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Knut Germar
»Ein deutsches Ur-Muhen«
In: Bonjour Tristesse Nr. 8 (2/2009)
Friedrich Ludwig Jahn ist eine der Personen, deren Ruf als großer
Nationalheld vom »Dritten Reich« in die alte Bundesrepublik
und vor allem in die DDR hinübergerettet wurde. Besonders im Osten
der Republik wird ihm auch heute noch große Bewunderung entgegengebracht.
Eine der Stätten deutscher Jahn-Verehrung befindet sich in Sachsen-Anhalt:
So wird Jahn in Halle nicht erst seit 2006 in einem Schaukasten am Riebeckplatz
als »Turnvater« und »Demokrat« gewürdigt.
Bereits 1878 benannte man eine an der Saale gelegene Höhle nach ihm,
in der er zeitweise gehaust haben soll, um nach eigener Aussage »ungestört
über das eine nachzudenken, was Deutschland not tut«. Ein wahres
Mekka für Jahn-Fans ist das rund 50 Kilometer südlich von Halle
gelegene Städtchen Freyburg, das nicht nur eine »Jahn-Erinnerungsturnhalle«,
sein Grab und eine »Jahn-Ehrenhalle« bereithält, sondern
auch das einzige »Jahn-Museum« der Republik beherbergt. Warum
Jahn jedoch entgegen der landläufigen Meinung weder Sportler noch
Demokrat war, und warum die Völkischen ihn zu Recht als ihresgleichen
feierten, erläutert Knut Germar.
Ein typisches Merkmal von Provinzstädten ist, dass sie sich oftmals
mit jenen Bürgern schmücken, die in jungen Jahren der geistigen
Enge ihres Geburtsortes und der Idiotie seiner Bewohner noch rechtzeitig
Adieu sagen konnten, um in der Ferne ihr Glück zu suchen. Mangelt
es an solchen Persönlichkeiten, dann nehmen die jeweiligen Geburts-
oder Wirkungsorte auch mit Gestalten vorlieb, die bereits zu Lebzeiten
alles andere als Glanz versprühten und zu denen vernünftige
Menschen auch damals schon auf Abstand gingen. Wirft man einen Blick auf
Halle, dann kann man feststellen, dass beide Möglichkeiten auch nebeneinander
existieren können. Georg Friedrich Händel – der seinen
Weltruhm bekanntlich an der Themse und nicht an der Saale erlangte –
verehrt man hier wohl vor allem deshalb als »Sohn der Stadt«,
weil sein Name wenigstens einmal im Jahr ein paar zahlungskräftige
Kultur-Touristen aus dem In- und Ausland überzeugen kann, der Stadt
während der Händelfestspiele einen Besuch abzustatten. Wesentlich
verbundener fühlen sich hallische Lokalpatrioten mit jenen Söhnen
und Töchtern der Stadt, die landauf und landab als »Originale«
bezeichnet werden. Im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen seien diese »vollkommen
echt«, durch ihre »Bodenständigkeit« erscheinen
sie ihren Mitmenschen »wie Felsen in der Brandung, die sich in einer
Zeit rasanter Beschleunigung treu geblieben« sind, kurzum: »sie
sind Halle«. [1] Man liebt die »Originale« also gerade
deshalb, weil sie eben nicht – wie es Händel tat, als er sich
1712 endgültig in London niederließ – nach Höherem
streben, sondern treu auf der heimatlichen Scholle im eigenen Mief verharren.
Es ist, mit anderen Worten, die ihnen zugeschriebene »Volkstümlichkeit«,
die sie in den Augen ihrer Verehrer so bewundernswert macht.
Gymnastik als Wehrsport
Verwundernswert ist daher auch nicht, dass gerade der Mann, der das Wort
»Volkstum« erfand und von 1796 bis 1799 in Halle studierte,
als eines dieser »Originale« ungebrochene Verehrung findet.
Die Rede ist vom »Turnvater« Friedrich Ludwig Jahn. Zum hartnäckigsten
Unsinn, der über seine Person verbreitet wird, gehört das Bild
von Jahn als einem Vordenker des modernen Wettkampfsportes. Denn dem »Turnwüterich«
(Karl Marx) und der von ihm zu Beginn des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufenen
Massenbewegung ging es um alles andere, als um die Gründung harmloser
Sportvereine und die Etablierung halsbrecherischer Kunststücke als
olympische Disziplin. Jahn hatte viel Größeres im Sinn. Seine
Begeisterung für Bauchwellen, Barren und Bocksprünge war eingebettet
in einen Nationalerziehungsplan, mit dem er »Deutschlands Rettungsstern«
zum Aufgang verhelfen wollte, und den er 1810 in seiner Schrift »Deutsches
Volkstum« darlegte. [2] Allein der Titel verheißt nichts Gutes,
und so entpuppt sich Jahn bereits nach einer oberflächlichen Lektüre
als ein wahrhafter Urvater der völkischen Bewegung.
Sein Ziel war nicht einfach nur ein einheitlicher deutscher Nationalstaat,
wie seine Fans immer wieder verharmlosend betonen, sondern vielmehr ein
großdeutsches Reich, das Österreich, die Schweiz, die Niederlande
und Dänemark mit einschließen sollte. Damit »Deutschland
[…] seine ungeheurn, nie gebrauchten Kräfte« entwickeln
könne, fordert er in seiner völkischen Erweckungsschrift die
Deutschen auf, sich ihrer »Wurzeln« zu besinnen und sich ihres
»Volkstums« bewusst zu werden. Nur so könne Deutschland
erreichen, »wozu es der hohe Ruf der Natur bestimmt hat«,
nämlich »einst der Begründer des ewigen Friedens in Europa«
und »der Schutzengel der Menschheit« zu sein. Dieses erst
noch zu errichtende Deutschland sollte ein wahrhafter Volksstaat sein,
denn: »Nichts ist ein Staat ohne Volk, ein seelenloses Kunstwerk;
nichts ist ein Volk ohne Staat, wie die weltflüchtigen Zigeuner und
Juden.« Die Hauptschuld am vermeintlichen Niedergang Deutschlands
trugen in Jahns Augen finstere fremdländische Mächte und allen
voran Frankreich, dessen Truppen nach der preußischen Kapitulation
im Jahr 1807 das Königreich besetzt hielten. Nur durch gezielte französische
Beeinflussung seien die Deutschen in das »Irrgewirr der Verkünstelung«
geführt worden und hätten ihre wahre Bestimmung aus den Augen
verloren; sie »verdarben« sich »den Geist durch stumm
und taub machendes Kartenspiel«, ihr »Herz« durch »liebsieche
Romane« und ihren »Magen […] durch tagtägliche
Kartoffeln«. Neben Rommé, Liebesromanen und Erdäpfeln
war ihm besonders die französische Mode verhasst, vor deren »immer
neuen Wüterei« er die Deutschen mit einer eigens von ihm entworfenen
»Volkstracht« zu schützen gedachte. Jahn entblödete
sich dann konsequenterweise auch nicht, mit einer eigens entworfenen,
von ihm als »deutscher Rock« bezeichneten schwarzen Tracht
herumzulaufen, die dann auch den Hohn seines Zeitgenossen Heinrich Heine
auf sich zog, der über den »aufgeregten Patriotismus«
und »den Mummenschanz jener schwarzen Narren«, gemeint sind
die Turner, spottete. Die allergrößte Gefahr ging für
Jahn jedoch von französischen Kindermädchen aus. Diese seien
die Verkörperung des Undeutschen, eine »Landplage« und
das »Allerverderblichste für die weibliche Jugend«, da
diese durch sie »entweiblicht und entdeutscht« werde. Durch
die von ihnen geleistete Erziehung würde der »Blumenkeim Deutscher
Kindlichkeit« angefressen, »die Blütenknospe Deutscher
Jungfräulichkeit zernagt« und »die Lebensfrucht des Volkstums
wurmstichig« gemacht. Intime Beziehungen mit französischen
Frauen seien ein Verrat am »Volkstum«, denn ein echter Deutscher
sei jemand, der »nach einer Gattin sich sehnt, die den Vaterländischen
Eichenkranz mit Veilchen, Vergißmeinnicht und Deutschem Immergrün
umwinde.« Jahn fordert die »Verbannung der Ausländerei«
aus allen Lebensbereichen, damit Deutschland »sein Wiedergeburtsfest
und seinen Auferstehungstag feiern« könne. Sein Wunsch nach
der Ausmerzung alles Fremdem geht soweit, dass er jeglichen ausländischen
Einfluss aus der deutschen Sprache verbannt wissen will. Da »Deutsch«
das »dritte heilige Wort sein« müsse, das jedes Kind
»nach ‚Vater’ und ‚Mutter’ zuerst lallen
sollte«, fordert er nicht nur die »Vermeidung fremder Wörter«
in der Amtssprache und die Verbannung der französischen Sprache und
Werke von den Theaterbühnen. Auch bei der Namensgebung des Nachwuchses
sei tunlichst darauf zu achten, »Echtdeutsche« und nicht etwa
»Jüdische Namen« zu verwenden, verrieten letztere doch
ein »judenzendes [jüdisches; K.?G.] Gemüt«. Es war
Peter Hacks, der, mit der treffenden Charakterisierung, Jahns Sprache
klänge wie »ein deutsches Ur-Muhen«, feststellte, dass
Jahns Feldzug gegen Fremdwörter zugleich und vor allem einer gegen
die deutsche Sprache selbst war. [3] Neben solch zurecht vergessenen Wörtern
wie »Mangvölker«, »Quenckbrei« und »Immerzüngler«
verdankt ihm die deutsche Sprache eben auch das Wort »Turnen«,
die Jahnsche Eindeutschung von Gymnastik.
Neben der Reinhaltung der Sprache fordert Jahn im Veterinärs-Jargon
auch die Reinhaltung des Blutes, denn: »Mischlinge von Tieren haben
keine echte Fortpflanzungskraft, und ebenso wenig Blendlingsvölker
ein eigenes volkstümliches Fortleben. […] Wer die Edelvölker
der Erde in eine einzige Herde zu bringen trachtet, ist in Gefahr, bald
über den verächtlichsten Auskehricht des Menschengeschlechts
zu herrschen.« Es ist der im Deutschland des späten 19. Jahrhunderts
weit verbreitete Mythos der Rasse, der sich an dieser Stelle mit aller
Deutlichkeit bei Jahn bereits ankündigt, weshalb Léon Poliakov
ihn auch als einen »großen Apostel des deutsch-christlichen
Rassismus« bezeichnet. [4] Nicht nur die Vorstellung eines von Jahn
erträumten und wesentlich über das Blut bestimmten großdeutschen
Reiches war charakteristisch für den rassistischen Pangermanismus
der völkischen Ideologen nach ihm. Auch die von Jahn ins Leben gerufene
Turnbewegung nimmt, so Poliakov, »in mancherlei Hinsicht die paramilitärischen
Organisationen des Nationalsozialismus vorweg«. Nicht nur das beim
Antreten der Turner geblökte »Gut Heil!« weckt Assoziationen
zum »Sieg Heil!« der Nazis. Es ist das bündische Organisationsprinzip
der sich um einen geliebten Führer rottenden Turner, das sich die
Völkischen einige Jahre nach Jahns Ableben auf die runenbesetzten
Fahnen schrieben und als gesellschaftlichen Gegenentwurf zum verhassten
Individualismus in Anschlag brachten. [5]
Vor diesem Hintergrund muss auch Jahns sportliches Engagement verstanden
werden. Um seinen Traum vom großdeutschen Reich zu verwirklichen,
forderte er von seinen Landsleuten Zucht, Ordnung und eben körperliche
Ertüchtigung. Nur durch »des Krieges Eisenband und der Waffen
Stahlkur«? [6] könnten die durch die »Ausländerei«
verweichlichten Deutschen zu ihrer naturgegebenen Stärke zurückkehren.
Das Turnen, das er als wesentlichen Bestandteil seines Konzeptes der »Volkserziehung«
verstanden wissen wollte, sollte die Deutschen auf den »Kampf auf
Leben und Tod fürs Vaterland« vorbereiten. Sie sollten »durch
Leibesübungen waffenfähig« werden, um der Welt durch einen
»vaterländischen Schutzkrieg« zu zeigen, wo der Hammer
hängt, bzw., um es mit Jahns Worten auszudrücken, die »Deutschheit
als eine wohltätige Begründung der Menschheit unter den Völkern«
zu verbreiten. Und so setzten sich die berüchtigten Freikorps, die
in den antinapoleonischen Kriegen über die Franzosen herfielen, nicht
nur aus Jahns turnenden Anhängern zusammen, auch ihr Führer
tat sein übriges und übernahm im Freikorps des Freiherrn von
Lützow die Ausbildung einiger Volksbefreiungs-Guerilleros.
»Demokratenfresser« und Bücherverbrenner
Ein weiterer Mythos, der sich hartnäckig am Leben hält, ist
der vom Demokraten Jahn. Der Hintergrund für die Mär vom demokratischen
»Turnvater« war seine Zeit als Abgeordneter der im Zuge der
Märzrevolution gegründeten Frankfurter Nationalversammlung in
den Jahren 1848/49. Als überzeugter Monarchist jedoch saß Jahn
für die Erbkaiserlichen, die sogenannte »Casino-Fraktion«,
im Paulskirchenparlament, die alles andere wollten, als eine bürgerliche
Republik. Sie vertraten vielmehr die Idee der konstitutionellen Monarchie
eines preußischen Erbkaisertums, das dann bekanntermaßen mit
der Reichsgründung von 1871 verwirklicht wurde. Jahn vertrat alles
andere als egalitäre Ansichten, glaubte er doch, dass eine »natürliche
notwendige Ungleichheit der Menschen«, diese von selbst in natürliche
Stände« teilen und »die Menge […] nur im Gefolge
der Hoheit« zählen würde. Sein Vorbild war vielmehr der
mittelalterliche Ständestaat, an dem sich auch die erste Generation
der Völkischen orientierte, bevor sich mit den Nationalsozialisten
innerhalb der völkischen Bewegung die Begeisterung für die Massen
Bahn brach. Der »Demokrat« Jahn trat dementsprechend während
seiner Frankfurter Abgeordnetenzeit, neben der Forderung polizeilicher
Schritte zum Schutz von Maikäfern, politisch vor allem durch seine
Attacken gegen die republikanische Minderheit in Erscheinung. Ein Beispiel
hierfür liefert die vom Jahn-Museum gelobte »Schwanenrede«,
eine paranoide Hetzschrift, in der er die republikanischen Kräfte
als »Abtrünnige der deutschen Sache« bezeichnet und die
Idee einer bürgerlichen Republik mit »Pest und anderen Seuchen«
gleichsetzt. (Besagte Rede kann man übrigens im Museum in einer Ausgabe
von 1936 erwerben, in deren Vorwort der Urenkel Jahns Hitler als Erfüller
der »von Jahn ersehnte[n] Einheit und Freiheit« des »deutschen
Volkes« würdigt.)
Doch nicht nur Jahns Ausbrüche im Frankfurter Parlament, die zeitgenössischen
Karikaturisten wiederholt Anlass gaben, ihn als »Demokratenfresser«
und »Demokratenvertilger« vorzuführen, verdeutlichen
seine Feindschaft gegen die bürgerliche Republik. [7] Eine seiner
Hauptforderungen im »Volkstum« ist die Etablierung eines autoritär-fürsorglichen
Volksstaates, dessen oberste Aufgabe in der Erziehung des Einzelnen liegen
soll. Vehement stellt er sich gegen die liberale Auffassung, dass »die
bürgerliche Gesellschaft nur den Zwecke habe, die natürlichen
Rechte und das Eigentum zu sichern und fordert die Zurichtung des Einzelnen
nach den Erfordernissen des Staates und den Verlust der Staatsbürgerschaft
für diejenigen, die in seinen Augen zum Staatsbürger nicht taugen.
Und das sind einige. Jahn fordert den Verlust der Bürgerrechte für
Juden, die andere bekehren, für Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft
geraten, für Glücksspieler, für Zuhälter, für
Ehebrecher, für Kriminelle, für Geisteskranke, für Bürger,
die eine Ausländerin ehelichen und nicht zuletzt, denn bei Jahn herrscht
Heirats- und Kinderzwang, für Junggesellen, die ehe- und kinderlos
bleiben wollen. Jahns Hass auf Frankreich war im Wesentlichen ein Hass
auf das bürgerliche Recht, hatte doch die preußische Niederlage
von 1806/07 nicht nur die Besatzung durch napoleonische Truppen zur Folge,
sondern auch die Einführung des »Code civil« bzw. des
»Code Napoléon« im besetzten Preußen. Als 1817
die durch Jahn und Johann Gottlieb Fichte ins Leben gerufenen Burschenschaften
auf der Eisenacher Wartburg das 300. Jubiläum der Reformation und
vor allem den vier Jahre zurückliegenden Sieg über Napoleon
feierten, fand dann auch ein Ereignis statt, über das die Jahn-Jünger
in der Regel erst gar nicht sprechen, zeigt es doch recht eindeutig, welches
Verhältnis der »Turnvater« und seine Anhänger zum
bürgerlichen Recht pflegten. Jahn hatte als treibende Kraft hinter
dem Wartburgfest Vorbereitungen getroffen, um der Feier zu einem besonderen
Höhepunkt zu verhelfen. Eigens hatte er eine Liste mit Büchern
zusammengestellt, die als Krönung des Festes von seinen Anhängern
während eines Autodafés ins Feuer geworfen wurden. Unter nationalistischen
und antisemitischen Schmähreden wurden bei der Wartburger Bücherverbrennung
nicht nur Schriften von Autoren vernichtet, die sich gegen die völkische
Deutschtümelei der Turner und Burschen richteten. [8] Auch ein Exemplar
des in den westrheinischen Gebieten Preußens auch nach dem Sieg
über Frankreich noch teilweise gültigen »Code civil«
und Schriften von Juristen, die diesen auf deutsche Verhältnisse
übertragen hatten, wurden dabei verbrannt.
»Die ersten Schwimmer Europas«
Nun ist dies alles eigentlich längst hinreichend bekannt, und kein
ernstzunehmender Historiker bestreitet noch die bedeutende Vorbildfunktion,
die Jahn für die völkische Bewegung ausübte. Doch bei keiner
Person gehen öffentliche Wahrnehmung und historische Beurteilung
so stark auseinander, wie bei Friedrich Ludwig Jahn. Vor allem auf dem
Territorium seines damaligen Wirkens wird er nach wie vor als »bedeutender
Deutscher«, der sich »eindrucksvoll zur deutschen Einheit
bekannte«, gefeiert. [9] Nun hat es sich sogar bis zur 1991 gegründeten
Freyburger »Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft« – die
für das Jahn-Museum verantwortlich ist und sich »die Pflege
der Jahnschen Traditionen« zur Aufgabe gemacht hat – herumgesprochen,
dass eine Verherrlichung völkischer Ideologen in einer Zeit kritischer
Vergangenheitsaufarbeitung nicht mehr besonders en vogue ist. Man übt
sich also in verzweifelter Heldenrettung und in der Relativierung des
Offenkundigen. Besonders verdient hat sich dabei ein emeritierter hallischer
Professor für mittelalterliche Geschichte gemacht, der für sein
Engagement in Sachen Sport und Jahnscher Traditionspflege vor kurzem mit
der »Ehrennadel des Landes Sachsen-Anhalt« ausgezeichnet wurde.
Hans-Joachim Bartmuß, Ehrenvorsitzender und intellektuelles Aushängeschild
der Jahn-Gesellschaft, hat es sich für die ihm noch verbleibenden
Jahre das Ziel gesteckt, die »keineswegs gerechtfertigt?[en]«
aber dennoch »bis heute von vielen Wissenschaftlern und inzwischen
auch in breiten Bevölkerungskreisen« vertretenen Auffassungen
über Jahn zu korrigieren. [10] Besonders ärgert es Bartmuß,
wenn Jahn als Antisemit bezeichnet wird. Dies sei »wissenschaftlich
nicht zu vertreten«, denn Jahn könne gar kein Antisemit gewesen
sein, da es zu Jahns Lebzeiten gar keinen Antisemitismus gegeben hat,
trat dieser doch erst Mitte des 19. Jahrhunderts in Erscheinung. Bei Jahn
und dessen Zeitgenossen könne maximal von einer »latente[n]
Judenfeindschaft, für die […] Forscher auch die Bezeichnung
‚Antijudaismus’ verwenden«, gesprochen werden. Nun kann man
über die Tauglichkeit des Begriffs des Antijudaismus streiten, die
unterschiedlichen Formen des Judenhasses voneinander abzugrenzen und den
Wandel vom christlich motivierten Antisemitismus zum rassisch aufgeladenen
Antisemitismus der Nazis aufzuzeigen. [11] Was der Begriff aber definitiv
nicht hergibt, ist, das eine im Vergleich zum anderen niedriger zu hängen
und als harmloser darzustellen. Das scheint auch Bartmuß zu ahnen
und so gibt es interessanterweise zwei Dinge, über die er sich in
seinen Jahnverteidigungsschriften beharrlich ausschweigt. Zum einen war
der Antisemitismus zu Jahns Lebzeiten alles andere als latent, sondern
vielmehr sehr aktiver Natur, weshalb Bartmuß in seinen Auslassungen
die Hep!-Hep!-Pogrome – bei denen im Jahr 1819 flächendeckend
in den deutschen Staaten jüdische Wohnviertel und Synagogen gebrandschatzt
wurden – gar nicht erst erwähnt, ganz zu Schweigen von der
führenden Rolle der deutschtümelnden Professoren- und Studentencliquen
um Johann Gottlieb Fichte, Ernst Moritz Arndt und auch Friedrich Ludwig
Jahn bei der Einpeitschung des Mobs. Die zweite Sache, die der rüstige
Jahnverehrer unter den Tisch fallen lässt, ist, dass der »Turnvater«
seine gegen die Juden gerichteten Hasstiraden keineswegs religiös
begründet. Jahn arbeitet eben nicht mit dem Gegensatzpaar Christ
und Jude, sondern bringt explizit die Deutschen gegen die Juden in Stellung.
So zum Beispiel, wenn er dem »Kaufmann alle […] Deutschheit«
abspricht und ihn mit »dem Schacherjuden« gleichsetzt. Bartmuß
scheint wenig auf die Tauglichkeit seiner Rettungsversuche zu vertrauen,
weshalb er zusätzlich dann auch mit sämtlichen Registern impertinentester
Relativierungsversuche aufwartet, um Jahn aus dem braunen Sumpf zu ziehen,
in den er gehört. Zähneknirschend räumt er zwar Jahns »gelegentlichen,
fast [!] stereotypen Äußerungen über die Juden«
ein, betont aber, als hätte Hitler dies nicht auch getan, dass »Jahn
[…] in seinen Schriften lediglich das auf[nimmt], was im gesellschaftlichen
Diskurs von anderen bereits vorweggenommen war«. Vielleicht teilt
er aber auch Jahns Weltanschauung, ist doch sein einziger Kritikpunkt
am »Turnvater«, dass dieser »die Ablehnung von ‚Ausländerei’,
insbesondere von Franzosen- und Judentum, extrem übersteigerte«?
[12]. Demzufolge scheint Bartmuß keine Einwände gegen Fremden-,
Juden- und Franzosenhass zu haben, solange man es eben nicht übertreibt.
Vollends den Vogel schießt der Professor ab, wenn er meint, Jahn
könne gar kein Antisemit gewesen sein, da er sich, »als er
in Frankfurt kurze Zeit erkrankt war, […] nicht von irgendeinem
Arzt, sondern von […] einem Juden […] behandeln« ließ.
Vielleicht tut man den ostdeutschen Jahnjüngern Unrecht, wenn man
ihre Begeisterung für den »Turnvater« auf das autoritäre
Bedürfnis nach Volk, Vaterland und mutig zur Tat schreitenden Nationalhelden
zurückführt. Vielleicht gibt es für die ungebrochene Jahnbegeisterung,
zumindest für die an der Saale, auch noch ganz andere Gründe,
erkannte doch kein geringerer als der »Turnvater«, welch großes
Potential im gemeinen Hallenser schlummert. Denn schließlich, so
Jahn, hatten »wir Deutschen […] die ersten Schwimmer Europas,
die Halloren, ein vaterländisch gesinntes Geschlecht«. Daher
wollte Jahn, »bei Kolberg ein Neu-Halle anlegen und ein Stämmlein
Halloren an die Persante verpflanzen«, um auch in Polen dem deutschen
»Volkstum« zu neuer Lebenskraft zu verhelfen. So oder so besteht
wenig Hoffnung, dass ostdeutsche Sportlehrer in nächster Zeit damit
aufhören werden, die ihnen anvertrauten Zöglinge mit Barren,
Pferd und Schwebebalken zu quälen und, als sei dies nicht schon schlimm
genug, ihnen dabei auch noch mit einem »frisch-fromm-fröhlich-frei«
den Sportunterricht vollends zu vergällen.
Anmerkungen:
1 Udo Grashoff: Hallesche Originale aus 1200 Jahren. Halle a.?d. Saale
2006.
2 Friedrich Ludwig Jahn: Deutsches Volkstum. Berlin 1991. So nicht anders
gekennzeichnet, entstammen alle im Text verwendetet Jahn-Zitate daraus.
3 Peter Hacks: Ascher gegen Jahn. Ein Freiheitskrieg. Berlin 1991.
4 Léon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus. Bd. 6. Emanzipation
und Rassenwahn. Worms 1987.
5 Es ist nicht nur die Bestimmung des Volkes über das Blut, der deutsche
Sendungs- und Heilsauftrag und der Antisemitismus, die Jahn zum Vordenker
der völkischen Bewegung machen. Neben Betrachtungen über die
»nachartende Schädelbildung einzelner Völker« und
»den Boden, wo das Volkstum festwurzeln soll«, birgt sein
Buch bereits die völkische Kampfansage an die Künstlichkeit
der Zivilisation, gegen die er das »einfache Leben« in Anschlag
bringt. Er wettert gegen »Großstädterei« und Kosmopolitismus,
huldigt germanischem Brauchtum, wünscht sich die Wiedererweckung
eines gegen »die jüdischen Priester« gerichteten »Urchristentums«
usw. usf.
6 Zit. nach: Poliakov 1987.
7 So sind dann auch die Karikaturen das einzig Sehenswerte im Freyburger
Jahn-Museum, sagen sie doch mehr über den jahnschen Wahn aus, als
die ganze Ausstellung, die eifrig darum bemüht ist, ihm ein patriotisches
Denkmal zu errichten.
8 So fiel beispielsweise die gegen Arndt, Jahn und Fichte gerichtete »Germanomanie«
des Schriftstellers Saul Ascher den Flammen zum Opfer. Aschers Buch wurde
vom Studenten und Jahnfreund Hans Ferdinand Massmann mit folgenden Worten
ins Feuer geworfen: »Wehe über die Juden, so da festhalten
an ihrem Judentum und wollen über unser Volkstum und Deutschtum schmähen
und spotten!«. Zit. nach: Hacks 1991.
9 Zit. nach: www.jahn-musem.de.
10 Alle Zitate von Bartmuß so nicht anders gekennzeichnet aus: Hans-Joachim
Bartmuß: Ascher gegen Jahn. Ein Freiheitskrieg? Antisemitismus und
Nationalismus im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Bremen
2004. Nachzulesen unter: www.jahn-museum.de/texte/Ascher.pdf.
11 Problematisch am Begriff des Antijudaismus ist, dass er eine Zäsur
zwischen dem christlichen und dem nazistischen Antisemitismus setzt, die
es in dieser Form gar nicht gab, und dass er den Blick auf vorhandene
Kontinuitäten verstellt, wenn nicht sogar leugnet.
12 Hans-Joachim Bartmuß: Der Schöpfer des »deutschen
Turnens«. Friedrich Ludwig Jahn und die Universität Halle.
In: scientia hallensis 4/2001. Nachzulesen unter: www.verwaltung.uni-halle.de/DEZERN1/PRESSE/jour-401.pdf.
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