewaltlose
Weise entgegenzustellen und ›das Leiden, und sogar die Ermordung
hinzunehmen.‹ Darüber hinaus denunziert er in demselben Artikel
heftig den Zionismus. ›Palästina gehört den Arabern, wie
England den Engländern und Frankreich den Franzosen, schreibt er.
Es ist ungerecht und unmenschlich, den Arabern die Juden aufzubürden.‹«
[27]
Der an dieser Stelle auftretende Widerspruch zieht sich durch Gandhis
Ideologie. Es ist der Gegensatz zwischen Fatalismus – mit dem die
Inder die britische Kolonialmacht als ebenso gottgewollt hätten hinnehmen
müssen wie die Juden ihr »Schicksal« im Nationalsozialismus
– und dem Streben nach nationaler Befreiung, die er den Juden mangels
authentischer Heimat nicht zugestehen mochte. Gandhi scheint eine Ahnung
dieses Widerspruchs besessen zu haben. Er trieb seine Auflösung voran,
in dem er erklärte: »Volkes Stimme ist Gottes Stimme.«
[28] Auf diese Weise gelang es ihm, den Widerspruch zu verdrängen
und die Unabhängigkeitsbewegung als von Gott gesandt – und
damit vom Schicksal gewollt – zu begreifen. Dass Gandhis moderne
Brüder im Geiste sich von solchen Widersprüchen gänzlich
unbeeindruckt zeigen, beweist der selbst ernannte und noch unlängst
vom ARD-Magazin Polylux beworbene »Reinkarnationstherapeut«
Trutz Hardo in einem offenen Brief vom 16.01.2006 an die Frankfurter Stadtverordnete
Jutta Ditfurth. Sich in bester deutscher Tradition als unschuldiges Opfer
eines angeblich umgehenden »Antisemitenstempels« gerierend,
schrieb Hardo aus dem südindischen Goa: »Doch woran Sie sich
stoßen, ist die Aussage, dass ich (...) davon überzeugt bin,
dass nahezu alle unsere Schicksale von uns selbst in einem früheren
Leben verursacht worden sind (...). Ich habe dieses auch aus meiner Erkenntnis
gültige Universalgesetz ebenfalls auf die Opfer des Holocaust bezogen.«
[29] Es verwundert wenig, dass der Hardo nach der Aufregung um seine Person
überlegt, dauerhaft in die »Vollemigration« nach Indien
zu gehen, hofft er dort doch auf zahlreiche Gleichgesinnte zu treffen.
Die Gewalt der Gewaltfreiheit
Gandhi und Ruskin ist eines gemein: Ihre Ideologie nährt sich aus
dem Traum von der guten alten Zeit, in der die Menschen frei von den Zumutungen
des Kapitalverhältnisses in harmonischer Eintracht lebten. Mit dieser,
als Reaktion auf die Moderne entstandenen regressiven Sehnsucht wird die
Idee vom eigenverantwortlichen Individuum abgewehrt, das durchs Leben
geht, ohne sich einer höheren Macht – sei es Gott, Volk oder
Vaterland – zu unterwerfen. In einem wesentlichen Punkt seiner Propaganda
und Selbstdarstellung unterschied sich Gandhi allerdings von seinem Vorbild:
in seiner Stellung zur Gewalt. Träumte Ruskin noch von »gerechten
Kriegen«, in denen »Leib und Seele der Menschen« nicht
von den teuflischen Kapitalisten »gekauft« würden [30],
so bezog Gandhi in Wort und Tat stets eine ablehnende Haltung gegen Krieg
im Allgemeinen, weshalb er bis heute als fraglose moralische Autorität
und als einer der Urväter des Pazifismus gehandelt wird. Kategorischer
Gewaltverzicht mag eine ehrenwerte Einstellung sein, führt aber als
politisches Prinzip zu durchaus amoralischen Ergebnissen. Wenn etwa der
selbst erklärte Hitlergegner Gandhi im Juni 1940 in der von ihm herausgegebenen
Zeitschrift Harijan auf militärische Maßnahmen gegen
das Dritte Reich bezogen schrieb: »Der Hitlerismus wird niemals
besiegt werden durch einen ihn übertrumpfenden Gegenhitlerismus.
Auf diese Weise kann nur ein hochgradig potenzierter Hitlerismus entstehen«
[31], dann nicht etwa, um darauf zu beharren, dass der Kampf gegen den
Nationalsozialismus klare antifaschistische Zielsetzungen haben müsse,
um wirklich erfolgreich zu sein. Sondern er warf den bewaffneten Widerständlern
in den von Deutschland okkupierten Ländern vor, durch die militärische
Gegenwehr ihrerseits nur wenig zur »moralischen Statur« Europas
beizutragen.
Dass Gandhi seine gewaltfreie Satyagraha-Methode als Alternative
zum bewaffneten Kampf empfahl, überrascht wenig. Diese jedoch war
keineswegs frei von militärisch strenger Organisation. Nicht zufällig
betrachteten sich die Satyagrahi als Krieger, die nicht nur bei
ihren Aktionen gegen die britische Kolonialmacht streng nach dem Führerprinzip
organisiert waren. Ihr Militanzfetisch äußerte sich nicht zu
Letzt im Tragen seltsamer handgewebter Uniformen. Tatsächlich war
es ihnen untersagt, körperliche Gewalt gegen ihre Gegner anzuwenden,
und sie waren verpflichtet, Gewalt der Gegenseite mit stoischer Teilnahmslosigkeit
zu ertragen, auch wenn das Gefahr für Leib und Leben bedeutete. Eine
zeitgenössische Schilderung einer Aktion im Rahmen der 1930 von Gandhi
initiierten Kampagne zur Brechung des britischen Salzmonopols (zu der
auch der berühmte Salzmarsch gehört) führt diesen wahnsinnigen,
um Leib und Leben der eigenen Anhänger unbekümmerten Rigorismus
mit aller Hässlichkeit vor Augen. Der englische Journalist Webb Miller
berichtet, wie 2.500 Satyagrahi – einer Armee von Zombies
gleich – den Versuch einer Salzwerk-Besetzung unternahmen: »In
vollkommenem Schweigen rückten Gandhis Männer vor und machten
etwa hundert Meter vor den Absperrungen halt. Eine ausgewählte Kolonne
löste sich aus der Menge, durchwatete die Wassergräben und näherte
sich den Stacheldrahtverhauen (...) Auf ein Kommandowort stürzte
sich plötzlich eine große Meute einheimischer Polizisten auf
die vorrückenden Marschierer, und ein Hagel von Schlägen, ausgeteilt
mit stahlbeschlagenen lathis (Schlagstöcken) ging auf ihre
Köpfe nieder. Nicht ein einziger Marschierer erhob auch nur einen
Arm, um die Schläge abzuwehren. Wie umgestürzte Kegel fielen
sie zu Boden. Von dort aus, wo ich stand, konnte ich das Übelkeit
erregende Aufkrachen der Knüppel auf ungeschützte Schädeldecken
hören. (...) Diejenigen die niedergeschlagen wurden, fielen gleich
zu Boden, bewusstlos oder sich windend, mit gebrochenen Schädeldecken
oder Schultergelenken (...) Die bisher verschont Gebliebenen marschierten,
ohne aus ihren Reihen auszubrechen, still und verbissen vorwärts,
bis auch sie niedergemacht wurden. (...) Stunde um Stunde wurden Ströme
von bewegungslosen, blutenden Leibern auf Tragbahren zurückgetragen.«
[32]
Diese auf sich selbst zielende Gewalt, mit der das Individuum sich selbst
kasteiend zurichtet, um sein Leben in Todessehnsucht für die höhere
Sache zu opfern, kann leicht umschlagen. Statt weiterhin darauf zu hoffen,
dass sich der Gegner unversehrt und geläutert von der Opferbereitschaft
seiner Widersacher zurückzieht – Gandhis Gefolgschaft befand
sich ja im festen Glauben daran, durch ihr Handeln Einsicht und Zustimmung
für die Gerechtigkeit ihrer Sache bei den Briten erzeugen zu können
– bahnt sich die permanent zugefügte Gewalt des sich selbst
quälenden Individuums seinen Weg nach außen, wenn es entweder
seine Lage als aussichtslos begreift oder aber den baldigen Sieg vor Augen
hat. In beiden Fällen will es jetzt nicht mehr nur sich selbst opfern,
sondern seine Feinde physisch vernichten.
Exemplarisch hierfür steht ein Parteigenosse Gandhis, Subhash Chandra
Bose (1897–1945), der heute noch in Indien als Netaji (dt.:
»verehrter Führer«) gefeiert wird. [33] Der zweimal zum
Parteivorsitzenden des INC gewählte Bose sagte sich früh von
Gandhis gewaltfreiem Kurs los. Er erträumte sich einen autoritären
indischen Staat nach dem Führerprinzip, den er durch militärische
Zerschlagung der britischen Kolonialmacht zu errichten trachtete. Die
Idee einer militärischen Revolte traf allerdings in den Reihen der
Congresspartei auf erheblichen Widerstand, so dass Bose 1939 in seiner
Funktion als Parteivorsitzender zurücktrat und eine innerparteiliche
Gruppe mit dem Namen Forward Block gründete, in der sich
all jene sammelten, die einen gewaltsamen Umsturz herbeisehnten. Nach
Kriegseintritt Großbritanniens – und damit auch Indiens –
wurde er Mitinitiator einer Massenkampagne, die darauf abzielte, die Nutzung
indischer Ressourcen für den Kampf gegen die Deutschen und ihre Verbündeten
durch die Briten zu vereiteln. Das brachte ihm eine Inhaftierung ein,
aus der ihm allerdings die Flucht gelang. Über Umwege gelangte er
1941 nach Deutschland und traf sich dort im Mai 1942 mit Reichsaußenminister
Joachim von Ribbentrop und Adolf Hitler, die ihm Unterstützung im
Kampf gegen die Briten zusagten. Als Resultat dieses Treffens wurde das
der Waffen-SS unterstellte Freiwilligenkorps Legion Freies Indien
gebildet, dessen Angehörige aus indischen Kriegsgefangenen rekrutiert
wurden. Von Hitler auf Japan verwiesen, verließ Bose 1943 Deutschland
und gründete in Tokio eine Exilregierung namens Azad Hind
(dt.: »Freies Indien«) und wurde zum Führer der Indian
National Army (INA) ernannt. Diese an der Seite Japans kämpfende
Truppe setzte sich aus ca. 40.000 überwiegend in Singapur rekrutierten
Indern zusammen und gelangte aus dem japanisch besetzten Birma über
die indische Grenze, um gegen die englischen Truppen zu kämpfen.
Der von der INA begonnene Marsch auf Delhi fand mit der japanischen Kapitulation
1945 ein jähes Ende.
Gandhi und mit ihm die größten Teile des INC erhofften, durch
eine Verweigerung der Zusammenarbeit mit den Briten während des Krieges
gegen Nazideutschland – die Bundesregierungen der sieben INC-geführten
indischen Staaten traten bei Kriegseintritt Großbritanniens aus
Protest zurück – eine Schwächung des Empire und damit
eine günstige Gelegenheit, selbigem die Entlassung in die nationale
Unabhängigkeit diktieren zu können. Dies allein war Bose allerdings
zu unsicher, weshalb er die direkte Konfrontation mit den britischen Truppen
suchte.
Ein neues Konzept gegen niedere Triebe
Von den 68er Sit-ins bis zu den 2007er Blockaden des G8-Gipfels reicht
die Linie des so genannten zivilen Ungehorsams in Deutschland, in der
man sich auf den »Prediger der Gewaltlosigkeit« (Oskar Lafontaine)
bezieht. In dem Maße jedoch, wie die bürgerliche Öffentlichkeit
selbst friedensbewegt und antiimperialistisch empfindet, gewinnt Gandhis
Satyagraha-Ideologie mitsamt ihrer Adepten auch hier zunehmende
Attraktivität. Arundhati Roy, jene indische Schriftstellerin, die
von der FAZ und von Ulrich Wickert in den ARD-Tagesthemen wenige
Tage nach 9/11 dafür gefeiert wurde, dass sie Bin Laden »als
den dunklen Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten«
bezeichnete, beruft sich als Wortführerin der No-global-Bewegung
ausdrücklich auf Gandhi: »Schriftstellerin zu sein in einem
Land, das der Welt Mahatma Gandhi geschenkt hat, das die Vorstellung des
gewaltlosen Widerstandes hervorgebracht hat und dann, ein halbes Jahrhundert
später, Atomtests durchführt, ist eine schreckliche Bürde.
(...) Unter den gegebenen Umständen würde ich sagen, dass das
Einzige, was wirklich globalisiert werden sollte, der Protest ist. Er
ist Indiens bester Exportartikel.« [34] Doch Roy geht es nicht um
bloßes Kopieren. Vielmehr kritisiert sie Gandhi, sich zu sehr auf
»eine natürliche Moral« berufen zu haben, auf »die
nährende, mütterliche Moral verklärter Dorfrepubliken.«
Ihre Kritik gilt jedoch nicht den opferwütigen und repressiven Zielen
Gandhis, sondern bloß der Methode, die sie für veraltet und
zu rückwärtsgewandt hält: »(Es) wäre wunderbar,
wenn wir nur bessere Menschen wären. Wenn wir alle handgesponnene
Baumwolle tragen und unsere niederen Bedürfnisse unterdrücken
würden. Heute (...) kann man mit Bestimmtheit sagen, dass wir das
Ziel nicht erreicht haben. Nicht einmal nahe gekommen sind wir ihm. Wir
brauchen ein neues Konzept gegen unsere niederen Triebe.« [35]
Wie dieses Konzept aussehen soll, darüber darf Roy nicht nur in deutschen
Medien gern und viel plaudern. Dass die Briten schon lange nicht mehr
der Hauptfeind sind, sondern die Amerikaner, »ein merkwürdiges
Inselvolk, verwaltet von einer krankhaft aufdringlichen, verworrenen Regierung«
[36], gehört bekanntlich zur Geschäftsgrundlage jeder No-global-Regung.
Roys Popularität rührt im Besonderen daher, dass sie ihren Hass
auf die Zivilisation und menschlichen Fortschritt so unverblümt zum
Ausdruck bringt, wie es vor ihr vergleichbar in Indien nur ein Gandhi
tat, wenn der die Zerstörung des indischen Dorflebens in gleicher
Diktion beklagte wie Roy heute: »Viele Umgesiedelte sind Menschen,
die bisher abgeschieden und ohne jeden Kontakt mit Geld und der modernen
Welt im Wald gelebt haben. Sie stehen plötzlich vor der Alternative,
entweder zu verhungern oder einige Kilometer in die nächste Stadt
zu laufen, sich dort auf den Marktplatz zu setzen (Männer und Frauen!)
und sich wie eine Ware als Arbeitskraft anzubieten. Sie, die bisher im
Wald sammelten, was sie brauchten. (...) Die Menschen, die umgesiedelt
werden, müssen alles neu lernen, alles, von den kleinen Dingen bis
zu den großen Dingen: aufs Klo gehen (wo macht man das, wenn man
sich nicht einfach in den Wald zurückziehen kann?), eine Busfahrkarte
kaufen, eine neue Sprache sprechen, mit Geld umgehen. Und am schlimmsten:
Sie müssen lernen, Bittsteller zu sein. Befehlen zu gehorchen, Herren
über sich zu haben, nur zu antworten, wenn sie gefragt werden.«
[37]
In ihrer Rede auf dem 4. Weltsozialforum in Bombay am 16.01.04 bestimmte
Roy die Satyagraha-Ideologie neu. [38] Nachdem sie Verständnis
für den islamistischen Terror im Irak äußerte, rief sie
die Bewegung zum Boykott von Unternehmen auf, die angeblich vom Sturz
des baathistischen Terrorregimes profitieren würden. Sie fordert
von der Bewegung, sich »als im Krieg befindlich (zu) betrachten«
und die Führungsrolle im »globale(n) Widerstand gegen die Besetzung«
im Irak zu übernehmen. Dabei knüpft sie direkt an Kampagnen
Gandhis an, welcher sich u. a. vom Übertreten des britischen Salzsteuergesetzes
und dem Boykott der britischen Textilindustrie eine wirtschaftliche Schwächung
Großbritanniens erhoffte. Nachdem Roy den Feind in den Vereinigten
Staaten ausgemacht hat, gilt es, diesen mit Gandhis Waffen zu schlagen:
»Wir müssen reale Ziele ins Visier nehmen, reale Kämpfe
führen und realen Schaden anrichten. (...) Nachdem unsere Bewegung
einige wichtige Siege errungen hat, dürfen wir den gewaltlosen Widerstand
nicht zu wirkungslosem, wohlgefälligem Theater verkommen lassen.
Er ist eine sehr kostbare Waffe, die ständig geschärft und immer
wieder neu ersonnen werden muss.« Als »reale Ziele«
dieses gewaltfreien Krieges schlägt Roy sämtliche Großunternehmen
vor, die in irgendeiner Weise am Wiederaufbau des Irak beteiligt sind:
»Wir könnten jedes Projekt, an dem sie beteiligt sind erfassen.
Wir könnten ihre Büros in jeder Stadt und in jedem Land der
Welt ausfindig machen. Wir könnten hingehen und sie zumachen.«
Roy und ihre Gefolgschaft beweisen die universelle Übertragbarkeit
von Gandhis Vision, die Tatsache, dass Briten, Amerikaner und Deutsche
eben keineswegs »außerstande (sind), in den Vorstellungen
des Inders zu denken«. Die Gegenrede gegen diese neue alte Barbarei
– die nicht nur die indischen Landlosen, sondern die ganze Menschheit
buchstäblich zurück in die Wälder scheuchen möchte
– hielt bereits vor 150 Jahren einer, der im Gegensatz zu Mahatma
Gandhi und Arundhati Roy heute des Rassismus sowie eines ethno- und phallozentrischen
Kolonialblicks geziehen wird: »Sosehr es nun auch dem menschlichen
Empfinden widerstreben mag, Zeuge zu sein, wie Myriaden betriebsamer patriarchalischer
und harmloser sozialer Organisationen zerrüttet und in ihre Einheiten
aufgelöst werden, hineingeschleudert in ein Meer von Leiden, wie
zu gleicher Zeit ihre einzelnen Mitglieder ihrer alten Kulturformen und
ihrer ererbten Existenzmittel verlustig gehen, so dürfen wir doch
darüber nicht vergessen, dass diese idyllischen Dorfgemeinschaften,
so harmlos sie auch aussehen mögen, seit jeher die feste Grundlage
des orientalischen Despotismus gebildet haben, dass sie den menschlichen
Geist auf den denkbar engsten Gesichtskreis beschränkten, ihn zum
gefügigen Werkzeug des Aberglaubens, zum unterwürfigen Sklaven
traditioneller Regeln machten und ihn jeglicher Größe und geschichtlicher
Energien beraubten (…) Wir dürfen nicht vergessen, dass dieses
menschenunwürdige, stagnierende Dahinvegetieren, diese passive Art
zu leben, auf der andern Seite ihre Ergänzung fanden in der Beschwörung
wilder, zielloser, hemmungsloser Kräfte der Zerstörung, und
in Hindustan selbst aus dem Mord einen religiösen Ritus machten.«
[39]
Für wertvolle Hinweise und wichtige Anregungen danke ich Jan
Gerber und Anja Worm.
Anmerkungen
Dieses und die folgenden Zitate sind unter http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/001826.html
und http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/000019.html nachzulesen.
2 M.K. Gandhi: Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit. Eine
Autobiographie, Berlin (DDR) 1982, S. 245ff.
3 John Ruskin: Diesem Letzten. Vier Abhandlungen über die ersten
Grundsätze der Volkswirtschaft, Leipzig 1902, S. 9.
4 ebd., S. 114.
5 ebd., S. 129.
6 ebd., S. 161. Ruskin bezieht sich primär auf David Ricardo und
Adam Smith.
7 Ruskin 1902, S. 88.
8 ebd., S. 87.
9 Diese Formulierung findet sich nur im englischen Original: John Ruskin:
Unto This Last. Four Essays On The First Principles Of Political Economy,
London 1896, S. 19.
10 Ruskin 1902, S. 133f.
1 ebd., S. 41.
2 ebd., S. 64.
3 Gandhi 1982, S. 291.
4 Karl Marx: Die britische Herrschaft in Indien, in: Marx/Engels Ausgewählte
Schriften Bd I., Berlin (DDR) 1966, S. 321f.
5 Karl Marx: Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in
Indien, in: Marx/Engels Ausgewählte Schriften Bd I., Berlin (DDR)
1966 , S. 325 u. 327f.
6 A. Appadorai (Hg.): Documents on Political Thought in Modern India,
Vol. I+II, Bombay 1973, zit. nach Dieter Riemenschneider (Hg.): Shiva
tanzt. Das Indien-Lesebuch, Zürich 1999, S. 82.
7 Sigmund Freud: Das ökonomische Problem des Masochismus, Studienausgabe
Bd. III, Frankfurt/Main 2000, S. 349.
8 zit. nach Riemenschneider 1999, S. 82.
9 Gandhi 1982, S. 373.
20 ebd., S. 368.
21 Freud 2000, S. 353.
22 Von Gandhi geprägter Begriff; wörtlich: Bestehen auf der
Wahrheit und die Kraft, die aus diesem Beharren entsteht.
23 zit. nach Riemenschneider 1999, S. 80.
24 ebd., S. 79f.
25 ebd., S. 79.
26 Gandhi 1982, S. 334.
27 Le Nouvel Observateur, 9.8.07.
28 Gandhi 1982, S. 261.
29 Nachzulesen unter: http://www.trutzhardo.de/antisemitenabstemplung/juttaditfurth.htm.
30 Ruskin 1896, S. 161.
31 M.K. Gandhi: Non Violence in Peace and War, Vol. II, Ahmedabad 1942,
zit. nach: www.lebenshaus-alb.de/magazin/002383.html.
32 zit. nach Erik H. Erikson: Gandhis Wahrheit. Über die Ursprünge
der militanten Gewaltlosigkeit, Frankfurt/Main 1978, S. 533f.
33 Als Beleg dessen finden sich nicht nur zahlreiche Bose-Statuen vor
allem im Bundesstaat Bengalen. Auch der internationale Flughafen Kalkuttas
wurde nach ihm benannt.
34 Arundhati Roy: Die Politik der Macht, München 2002, S. 211f. u.
S. 235
35 ebd., S. 29f.
36 ebd., S. 301.
37 ebd., S. 75ff.
38 Arundhati Roy: Feiertagsproteste stoppen keine Kriege. Der neue Imperialismus
ist bereits über uns gekommen. Die komplette Rede ist nachzulesen
unter http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/002085.html.
39 Marx/Engels 1966, S. 322f.
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