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Jan Gerber
Austreten, aber schnell!
In: Jungle World 23/2008
Die Partei »Die Linke« kann kein Partner für eine
konsequente Solidarität mit Israel sein, sondern nur Gegenstand der
Kritik. Eine Erwiderung auf Sebastian Voigts Artikel »Sich
jetzt endlich einmischen« in derselben Ausgabe.
Die Aufregung ist unbegründet. Würden die antizionistischen
Hardliner in der Linkspartei die Rede Gregor Gysis und die Aktivitäten
des Bundesarbeitskreises Shalom in der Linksjugend genauer betrachten,
könnten sie beruhigt sein. Ein Beispiel: Als sich Norman Paech, der
außenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der »Linken«,
im Frühjahr wieder einmal zu Lobreden auf die Hamas hinreißen
ließ, verschickte der BAK Shalom eine Presseerklärung. Darin
hieß es zwar, dass Paech als außenpolitischer Sprecher »untragbar«
sei. Wenige Zeilen später wurde jedoch stolz darauf verwiesen, dass
er sich immerhin zu einem Gespräch bereit erklärt habe: »In
diesem Zusammenhang freuen wir uns über die Bereitschaft Paechs,
sich mit uns im Rahmen einer kontroversen Diskussionsveranstaltung auseinanderzusetzen.«
Die Botschaft war eindeutig: Man kann über alles reden.
Mit dem Gesprächsangebot an den obersten Anti¬zionisten der Partei
wurde vom BAK Shalom gut diskurstheoretisch angedeutet, dass die Vernichtung
Israels – und für nichts anderes steht Paechs Unterstützung
der Hamas – eine diskussionswürdige Sache sei. Die Kritik am
israelfeindlichen Furor wird so zu einer der vielen heterogenen und gleichberechtigten
»Ansichten«, die in der Partei ihren Platz finden. Bei allem
Protest gegen den Antizionismus bleiben die Feinde Israels innerhalb der
»Linken« für die jungen Wilden und ihre prominenten Fürsprecher
immer noch eins: Parteifreunde.
Dieser diskursive Umgang mit Vernichtungsdrohungen gegen den jüdischen
Staat verweist auf die tatsächliche Funktion der nahostpolitischen
Kehrtwende der Linkspartei: Es geht nicht um Israel, sondern um die Modernisierung
des eigenen Vereins. Ganz in diesem Sinn betonte Gysi in seiner Rede,
dass der bisherige antizionistische Kurs »nicht produktiv«
sei – und zwar »für das Projekt ›Die Linke‹«.
Auch Petra Pau, bis vor kurzem stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion,
erklärte kurz darauf, wie wichtig ein »aufgeklärter Umgang
mit dem Nahost-Konflikt« für die Koalitions- und Regierungsfähigkeit
der Partei sei.
Dass ein solcher »aufgeklärter Umgang« nicht unbedingt
im Widerspruch zu einer Kooperation mit hauptamtlichen Judenmördern
stehen muss, zeigen nicht zuletzt die potenziellen Koalitions- und Regierungspartner
der »Linken«. Im Jahr 2004 organisierte die SPD nahe stehende
Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich ganz selbstverständlich zum Existenzrecht
Israels bekennt, gemeinsam mit der antisemitischen Hizbollah eine Konferenz
in Beirut. Der Titel lautete: »Die islamische Welt und Europa. Vom
Dialog zur Übereinstimmung.«
Tatsächlich kommt der moderne deutsche Antizionismus nicht mehr mit
der Planierraupe daher. Er verschanzt sich vielmehr hinter dem Schlagwort
der »kritischen Solidarität«. Das gro߬zügig
vorgetragene Bekenntnis zum Existenzrecht Israels ist dabei die Voraussetzung
dafür, ungeniert gegen den jüdischen Staat hetzen zu können.
Weder die Rede Gysis noch entsprechende Stellungnahmen Petra Paus oder
der stellvertretenden Parteivorsitzenden Katja Kipping kommen dementsprechend
ohne eine Anklage der israelischen Politik aus. Die Erneuererfraktion
verhält sich damit wie ein Vorurteilsforscher, der seine Arbeiten
mit Beschwerden über polnische Autoschieberbanden beginnt: Sie suggeriert,
dass sich hinter dem Ressentiment doch ein Hauch von Wahrheit verbirgt.
Wer es mit der Solidarität zu Israel ernst meint, ist in der Partei
der Stammtischsozialisten und Heuschreckenjäger ebenso schlecht aufgehoben
wie ein Anhänger der freien Liebe im Vatikan. Konsequente Solidarität
mit Israel hätte die Linkspartei nicht als Partner zu begreifen,
sondern als Ge¬genstand der Kritik. Denn auch wenn die antizionistischen
Hardliner auf einen etwas weniger verfänglichen israelpolitischen
Jargon getrimmt werden könnten, wäre das allenfalls ein Beitrag
zur Modernisierung des Antizionismus. Ein Bruch mit seinen Voraussetzungen
ist innerhalb der Linkspartei aus einem einfachen Grund nicht zu erwarten:
Anders als vom BAK Shalom angedeutet, sind der regressive Antikapitalismus,
die Begeisterung für einen nationalen Sozialismus und die Sehnsucht
nach der Stallwärme des Kollektivs nicht das Verpackungsmaterial
einer ansonsten duften Truppe. Sie sind vielmehr das Fundament des Projekts
»Die Linke«. Insofern wäre die Parole »Hamas raus
aus den Köpfen«, die die Vorgängermannschaft des BAK Shalom
vor anderthalb Jahren ausgab, um ein Motto zu ergänzen: »Freunde
Israels, zerreißt euer Parteibuch!«
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