Jan Gerber
Die Partei des Glücks. Über die Rückkehr zur Linken
Vortrag bei der ideologiekritischen Konferenz »Die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand«, Frühjahr 2009
In: Bahamas 57 (2009)

»Glück entzieht sich jeder Letztbegründung.«
Alfred Schmidt


Immer dann, wenn sich ausgewiesene Vertreter der politischen Linken wie Nazis benehmen – also oft –, tritt die linke Variante des Copyrights auf den Plan. Soll heißen: Von berufener Seite wird erklärt, dass die autonom-antiimperialistischen, antifaschistischen oder sozialdemokratischen Freunde des palästinensischen Volkstumskampfes, des Volksstaats oder des Sojabratlings keine »echten« Linken, sondern vielmehr »Rechte« seien. So war es 1970, als Michael Landmann die Neue Linke angesichts ihrer Begeisterung für »El Fatah« als »Pseudolinke« bezeichnete. [1] So war es Mitte der 1980er Jahre, als Detlev Claussen zum Antiamerikanismus der Friedensbewegung erklärte: »Was sich da extrem links dünkt, ist gar nicht links, sondern schon längst selber rechts.« (Links 6/1985) Und so war es auch 2005, als Rainer Trampert nachzuweisen versuchte, dass die neu entstandene Linkspartei gar nicht »links«, sondern eigentlich »rechts« sei. (Jungle World 28/2005)
Was bei Landmann noch auf der Empörung über die plötzliche Kehrtwende der Linken von Israelsolidarität zu Antisemitismus basierte, ist bei Trampert 40 Jahre später zum abgeklärten Funktionärsjargon – und damit zur Lüge – geworden. Um beim Antizionismus zu bleiben: Während Landmann unter Verweis auf israelsolidarische Traditionen eines Teils der Neuen Linken 1970 noch erklären konnte, dass sich die Protestbewegung mit ihrem antiisraelischen Furor von einer »echten Linken« in eine Pseudolinke zu verwandeln drohe, ist eine solche Aussage heute nicht mehr möglich. Vierzig Jahre antizionistischer Antisemitismus der Neuen Linken haben das kurzzeitige proisraelische Engagement von einer freizulegenden Tradition in einen unbedeutenden Zwischenfall verwandelt. Das gleiche gilt auch für andere Traditionslinien. 200 Jahre Staatskult, 150 Jahre Lassalle, 100 Jahre »Partei neuen Typs« und 90 Jahre »Selbstbestimmungsrecht der Völker« legen nahe: Die Linke ist ein Verein von Staats-, Volks- und Vaterlandsliebhabern. Im Wettkampf um die Frage »Was ist links?« hat Alexandra Kollontai gegen Lenin, Paul Merker gegen Walter Ulbricht und Theodor W. Adorno gegen Jürgen Habermas verloren. Adorno gilt heute als Genie und damit für überholt; den SED-Funktionär Paul Merker, der für Solidarität mit Israel votierte, kennt fast nur noch derjenige, der mit der so genannten Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit seine Brötchen verdient; und den Namen Alexandra Kollontai, den Namen der ersten Ministerin der Welt, die in der frühen Sowjetunion gegen die Herrschaft der Partei und für die weitreichende Liberalisierung des Geschlechterverhältnisses eintrat, haben auch diejenigen vergessen, die im »roten Jahrzehnt« über die Oktoberrevolution promovierten und inzwischen auf »Empirische Verwaltungs- und Organisationsforschung«, »Governance im Mehrebenensystem« oder »Declining Legislatures« – so die Titel von drei aktuellen politikwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen der Humboldt-Universität – festgelegt sind. Bei der Frage »Was ist links?« siegt ganz positivistisch die normative Kraft des Faktischen über die Eigentlichkeitsrhetorik der Lordsiegelwahrer des Begriffs »die Linke«.

Back to the Roots?
Diese »normative Kraft des Faktischen« wirkt auch auf die Entstehung der Linken vor mehr als 200 Jahren zurück. Erkenntnis über die Vergangenheit ist bekanntlich nur über die Gegenwart zu haben; der Ursprung ist stets über das Resultat vermittelt. All die Widerwärtigkeiten, die heute in der Jungen Welt zu lesen sind, sind dementsprechend von Anfang an im Konzept der Linken angelegt; all das, wofür Namen wie Hugo Chavez, Werner Pirker oder Hans Christian Ströbele stehen, steht auf der Agenda der Linken, seit sie 1789 in der französischen Nationalversammlung an der linken Seite des Kammerpräsidenten Platz nahm. Die heutigen linken Rackets, die mal als Massenorganisation (Modell Venezuela), mal als Zentralkomitee ohne Basis (Modell Kreuzberg) agieren, finden ihre Urform in der Bergpartei der Jakobiner, die vier Jahre nach der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte« nur noch die Mitglieder des eigenen Vereins, und bald nicht mal mehr die, als Menschen gelten lassen wollte – in der Parteibildung also, ohne die die Konstitution als Linke nicht zu denken ist. Der Ausnahmezustand, nach dem sich die Linke nicht nur in den Zeiten des Wirtschaftscrashs zu sehnen scheint, findet sein Initiationsereignis im terreur der Guillotine. Und auch der Staat ist seit dem Ballhausschwur vom 20. Juni 1789, als sich die Abgeordneten des Dritten Standes aufgrund einer Intervention des Königs in den Versailler Jeu-de-Paume-Saal zurückzogen und schworen, sich niemals zu trennen, bis der Staat eine Verfassung hat, Appellationsinstanz der Linken. Er sollte sich allenfalls vom Machtinstrument der Aristokratie und später der Bourgeoisie in einen »Volksstaat« verwandeln.

Das Streben nach Glück
Die Linke war allerdings lange Zeit nicht nur die Instanz, die, wie es im Gothaer Programm der SPD hieß, für die »geistige und sittliche Grundlage des Staats« oder gleich ganz für den Ausnahmezustand votierte. Marx war zwar, wie Uli Krug vor einiger Zeit durchaus richtig in der Jungle World erklärte, »kein Linker«. (Jungle World 2/2009) Aber – und das ist als Ergänzung zu verstehen – es dürfte auch nicht nur ein Missverständnis gewesen sein, dass er regelmäßig der Linken zugeordnet wurde; es dürfte mehr als ein Zufall gewesen sein, dass sich in den Reihen der Linken immer wieder Personen wie Alexandra Kollontai, Adorno, Walter Benjamin und Karl Korsch fanden – oder sich zumindest von ihr angezogen fühlten.
Diese Anziehungskraft dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Linke lange Zeit mehr war als das parlamentarische Gegenstück zur Rechten, die Partei des terreurs oder, etwas moderner, des Lebens im Bauwagen. Sie transportierte seit 1789 ein überschießendes Moment mit sich, das sich gegenüber den einschlägigen Plenardebatten, dem Revolutionstribunal oder der Volxküche sperrte. Dieser überschießende Gehalt lässt sich auf einen Begriff bringen: den Begriff des irdischen Glücks. Mit der Französischen Revolution wurden die Worte »das Volk« und »die Unglücklichen« zum ersten Mal in der Geschichte synonym verwendet; der Menschenrechtskatalog der (allerdings nie in Kraft getretenen) Verfassung vom August 1793 begann mit dem Satz: »Das Ziel der Gesellschaft ist das allgemeine Glück.« Das Wort Brüderlichkeit, eines der zentralen Schlagworte von 1789, taugte spätestens seit Kain und Abel nicht mehr als Parole für die Befreiung der Menschheit. Die Gleichheit wurde von der Guillotine verwirklicht, die ihre Klienten unabhängig von Herkunft, Stand und Geschlecht ins Jenseits beförderte. Und Freiheit, die dritte große Losung der Revolution, fand in unterschiedlicher Form auch Eingang in die faschistische Propaganda: Der Untertitel des Völkischen Beobachters lautete nicht umsonst »Freiheit und Brot«. Im Unterschied zu diesen Formeln wird man den Begriff des Glücks in der faschistischen und nationalsozialistischen Programmatik vergeblich suchen. Er ist die Antithese zur Parole »Es lebe der Tod«, mit der Francos Bataillone im Spanischen Bürgerkrieg in die Schlacht zogen.
Der Begriff des irdischen Glücks trat zwar auch im revolutionären Frankreich hinter den Tugendterror zurück: Das Volk waren seit 1793 nicht mehr die »Unglücklichen«, sondern die Jakobiner; das »allgemeine Glück« sollte laut Verfassung vom August 1793 ausgerechnet von der Regierung, das heißt: vermittelt über den Staat, verwirklicht werden – und wurde insofern zur Aporie seiner unmittelbaren Voraussetzung: des individuellen Glücks. (»Allgemeines Glück«, so Herbert Marcuse, ist eine »sinnlose Phrase«, sofern es getrennt gedacht wird »von dem Glück der Individuen«.) [2] Das kollektive Streben nach Glück fand seinen Fluchtpunkt in den Jahren 1789 ff. damit nicht in der einzig möglichen Form, der Abschaffung der »das Unglück bedingenden Verhältnisse«. [3] Es wurde vielmehr in negativer Hinsicht durch die Guillotine, die Perpetuierung des Unglücks, realisiert. Robespierres bekannte Formulierung »das Volk, die Unglücklichen, die mir applaudieren«, die implizit auf das Streben nach Glück verweist, hatte allerdings eine so starke Ausstrahlungskraft, dass Georg Büchner den Tugendterror in seinem Drama »Dantons Tod« noch mehr als 40 Jahre nach der Revolution unter Verweis auf das Glück, auf Lebensgenuss und Liebe hinterfragen lässt. [4] Heinrich Heine dichtete 1843 gegen »das alte Entsagungslied« (das »Eiapopeia vom Himmel«) und verlangte, dass das Himmelreich »hier auf Erden schon« errichtet wird: »Wir wollen auf Erden glücklich sein/ Und wollen nicht mehr darben.« [5]
Dieser Glücksbegriff, auf den Heine im »Wintermärchen«, Büchner in seinem »Danton« oder Schiller in der »Ode an die Freude« zurückgriffen, war eine zutiefst bürgerliche Vorstellung. Die Idee von Liebe und irdischem Glück entstand nicht nur gemeinsam mit dem Bürgertum. Das Bürgertum war auch die erste nennenswerte Kraft, die das diesseitige Glück zum politischen Programmpunkt erhob; Robert Mauzi berichtet darüber, dass allein die französische Aufklärung des 18. Jahrhunderts rund 50 Schriften mit den Titeln »Versuch über das Glück« oder »Abhandlung über das Glück« hervorbrachte. [6] Der überschießende Gehalt der Linken war damit ein bürgerlicher Überschuss; sein Fluchtpunkt war letztlich das Streben nach Glück. Angesichts der Kanonen, mit denen aufständische Arbeiter regelmäßig zusammengeschossen wurden, und angesichts der Plackerei, auf der der Kapitalismus basiert, ist der viel beschworene proletarische Klassenhass gegen die »Müßiggänger«, von denen in Luckhardts Übersetzung der »Internationale« die Rede ist (»Die Müßiggänger schiebt beiseite/ Diese Welt muss unser sein«), zwar bis zu einem gewissen Grad verständlich: Niemand, der bei Verstand ist, lässt sich gern zusammenschießen, wenn er Einspruch gegen einen Sechzehn-Stundentag erhebt. Das Vorgehen gegen die »Müßiggänger« hatte allerdings regelmäßig die Zerstörung des Müßiggangs zur Folge. Die Linke agierte stets dann im Sinn der einen Menschheit, an deren Stelle sich das Bürgertum gesetzt hatte, wenn sie sich dieser Form des proletarischen Klassenhasses gerade nicht hingab, tabula rasa machen wollte und dem Bürgertum ausgerechnet seinen Luxus vorwarf. Sie trat vielmehr dann für einen wahrhaft menschlichen Zustand ein, wenn sie den Verhältnissen vorwarf, dass nicht jeder am Luxus des Bürgertums teilhaben kann, wenn sie darauf verwies, dass das »pursuit of happiness« über die bürgerliche Republik hinausweist und wenn sie das Ideal der bürgerlichen Gesellschaft nicht, wie der politische Liberalismus, mit der Realität verwechselte, sondern als Waffe gegen die schlechten Verhältnisse in Anschlag brachte, um über sie hinauszugehen – wenn sie also mit einem Wort Ideologiekritik betrieb.

Eine authentische Linke?
Wer sich vor diesem Hintergrund auf die Suche nach einer authentischen ideologiekritischen Strömung innerhalb der historischen Linken begeben will, durch deren Schriften die alten Lenin-, Stalin- oder Subcommandante-Marcos-Bände ersetzt werden können, muss allerdings enttäuscht werden. Die einzelnen Fraktionen der historischen Linken lassen sich im Hinblick auf ihren überschießenden Gehalt nur schwerlich in Aschenbrödel-Manier voneinander trennen. Selbst ein so hervorragender Kritiker des Stalinismus wie Arthur Koestler, der sich auch in den 1950er Jahren noch als Linker begriff und die Neuausrichtung des Links-rechts-Gegensatzes an der Ost-West-Achse durch seine bloße Existenz in Frage stellte, blieb nach seinem Bruch mit dem Parteikommunismus ein »umgekehrter Stalinist« (Isaac Deutscher): [7] Er kam weder vom alten Funktionärsjargon noch von der stalinistischen Mensch-oder-Schwein-Rhetorik los. Selbst seine eigenen Fellow Travellers vom »Congress for Cultural Freedom« warfen ihm dementsprechend regelmäßig vor, einen »Totalitarismus der Freiheit« zu vertreten. [8] Koestler blieb – und das mindert die Richtigkeit seiner Kritik am Stalinismus und den deutschen Neutralitätskonzepten der 1950er Jahre in keiner Weise – auch nach seinem Bruch mit der Sowjetunion der Eiferer und Bekenner, der er schon sein musste, um es so lange an der Seite von Walter Ulbricht, Herbert Wehner oder Bodo Uhse aushalten zu können.

Totschlagwort »emanzipatorisch«
Dieser widersprüchliche Charakter der Linken, der sich bei Koestler und, wenn auch in stark abgeschwächter Form, selbst noch im Sowjetmarxismus findet [9], hat sich inzwischen in schlechte Eindeutigkeit aufgelöst. Der überschießende Gehalt, den die Linke lange Zeit transportierte, ist liquidiert. Ein Beispiel soll genügen: Mitte der 1920er Jahre erklärte Leo Trotzki, der von Willy Huhn einmal durchaus richtig als »verhinderter Stalin« bezeichnet wurde [10], mit Blick auf eine befreite Gesellschaft: »Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer, seine Stimme musikalischer werden. Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralität annehmen. Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben. Und über dieser Gebirgskette werden neue Gipfel aufragen.« [11] Diese Passage klingt in ihrer fortschrittsoptimistischen, auftrumpfenden Art zweifellos lächerlich und autoritär zugleich. Nichtsdestotrotz steht sie auch für einen nahezu unstillbaren Anspruch ans Leben, an die Menschheit und an die Zukunft. In der heutigen Linken ist an die Stelle all der Metaphern, Phantastereien und hochfliegenden Träume, die sich in den Schriften der Frühsozialisten, der Utopisten und selbst der Bolschewiki finden, eine einzige Vokabel getreten: das Wort »emanzipatorisch«. Dieser Begriff, der einmal die Freilassung aus einem Zustand der Abhängigkeit bezeichnete, ist mittlerweile vollkommen auf den Hund gekommen. Mit ihm kann inzwischen nicht nur jede Sauerei gerechtfertigt werden. Er kaschiert zugleich die vollkommene Erwartungslosigkeit der Linken, ihre Trostlosigkeit und das vollständige Fehlen von Ideen überhaupt. Im Vergleich zu den heutigen linken Sehnsüchten, die kaum über den bloßen Wortlaut dieser Vokabel hinausgehen [12], liest sich selbst eine regressive Utopie wie das »Schlaraffenland« als ein Inbegriff von Erwartung ans Leben; im Vergleich zu Jutta Ditfurths »Feuer in die Herzen«, den literarischen Produktionen der so genannten Zukunftswerkstätten oder Manu Chaos ranzigen Texten erscheint selbst die stupide Idee von gebratenen Tauben, die in den Mund fliegen, als Inbegriff von Phantasie, die sich die heutige Linke aufgrund ihrer kompletten Abwesenheit umso verbissener auf ihre Fahnen schreiben muss. Ganz in diesem Sinn taucht der Begriff des Glücks hierzulande in keinem einzigen linken Parteiprogramm mehr auf. Er ist in der Agenda der Linken inzwischen für die glücklichen Kühe und Hühner reserviert, zu deren Vertretung sie sich aufgeschwungen hat.

Die Linke als Avantgarde
Dass die Linke ihren überschießenden Gehalt verloren hat und ihre Protagonisten keine Ansprüche mehr ans Leben stellen, ist allerdings nicht allein ihre Schuld. Nach 200 Jahren Kapitalismus ist die Gesellschaft nur noch bedingt dazu in der Lage, die Vorstellung »Jeder ist seines Glückes Schmied« zu reproduzieren. Das bürgerliche Glücksversprechen, auf das sich die besten Traditionen der Linken einmal ausrichteten, ist im Verschwinden begriffen. Im Unterschied zum Feudaladel oder den frühen Bürgern ist selbst die heutige Upper Class nicht mehr dazu in der Lage, eine menschenwürdige, also beneidens- und nachahmenswerte Lebensweise zu pflegen. Wer will schon mit Josef Ackermann tauschen, wer mit Britney Spears und wer mit den Bewohnern des Dschungelcamps? Die heutige Prominenz ähnelt sich verbitterten und griesgrämigen Extremsportlern à la Leni Riefenstahl an, die von Genussfeindschaft und Verzicht gezeichnet sind, aber auch im hohen Alter noch sportliche Höchstleistungen vollbringen können; sie hetzen von Termin zu Termin, vom Jogging zum Workout und von der Gala zum Empfang – und bezeichnen dieses Stahlbad, insbesondere dann, wenn sie es nur noch mit Hilfe von Aufputschmitteln durchhalten können, zum Hohn auch noch als Hedonismus.
Vor dem Hintergrund dieser sprichwörtlichen Verelendung wird das gesellschaftliche Ideal der Realität, soll heißen: dem Kampf aller gegen alle, angeglichen; im Zeichen der Krise weicht das Versprechen »Wohlstand für alle«, mit dem konservative und liberale Parteien lange Zeit antraten, der Forderung, den Gürtel enger zu schnallen. Diese Entwicklung hat zweifellos auch Auswirkungen auf Ideologiekritik: Wenn die Institutionen, die an die Stelle der klassischen Ideologieproduzenten getreten sind (Werbefernsehen, Grundkurs Soziologie, Nachmittagstalk auf RTL-2 usw.), nur noch bestätigen und verdoppeln, was ohnehin stattfindet, wenn also nicht die Realität zum Ideal, sondern das Ideal zur Realität strebt, dann verliert Ideologiekritik ihre Berechtigung.
Die Aufgabe der Linken wäre es in dieser Situation gewesen, die Voraussetzungen von Ideologiekritik zu verteidigen. Es hätte, wie Wolfgang Pohrt 1973 erklärte, gegolten, »die selbst nur noch widersprüchlichen, nämlich allein im Augenblick ihres Scheiterns erfahrbaren Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters – Vernunft, Autonomie, Individualität, romantische Liebe – vor ihrer Liquidierung durch die kapitalistische Entwicklung zu retten«. [13] Die Linke, und genau das ist ihr vorzuwerfen, tat jedoch das Gegenteil: Sie beteiligte sich aktiv und an vorderster Front an dieser Liquidierung. Wer an Verschwörungstheorien glaubt, könnte fast auf die Idee kommen, dass die viel beschworene radikale Linke von einer finsteren Macht als das zentrale Versuchslabor benutzt wird, in dem jeder neue Irrsinn, jede neue Strategie zur Zerstörung der Vernunft, getestet wird, ehe sie auf den Mainstream losgelassen wird: Bevor der Poststrukturalismus in der »Bundeszentrale für politische Bildung« oder im Kamingespräch mit den Altkanzlern ankam, wurden Foucault und Guattari 1978 beim Tunix-Kongress in Westberlin von rund 10.000 Anarchos, Spontis und Stadtindianern mit Standing Ovations empfangen. Bevor Antiimperialismus und Antirassismus, der Verrat am Gedanken der einen Menschheit, die »Lindenstraße«, die Frankfurter Rundschau oder die Süddeutsche Zeitung eroberten, waren sie in der Radikal beheimatet. Und bevor der Veganismus Nina Hagen und die Massen ergriff, erlebte er in besetzten Häusern eine Latenzphase.

Das große Missverständnis
Wenn sich ein junger Mensch in der Magdeburger Börde, in Düsseldorf oder am Rand der Müritz den örtlichen Hau-Drauf-Autonomen, den Grünen oder noch schlimmer: der Linkspartei anschließt, dann fühlt er sich zwar oft genug von genau dem angezogen, wofür sie auch real stehen: Fünfzehn Jahre Erziehung und Prägung durch Berufs-Ostler, linke Gemeinschaftskundelehrer oder die klassische linke Schul- und Erweckungsliteratur (»Momo«, »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«, »Die Welle« usw.) sorgen dummerweise nicht immer für die Abscheu, die sich Ideologiekritiker wünschen. Manchmal geht ein solcher Entschluss allerdings auch auf etwas anderes zurück als auf die Überzeugungskraft der jeweiligen Parteiprogramme, den überwältigenden Charme kleinstädtischer PDS-Funktionäre oder die Begeisterung für die Werwolfromantik der Autonomen. Die besten Beispiele hierfür sind nicht zuletzt die mehr als gebrochenen politischen Biografien derjenigen, die auf den Podien ideologiekritischer Konferenzen versammelt sind. Der Anschluss an Vereine wie die autonome Antifa, das Sozialistische Büro oder den KB dürfte in solchen Fällen eher – aber, um keine Idealisierung zu betreiben, selbstverständlich nicht ausschließlich – auf Naivität oder die vorläufige Unfähigkeit zurückzuführen sein, die eigene Unzufriedenheit mit Eltern, Lehrern, Sozialarbeitern, Dorf- und Kleinstadtschlägern, kurz: den Widerwärtigkeiten des Alltagslebens, auf einen Begriff zu bringen. Der Anschluss an die Linke dürfte hier auf den Nachschein der Zeit zurückzuführen sein, in der Teile der Linken das Glücksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft noch Ernst nahmen und gerade aus diesem Grund nicht hinter diese Gesellschaft zurückfallen wollten.
Das Bemerkenswerte ist: Verantwortlich dafür, dass die Linke immer noch mit der Befreiung der Menschheit gleichgesetzt wird, ist weniger die Linke selbst; verantwortlich hierfür scheint vielmehr die rechte und konservative Gegenpropaganda zu sein. Die denunziatorisch gemeinten Vorwürfe, dass die Linke für Libertinage, Genuss und Glück eintrete, dürften in letzter Konsequenz mehr zu dieser Identifikation beigetragen haben als die regelmäßigen Dementis der Linken, ihre Verzichts- und Waschzwangrhetorik. Als Anfang der 1990er Jahre auf breiter Ebene – vom Rotbuch-Verlag über den Dietz-Verlag bis hin zur FAZ [14] – über die Frage »Was ist heute noch links?« debattiert wurde, spulte die Mehrheit der Mitwirkenden, vor allem aus dem Spektrum der Linken selbst, die einschlägigen Standardformeln und Anti-Begriffe ab: »antifaschistisch«, »antirassistisch«, »antikapitalistisch«, »feministisch«, »ökologisch« usw. Nur eine Person erinnerte daran, dass es der Linken nicht nur um Kindergartenplätze, soziale Umverteilung und Krötentunnel an Fernverkehrsstraßen gegangen war. Der einzige, der in der gesamten Debatte darauf verwies, dass die Linke für eine »Gesellschaft der Gleichen und Glücklichen« eingetreten war – vom Glück war bei keinem anderen die Rede! –, war ein klassischer deutscher Reaktionär mit dem Namen Ernst Nolte. [15]

Das Fazit
Was heißt das nun? Drei zusammenfassende Thesen:
1. In der heutigen Linken ist die Dialektik der Aufklärung, die sich seit 1789 durch die Geschichte der Linken zog, stillgelegt. Die Idee der Befreiung der Menschheit kann nicht mehr gemeinsam mit der Linken, sondern nur noch im stetigen Widerspruch zu ihr aufrechterhalten werden.
2. Die Linke ist inzwischen eine der zentralen Institutionen deutscher Ideologie. Antideutsche Ideologiekritik wird schon aus diesem Grund nicht so schnell von ihr loskommen. Dabei hat sie allerdings auch ihre eigenen Ursprünge in der Linken kritisch zu hinterfragen. Zur Erinnerung: Am Anfang der antideutschen Strömungsbildung innerhalb der Linken, für die Namen wie Thomas Ebermann und Rainer Trampert stehen, stand ein Satz, der seinerzeit von fast allen Vereinen, die sich als antideutsch begriffen (von der Radikalen Linken bis zur KB-Minderheit), positiv aufgegriffen wurde: »Wir wollen kein Selbstbestimmungsrecht der Deutschen, denn es ist ein Selbstbestimmungsrecht von Imperialisten!« [16] Detlef zum Winkel erklärte 1990 durchaus richtig, dass der Antiimperialismus der größte gemeinsame Nenner der »Nie-wieder-Deutschland«-Fraktion sei. (AK 319/1990) Hier wurde mit anderen Worten der paradoxe Versuch unternommen, einige der klassischen Bestandteile (links-)deutscher Ideologie über den Einbruch von 1989 hinüberzuretten und auf Deutschland auszurichten: Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde gegen den Imperialismus und das profit- und mordgierige Großkapital verteidigt, die ausnahmsweise nicht mit den USA, sondern mit Deutschland – oder genauer: mit dem NS-Staat, der durch die Rede vom »Vierten Reich« regelmäßig aufgerufen wurde – identifiziert wurden. Das Resultat kann im Bundestag begutacht werden: Hier dürfte es inzwischen kaum noch eine Fraktion geben, die nicht in diesem Sinn »antideutsch« ist, gegen den Imperialismus und die Interessen des großen Kapitals eintritt, auf die besondere Verantwortung Deutschlands »wegen Auschwitz« verweist und damit ihren ganz eigenen Beitrag zur Aktualisierung deutscher Ideologie leistet.
3. Die Abkehr von der Linken ist gleichzeitig eine Rückkehr zur Linken; der überschießende Gehalt, den die historische Linke transportierte, muss gegen die heutige Linke verteidigt werden. Das heißt zugleich: Wer z.B. in einer der zentralen Institutionen neuer deutscher Ideologie, im größten Palästina-Komitee seit der NSDAP, ausgerechnet eine israelfreundliche Klitsche für Frieden in Nahost aufmacht, muss sich nicht nur zur Last legen lassen, weniger die Israelsolidarität als die heutige Linke zu stärken. Er muss sich zugleich vorwerfen lassen, sein nominelles Anliegen zu entwerten. An den entsprechenden Arbeitskreisen kann sich die Bewegung ihrer vermeintlichen Heterogenität und ihres Pluralismus’ versichern; ihr kritischerer Teil kann sein Mitmachen damit legitimieren, dass beim »Thema Israel«, zu dem die Solidarität gegen den Antisemitismus durch die kritische Kooperation mit den Freunden der Hamas verkommt, doch inzwischen eine Sensibilisierung stattgefunden habe. Anstatt die Illusion zu wecken, dass die Linke noch als Partei der Aufklärung fungiert, gilt es vielmehr, diese Illusionen zu zerstören. Ganz einfach: Wer den Vatikan für den Hort freier Liebe hält, sollte bei seinem Gang ins Priesterseminar nicht auch noch unterstützt, sondern über seinen Irrtum aufgeklärt werden. Das ist ein Gebot der Höflichkeit. In gewisser Hinsicht müsste man über die konservative und rechte Fehlwahrnehmung – die Linke als Partei des Glücks – zwar fast froh sein und sie forcieren: Immerhin sorgt sie dafür, dass die große deutsche Volksfront von links bis rechts, die Jürgen Elsässer gegen Amerika führen will, vorerst nur als ideelles und nicht als reelles Bündnis besteht. Aber erstens brauchen sich die Kritiker deutscher Ideologie derzeit keine allzu großen Illusionen über ihren Einfluss auf Rechte und Konservative machen; um ihre viel beschworene gesellschaftliche Relevanz ist es derzeit bekanntlich leider nicht allzu gut bestellt. Und zweitens kann es Ideologiekritik nicht darum gehen, der linken Preisgabe der Aufklärung einen eigenen Verrat an der Wahrheit entgegenzusetzen – egal wie ehrenwert er auch begründet sein mag.


Anmerkungen
[1] Michael Landmann: Das Israelpseudos der Pseudolinken, Berlin 1971.
[2] Herbert Marcuse: Zur Kritik des Hedonismus [1938], in: ders.: Kultur und Gesellschaft I, Frankfurt am Main 1968, S. 135. Für das Verhältnis von allgemeinem und individuellem Glück gilt im übertragenen Sinn der einfache Satz aus dem Kommunistischen Manifest, dass die freie Entfaltung eines jeden – das Individuum ist hier der Ausgangspunkt – die Voraussetzung für die freie Entfaltung aller ist: Herbert Marcuse bestimmt dieses Verhältnis analog zu Marx durch eine doppelte Frontstellung: 1. gegen den klassischen Hedonismus, der seine Ohnmacht dadurch offenbare, dass er mit der Idee des Glücks am Ziel der »Entfaltung und Befriedigung des Individuums [...] innerhalb der elenden Realität festhalten« will. 2. gegen die idealistischen Kritiker des Hedonismus, die eine vernünftige Allgemeinheit unter Abstraktion der besonderen Bedürfnisse der Menschen hypostasieren. Das Individuum soll hier bloß als »vernünftiges Wesen« in die »vernünftige Allgemeinheit« eingehen – »und nicht mit der empirischen Mannigfaltigkeit seiner Bedürfnisse und Fähigkeiten«. Das Resultat ist die völlige »Opferung des Individuums«. Ebd., S. 128 ff., 135 f. Zum Begriff des Glücks in der materialistischen Philosophie vgl. insgesamt den wunderbaren gleichnamigen Essay von Alfred Schmidt in: Drei Studien über Materialismus. Schopenhauer, Horkheimer, Glücksproblem, München, Wien 1977.
[3] Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Bd. 3, Frankfurt am Main 1983, S. 83 f.
[4] Georg Büchner: Dantons Tod. Ein Schauspiel [1835], Stuttgart 2007.
[5] Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen [1844], Düsseldorf, Zürich 1997, Caput 1.
[6] Robert Mauzi: L’idee du bonheur dans la littérature et la pensée françaises au XVIIIe sièc-le, Paris 1994, S. 9.
[7] Die Formulierung bezieht sich freilich insgesamt auf die so genannten Renegaten. Isaac Deutscher: Heretics and Renegades, Indianapolis 1969, S. 9 ff.
[8] Michael Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive? Der Kongress für kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998, S. 255 ff., 238.
[9] Selbst im bolschewistischen Begriff des »Volkes« schwang bei aller völkischen Aufladung, die sich schon bei Lenin findet, in schwacher Form gelegentlich noch die Gleichsetzung von »das Volk« und »die Unglücklichen« mit, die durch den Kollektivismus allerdings regelmäßig wieder zurückgenommen wurde. So wurde in den zentralasiatischen Sowjetrepubliken Mitte der 1920er Jahre eine Kampagne gegen »Verbrechen auf der Grundlage von Sitten und Gebräuchen« durchgeführt, am 8. März 1927, dem Internationalen Frauentag, wurden Frauen in moslemischen Regionen dazu aufgefordert, den Schleier abzulegen, und es wurde die sehr schöne Parole ausgegeben: »In sechs Monaten verschwindet der Schleier aus der Union.« Vgl. FAZ vom 4. Mai 2006.
[10] Willy Huhn: Trotzki – der gescheiterte Stalin, Berlin 1973.
[11] Leo Trotzki: Literatur und Revolution [1924], Berlin 1968, S. 215.
[12] Die Substantivform »Emanzipation« findet inzwischen merkwürdigerweise kaum noch Verwendung.
[13] Wolfgang Pohrt: Nutzlose Welt, in: ders.: Theorie des Gebrauchswerts, 2. Auflage, Berlin 1995, S. 26.
[14] Horst Dietzel, Konrad Irmschler (Hrsg.): Was ist heute links? Berlin 1991; Wolfgang Kowalsky, Wolfgang Schroeder (Hrsg.): Linke, was nun? Berlin 1993; Norberto Bobbio u.a.: What’s left? Berlin 1993.
[15] Ernst Nolte: Die Linke und ihr Dilemma, in: Bobbio, S. 87.
[16] Siggi Frieß auf der Demonstration »Nie wieder Deutschland« am 12. Mai 1990 in Frankfurt am Main. Vgl. »Deutschland? Nie wieder!« Frankfurt am Main 1990, S. 261.