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Knut Germar
Einer unserer Besten. Über Martin Luther, den Reformator des
Antisemitismus
In: Bonjour Tristesse 3/2007
In der Literatur über die Namensgebung der Universität
Halle werden positive Bezugnahmen auf Luther im Nationalsozialismus immer
wieder als »politischer Missbrauch« bewertet. Werner Prokoph
erklärte 1967: Die Verleihung des Namens Martin-Luther-Universität
erfolgte »zu Zwecken faschistischen Missbrauches«. Elke Stolze
sprach 1982 vom »Missbrauch [des Namens] durch die faschistischen
Machthaber« und Henrik Eberle schreibt 2002: »Der Name Luthers
wurde in der Folgezeit immer wieder beschworen, benutzt und missbraucht.«
Im Folgenden wird gezeigt, dass sein Name keineswegs missbraucht wurde,
und warum Luther aus gutem Grund zum »zweiten nationalen Heros«
(Walter Zöllner) des Dritten Reiches aufstieg.
Für Touristen, die es in die sachsen-anhaltinische Provinz verschlägt,
hält die Stadt Halle, genauer die nordwestliche Turmkammer der Marktkirche
Unser Lieber Frauen, eine besondere Sehenswürdigkeit bereit. In einer
großen Glasvitrine, ausgekleidet mit violettem Samt, erblickt der
Besucher die feierlich drapierten, mit Wachs überzogenen Gipsabgüsse
der Hände und des Gesichts eines von Gicht und Alkoholsucht gezeichneten
alten Mannes – des Reformators Martin Luther. Die einzige protestantische
Reliquie weltweit wird auf der Homepage der Stadt folgendermaßen
beworben: »Die Original-Totenmaske Martin Luthers gehört zu
den Schätzen und Zeugnissen der Reformationszeit, mit denen die Marktkirche
zu Halle reich ausgestattet ist. Die Wachsmaske des Reformators wird zentral
in einer Großvitrine – sozusagen aufgerichtet vom Totenbett
– präsentiert und kann […] seit Mai 2006 dauerhaft […]
besichtigt werden.« Besonders stolz ist man auf eine Holzkanzel,
»ein hochrangiges Werk der mitteldeutschen Renaissance-Schnitzkunst«,
von der aus Luther bei seinen Predigten in Halle gesprochen haben soll.
In Halle ist die ostdeutsche Luther-Verehrung ungebrochen. Einheimische
Provinzpfaffen fragen sich, wo Luthers »Aura heute geblieben ist«
(Friedrich Kramer in Aha! 05/2007), die Stadt jubelt auch fast 500 Jahre
nach seinem Ableben darüber, dass die »Saalestadt […]
dem Reformator ganz besonders ans Herz gewachsen« sei und die einheimische
Universität, die seit 1933 seinen Namen trägt, ist das Vorzeigeobjekt
bei der Präsentation nach außen. Eines der hartnäckigsten
Gerüchte zur Umbenennung der Universität besagt, dass der Name
Martin Luther zur Abgrenzung gegen die Nazis ins Spiel gebracht worden
sei. Der deutsche Reformator als Ideengeber eines antifaschistischen Widerstandes?
Dies ist starker Tobak, feierte doch gerade die Mehrheit der deutschen
Protestanten nicht nur lautstark und freudetrunken die Wahl Hitlers zum
Reichskanzler. Vielmehr teilte sie vor allem den Antisemitismus der nationalsozialistischen
Bewegung. So schrieb 1933 beispielsweise der Evangelische Presseverband
für Württemberg über den Boykott jüdischer Geschäfte:
»Sich mit allen brauchbaren Mitteln zu erwehren, war das gute Recht
des deutschen Volkes. Dabei mitzuhelfen war die Pflicht auch des Christen.
[...] Wer sein Volk in der Gefahr im Stich lässt, der ist nicht nur
ein Feigling, sondern er vergeht sich gegen Gottes Willen!« (Stuttgarter
Evangelisches Sonntagsblatt, 18.6.1933) Mit Wohlwollen wurde die Vernichtung
der Juden von der Mehrzahl der protestantischen Geistlichen aufgenommen,
sahen sie doch in ihr die weltliche Fortführung der Tradition ihres
Religionsstifters. So schrieb der thüringische Landesbischof Martin
Sasse nach der Reichspogromnacht im Vorwort eines von ihm herausgegebenen
Buches: »Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in
Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volke wird zur Sühne für
die Ermordung des Gesandtschaftsrates vom Rath durch Judenhand die Macht
der Juden auf wirtschaftlichem Gebiete im neuen Deutschland endgültig
gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen
Befreiung unseres Volkes gekrönt.« Besagtes Buch war eine Neuauflage
von Luthers Schrift »Von den Juden und ihren Lügen«,
das Sasse den Deutschen eindringlich zur Lektüre empfahl: »In
dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der
Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert […] getrieben von seinem Gewissen,
getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte
Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die
Juden.«
Das Vorbild der deutschen Protestanten beschreibt in seinem 1543 erschienenen
Machwerk die Juden folgendermaßen: »So arbeiten sie nicht,
[…] dennoch haben sie unser Geld und Gut«, dass sie »täglich
stehlen und rauben« und »sind damit unsere Herren in unserem
eigenen Land.« Sie erscheinen in Luthers Ansprache an die Deutschen
als die wahren Herrscher, die verantwortlich sind für alles Unheil:
Vom »Teufel […] in unser Land gebracht«, sind »sie
uns eine schwere Last, wie eine Plage, Pestilenz und eitel Unglück«.
Sie sind »giftige Schlangen und junge Teufel«, und es sei
die Aufgabe eines jeden Christen, sich ihnen entgegenzustellen: »Darum
wisse du, lieber Christ, und zweifle nicht daran, dass du nächst
dem Teufel keinen bittereren, giftigeren, heftigeren Feind habest, als
einen rechten Juden, der mit Ernst Jude sein will.« Luthers Antisemitismus
war sehr aktiver Natur, der mit jedem Satz zur Tat drängte. Und so
gab er den Deutschen Handlungsanweisung, wie mit dem verhassten Feind
zu verfahren sei: »Erstlich, dass man ihre Synagogen oder Schule
mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe
und beschütte, das kein Mensch ein Stein oder Schlacke davon sehe
ewiglich.« Dies soll »man tun, unserm Herrn und der Christenheit
zu ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien. Zum anderen, dass
man auch ihre Häuser des gleichen zerbreche und zerstöre, denn
sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in ihren Schulen treiben.«
Nach der Zerstörung ihrer Gottes- und Wohnhäuser soll man die
Juden zusammentreiben und »unter ein Dach oder Stall tun, wie die
Zigeuner, auf das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande«.
Luther empfiehlt weiter, »dass man ihnen nehme all ihre Betbüchlein
und […] dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort
zu lehren«. Doch damit nicht genug. Es sei nötig, »dass
man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe […],
dass man ihnen den Wucher verbiete und nehme ihnen alle Barschaft und
Kleinod an Silber und Gold, und lege es beiseite zu verwahren«.
Und schließlich sieht Luther vor, die gefangenen Juden zur Arbeit
zu zwingen. Er fordert, »dass man den jungen, starken Juden und
Jüdin in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rochen, Spindel
und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß ihrer Nasen«.
Doch da Luther nicht davon überzeugt war, dass solche Zwangsmaßnahmen
die Juden zum Besseren bekehren können, schlägt er vor, mit
ihnen so zu verfahren, wie andere Nationen: »Besorgen wir uns aber,
dass sie uns möchten an […] Weib, Kind, Gesinde, Viehe Schaden
tun, wenn sie uns dienen oder arbeiten sollten, weil es wohl zu vermuten
ist, dass solch edle Herren der Welt und giftige, bitter Würmer,
keiner Arbeit gewohnt, gar ungern sich so hoch demütigen würden
[…]: so lasst uns bleiben bei gemeiner Klugheit der andern Nation,
als Frankreich, Hispanien, Böhmen und mit ihnen rechen, was sie uns
abgewuchert; und darnach gütlich geteilet, sie aber immer zum Land
ausgetrieben. […] Drum immer weg mit ihnen.«
Wurden noch vor einigen Jahren unter deutschen Lutherliebhabern seine
antisemitischen Hetzschriften ignoriert bzw. verschämt verschwiegen,
nimmt man sie heute eher zur Kenntnis. Im Zuge einer so genannten kritischen
Aufarbeitung der Geschichte, weiß heute selbst der verstockteste
Lutherfreund, dass man bestimmte Tatsachen nicht mehr so einfach unter
den Tisch zu kehren hat. Doch gerade bei Luthers Stellung zu den Juden
müsse man differenzieren und relativieren, hört man immer wieder.
War nicht der junge Luther ein Freund der Juden? Und weiß denn nicht
jedes Kind, dass Luther zuviel soff und im Alter verrückt wurde,
was seine Hasstiraden gegen die Juden verständlicher machen? Ganz
außer sich geraten eingefleischte Lutheristen, wenn man sie auf
nicht von der Hand zu weisende Kontinuitäten zwischen Luthers Judenhass
und dem Antisemitismus der Nationalsozialisten hinweist. Wie man auf einschlägigen
Internetseiten lesen kann, sei Luther, was die Judenfeindschaft betrifft,
»ein Kind seiner Zeit« gewesen, seine Stellung zu den Juden
unterscheide sich nicht vom klassischen christlichen Antijudaismus und
überhaupt seien seine »Schriften in der Zeit des Nationalsozialismus
in Deutschland so missbraucht worden, dass Luther als Gründer des
Antisemitismus erscheinen kann«. Nun stimmt es zwar, dass der junge
Luther den Juden gegenüber ein wenig versöhnlicher gestimmt
war, hoffte er doch, möglichst viele von ihnen für seine Sache
zu bekehren. Doch als er merkte, dass sein Bekehrungseifer überwiegend
auf taube Ohren stieß, und kaum ein Jude das Angebot der Taufe zur
Rettung des Seelenheils annahm, wandte er sich gekränkt ab. Noch
nicht einmal zehn Jahre nach Veröffentlichung seiner Schrift »Dass
Christus ein geborener Jude sei«, in der er noch die Schikanen an
der jüdischen Bevölkerung kritisierte, fiel Luther zur Konvertierung
nur noch folgendes ein: »Wenn ich einen Juden zum Taufen finde,
dann will ich ihn auf die Elbebrücke führen, ihm einen Stein
um den Hals hängen und ihn dann ins Wasser stoßen, indem ich
ihn so im Namen Abrahams taufe.« Dies klingt nicht gerade nach einer
tiefer gehenden Freundschaft. Der Einwand, Luther sei im Alter verrückt
geworden, entbehrt durchaus nicht eines gewissen Wahrheitsgehaltes. Gerade
in seinen letzten Lebensjahren sah er überall den Teufel, ergo die
Juden und machte diese sogar für seine Erkältungen verantwortlich.
Doch den Freunden individualpsychologischer Erklärungen, ist an dieser
Stelle entgegenzusetzen, dass Luthers Wahn auch zu seinen Lebzeiten keineswegs
auf taube Ohren stieß. Luther sprach sich mit nicht unerheblichem
Erfolg – gerade in Sachsen und Brandenburg – für die
Rücknahme bereits erteilter Rechte für die Juden aus. Noch seine
letzte Predigt kurz vor seinem Ableben in Eisleben hatte die Juden und
ihre Bosheit zum Thema. Ihre Vertreibung, hieß es dort, sei die
wichtigste Aufgabe aller Deutschen. Zwar zeigte Luthers Antisemitismus
zu seinen Lebzeiten nur begrenzte Wirkung, wie Léon Poliakov ausführt.
Die »Konsequenzen der Stellungnahme Luthers hinsichtlich der ›Judenfrage‹«
seien jedoch vielmehr »in einer gewissen inneren Logik des deutschen
Luthertums« zu suchen. Das »religiöse Motiv«, welches
»eine Ablehnung der Werke nach sich [zog], die unzweifelhaft jüdischer
Prägung sind« – der klassische christliche Antijudaismus
also, der die Juden des Gottesmordes bezichtigt – wurde im Luthertum
ergänzt durch »das soziale Motiv des bedingungslosen Gehorsams
gegenüber der Obrigkeit«. (Luther sprach davon, dass ein guter
Christ in allererster Linie ein zuverlässiger und gehorsamer Untertan
zu sein habe.) Dies »verband sich mit einem nationalen Prophetentum;
denn der Reformator stellte mehrfach klar, dass er sich allein an die
Deutschen wenden wollte, und so bereitete er den Boden« für
die Naziideologie, wie Poliakov weiter schreibt. Luther war also keineswegs
nur »Kind seiner Zeit«, wie seine Adepten glauben machen wollen.
»In Deutschland reformierte die Reformation vor allem auch den Antisemitismus«,
so Gerhard Scheit. Indem Luther die ehrliche deutsche Arbeit gegen den
jüdischen »Wucher und Parasitismus« in Anschlag bringt,
erweist er sich als Wegbereiter des modernen Antisemitismus, dessen Merkmal
ja »die Identifikation der Juden mit dem zinstragenden Kapital,
der abstrakten Seite der Warenproduktion« ist. »In dem Arbeitslager,
das Luther für die Juden sich ausdenkt«, so Scheit weiter,
»kündigt sich deutlich ein neues Ethos an – es mobilisiert
die Arbeit gegen das Geld, gegen den Wucher, gegen ›den Juden‹.«
Klar, dass diese Kritik bei den deutschen Lutherfreunden ungehört
verhallen muss. Im Gegensatz zu den Lutherfans des Dritten Reiches grenzen
sie sich heute zwar von Luthers Judenhass ab, schließlich hat man
ja aus der Vergangenheit gelernt. Doch ihren Nationalhelden wollen sie
sich dann doch nicht kaputt machen lassen. Als das ZDF im Jahr 2003 zur
Wahl des »größten Deutschen« aufrief, schaffte
es Martin Luther auf Platz zwei in der Gesamtwertung. Wenn heute dieselben
Leute, die Luther zu dieser Platzierung verholfen haben, das bedauernswerte
Los des »kleinen ehrlichen Arbeiters« beklagen, der vermeintlich
durch »amerikanische Heuschrecken« seinen Job verliere –
durch jene also von denen der deutsche Baumarktbesucher zu wissen glaubt,
dass sie sein Geld durch »dunkle Machenschaften an der Börse«
stehlen würden–, dann wird klar, dass »Luthers Aura«
keineswegs verschwunden ist. Gerade über Ostdeutschland leuchtet
sie seit nunmehr fast 500 Jahren. Und so werden wohl noch etliche Grundschullehrer
Generationen von Schulklassen in die hallische Marktkirche schleifen,
damit sie respektvoll einen »unserer Besten« bestaunen lernen.
Weiterführende Literatur:
Léon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus. Bd. II. Das Zeitalter
der Verteufelung und des Ghettos. Frankfurt am Main 1989.
Gerhard Scheit: Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des
Antisemitismus. Freiburg 1999.
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