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Jörg Folta /Jan Gerber
Der Filzstift als Waffe. Göttinger Autonome versuchen sich als Künstler
In: Prodomo 5/2007
»Das Problem, etwas zu malen, wird nicht dadurch gelöst, es
möglichst naturalistisch oder abstrakt wiederzugeben, sondern das
umzusetzen, was im Menschen das betreffende Gefühl erwecken kann.
Kunst interpretiert Empfindungen und drückt sie aus. Das Medium Kunst
zu beherrschen, setzt deshalb voraus, dass das, was künstlerisch
wiedergegeben werden soll, als Emotion begriffen wird. In der Konsequenz
heißt Kunst, Dinge und Zusammenhänge von innen zu begreifen,
sich in sie hineinzuversetzen. Das bedeutet, dass eine/r Künstler/in
nur Dinge im Medium Kunst darstellen kann, die er/sie (zumindest bis zu
einem bestimmten Grad) selber ist.«
Dieses Zitat ist keinem Volkshochschulprogramm entnommen; es stammt auch
nicht aus der Selbstverständniserklärung eines esoterischen
Kreativtherapiekreises. Solche Zeichenlehrerweisheiten verbreitet seit
Mitte der 80er Jahre der Göttinger Zusammenschluss Kunst und
Kampf (KuK). Nachdem es um die Gruppe seit etwa 2000 still geworden
war – Ästheten hofften bereits, endlich aufatmen zu können
– scheint sie nun wieder auferstanden zu sein. Bernd Langer, der
wohl bekannteste KuK-Aktivist und Herausgeber des KuK-Bandes
Kunst als Widerstand, tingelte im November 2006 mit einer Vortragsreihe
durch Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Eine Kranzniederlegung
aus Anlass des 65. Jahrestages der Ermordung zweier kommunistischer Widerstandskämpfer
wurde mit einem KuK-Plakat beworben, im Januar sollte Langer
im sächsischen Chemnitz einen »Workshop« zum Thema »Organisierung
der autonomen Szene« abhalten und über die KuK-Homepage
kann wieder eine Ausstellung mit den Bildern der Gruppe gebucht werden.
Aus diesem Anlass sollen das Gesamtkunstwerk KuK und der KuK-Bildband
Kunst als Widerstand, der vor genau zehn Jahren bei Pahl-Rugenstein
erschien, an dieser Stelle noch einmal in angemessener Weise gewürdigt
werden.
Die Gruppe Kunst und Kampf, die vor allem für den Entwurf
von Demoplakaten (»Plakatkunst«) bekannt ist, entstand im
Dunstkreis der Göttinger Autonomen-Gang Antifa [M]. Folgt man der
Gruppenlegende war diese Gründung eine Reaktion auf die bis dahin
fehlenden »inhaltlichen Überlegungen zu Kunst und Widerstand«.
Walter Benjamins Kunstwerk-Aufsatz aus den 30er Jahren oder Peter Weiss’
Ästhetik des Widerstands von 1976 bis 1981 waren im autonomen
Göttingen der 80er Jahre also noch nicht angekommen. KuK
machte sich nun also daran, nachzuholen, was Benjamin, Weiss, Lukács
und andere bereits ohne Anbindung an die autonome Szene erledigt hatten.
In der 30-seitigen Programmschrift Kunst als Widerstand, die
im gleichnamigen Band dokumentiert ist, verbreitete die Gruppe 1986 erstmals
die theoretischen Grundlagen, auf deren Basis seither unglaublich einfältige
Plakate und – kein Witz! – Ölgemälde entstanden
sind: Kapitalisten sind dick und rauchen Zigarre, Polizisten sind willenlose
Marionetten, die unterdrückten Massen müssen nur mobilisiert
werden usw. In Form und Inhalt schließen die KuK-Werke
direkt an entsprechende Versuche im KPD-Umfeld der 20er Jahre
an, deren schon damals unbedarfter Realismus einfach übernommen wird.
Die Resultate sehen in der Regel aus, wie mit Hammer und Sichel layoutet
oder im Grundkurs Kunsterziehung ohne spezielle Vorgaben zusammen geschmiert.
Der Filzstift als Waffe, so könnte dann auch das heimliche Motto
der Gruppe lauten.
Da einfältig allein nicht reicht, mag es KuK kongenial meist
auch martialisch und pathetisch. Da wird gerungen, gezündelt und
angeprangert, dem Klassengegner – natürlich von Männern
mit Masken – gezeigt, wo der Hammer hängt, das Schweinesystem
gegeißelt und trotz alledem die eigene Befindlichkeit nicht vergessen:
»Positiv formuliert«, so ist in Kunst als Widerstand
zu lesen, »ist für das Individuum der Kampf für eine andere
Gesellschaft völlig farblos, leer und unsinnig, wenn nicht schon
während dieses Prozesses [gemeint ist der ›Kampf- und Transformationsprozess‹
– JF/JG] ein sehr intensives Lebensgefühl und eine Lebenspraxis/-weise
existiert, mit der mensch sich über die alten Normen hinwegsetzt.«
Spätestens mit dieser Aussage dürfte deutlich werden, wem man
hier aufgesessen ist: einer Horde liebkosungswütiger Zahnarztkinder,
die ihren Freunden, Nachbarn und Mitbewohnern ihre Teepausenrevolutionsromantik
aufdrücken und eine Diktatur der konstruktiven Kritik errichten wollen.
Denn Kunst, so KuK, »heißt Bewusstsein schaffen,
Widersprüche entwickeln, Probleme aufzeigen, Lösungen provozieren.
Kunst heißt, in individuelle und gesamtgesellschaftliche Prozesse
eingreifen und immer wieder den Versuch der Klärung zu unternehmen,
also Stellung zu beziehen. Nur diese Inhalte heben Kunst von billiger
Propaganda ab.«
Doch nicht nur in der äußeren Form, auch programmatisch folgt
Kunst und Kampf den Vorstellungen der Thälmann-KPD.
Auschwitz? Nie gehört. Antisemitismus? Ablenkungsinstrument der Bonzen.
Volksgemeinschaft? Propagandalüge der Nazis. Dass die deutsche Arbeiterklasse
in diesem Licht als knorke und für das Gute (Revolution!) eintretende
Truppe durchgeht und ihrer ganz in diesem Sinne entstandenen Propagandakunst
kein Härchen gekrümmt wird, ist dann nur logisch. Und so strotzen
die KuK-Plakate nur so von Massendarstellungen, deren Protagonisten
wahlweise gegen Staat, Kapital, Bullen, Justiz und Banken, am liebsten
aber gegen alle zugleich antreten. Da die Massen trotz ihres Durchblicks
zuvor aber auch noch ein bisschen überzeugt werden müssen –
sonst wäre die Arbeit autonomer Künstlerkollektive nämlich
sinnlos – ist laut Aussage des KuK-Aufsatzes Suche
nach Erkenntnis eine »allgemeinverständliche Symbolik«
nötig. Mit anderen Worten: Schematisierung und Vereinfachung der
Realität. Hier sind die KuK-Aktivisten zweifellos Klassenbeste.
So wird das ohnehin infantile Weltbild des ideellen Gesamtautonomen der
80er Jahre in den Collagen und Bildchen der Göttinger Gruppe schließlich
noch einmal verniedlicht. Denn: »Auch ohne Schrift und den unmittelbaren
zeitlich/politischen Zusammenhang müssen die Plakatabbildungen verständlich
sein, für sich sprechen. Das heißt, faktisch stellen sie eine
Art Bildgeschichte dar beziehungsweise wird eine in Abbildungen kodifizierte
Sprache verwendet. So soll zumindest das Hauptanliegen von KuK-Plakaten
auch Menschen verständlich sein, die mit Politik nichts zu tun haben.«
»Weniger ›zyklische Krise‹, mehr zerbrochene Klosettschüsseln«
– das soll bereits Ernst Thälmann vom Wirtschaftsredakteur
der Parteizeitung Rote Fahne gefordert haben.
Dem Charakter der Autonomen als »bürgerliche Jugendkultur in
antibürgerlicher Absicht« (G. Fülberth) ist es wohl geschuldet,
dass sich das autonome Plakatmalerkollektiv vom bürgerlichen Kulturbetrieb
abgrenzt und seine Kunst als »antagonistische« verstanden
wissen will. Zwangsläufig bekommt man es nun mit dem Bullenstaat
zu tun. Denn breiten Raum nimmt in Kunst als Widerstand die Verfolgung
der KuK-Aktivisten ein. Ohne die jeweiligen Ermittlungsverfahren,
so wohl die dumpfe Ahnung Bernd Langers und seiner Freunde, wäre
die Wahrnehmung ihres Outputs vermutlich auf die Studenten der regionalen
geisteswissenschaftlichen Fakultät beschränkt geblieben. Die
Staatsorgane machten sich hiermit unfreiwillig zum Handlanger von KuK
und spielten insofern eine ähnlich tragische Rolle wie ihre Kollegen
des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Konnte man diesem durchaus eine
gewisse Geschmackssicherheit attestieren, wenn so unnachahmliche Nervensägen
wie Wolf Biermann, Freya Klier oder Stephan Krawczik kurzerhand in den
Westen abgeschoben wurden, so trugen sie damit dennoch nachhaltig zur
Popularität ihrer Opfer bei. Ähnlich auch im Fall Kunst
und Kampf: Vermutlich durch die ästhetische Zumutung der Bilder
Bernd Langers (grandios: »Das M-Konzept«!) zum Einschreiten
veranlasst, provozierten die Ermittlungsbehörden damit eine breite
Solidaritätskampagne: KuK-Aktivsten hielten Vorträge,
in denen sie aus dem Grad der Repression fälschlicherweise auf ihre
politische – und schlimmer noch: künstlerische – Bedeutung
schlossen, in autonomen Klitschen wurden KuK-Ausstellungen organisiert,
und im südlichen Niedersachsen soll es ein Malversuch der Gruppe
sogar in die Lokalzeitung geschafft haben.
Trotz all dieser Kritik am Proletkult, dem Kampfsportspleen und dem Maskenfimmel
der Göttinger Abziehbildautonomen sollen abschließend auch
einige gute Seiten des KuK-Bandes erwähnt werden. So erscheint
es schon als angenehm anachronistisch, wenn in einer Zeit, in der bei
Teilen der Antifa bereits ein Umdenken eingesetzt hatte – die Diskussionen
um Dolgenbrodt und Gollwitz wurden in der Zeit geführt, in der auch
der KuK-Bildband erschien – derlei Mumpitz ohne das geringste
Gefühl von Selbstzweifel veröffentlicht wird. Das erfordert
Chuzpe. Tiefe Einblicke gewährt der Band auch in die Polit-Szene
der 80er und frühen 90er Jahre, wenn auf einem KuK-Plakat,
das ein Punkkonzert im Göttinger Juzi bewirbt, der Hinweis »ohne
Alkohol« zu lesen ist. Interessant auch die Anthologie von Demo-
und Plakatsprüchen: »Kampf dem imperialistischen Imperialismus/
die Front entsteht als kämpfende Bewegung«, »Alle Menschen
auf die Beine/ gegen die Faschistenschweine« oder »Zusammen
mit den Kindern Südafrikas/ tanzen wir unseren Tanz/ zu heißen,
bewegten Rhythmen/ der gleiche Feind/ zum gleichen Licht/ Freiheit«.
Und sich abends bei einem guten Glas Wein die KuK-Schwarte zur
Hand zu nehmen und darin zu schmökern, verursacht Dauerschmunzeln.
So viel unfreiwilliger Humor in einem reich bebilderten Buch, gedruckt
auf schönem Mattglanzpapier, ist schon ein außerordentliches
Vergnügen. Danke KuK.
Bernd Langer (Hrsg.): Kunst als Widerstand. Plakate, Ölbilder,
Aktionen, Texte der Initiative Kunst und Kampf, Bonn 1997.
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