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Jan Gerber
Kultur der Gewalt. Ein Amoklauf und die Sehnsucht nach der Verschmelzung
von Staat und Gesellschaft
In: Bahamas 53/2007
»Mr. Carter, Amok ist keine Olympische Disziplin!«
(Aufschrift eines DKP-Plakats von 1980)
Das Cover der Sex-Pistols-Platte Pretty Vacant zeigt zwei Busse,
die in verschiedene Richtungen fahren. Der Zielort des einen ist laut
Aufschrift »Boredom«, den anderen ließ Malcolm McLaren,
der Manager und Designer der Band, nach »Nowhere« fahren.
Kaum etwas umschreibt das Leben in den postbürgerlichen wastelands
lakonischer als diese Collage. Das Fernsehprogramm besteht aus der unendlichen
Wiederholung des Immergleichen, zwischen den Menschen scheint alles gesagt
zu sein, und am Frühstückstisch werden in ermüdender Regelmäßigkeit
die Klischees der Vorabendserien nachgestaltet. Wenn die Menschen ihr
wunschloses Unglücklichsein, die Apathie und Langeweile nicht mehr
ertragen, zerlegen sie regelmäßig ihre Wohnzimmereinrichtung,
stürzen sich in nie endende Nachbarschaftsstreitigkeiten, begehen
Suizid oder laufen Amok – wobei letzteres von durchaus anderer Qualität
ist als die anderen genannten Formen von Autodestruktivität.
Nachdem ein Schüler in Bad Reichenhall im November 1999 seine Schwester,
drei Passanten und schließlich sich selbst tötete, wollte Wolfgang
Pohrt Amokläufe als Selbstverteidigungsakt verstanden wissen. Im
Amoklauf, so führte er aus, verteidigt sich das verzweifelte Individuum
gegen den Verlust des »Glaubens an die Menschheit«, gegen
die »Abziehbilder, die man im TV zu sehen bekommt«, gegen
Personen also, »von denen nichts mehr übrig ist«. Unter
dem Stichwort »Amok« notierte er: »Menschen ohne Gewissen,
ohne Selbst, ohne Scham und ohne Würde kann man außer mit dem
Messer nicht verletzen. Man kann sie weder bloßstellen noch kränken,
weil hinter der Fassade oder der Maske nichts ist. Sie brechen nicht zusammen
und es bricht für sie keine Welt zusammen, wenn ihnen bewiesen oder
wenn öffentlich bekannt wird, dass sie verächtliche kleine Schurken
sind.«
Der Amokläufer erscheint bei Pohrt damit als Vollstrecker einer der
bekanntesten Aussagen André Bretons: »Die einfachste surrealistische
Tat«, so hatte Breton 1930 im Zweiten Surrealistischen Manifest
erklärt, »besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten
auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die
Menge zu schießen.« Die blinde Gewalt, die Breton hier beschreibt,
ist tatsächlich die Gewalt des verzweifelten Individuums, das die
Ausweglosigkeit seiner Situation erkennt; sie richtet sich gegen die »conditions
dérisoires, ici-bas«, gegen die unzumutbaren Zustände
hier unten.
Pohrt übersieht allerdings, dass kein Surrealist Bretons Aussage
je als Handlungsanleitung begriff und tatsächlich loszog, um Menschen
zu erschießen. Den Revolver nahmen vielmehr diejenigen in die Hand,
die beispielsweise das Kino stürmten, in dem Luis Buñuels
surrealistischer, von Breton inspirierter Film Das goldene Zeitalter
1930 uraufgeführt wurde: faschistische Schlägertrupps. Während
Bretons Diktum auf die Kritik einer Gesellschaft zielt, die die Menschen
schon im Jugendalter in gehässig-lethargische Greise verwandelt,
bekundet seine praktische Ausführung, die Ermordung willkürlich
ausgewählter Menschen also, nichts als Vernichtungsbedürfnis.
Schon das gewöhnliche Ende eines Amoklaufs verweist darauf, dass
dem Amokläufer nicht, wie von Pohrt suggeriert, an seiner Selbstverteidigung
als Individuum gelegen ist, sondern an seiner Selbstauslöschung.
Er verlässt den Ort seiner Raserei in der Regel im Leichensack –
gemeinsam mit seinen Opfern, die das Bühnenbild für den Abgang
des Amokläufers abgeben mussten. Der eigene Tod scheint für
den rampage killer, wie der Amokläufer in den USA gelegentlich
genannt wird, ebenso wichtig zu sein wie der Tod seiner Opfer. Denn diejenigen
Amokläufer, die nicht von einem Sondereinsatzkommando der Polizei
bzw. bei einem suicide by cop getötet werden, richten die
Waffe am Ende regelmäßig gegen sich selbst.
Diese Kombination aus Vernichtungsbedürfnis und der Sehnsucht nach
dem eigenen Untergang erinnert an Adornos Beschreibung des Nationalsozialismus.
In den Konzentrationslagern und Gaskammern, so formulierte er in den Minima
Moralia, »wird gleichsam der Untergang von Deutschland diskontiert«.
»Keiner (...) konnte das Moment tödlicher Traurigkeit, des
halbwissend einem Unheilvollen sich Anvertrauens übersehen, das den
angedrehten Rausch, die Fackelzüge und Trommeleien begleitete (...)
Bleibt kein Ausweg, so wird dem Vernichtungsdrang vollends gleichgültig,
worin er nie ganz fest unterschied: ob er gegen andere sich richtet oder
gegens eigene Subjekt.« Der Amoklauf erscheint in diesem Zusammenhang
wie eine individuelle Variante des Nationalsozialismus. Und tatsächlich
trat der moderne Amokläufer erstmals in einer Zeit auf, in der das
bürgerliche Individuum bereits im Abgang begriffen war. Noch Ende
des 19. Jahrhunderts konnten sich die Verfasser von Enzyklopädien
die Taten, die dem bis dahin weitgehend unbekannten Phänomen des
modernen Amoklaufs kurze Zeit später den Namen gaben – den
malaiisch-indonesischen amuk, bei dem sich Krieger ohne Rücksicht
auf das eigene Leben in die Schlacht stürzen, um so viele Gegner
wie möglich zu töten – nur als Folge von Opiumkonsum vorstellen.
Zwischen Begeisterung und Ablehnung
Nachdem ein Student an der Virginia Tech im amerikanischen Blacksburg
Mitte April 32 Menschen bei einem Amoklauf erschoss, konnten die hiesigen
Medien, aus deren verschiedenen Sparten – von der Bildzeitung
über die Frankfurter Rundschau und die Süddeutsche
Zeitung bis hin zu den Pro7-Nachrichten – zielgruppengerecht
der mentale Zustand des deutschen Publikums spricht, eine gewisse Faszination
zunächst nicht verbergen. Zu sehr fühlen sich die Landsleute
offensichtlich von der Welt und ihren Mitmenschen »belogen und betrogen«,
als dass sich bei ihnen nicht eine gewisse Befriedigung einstellt, wenn
jemand die Vernichtungswünsche, die sie derzeit noch bevorzugt beim
Autofahren äußern, in die Tat umsetzt. Im Spiegel
wurde minutiös über den Hergang der Tat berichtet, die Bildzeitung
druckte die Gewaltphantasien, die der Amokläufer notiert hatte, in
großen Lettern ab, und der Stern berichtete in einem gesonderten
Artikel über »Die Waffen des Amokläufers«, ihr Kaliber,
die Magazinkapazität, ihr Gewicht usw. Trotz dieser Faszination,
die aus den »Amok-Specials« der diversen Blätter sprach,
wollte sich dennoch keine richtige Begeisterung für die Tat einstellen.
In der FAZ wurde zugleich erklärt, dass nicht nur Amerika
»entsetzt über eine furchtbare Tat« sei; im Hessischen
Rundfunk war zu hören, dass »wir« »fassungslos«
seien; und ein Redakteur der Tagesschau erklärte, dass die Ereignisse
von Blacksburg »betroffen machen«.
Bei anderen Massakern reagieren die deutschen Berichterstatter oft weniger
zwiespältig. Als sich an israelischen Bushaltestellen, auf Märkten
und öffentlichen Plätzen noch regelmäßig Selbstmordattentäter
in die Luft sprengten – inzwischen hat der Bau des Sicherheitszaunes
zumindest für eine gewisse Entspannung der Situation gesorgt –,
um so viele Juden wie möglich mit in den Tod zu reißen, wurden
oft nicht einmal die einschlägigen Betroffenheitsfloskeln bemüht.
Kein Massaker in einem israelischen Bus war zu barbarisch, kein suicide
bombing in einer israelischen Diskothek zu viehisch und kein Lynchmob
zu bestialisch, als dass sich nicht ein deutscher Journalist fand, der
die Tat mit der israelischen Besatzungspolitik oder der schweren Kindheit
des Täters rechtfertigte.
Der Grund für diesen unterschiedlichen Grad an Begeisterung für
das rampage killing auf der einen und das suicide bombing
auf der anderen Seite dürfte in der Differenz zwischen Amoklauf und
Selbstmordattentat zu suchen sein. So markiert die Entstehung des modernen
Amoklaufs zwar in historischer Hinsicht den Übergang vom bürgerlichen
Individuum zum faschistischen Subjekt. Im herkömmlichen Amokläufer
scheint dieser Übergang allerdings noch nicht vollständig vollzogen
zu sein. Tatsächlich erweist der Amokläufer – und hier
hat Pohrt doch noch Recht – dem untergegangenen bürgerlichen
Individuum in verquerer Weise Referenz. Anders als der Selbstmordattentäter
ist der Amokläufer ein zumeist introvertierter Einzelgänger,
der sich dem Kollektiv verweigert; er scheint mit seiner Tat als Einzelner,
das heißt: ohne Rückbindung an Staat, Partei oder Glaubenskollektiv,
noch einmal wirkungsmächtig werden zu wollen. Selbst in der Tat des
durchschnittlichen Amokläufers, der in der Regel nicht besonders
gezielt nach seinen Opfern sucht, sondern willkürlich ausgewählte
Menschen ermordet, spiegelt sich in verzerrter Weise eine alte bürgerliche
Parole wider. »Man lehrt uns«, so erklärte Pohrt in seinem
Amok-Text, »alle Menschen ohne Ansehung der Person zu achten. Die
Menschen sind wesensgleich, heißt das, und das Wesen ist gut. Wir
haben hier einen analytischen Befund und ein Werturteil. Der Junge [der
in Bad Reichenhall Amok lief; J.G.] nun hat zwar den analytischen Befund
akzeptiert, aber das Werturteil verworfen. Die Menschen sind gleich heißt
dann ›gleichermaßen tötenswert‹.«
Des weiteren gilt für Amokläufer, die meist keine so genannte
psychische Erkrankung aufweisen, das, was Gerhard Scheit in Die Meister
der Krise über den Wahnsinnigen als Einzelgänger bemerkt:
Seine Dignität »beruht darauf, dass sein ›Irresein‹
fürs gesellschaftliche Ganze nicht funktional, sein Verhalten alles
andere als systemkonform ist – das Individuum wird darum für
gewöhnlich sofort isoliert und ›behandelt‹, um Störungen
des Betriebs zu vermeiden«.
Das suicide bombing ist hingegen, wie Scheit an anderer Stelle
ausführt, die »individuelle Vollendung des kollektiven Wahns«.
Während der Amokläufer als Einzelgänger und ohne Rückkopplung
an Staat und Kollektiv auftritt, ist der Selbstmordattentäter eins
mit dem Staat. Er ist in seinem Innersten »vollkommen integriert
und integrierend«; er agiert »zu dem einzigen Zweck, im Selbstopfer
für einen realen oder imaginären Staat möglichst viele
Menschen zu töten«. Anders als die Opfer eines herkömmlichen
Amoklaufs sind die Opfer eines Selbstmordattentats dementsprechend nicht
mehr austauschbar. Zielt das rampage killing auf die Ermordung
möglichst vieler Menschen – egal welcher Hautfarbe, welchen
Alters und welchen Geschlechts –, zielt das Selbstmordattentat auf
den Tod möglichst vieler tatsächlicher oder halluzinierter Feinde
dieses realen oder imaginären Staates, die regelmäßig
in der Figur des Juden personifiziert werden.
Vom kollektiven Amokläufer zum Friedensstifter
Während eine solche Aufopferung in traditionell staatsskeptischen
Gesellschaften zumeist auf Ablehnung stößt, trifft das Sterben
für eine höhere Sache bei den Erfindern des kollektiven Amoklaufs
traditionell auf Begeisterung. Allerdings nicht ganz ungebrochen: Traten
die Deutschen im Nationalsozialismus noch als gemeinschaftlicher Amokläufer
auf, präsentieren sie sich inzwischen als geläuterte Friedensmacht.
Das zentrale Instrument der deutschen Außenpolitik ist nicht mehr
die Drohung mit der militärischen Potenz und dem Aufopferungswillen
der Landsleute, der Bereitschaft also, für Volk und Vaterland zu
sterben und zu vernichten, sondern der Dialog.
Gerade diese Dialog-Bereitschaft setzt die Tradition jedoch vermittelt
fort. So bringen die Mitarbeiter der einschlägigen Ministerien, think
tanks und Redaktionsstuben bekanntlich ausgerechnet denjenigen besonderes
Verständnis entgegen, die nicht nur in der Feindbestimmung, sondern
auch in ihrem Aufopferungs- und Vernichtungswillen für den Staat
in der Tradition des Nationalsozialismus stehen. Mit dem Gesprächsangebot
an die Mörderbanden der Hamas, den Iran oder die Hisbollah wird gut
diskurstheoretisch signalisiert, dass die Vernichtung Israels und das
Selbstopfer für den Staat von Seiten der deutschen Außenpolitik
für diskussionswürdig gehalten werden. Ausgerechnet den Staaten,
die nicht bereit sind, über die Aussage »Tod den Juden«
oder über eine »Welt ohne Zionismus« zu diskutieren –
allen voran Israel und die USA –, werden hingegen als Friedensstörer,
Gewalttäter und archaische Freunde von Krieg und Gewalt denunziert.
Vor diesem Hintergrund waren die deutschen Journalisten und ihr Publikum
nach dem Amoklauf an der Virginia Tech doch noch zu Emotion und Emphase
fähig. Wie schon das Massaker an der Columbine Highschool im April
1999 wurde auch die Tragödie von Blacksburg innerhalb kürzester
Zeit in eine Anklage gegen Amerika umgewandelt. (Vgl. Bahamas 29/1999)
Nach Bad Reichenhall, Erfurt und Emsdetten kamen die hiesigen Journalisten
zwar nicht umhin, darauf zu verweisen, dass es auch in Deutschland Amokläufe
gibt. Bereits nach diesen Ereignissen hatten sie jedoch gelernt, wie sich
der antiamerikanische Reflex mit dem Wissen um Amokläufe in Deutschland
vermitteln lässt. Obwohl keine Statistik existiert, in der die Anzahl
der rampage killings in den USA mit denen in Europa verglichen
wird – setzt man diese Morde ins Verhältnis zur Bevölkerungszahl,
dürften die Unterschiede eher gering ausfallen –, wurden die
deutschen Amokläufe ganz schlicht als amerikanische Exportware präsentiert.
So erklärten fast 40 Prozent derjenigen, die sich 1999 an der Umfrage
einer Telefonfirma beteiligten, dass sie nach dem Amoklauf von Bad Reichenhall
»amerikanische Verhältnisse« in der Bundesrepublik befürchten.
Nach den Ereignissen von Emsdetten erklärte Volker Beck, der Geschäftsführer
der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, dass
die Ereignisse von »einer erschreckenden Intensität«
seien, »die schon an amerikanische Verhältnisse« erinnere.
Und die Redakteure der WDR-Sendung »Hart aber fair« fragten
ihre Talkshow-Gäste nach dem misslungenen Amoklauf von Emsdetten:
»Drohen uns amerikanische Verhältnisse?«
Ganz in diesem Sinn informierten die einschlägigen Experten das deutsche
Publikum bereits kurz nach den Ereignissen von Blacksburg über die
»wahren Hintergründe« der Tragödie. Den Anfang machte
Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld. Noch bevor die Identität
des Täters bekannt war, erklärte er in einem Interview, das
in der Online-Ausgabe der Zeit veröffentlicht wurde, eine »Kultur
der Gewalt in Amerika« für den Amoklauf verantwortlich. Gewalt
und der Einsatz von Waffen, so der »Gewaltforscher« (O-Ton
Die Zeit), seien jenseits des Atlantiks »selbstverständlich«.
In der Online-Ausgabe des Spiegel schien Heitmeyer unter dem
Pseudonym Marc Pitzke zu schreiben. Auch hier beklagte er sich zunächst
über die amerikanischen Waffengesetze, um dann zu erklären:
»Wer tiefer bohrt, stößt auf ein komplexeres Problemfeld:
Amerikas gern beklagte ›Kultur der Gewalt‹...« Im Tagesspiegel
wurden Heitmeyer und Pitzke von Elisabeth Bronfen sekundiert. Die Amokläufe
in Amerika, so erklärte die Professorin für »amerikanische
Kulturwissenschaft«, hätten zwei Ursachen: »den amerikanischen
Individualismus und das Verhältnis der US-Gesellschaft zur Gewalt«.
Gewalt sei in den USA »Teil der Vorstellung des Individuums«.
Die amerikanische Gesellschaft beruhe darauf, »dass Menschen einst
an der Küste gelandet sind und sich gegen Indianer und andere Einwanderer
behaupten mussten, notfalls mit Gewalt«. »Das definiert im
Grunde bis heute die amerikanische Politik.«
Selbst ein Autor der Jungle World wollte einen Zusammenhang zwischen
dem Amoklauf von Blacksburg und der politischen Kultur der USA entdeckt
haben. Jörn Schulz verzichtete zwar auf die Formel »Kultur
der Gewalt«. Während in den USA allerdings noch darüber
diskutiert wurde, ob der Name »Ismael Ax«, den sich der Amokschütze
Cho Seng-Huis vor der Tat auf seinen Unterarm geschrieben hatte, nun auf
einen christlichen, einen islamischen oder gar keinen Hintergrund verweise,
war Schulz bereits klar, dass der Amoklauf die »Tat eines Puritaners
war, der das Glück anderer Menschen nicht ertragen konnte«.
Im Unterschied zu Schulz, der einige Vorschläge für die Verhinderung
von Amokläufen parat hatte, verdränge die US-Gesellschaft jedoch,
dass »Chos persönliches Armageddon durch Ideen motiviert wurde,
die denen einer bedeutenden Strömung in der US-Gesellschaft recht
ähnlich sind«.
Die Besitzer von Restvernunft, die in den verschiedenen Verlagshäusern
gelegentlich anzutreffen sind, hatten da keinen guten Stand. Thomas Kleine-Brockhoff,
der Heitmeyer und Bronfen in der Online-Ausgabe der Zeit vorgeworfen
hatte, mit Amerika-Klischees zu arbeiten, wurde bereits am folgenden Tag
von seinem Vorgesetzten Ludwig Greven zurechtgewiesen. Heitmeyer, so ordnete
Greven an, habe »fern jeder Amerikafeindschaft« darauf hingewiesen,
dass es in Amerika häufiger Amokläufe gebe. »Was die Frage
nahe legt, ob das etwa mit dem spezifischen Umgang mit Gewalt und deren
›Normalität‹ in der amerikanischen Gesellschaft zu tun
hat.«
Das Gegen-Amerika
Wie immer, wenn die deutsche Öffentlichkeit ihre Einheit im Kampf
gegen Amerika findet, wurde das Gegenmodell zu den blutrünstigen
USA auch nach dem Amoklauf von Blacksburg gleich mitgeliefert. Und Wilhelm
Heitmeyer hatte bereits das Stichwort vorgegeben: Im Unterschied zu den
USA, wo rampage killings nach Ansicht des »Gewaltforschers«
vermutlich zum Lehrplan an Schulen gehören, seien Amokläufe
»in Europa (...) nicht Alltag«. Elisabeth Bronfen, die derzeit
in New York als Gastdozentin lehren darf, war der gleichen Meinung. Auch
sie präsentierte Europa als friedliche Antithese zu den USA –
wo »du selbst das Gesetz« bist, und »dich gegen die
Indianer innerhalb des eigenen Lebensbereiches« wehren musst. So
sei in Europa nicht nur die Todesstrafe abgeschafft. Die Europäer
seien darüber hinaus, wie die Professorin unter Rückgriff auf
Verhaltensbiologie und Ethnologie erklärte, »auf eine gewisse
Art domestizierter, gezüchtigter« als die Amerikaner.
Kurz nach dem ersten Medienecho in den USA gaben die einschlägigen
deutschen Textverarbeitungsmaschinen schließlich all das wieder,
was sie schon immer über den Wilden Westen sagen wollten. Vertreter
amerikanischer Waffenverbände hatten erklärt, dass der Amoklauf
möglicherweise weniger blutig verlaufen wäre, wenn es an der
Virginia Tech kein Waffenverbot gegeben hätte; Larry Pratt, der Exekutivdirektor
des Verbandes Gun Owners of America, hatte darauf hingewiesen,
dass die meisten Schulschießereien in den letzten Jahren nur vorzeitig,
das heißt: vor Eintreffen der Polizei, beendet werden konnten, weil
ein »gesetzestreuer Bürger« eine Waffe trug. Die Mitteldeutsche
Zeitung fühlte sich nach dieser Aussage an den Wilden Westen
erinnert; ein Autor von Spiegel Online wartete mit der Aussage
»wie einst im Wilden Westen« auf, und Ludwig Greven glaubte,
den Vereinigten Staaten eine Nachhilfestunde in Sachen »Lehren der
Geschichte« geben zu müssen: Die »Antwort auf Gewalt
(und auf Demütigungen)«, so erklärte der Textchef von
Zeit-Online, »kann aus europäischer Sicht niemals Gewalt sein«.
Die Antwort könne, wie er im Jargon der Ökopax-Bewegung der
1980er Jahre ergänzte, »nur in Abrüstung im Denken und
Fühlen und im Wortsinn bestehen«. In den USA, so unterstellten
seine Kollegen an anderer Stelle, sei jedoch niemandem an einer solchen
»Abrüstung« gelegen. Der Entertainer Thomas Gottschalk
beschwerte sich in einer großen Frauenzeitschrift darüber,
dass in den Vereinigten Staaten aus den Diskussionen um Amokläufe
keine Konsequenzen gezogen würden. Wilhelm Heitmeyer empörte
sich, dass in den USA nach »solchen Ereignissen« immer »wieder
zur Tagesordnung« übergegangen werde. Und selbst in Provinzblättern
wie der Rheinischen Post wurde erklärt, dass es den Amerikanern
»am politischen Willen« fehle, das Waffengesetz zu verändern.
Mit diesen Sätzen wurden zugleich implizit die Erwartungen an das
europäische Gegen-Amerika formuliert. Wie die Forderung nach der
Veränderung von Gesetzen sowie die Gemeinplätze über den
mangelnden »politischen Willen« der US-Gesellschaft zeigen,
steht im Zentrum dieser Erwartungen der Staat, der bereit ist, eben jene
»Konsequenzen« zu ziehen, sprich: Verbote zu erlassen, Gesetze
zu verschärfen und weiter in die Rechte seiner Bürger einzugreifen.
Hier besteht tatsächlich ein Unterschied zwischen den USA und »Old
Europe«. Während in Deutschland nach Amokläufen stets
nahezu parteiübergreifend nach dem Verbot immer neuer Arten von Computerspielen,
stärkeren Überwachungsmaßnahmen usw. verlangt wird, führt
man in den USA im gleichen Zusammenhang intensive Debatten darüber,
ob und inwieweit der Staat in die Freiheitsrechte seiner Bürger eingreifen
darf. Es ist dabei kein Zufall, dass sich diese Diskussionen ausgerechnet
an der tatsächlich skurrilen Frage entzünden, ob ein US-Bürger
Sturmgewehre, Maschinenpistolen und Granatwerfer horten darf, während
Gesetzesverschärfungen in anderen Bereichen oft ohne größere
Proteste hingenommen werden. So ist der zweite Verfassungszusatz von 1791,
der es Bürgern der Vereinigten Staaten erlaubt, Waffen zu tragen,
eines der zentralen Symbole für das Verhältnis der US-Amerikaner
zu ihrem Staat. Anders als in der hiesigen Presse immer wieder behauptet,
ist dieses Recht kein Ausdruck von Archaismus und Gewaltverherrlichung.
In den immer wiederkehrenden amerikanischen Debatten über die Aktualität
des zweiten Verfassungszusatzes spiegelt sich vielmehr die traditionelle
Trennung von Staat und Gesellschaft wieder. Die tatsächlich anachronistisch
erscheinende Weigerung der amerikanischen Gesellschaft, das Waffengesetz
zu verschärfen, verweist nicht nur auf das Bewusstsein von der Entstehung
und Historizität des eigenen Gemeinwesens, auf das Bewusstsein also,
dass sich die bürgerliche Gesellschaft in den USA gegen den –
in diesem Fall britischen – Staat konstituierte. Im Waffengesetz
scheint zugleich das Selbstbewusstsein des längst untergegangenen
Bürgers nach, der bereit ist, sich gegebenenfalls gegen Übergriffe
des neu geschaffenen Staates zur Wehr zu setzen. Auf das europäische
Erstaunen über die amerikanischen Waffen-Debatten wird dementsprechend
nicht nur in konservativen Blättern regelmäßig mit einem
Bonmot reagiert: »Amerikaner und Europäer glauben, dass ihnen
der Staat in Zukunft genauso wohl gesonnen ist wie heute. Die Amerikaner
sichern sich allerdings für den Fall ab, dass sie sich irren.«
Anders als nach dem Amoklauf von Blacksburg regelmäßig in der
deutschen Presse behauptet wurde, ist das amerikanische Waffengesetz dementsprechend
keine Domäne von Republikanern, Waffennarren oder Rechtsextremen.
Als der demokratische Präsidentschaftskandidat Al Gore im Wahlkampf
des Jahres 2000 die Verschärfung des Waffengesetzes zu einem der
zentralen Wahlkampfthemen machte, kostete ihn das vielmehr entscheidende
Stimmen unter langjährigen Anhängern der Demokraten. Zahlreiche
traditionelle Wähler der Democratic Party stimmten erstmals
in ihrem Leben für einen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner.
Es mag sein, dass einige dieser Wechselwähler von den Allmachtsphantasien
getrieben wurden, ohne die die Forderung, mit Waffen hantieren zu dürfen,
wohl nie auskommt. Zumindest ein Teil der abtrünnigen Demokraten
begründete seine Entscheidung seinerzeit allerdings mit der urdemokratischen
Abneigung gegen Zugriffe des Staates auf seine Bürger und ihre Privatsphäre
– auf Eingriffe, nach denen in Deutschland nicht nur nach Amokläufen
parteiübergreifend verlangt wird.
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