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Jan Gerber
Deutsche Selbstfindung. Israel und die radikale deutsche Linke –
ein Überblick
Vortrag vor der Sommerakademie der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Sommer 2004,
in: Rosa Luxemburg Stiftung (Hrsg.): Beiträge zur Ferienakademie
2004, Berlin 2005
Wer über das Verhältnis der radikalen deutschen Linken zu Israel
spricht, referiert damit notgedrungen auch über linken Antisemitismus.
Der Grund: Antisemitismus von links äußert sich seit der Gründung
Israels vor allem im Zusammenhang mit dem jüdischen Staat, in Kommentaren
zur israelischen Politik und in der Auseinandersetzung mit dem Zionismus.
Seit dem Beginn der 90er Jahre wird in Vortragsreihen, Aufsätzen
und Büchern zwar zunehmend kritisch auf den linken Antisemitismus
verwiesen. In weiten Teilen der radikalen Linken gilt diese Kritik jedoch
auch weiterhin als Nestbeschmutzung. Henryk M. Broder äußerte
bereits 1986 Unverständnis über solche Reaktionsmuster: »Warum
sollen Linke, die ebenso wie alle anderen ihre Frauen prügeln, besoffen
Auto fahren, Intrigen spinnen und in ihren Organisationen weniger Beitrag
zahlen, als sie es eigentlich sollten, warum sollen Linke, die denselben
Wohnküchenmief mit sich herumschleppen wie jeder Kegelbruder und
Stammtischstratege, ausgerechnet in ihrer Einstellung zu Juden die besseren,
die anständigeren Menschen sein?« [1]
Broder hat mit dieser Aussage zugleich Recht und Unrecht. Er hat Recht,
weil die radikale Linke in der Tat keine feste Bastion gegen Antisemitismus
war und ist; und er hat Unrecht, weil er den linken Antisemitismus auf
ein individuelles Denk- und Verhaltensmuster reduziert. Solche Reduktionen
finden sich in kritischen Auseinandersetzungen mit dem Israelbild der
radikalen deutschen Linken immer wieder – und sie dürften zugleich
einer der Gründe dafür sein, warum diese Kritik so wirkungslos
bleibt. Denn: Linker Antisemitismus ist nicht nur ein individueller Spleen
einzelner Autonomer, Antiimps, Traditionsmarxisten usw.; er steht vielmehr
im Zusammenhang mit den zentralen weltanschaulichen Prämissen eines
großen Teiles der radikalen Linken. Im Folgenden soll daher zunächst
ein chronologischer Überblick über das Verhältnis der radikalen
deutschen Linken zu Israel geboten werden, um daran anschließend
die weltanschaulichen Prämissen zu skizzieren, die diesen Umgang
lange Zeit prägten und vielfach noch immer prägen.
1. Israel und die radikale deutsche Linke
Anders als von Vertretern der radikalen deutschen Linken seit den späten
60er Jahren immer wieder behauptet, war Israel nicht »von Anfang
an« als »Brückenkopf des US-Imperialismus im Nahen Osten«
konzipiert. Die jüdische Nationalbewegung und der entstehende israelische
Staat konnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht zuletzt auf
die Unterstützung der Sowjetunion bauen, die ihre Position zum Zionismus
unter dem Eindruck der Massenvernichtung der europäischen Juden grundlegend
geändert hatte. Im November 1947 sprach sich Andrej Gromyko, zur
damaligen Zeit Vertreter der Sowjetunion bei den Vereinten Nationen, in
einer emotionalen Rede für die Gründung eines jüdischen
Staates in Palästina aus: »Es kann ohne jede Übertreibung
gesagt werden,« so Gromyko, »dass die Leiden und das Elend
des jüdischen Volkes über jede Beschreibung hinausgehen. [...]
Es ist Zeit, den Juden zu helfen, nicht in Worten, sondern in Taten [...]
Die Tatsache, dass kein einziger westeuropäischer Staat in der Lage
gewesen ist, die elementaren Rechte des jüdischen Volkes zu verteidigen
[...], erklärt die Aspirationen der Juden auf einen eigenen Staat.
Es würde ungerecht sein, dies nicht in Rechnung zu ziehen und dem
jüdischen Volk das Recht zu bestreiten, eine solche Aspiration zu
verwirklichen.« [2] Diese Sichtweise prägte zunächst auch
die Position der moskauhörigen KPD, der wohl einzigen bedeutenden
linksradikalen Organisation in den westlichen Besatzungszonen dieser Zeit,
zu Israel.
Als sich das Verhältnis der Sowjetunion zu Israel angesichts des
beginnenden Kalten Krieges Ende 1948 veränderte und in nahezu allen
Staaten des Ostblocks Kampagnen gegen »Kosmopolitismus und Zionismus«
durchgeführt wurden, wandelte sich auch das Israel-Bild der KPD.
Die Zahlung von Entschädigungsleistungen an Israel, über die
im März 1953 im Bundestag beraten wurde, wurde von der KPD, die in
der ersten Legislaturperiode noch im Parlament vertreten war, prinzipiell
abgelehnt. Oskar Müller, von 1949 bis 1953 Angehöriger der Bundestagsfraktion
der Partei, benutzte in seiner Stellungnahme bereits die Phraseologie,
die die Israel-Debatten des traditionsmarxistischen Spektrums und seit
1967 auch der undogmatischen radikalem Linken bis 1989/90 – und
teilweise auch noch darüber hinaus – bestimmen sollte. Die
USA, so Müller, wollten mit Hilfe der westdeutschen Warenlieferungen
»den in ihren Händen befindlichen Staat Israel zur rüstungsmäßigen
und operativen Basis für ihre aggressive Politik ausbauen«.
[3]
Diese Position wurde jedoch nicht von allen Gruppierungen aus dem linksradikalen
Spektrum geteilt. Bereits 1957 gründete sich an der Freien Universität
Berlin die erste Deutsch-Israelische Studiengruppe (DIS), die inoffizielle
Begegnungen zwischen Deutschen und Israelis organisierte. Diese Gruppe
wurde seit ihrer Gründung vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund
(SDS), bis 1959 die Studierendenorganisation der SPD, gleichzeitig jedoch
auch eine der Keimzellen der undogmatischen radikalen Linken, dominiert.
Die Positionen des SDS, der bereits im September 1951 erste Kontakte zu
israelischen Partnern gesucht hatte, unterschieden sich zu diesem Zeitpunkt
nicht sonderlich von denen linkschristlicher Gruppierungen. Publizisten
beider Fraktionen, so Martin W. Kloke in einem seiner Aufsätze über
das Verhältnis der deutschen Linken zu Israel, »heroisierten
das fortschrittliche Aufbauwerk im ›antikolonialistischen Pionierstaat‹
Israel, redeten einem Jugendkult das Wort, glorifizierten das Militär
als gesellschaftlichen ›Erziehungsfaktor‹ und leugneten einen
Interessengegensatz zwischen israelischen Juden und palästinensischen
Arabern«. [4] Eines der vordringlichsten Ziele zahlreicher linker
und linksradikaler Zusammenschlüsse dieser Zeit war es, die Bundesregierung
durch massiven öffentlichen Druck zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen
mit Israel zu bewegen. [5] Dieses pro-israelische Engagement wurde zugleich
als Aufforderung zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der jüngeren
deutschen Geschichte und dem restaurativen Klima der Adenauer-Ära
begriffen.
Als sich die Kontakte zwischen Israel und der Bundesrepublik zu Beginn
der 60er Jahre intensivierten und die offiziellen diplomatischen Beziehungen
schließlich im Mai 1965 durch einen Notenaustausch zwischen Bundeskanzler
Ludwig Erhard und dem israelischen Ministerpräsidenten Levi Eschkol
aufgenommen wurden, deutete sich bereits an, dass ein Großteil der
radikalen Linken sein Verhältnis zu Israel nicht zuletzt in stetiger
Abgrenzung zu den offiziellen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik
und dem Staat der Überlebenden des Holocaust definierte. Die linke
und linksradikale Israel-Solidarität geriet in eine Existenzkrise.
Die Parole »Solidarität mit Israel«, die in der Zeit
des Sinai-Feldzuges und in den Folgejahren regelmäßig skandiert
worden war, schien plötzlich nicht mehr als gleichzeitige Aufforderung
zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und
der postfaschistischen deutschen Gesellschaft zu taugen. Bis 1967 wurde
zwar weiterhin auf die historisch-moralische Notwendigkeit der Solidarität
mit Israel verwiesen. Zahlreiche linksradikale Gruppierungen äußerten
jedoch bereits verhaltene Kritik an der israelischen Politik gegenüber
den Palästinensern und zeigten eine zurückhaltende pro-arabische
Neutralität. [6]
Den endgültigen Wendepunkt in der linksradikalen Wahrnehmung des
Nahost-Konfliktes bildete der im Juni 1967 begonnene Sechstagekrieg. Nach
Ausbruch des Krieges organisierten mehrere Gruppierungen aus dem Spektrum
der entstehenden Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen
Opposition (APO) zwar zunächst Solidaritätskundgebungen für
Israel; Prominente wie Herbert Marcuse, Jean Améry, Ernst Bloch
und Iring Fetscher kritisierten die anti-israelischen Vernichtungsdrohungen
der arabischen Staaten. [7] Nicht zuletzt die konservative Berichterstattung
über den Krieg sorgte jedoch für eine Beschleunigung der sich
bereits seit dem Beginn der 60er Jahre abzeichnenden Wandlung des linksradikalen
Verhältnisses zu Israel. Presseerzeugnisse des Springer-Verlages,
in denen zu dieser Zeit eine beträchtliche Hetze gegen die Studentenbewegung
betrieben wurde, erschienen wenige Tage nach der Erschießung Benno
Ohnesorgs, einem Schlüsselereignis in der Geschichte der APO, mit
der Schlagzeile »Sieg! Dajan – der Rommel Israels«.
[8] Ulrike Meinhof, zum damaligen Zeitpunkt noch Chefredakteurin der Zeitschrift
Konkret, dechiffrierte die plötzliche konservative und rechte Begeisterung
für Israel zwar als Projektion autoritärer, militaristischer
und antikommunistischer Sehnsüchte auf den jüdischen Staat und
forderte in einer ihrer Kolumnen Sensibilität im Umgang mit dem Staat
der Überlebenden des Holocaust. Die Solidarität der Linken mit
den ehemals Verfolgten, so Meinhof, müsse auch den Staat Israel einschließen
und dürfe sich nicht von den Sympathien der USA und der Bild-Zeitung
vereinnahmen lassen. [9] Die Mehrheit der radikalen Linken war allerdings
nicht mehr bereit, Israel und den Nahost-Konflikt vor dem Hintergrund
des Nationalsozialismus, des Holocaust und der arabischen Vernichtungswünsche
zu betrachten.
Im September 1967 vollzog der SDS als eine der ersten Organisationen der
Protestbewegung einen radikalen Kurswechsel. [10] Auf der 22. Delegiertenkonferenz
des Bundes wurde erklärt: »Der Krieg zwischen Israel und seinen
arabischen Nachbarn kann nur auf dem Hintergrund des antiimperialistischen
Kampfes der arabischen Völker gegen die Unterdrückung durch
den angloamerikanischen Imperialismus analysiert werden. [...] Der SDS
verurteilt die israelische Aggression gegen die antiimperialistischen
Kräfte im Nahen Osten.« [11]
Ab 1969 entstanden schließlich in zahlreichen Universitätsstädten
Palästina-Komitees, deren Ziel in der Unterstützung der verschiedenen
politischen Organisationen der Palästinenser bestand. Israel wurde
von nun an nicht mehr als Staat der Überlebenden des Holocaust betrachtet;
die Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern wurden
nicht einmal mehr – wie u.a. von Jean Améry mehrfach vehement
eingefordert [12] – als Kampf zweier nationaler Befreiungsbewegungen
um das selbe Land wahrgenommen. Der Nahost-Konflikt wurde in das antiimperialistische
Weltbild, ein duales Interpretationsschema, in dem antiimperialistische
Befreiungsbewegungen und »der Imperialismus« einen Kampf zwischen
Gut und Böse austrugen, eingeordnet. Israel galt ausschließlich
als »Brückenkopf des US-Imperialismus im Nahen Osten«
bzw. als »rassistisches und chauvinistisches Staatengebilde«;
den Israelis wurde unterstellt, sie seien selbst zu Faschisten geworden
und würden die »Endlösung der Palästinenserfrage«
betreiben. [13] Im Gegensatz dazu wurden die Palästinenser, ähnlich
wie wenige Jahre zuvor der Vietcong, zum Hoffnungsträger der revolutionären
Sehnsüchte der radikalen Linken. Innerlinke Kritik am Antizionismus,
der Übertragung des antiimperialistischen Weltbildes auf den Nahost-Konflikt,
wurde nicht bzw. kaum formuliert. Mit Ausnahme der wenigen politischen
Organisationen, die sich an der Sowjetunion orientierten, unterstützten
nahezu alle Gruppierungen und Strömungen der radikalen deutschen
Linken, die sich zum Nahost-Konflikt äußerten, die palästinensischen
Forderungen nach einer Zerstörung Israels. [14] Da Israel ein »kapitalistischer,
kolonialistischer und rassistischer Staat« sei, so erklärten
die Delegierten einer »Arbeitstagung antizionistischer Gruppen«
im März 1971, sei seine »vollständige Zerschlagung«
mittels eines »bewaffnete[n] Volkskrieg[es]« notwendig. [15]
In der Abschlussresolution eines Palästina-Kongresses im November
1973 in Bonn wurde das Ziel festgeschrieben, »Zionismus und Imperialismus
im Nahen Osten zu vernichten« [16], und bei einem der zahlreichen
Versuche, die verschiedenen Palästina-Komitees, die seit Mitte der
70er Jahre zunehmend unter den Einfluss kommunistischer Kleinstparteien
geraten waren, zu koordinieren, forderten die Vertreter der anwesenden
Gruppierungen im Herbst 1977 die »vollständige Zerschlagung
des zionistischen Staates in Palästina« [17].
Einen militanten Höhepunkt erlebte die israelfeindliche Palästina-Solidarität
der 70er Jahre im Sommer 1976. Im Juni dieses Jahres brachte ein gemeinsames
Kommando der Palästinensischen Befreiungsfront (PFLP) und der deutschen
Revolutionären Zellen (RZ) ein französisches Verkehrsflugzeug,
das mit 257 Passagieren auf der Route Tel Aviv-Paris unterwegs war, in
seine Hand und veranlasste dessen Umleitung nach Entebbe in Uganda. Nachdem
sich die Maschine eine Woche in der Hand der Entführer befand, wurde
sie in der Nacht zum 4. Juli 1976 von einer israelischen Spezialeinheit
gestürmt. Alle Geiselnehmer wurden erschossen, eine Geisel –
die ehemalige KZ-Insassin Dora Bloch – verstarb während oder
kurz nach der Befreiungsaktion unter bislang ungeklärten Umständen.
[18]
Im Verlauf der Entführung hatte das Kommando die Trennung nicht nur
der israelischen, sondern aller jüdischen Passagiere von den restlichen
Insassen des Flugzeuges veranlasst. Während die nichtjüdischen
Passagiere innerhalb weniger Tage freigelassen wurden, blieben die Fluggäste
jüdischer Herkunft bis zur Erstürmung der Maschine in der Hand
der Entführer.
Nach dieser Operation der PFLP und der RZ kam es innerhalb der radikalen
Linken erstmals zu zaghaften Diskussionen über einen linken Antisemitismus
und zu vorsichtigen Versuchen, den israelfeindlichen Konsens aufzubrechen.
Diese Kritik, die anfangs nahezu ausschließlich von Linken jüdischer
Herkunft formuliert wurde und vor allem in der liberalen Presse einen
Widerhall erfuhr, wurde jedoch vom Großteil der radikalen Linken
als Nestbeschmutzung empfunden. In der Zeitschrift der Kommunistischen
Partei Deutschlands (KPD), der Roten Fahne, wurde »dem Ministerpräsidenten
von Uganda, seiner Exzellenz Idi Amin«, »uneingeschränkte
Solidarität« erklärt [19], im Roten Morgen, dem Organ
der Kommunistischen Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten (KPD/ML)
war die Rede von einem »faschistischen Aggressionsakt der israelischen
Zionisten« [20], und eine Gruppe der Revolutionären Zellen
verübte Brandanschläge auf Kinos, in denen ein Film über
die Entführung gezeigt werden sollte [21].
Als die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) Ende der 70er
Jahre zaghaft begann, diplomatische Initiativen anzuregen, zeigte die
linksradikale Palästina-Solidaritätsbewegung in der Bundesrepublik
erste Auflösungserscheinungen. Dieser Niedergang, der nicht nur mit
der politischen Umorientierung der PLO, sondern zugleich mit dem beginnenden
allgemeinen Niedergang der radikalen Linken korrespondierte, wurde zunächst
durch den israelischen Libanonfeldzug im Juni 1982 aufgehalten. Nachdem
israelische Truppen bis nach Beirut vorgedrungen waren, um die dort befindlichen
Quartiere der PLO zu zerstören, ergingen sich die Vertreter zahlreicher
linksradikaler Gruppierungen, Zeitungs- und Zeitschriftenprojekte in exzessiven
Gleichsetzungen der israelischen Politik mit der politischen Praxis des
Nationalsozialismus. Die zentrale bundesdeutsche Demonstration gegen die
israelischen Operationen im Libanon im August 1982 in Frankfurt am Main
stand unter dem Motto »Für Freiheit und Selbstbestimmung des
palästinensischen und libanesischen Volkes und gegen den israelischen
Vernichtungsfeldzug« [22]; Israel wurde beschuldigt, einen »Holocaust
an den Palästinensern« durchzuführen; den israelischen
Streitkräften wurde unterstellt, eine »Endlösung der Palästinenserfrage«
zu betreiben [23].
Weitaus intensiver als in der Zeit nach der Entführung der Air-France-Maschine
nach Entebbe und der dortigen Selektion jüdischer Passagiere im Sommer
1976 formierte sich in der Zeit des israelischen Libanonfeldzuges jedoch
auch innerlinker Protest gegen entsprechende Kommentare zum Nahost-Konflikt,
die Gleichsetzung der israelischen Politik mit dem Nationalsozialismus
und die antiisraelischen Vernichtungsdrohungen. In Frankfurt hatte sich
schon im Sommer 1981, nach der Bombardierung eines irakischen Forschungsreaktors
durch die israelischen Luftstreitkräfte, ein Gesprächskreis
um Micha Brumlik, Dan Diner, Detlev Claussen u.a. gebildet, in dem einerseits
Kritik an der israelischen Politik, andererseits jedoch auch Vorwürfe
an die Adresse der deutschen Palästina-Solidaritätsbewegung
formuliert wurden; in der Tageszeitung (Taz), zum damaligen Zeitpunkt
teilweise noch linksradikalen Positionen nahe stehend, wurden neben israelfeindlichen
Kommentaren auch Forderungen nach historischer Sensibilität in der
Bewertung des Nahost-Konfliktes veröffentlicht [24]; und Wolfgang
Pohrt wies auf nationalistische Untertöne in der antiisraelischen
Argumentation der radikalen deutschen Linken hin und outete die Gleichsetzung
Israels mit dem nationalsozialistischen Deutschland als Versuch der Aufrechnung
der deutschen Verbrechen [25].
Von Einwürfen dieser Art vollkommen unbeeindruckt, erschien aus anarchistischen,
autonomen und antiimperialistischen Kreisen nach wie vor der Ruf nach
Gewalt gegen Israel und »zionistische Basen« in der Bundesrepublik.
Nachdem ein Mitarbeiter der Berliner Taz für mehr Sensibilität
im Umgang der deutschen Linken mit dem Staat der Überlebenden des
Holocaust plädiert hatte, warfen Mitglieder einer selbsternannten
»Antifaschistischen Aktionsgruppe« die Fensterscheiben seiner
Wohnung ein und forderten seine Mitbewohner mit einem Graffito im Hausflur
auf, den Journalisten, der als »Zionisten + Faschistenschwein«
bezeichnet wurde, aus seiner Unterkunft zu vertreiben. [26]
Nach der Beendigung des Libanonkrieges nahm das nahostpolitische Interesse
eines Großteils der radikalen deutschen Linken schlagartig ab. Je
eindringlicher die PLO Verhandlungsbereitschaft mit Israel signalisierte,
um so größere Probleme hatten die verschiedenen deutschen Solidaritätsgruppen,
die zumeist an der martialischen Rhetorik und den bedingungslosen Maximalforderungen
der 70er Jahre festhielten, bei der Gewinnung neuer Aktivisten. Zahlreiche
Gruppierungen lösten sich auf, die verbliebenen Akteure drängten
in isolierte Zirkel und pflegten zunehmend völkisch-nationalistische
Denkweisen. Wenn die organisatorische Basis der Palästina-Solidaritätsbewegung
somit auch im Schwinden begriffen war, fanden die Ideen der Palästina-Komitees
allerdings einen Platzhalter in der autonomen Bewegung sowie den Antiimp-Gruppen,
die ihre politische Arbeit freilich nicht mehr ausschließlich den
Auseinandersetzungen im Nahen Osten widmeten.
Als sich palästinensische Jugendliche Ende 1987 im Gazastreifen und
in der Westbank gegen die israelischen Militär- und Polizeikräfte
erhoben und hiermit die so genannte erste Intifada begann, zeigte sich,
dass die israelfeindlichen Ressentiments in der radikalen deutschen Linken
weder verschwunden noch auf die Existenz eines breiten Spektrums von Palästina-Komitees
angewiesen waren. Sie schienen, ähnlich wie 1982, lediglich ein Stimulans
von Seiten der israelischen Politik zu benötigen um erneut hervorzubrechen.
In der Berichterstattung, in linksradikalen Stellungnahmen und in Kommentaren
zur Intifada wurde, wie bereits während der 70er Jahre und nach Beginn
des israelischen Libanonkrieges 1982, nicht nur das Vorgehen der Israeli
Defense Forces (IDF) in den besetzten Gebieten kritisiert. Bei einer Vielzahl
der Solidaritätsveranstaltungen, die seit 1987 in zahlreichen Universitätsstädten
durchgeführt wurden, bei Demonstrationen, auf Flugblättern und
in anderen Publikationen wurden vielmehr abermals Gleichsetzungen von
Zionismus und Nationalsozialismus betrieben und unverhohlene Forderungen
nach der Zerschlagung des jüdischen Staates erhoben. In der Freiburger
Autonomen-Zeitschrift Immer Rebellieren (Untertitel: Kampfblatt für
den Aufstand) wurde erklärt »Das zionistische Staatengebilde
›Israel‹ [Israel in Anführungszeichen! J.G.] muss verschwinden!«
[27]; Personen aus dem autonomen Spektrum gossen in mehreren Städten
rote Farbe über Produkte aus Israel, die in verschiedenen Einkaufszentren
angeboten wurden [28]; und in der Hamburger Hafenstraße, dem damals
wohl bedeutendsten Treffpunkt der autonomen Szene der Hansestadt, schrieben
Bewohner in meterhohen Buchstaben die Parole »Boykottiert ›Israel‹!
Waren, Kibbuzim und Strände. Palästina – Das Volk wird
Dich befreien« an die Wand eines Hauses [29].
Die Diskussionen über die israelische Politik wurden somit zwar auch
nach Ausbruch der Intifada von israelfeindlichen Positionen dominiert.
Im Vergleich zur Situation während des Libanonkrieges wurden die
Vertreter der Forderungen nach einem Ende der israelischen Staatlichkeit
innerhalb der radikalen Linken jedoch nicht mehr nur vereinzelt angegriffen;
die Kritiker hatten sich vielmehr zu einer »selbstbewussten Minderheit«
entwickelt. [30] Die Freiburger Initiative Sozialistisches Forum (ISF)
veröffentlichte Texte, in denen Antizionismus als »neuer Antisemitismus
von links« bezeichnet wurde [31]; in Hamburg sagte sich die regionale
Gruppe des Kommunistischen Bundes (KB) im Januar 1988 von einem Demonstrationsaufruf
los, in dem Israel das Existenzrecht aberkannt wurde [32]; und in Bremen
distanzierte sich die dortige KB-Gliederung von einer Demonstration, weil
auch nach intensiven Diskussionen innerhalb des Vorbereitungsbündnisses
nicht auf die Existenz innerisraelischer Kritik an der Besatzungspolitik
verwiesen wurde [33].
Als im November 1989 die Mauer fiel, der Ostblock kurze Zeit später
implodierte und eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten absehbar
wurde, zeigte sich die radikale Linke zunächst paralysiert; das nahostpolitische
Interesse ließ schlagartig nach. [34] Selbst über die noch
immer nicht beendete Intifada, palästinensische Protestaktionen und
israelische Polizei- und Militärmaßnahmen wurde in linksradikalen
Medien nicht mehr oder nur noch am Rande berichtet. Erst im Verlauf der
Irak-Kuwait-Krise und des Zweiten Golfkrieges 1990/91 wurden das Interesse
an den Auseinandersetzungen im Nahen Osten sowie die antiisraelischen
Ressentiments in weiten Teilen des linksradikalen Spektrums reaktiviert.
[35]
Im Verlauf des Krieges verwandelte sich Hans-Christian Ströbele,
damals Sprecher des Bundesvorstandes der Grünen, plötzlich vom
Hassobjekt – er hatte sich kurz zuvor für die Bildung einer
rot-grünen Koalition in Berlin eingesetzt – zur positiven Bezugsperson
großer Teile der radikalen Linken. Der Grund: Ströbele hatte
in einem Interview mit Henryk M. Broder erklärt, die irakischen Angriffe
auf Israel seien »die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik
Israels«. [36] Im traditionsmarxistischen, autonomen und antiimperialistischen
Spektrum der radikalen Linken wurde zumeist nicht diese indirekte Rechtfertigung
der irakischen Bombardements bzw. die damit verbundene Täter-Opfer-Umkehr
kritisiert, sondern lediglich Ströbeles Entschluss, Broder ein Interview
zu geben. [37] Die Mehrheit der radikalen Linken griff seine nachträgliche
Verknüpfung der Kuwaitfrage mit den Auseinandersetzungen zwischen
Israelis und Palästinensern affirmativ auf, bagatellisierte die Gefährdung
Israels oder schrieb die Schuld für die irakischen Angriffsdrohungen
sowie die darauf folgenden Raketenangriffe auf den jüdischen Staat
der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern und seinen
arabischen Nachbarstaaten zu. Bei einer Demonstration gegen den Golfkrieg
Anfang Februar 1991 in der Hamburger Hafenstraße wurde dementsprechend
der Boykott Israels gefordert [38]; Traditionsmarxisten erklärten,
für Marxisten sei das Existenzrecht Israels ein »absolutes
Hindernis auf dem Wege der emanzipatorischen Lösung der palästinensischen
und letztlich auch der jüdischen Frage« [39]; und selbst das
Eintreten für eine Zweistaatenlösung sei »nichts als ein
Versuch, die grundlegende Parteinahme für den zionistischen Kolonialismus
und gegen die Solidarität mit den unterdrückten Palästinensern
zu verschleiern«. [40]
Nachdem der Krieg gegen den Irak bereits seit der Jahreswende 1990/91
von mehreren Prominenten aus dem linksliberalen Spektrum befürwortet
worden war, äußerten sich nach dem Beginn der irakischen Raketenangriffe
auf Israel erstmals auch Vertreter der radikalen Linken – zumeist
aus dem Umfeld der Zeitschrift Konkret – zustimmend zu einem alliierten
Militärschlag gegen das Regime Saddam Husseins. Bei einer Diskussionsveranstaltung
Mitte Februar 1991 erklärte Konkret-Autor Eike Geisel, er könne
nur hoffen, »dass das Regime von Saddam Hussein möglichst bald
beseitigt wird und dass es anschließend eine Friedenskonferenz gibt«
[41]; in der Märzausgabe der Konkret erklärte ihr Herausgeber
Hermann L. Gremliza, dass am Golf »aus falschen Gründen und
mit falschen Begründungen das Richtige getan zu werden scheint«
[42]: Gefahr von Israel abgewandt; und ein Angehöriger der ISF führte
aus: »Die Interessen der USA und ihrer Verbündeten mögen
so imperialistisch sein, wie sie es auf jeden Fall sind – solange
und insoweit diese Interessen die Verteidigung Israels gegen Angriffe
mit deutschem Giftgas implizieren, stehen sie außerhalb jeder Kritik.«
[43]
Als Yitzak Rabin und Yassir Arafat im September 1993 Dokumente über
die gegenseitige Anerkennung Israels und der PLO unterzeichneten, ließ
das israelpolitische Interesse der radikalen deutschen Linken erneut nach,
und zahlreiche Beobachter erklärten, die antizionistische Linke habe
sich »erledigt«. [44] Diese scheinbare Abkehr vom Antizionismus
stand, wie Martin W. Kloke in einer Rückschau auf die linken Israel-Debatten
der 90er Jahre durchaus richtig ausführt, im unmittelbaren Zusammenhang
mit dem »äußeren Zerfall der radikalen Linken in Deutschland«,
der Intensivierung der Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern
sowie »kathartischen Binnenimpulsen«. [45] Trotz der weitgehenden
Gleichgültigkeit gegenüber dem aktuellen Geschehen im Nahen
Osten – der Wahlsieg Ehud Baraks etwa wurde in den linksradikalen
Medien nahezu nicht kommentiert – zeigten weite Teile der radikalen,
zunächst antinationalen und antideutschen Linken großes Engagement
bei einer kritischen Auseinandersetzung mit den israelfeindlichen Aktivitäten
der 70er, 80er und frühen 90er Jahre.
Mit dem Beginn der so genannten Al-Aqsa-Intifada im September 2000 wurde
jedoch deutlich, dass die antiisraelischen Ressentiments in weiten Teilen
der radikalen Linken keineswegs – wie Beobachter noch kurze Zeit
zuvor gemutmaßt hatten – verschwunden waren. Im Vergleich
zur ersten Intifada hatte sich die Situation im Nahen Osten und der Charakter
der Auseinandersetzungen zwar deutlich verändert: Den Israelis standen
seit dem Spätsommer 2000 nicht mehr nur steinewerfende Kinder, sondern
auch gutausgebildete und schwerbewaffnete paramilitärische Einheiten
gegenüber. Dennoch verwendeten weite Teile der radikalen deutschen
Linken auch weiterhin die Stereotypen der Palästina-Solidaritätsbewegung
der 70er und 80er Jahre. Die Ereignisse im Nahen Osten wurden als Auseinandersetzung
zwischen der hochgerüsteten und brutalen israelischen Armee und »nur
mit Steinen bewaffnete[n] Jugendliche[n]« [46] dargestellt; den
Israelis wurden eine »maßlose Gewalteskalation« und
»Kolonialpläne« [47] unterstellt; und Gewaltakte von
palästinensischer Seite wurden entweder als gerechtfertigte und logische
Reaktion auf das israelische »Apartheid-System« [48] gewertet
oder aber verschwiegen. Einwände gegen den Opfer- und Märtyrerkult
auf Seiten der Palästinenser, die Instrumentalisierung von Kindern
im Kampf gegen die Israelis oder die Zusammenarbeit der PLO mit der Hamas
oder dem Islamischen Djihad wurden nicht erhoben. In der Vierteljahresschrift
Kalaschnikow wurde erklärt, man könne verstehen, dass der Vater
eines getöteten palästinensischen Kindes öffentlich zu
Rache und Vergeltung an den Israelis aufruft [49]; in der DKP-Zeitung
Unsere Zeit (UZ) erörterte ein Autor, dass es zwar keine Entschuldigung
für den kurz zuvor verübten Lynchmord an zwei israelischen Soldaten
gebe, man dürfe jedoch nicht vergessen, »auf welchem Hintergrund
die beiden israelischen Soldaten gelyncht wurden« [50]; und in der
Jungen Welt wurde erklärt: »Wenn nur mit Steinen bewaffnete
Jugendliche den Tod nicht mehr fürchten, dann müssen sie sich
schon sehr gepeinigt und unterdrückt fühlen.« [51]
Trotz dieser grundsätzlichen Orientierung an den linksradikalen Interpretationsmustern
des Nahost-Konfliktes der 70er und 80er Jahre schienen die Debatten um
Antizionismus und linken Antisemitismus auch in der orthodox-marxistischen
Fraktion der radikalen Linken sowie im Lager der Antiimps eine gewisse
Wirkung hinterlassen zu haben. Offene Boykottaufrufe, völkische Blut-und-Boden-Romantik
und Vergleiche der israelischen Politik mit dem Nationalsozialismus wurden
in dieser Phase der Auseinandersetzungen wesentlich seltener als noch
zehn oder fünfzehn Jahre zuvor benutzt. Sie waren jedoch nicht aus
den Stellungnahmen und Kommentaren verschwunden, sondern wurden –
wenn auch weniger vehement als in den 70er, 80er und frühen 90er
Jahren – oftmals lediglich codiert wiedergegeben. So wurden die
Israelis in den Wochen und Monaten nach Ausbruch der Al-Aqsa-Intifada
zwar nur noch selten direkt und offen als Nazis oder Faschisten bezeichnet.
Indirekt wurde allerdings oftmals angedeutet, dass starke Ähnlichkeiten
zwischen der israelischen und der faschistischen Politik bestünden.
Ein Autor der Tageszeitung Junge Welt versuchte Gemeinsamkeiten zwischen
der US-amerikanischen Unterstützung Israels und ihrer Protektion
»der Hitler-freundlichen Diktatoren Franco und Salazar« herauszuarbeiten
und setzte das faschistische Spanien und die Diktatur Salazars in Portugal
damit indirekt mit dem heutigen Israel gleich [52]; ein Vertreter der
Gruppe Arbeitermacht behauptete, die Zionisten hätten die »angesichts
der Geschichte makaberen Losungen« »Kauft nicht bei Arabern«
und »Beschäftigt nur jüdische Arbeiter« zur Durchsetzung
»eines spezifisch israelischen Apartheid-Systems« benutzt
[53]; und ein Redakteur der Jungen Welt verzichtete zwar auf die Behauptung,
Israel sei ein faschistischer Staat, erklärte jedoch, dass Israel
auch nicht wirklich antifaschistisch sei: »Dass im Land der Auschwitz-Überlebenden
und ihrer Nachkommen der Begriff ›Partisan‹ [ein Mitglied
einer israelischen Institution soll die Palästinenser zuvor als Partisanen
der arabischen Staaten bezeichnet haben; J.G.] zum Schimpfwort werden
konnte, wo doch die europäische Partisanenbewegung entscheidend dazu
beigetragen hat, den faschistischen Judenmördern ihr blutiges Handwerk
zu legen, sagt einiges über das Selbstverständnis dieses Staates
aus. Im aufrichtigen Sinn antifaschistisch kann es nicht sein.«
[54]
Eine ähnliche Wandlung wie die Faschismusvorwürfe an Israel
hatten auch die in den 70er, 80er und frühen 90er Jahren beliebten
Forderungen nach der Beseitigung des jüdischen Staates erfahren.
Anstatt, wie noch zehn oder fünfzehn Jahre zuvor, offen nach dem
Ende der israelischen Staatlichkeit zu verlangen, wurden moderater klingende
Forderungen gestellt, deren Umsetzung allerdings ähnliche Resultate
zur Folge hätte. »Wir [...] fordern die Freilassung aller revolutionären
Gefangenen aus israelischen und palästinensischen Gefängnissen
und das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge«,
so formulierte die Berliner Gruppe Mücadele den in dieser Zeit beliebtesten
Aufruf dieser Art. [55] Diese Forderung nach einem Rückkehrrecht
palästinensischer Flüchtlinge und ihrer Nachkommen wurde nicht
gegenüber einem potentiellen palästinensischen Staat erhoben
– die Frage, wem dessen Behörden die Staatsbürgerschaft
verleihen, wäre nicht Gegenstand von Verhandlungen zwischen Israelis
und Palästinensern, sondern müsste in innerpalästinensischen
Diskussionen geklärt werden. Die Forderung richtete sich vielmehr
an Israel in den Grenzen von 1967. [56] Selbst in politisch gemäßigten
palästinensischen Kreisen wird daher anerkannt, dass dieses Verlangen,
wie von Amos Oz dargelegt, einen »arabischen Euphemismus für
die Liquidation Israels« darstellt. [57]
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und der israelischen Operation
Schutzschild im März 2002 wurde allerdings auch auf solche Euphemismen
verzichtet, und Traditionsmarxisten, Antiimps und Vertreter verschiedener
autonomer Gruppen formulierten wieder offen und deutlich, was sie in den
Monaten zuvor nur zaghaft angedeutet hatten. Die Palästinenser wurden
mit den Aufständischen des Warschauer Ghettos verglichen [58]; ein
Angehöriger der trotzkistischen Gruppe Arbeitermacht behauptete,
die Israelis würden einen »Vernichtungskrieg« [59] führen;
und Thomas Meyer-Falk erklärte, Scharon betreibe »Ausrottungspolitik«
und plane die »Vernichtung der PalästinenserInnen« [60].
Selbst das Existenzrecht Israels, das in den Jahren zuvor zumeist nur
noch in codierter Form in Frage gestellt wurde, wurde wieder offen und
lautstark verneint: In der Jungen Welt wurde erklärt, eine jüdisch-palästinensische
Koexistenz sei nur durch die Überwindung Israels möglich [61];
Mitglieder der Gruppe Arbeitermacht forderten einen Boykott israelischer
Waren, riefen die arabischen Staaten »nicht nur zum Abdrehen des
Ölhahns für den Westen auf, sondern auch zur Mobilisierung der
Bevölkerung von Ägypten und Syrien und zur Bereitstellung von
Waffen und Freiwilligen für die besetzten Gebiete« und verlangten
schließlich: »Echte Waffen als Ersatz für Steine!«
[62] Mit diesen Aussagen bestätigten sich die Befürchtungen
derjenigen, die bereits Mitte der 90er Jahre gemutmaßt hatten, dass
die Kritik am Antizionismus nicht zu einer Reflexion, sondern lediglich
zu einer zeitweisen Veränderung von Sprachregelungen geführt
habe.
2. »Arabien den arabischen Völkern«. Das antiimperialistische
Weltbild
Eine erste Grundlage für das Verständnis der israelfeindlichen
Ausfälle der radikalen deutschen Linken bildet das antiimperialistische
Weltbild. [63] Dieses dient dem Großteil der Bewegung seit Jahrzehnten
als ideologische Basis zur Bewertung des gesamten Weltgeschehens. Zwar
nahmen verschiedene Fraktionen der radikalen deutschen Linken nach 1989
zusehends Abschied von dieser starren und schematischen Weltsicht. Insbesondere
in denjenigen Kreisen, in denen Israel auch nach dem Ende der Blockkonfrontation
noch als Feindbild fungiert – im traditionsmarxistischen, im antiimperialistischen
und teilweise auch im autonomen Lager –, dient das antiimperialistische
Weltbild jedoch auch weiterhin als Schablone für die Interpretation
weltpolitischer Ereignisse.
Die Ursachen der einstmaligen Übernahme dieser einseitigen und klischeehaften
Weltsicht sind nicht zuletzt im Niedergang der Protestbewegung zu suchen.
So befand sich die radikale Linke seit dem Ende der 60er Jahre in einer
tiefen Krise: Der erhoffte weltweite Umschwung war ausgeblieben, die Studentenbewegung
zeigte deutliche Auflösungserscheinungen, und die zahllosen Versuche,
die Arbeiterschaft für revolutionäre Veränderungen zu begeistern,
waren fehlgeschlagen. Je unwahrscheinlicher die Revolution in den Metropolen
wurde, umso verzweifelter wurden die revolutionären Sehnsüchte
in andere Gegenden des Erdballs verlagert.
Während sich die Grenze zwischen »Unterdrückern«
und »Unterdrückten« in den westlichen Industrienationen
nicht mehr eindeutig ziehen ließ, konnte eine solche Einteilung
in den Staaten der Dritten Welt anscheinend noch ohne größere
Schwierigkeiten vorgenommen werden. Den »unterdrückten Völkern«
als den Verkörperungen des Guten wurde hierbei »der Imperialismus«
als Inkarnation des Bösen gegenübergestellt. Da sich der größte
Teil der entsprechenden Gruppierungen in der Dritten Welt vor allem als
nationale Befreiungsbewegung begriff, wurde soziale Emanzipation auch
von weiten Teilen der radikalen deutschen Linken zunächst mit dem
Erringen nationaler Souveränität gleichgesetzt. Bei der unkritischen
Übernahme der ideologischen und propagandistischen Grundmuster der
Guerillagruppierungen wurde allerdings zumeist übersehen, dass der
Sieg solcher Organisationen nicht das Geringste mit sozialer Befreiung,
der Abschaffung von Unterdrückung oder der Zerstörung patriarchalischer
Herrschaftsformen zu tun hatte. Im Idealfall bildeten sich halbwegs stabile,
semi-demokratische Staaten heraus; in der Regel entstanden jedoch offen
terroristische Diktaturen, deren Eliten spätestens nach der Übernahme
der Regierungsgewalt Abschied von den zuvor vertretenen emanzipatorischen
Forderungen nahmen.
Herrschaft wird im Rahmen des antiimperialistischen Weltbildes somit in
erster Linie als Fremdherrschaft imperialistischer Mächte über
»unterdrückte Völker« wahrgenommen, Ausbeutung als
fremde Machenschaft begriffen. [64] Der Imperialismus, so erklärten
etwa die Revolutionären Zellen 1981, betreibe eine Politik, die,
»um die Weltherrschaft zu erlangen, sich skrupellos über das
Selbstbestimmungsrecht aller Völker hinwegsetzt und nicht davor zurückschreckt,
Völkermord zu begehen« [65]; das Plenum der Hamburger Hafenstraße
beendete ein Flugblatt im Februar 1991 mit der Parole »Arabien den
arabischen Völkern« [66]; und in der Tageszeitung Junge Welt
wurde noch 2001 erklärt, dass ein »fremdbestimmtes Regime«
nicht anders könne, »als diktatorisch gegenüber der eigenen
Bevölkerung zu agieren« [67].
Anders als Marx begreifen die meisten seiner leninistischen, maoistischen,
antiimperialistischen und autonomen Epigonen Kapitalismus nicht als gesellschaftliches
Verhältnis, sondern als Folge offener und verdeckter Repressionen
eines Zusammenschlusses bösartiger Finanzkapitalisten. Für Hunger,
Elend und Unterdrückung wird insofern weniger das System der Wertvergesellschaftung
verantwortlich gemacht, als ein »profitgieriges, menschenverachtendes
Bonzenpack« [68], »der Mann im Weißen Haus« [69],
die »Auftraggeber in den Banken und Konzernzentralen« [70]
bzw. Demagogen, die »das Bewusstsein der Arbeiterklasse« zersetzen
[71].
Diese Personalisierung von Herrschaft und Ökonomie findet ihre notwendige
Ergänzung in der Verschwörungstheorie zur Erklärung des
Weltgeschehens: Angesichts der Parteinahme von Autoren der Zeitschrift
Konkret für bestimmte Elemente der russischen und der israelischen
Politik mutmaßten Trotzkisten im Dezember 2000, »welche konkreten
Allianzen hinter den Kulissen geschmiedet werden« [72]; die Sowjetunion,
so wurde in der Zeitschrift Kalaschnikow erklärt, sei »verräterischen
Machenschaften« erlegen [73]; und die nahostpolitischen Ereignisse
seit dem Amtsantritt der Regierung Barak seien Folge einer Verschwörung
des Militärs [74]: Die ehemaligen Generäle Scharon und Barak,
so wurde behauptet, hätten bei den israelischen Wahlen im Februar
des Jahres 2001 zusammengewirkt, »um sicher zu gehen, dass kein
anderer, ziviler Kandidat, die Möglichkeit bekam, sich zur Wahl zu
stellen«. [75]
In dieser Vorliebe für Verschwörungstheorien, in der Tendenz,
Politik und Ökonomie zu personalisieren, im Verständnis von
Herrschaft und Ausbeutung als fremden Machenschaften sowie in der dualistischen
Einteilung der Welt in gut und böse weist das antiimperialistische
Weltbild, wie von Thomas Haury bereits zu Beginn der 90er Jahre ausgeführt
wurde, zahlreiche strukturelle Gemeinsamkeiten mit dem Weltbild des Antisemitismus
auf. [76] Das erste zentrale Strukturmerkmal des Antisemitismus ist die
strikt binäre Codierung der gesamten Welt: »Auf der einen Seite
gibt es das wesenhaft Böse, alle abgelehnten Phänomene werden
ihm zur Last gelegt. Auf der anderen Seite steht das bedrohte, wesenhaft
Gute. Zwischen diesen unaufhebbaren Gegensätzen ist der existentielle
Kampf unausweichlich: Entweder eigener Untergang oder endgültige
Vernichtung, das sind die Alternativen. [...] Das zweite Strukturmerkmal
der antisemitischen Ideologie ist die Personifizierung gesellschaftlicher
Verhältnisse. Die Prozesse der zentralen gesellschaftlichen Bereiche
[...] werden dem absichtsvollen Handeln konkreter Menschen zur Last gelegt.
[...] Das notwendige Korrelat der Personifizierung bildet die Verschwörungstheorie.
Wenn alles Böse in der Gesellschaft, ja in der ganzen Welt dem absichtsvollen
Handeln von Menschen zugrunde liegt, so muss dahinter ein heimtückischer
Plan, eine weltweite Verschwörung stecken.« [77]
Wird das antiimperialistische Weltbild schließlich auf den Nahost-Konflikt
übertragen, weitet sich die strukturelle Ähnlichkeit zu einer
inhaltlichen Übereinstimmung aus: [78] Aus den »Imperialisten
und profitgeilen Kapitalisten«, denen im Rahmen der personalisierten
Geschichtssicht die Schuld an sämtlichem Unglück der Welt gegeben
wird, wird assoziativ und zwangsläufig der geldgierige und bösartige
Jude mit dem Namen Zionist; aus der Macht der bürgerlichen Presse
wird die Herrschaft der jüdisch-zionistischen Presse; und das Verständnis
von Herrschaft und Ökonomie als Verschwörungszusammenhang von
Finanzkapitalisten reproduziert bei seiner Anwendung auf die Auseinandersetzungen
zwischen Palästinensern und Israelis schließlich die klassischen
antisemitischen Stereotypen der versteckten Zersetzung und der jüdischen
Weltverschwörung.
Zu den antisemitischen Stereotypen, die das antiimperialistische Weltbild
bei seiner Anwendung auf den Nahost-Konflikt gezwungenermaßen reproduziert,
gesellen sich schließlich nahezu zwangsläufig auch andere Formeln
des klassischen Antisemitismus: Bei einer Tagung der Marx-Engels-Stiftung
im Oktober 2001 sprach eine Referentin von der »wahrlich exzellenten
israelischen Propagandamaschine«, die die »westlichen Medien
unter ihren Fittichen« [79] habe; auf der Homepage der Gruppe Arbeitermacht
wurde behauptet, der »Einfluss des Zionismus innerhalb der westlichen
Arbeiterbewegung« habe dazu geführt, »dass das Abschlachten
der Palästinenser durch Israel auf weitgehendes Stillschweigen in
der Arbeiterbewegung und der Linken getroffen« sei [80]; und bei
einer Veranstaltung des Palästina-Komitees München am 9. November
(!) 2001 erklärte ein Vertreter des Podiums, dass er sich nicht »von
Herrn Friedman die Meinung diktieren« lasse. [81] Ein Kritiker dieser
und ähnlicher Ausfälle wurde von Teilen des Publikums als »jüdischer
Meinungsdiktator« beschimpft. [82] Damit wurde noch einmal bestätigt,
was auch andere Aktivitäten der linksradikalen Feinde Israels –
der versuchte Brandanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in West-Berlin
1967, die Selektion jüdischer Passagiere in Entebbe 1976 usw. –
nahe legen: Die Begriffe »Zionist« und »Israeli«
dienen in antizionistischen Kreisen lediglich als Chiffre für das
Wort »Jude«.
3. »Hinter dem Faschismus steht das Kapital«. Nationalsozialismus,
Antisemitismus und die radikale deutsche Linke
Nach der Entführung der Air-France-Maschine nach Entebbe und der
dortigen Selektion jüdischer Passagiere im Juni 1976, den Reaktionen
auf den israelischen Libanonkrieg und den Ausbruch der Intifada, vor allem
jedoch seit dem Beginn der 90er Jahre sahen sich die linksradikalen Israel-Feinde
auch aus dem eigenen politischen Lager zahlreichen Antisemitismusvorwürfen
ausgesetzt. Die daran anschließenden Auseinandersetzungen um linken
Antisemitismus sorgten zwar bei Teilen der radikalen Linken für die
Abkehr von einer allzu vehement vorgetragenen Israel-Feindschaft bzw.
einer stärkeren Sensibilisierung im Umgang mit dem Staat der Überlebenden
des Holocaust. Insbesondere Vertreter traditionsmarxistischer Gruppierungen,
die Reste der Antiimps und Teile der autonomen Szene zeigten sich jedoch
in der Regel immun gegenüber solchen Aufklärungsversuchen.
Eine Ursache dieser Ignoranz gegenüber antisemitischen Argumentationsmustern
ist im traditionsmarxistischen, antiimperialistischen und autonomen Verständnis
von Nationalsozialismus bzw. Faschismus – der Begriff Nationalsozialismus
wird in diesem Spektrum auch weiterhin zumeist vermieden – zu suchen.
Trotz der zahlreichen hervorragenden Faschismusanalysen, die im Umfeld
der Protestbewegung der 60er und 70er Jahre erstellt wurden (Johannes
Agnoli usw.), kommt das Faschismusverständnis eines großen
Teiles der linksradikalen Öffentlichkeit nur selten über die
Demonstrations-Parole »Hinter dem Faschismus steht das Kapital«
hinaus. Faschismus bzw. Nationalsozialismus werden, ähnlich wie bis
1989 in der DDR, als Extremform des Kapitalismus und des Imperialismus
dargestellt und gleichsam darauf reduziert. In einer Stellungnahme der
Göttinger Antifa M, bis zu ihrer Auflösung im April 2004 eine
der bundesweit bedeutendsten autonomen Antifa-Gruppen, wurde 1994 erklärt:
»Für uns ist Faschismus nur eine bestimmte Spielart des imperialistischen
Machtapparates. Damit ist Faschismus Teil des ökonomischen Unterdrückungsapparates,
der heute weltweit herrscht. Gegen Faschismus zu kämpfen, heißt
also, das System zu bekämpfen, das eigentlich dahinter steht [...]
Faschismus ist für uns auch der computerüberwachte Staat; er
muss nicht immer mit Hakenkreuzfahne und Marschkolonne daherkommen.«
[83]
Nicht zuletzt als Reaktion auf die seit 1997 zu beobachtende positive
Bezugnahme großer Teile des antideutschen Lagers auf Daniel Jonah
Goldhagens Untersuchung »Hitlers willige Vollstrecker« –
Goldhagen hatte bekanntlich die Beteiligung der »ganz normalen Deutschen«
am Holocaust thematisiert – wurde in der Zeitschrift Linksruck ausgeführt:
»Nicht ›die‹ Deutschen haben die Juden vergast, sondern
die SS.« [84] Der Unterschied zwischen Tätern und Opfern, zwischen
»Krupp und Krause«, so ergänzte Klaus Wagner, Autor der
Marxistischen Blätter, werde durch den stetigen Hinweis darauf, dass
Auschwitz ein »deutsches Verbrechen« sei, verwischt. [85]
Goldhagen sei entgangen, so wurde auch im Antifaschistischen Info-Blatt
(AIB), der wohl bedeutendsten bundesweit erscheinenden Antifa-Publikation,
erklärt, dass die deutsche Arbeiterbewegung, »gegen die der
Antisemitismus als ideologische Waffe zu Felde geführt wurde, mit
Erfolg jede antisemitische Tendenz in ihren Reihen über Jahrzehnte
zurückgewiesen« habe. [86]
Anhand dieser Äußerungen wird eines deutlich: Die deutsche
Bevölkerung und insbesondere die Arbeiterschaft wird in weiten Teilen
der radikalen Linken als Opfer des Nationalsozialismus betrachtet; die
oftmals willige Integration in die NS-Volksgemeinschaft wird geleugnet
und die Volksgemeinschaft als rein »ideologisches Konstrukt«
der Nationalsozialisten zur Niederhaltung der Arbeiter begriffen. [87]
»Als man sich zu Beginn der Siebziger verstärkt dem eingebildeten
revolutionären Subjekt Proletariat zuwandte,« so ein Beobachter
in einem Rückblick auf die Genese der linksradikalen NS- und Holocaust-Wahrnehmung,
»galt Auschwitz bestenfalls als Sammelmetapher für all die
Sauereien, die der Kapitalismus auf Lager hat, wenn er nicht so bald wie
möglich beseitigt wird.« [88] Die Verfolgung und Ermordung
der europäischen Juden war nach Auffassung weiter Teile der radikalen
deutschen Linken nicht das Hauptkennzeichen des Nationalsozialismus, sondern
ein nebensächliches Phänomen, das sich den außen- und
innenpolitischen Zielen der Monopolbourgeoisie unterordnete. Der Holocaust,
so wurde noch im Oktober 2001 auf einer Tagung der DKP-nahen Marx-Engels-Stiftung
behauptet, sei eine der grauenhaftesten, »aber im historischen Kontext
sicher nicht entscheidende[n] Seite[n]« des Nationalsozialismus
[89]; hinter dem »mystischen Nebelvorhang des Unbegreiflichen«
verschwinde die »betriebswirtschaftliche Rationalität der Kriegs-
und Profitproduktion von Monowitz« [90].
Ein solches Faschismus- und Antisemitismusverständnis ermöglicht
es, die Faschismus- und Antisemitismusvorwürfe gegen die linken Israelfeinde
mit der Behauptung zurückzuweisen, die Juden seien selbst zu Faschisten
geworden – eine Unterstellung, die bereits unterschwellig den Aufruf
zu neuerlicher Gewalt beinhaltet: Wenn die Juden die Nazis von heute sind,
dann lautet die logische Schlussfolgerung, dass sich wahrer Antifaschismus
gegen die Juden-Zionisten zu richten habe. Der inneren Logik des antizionistischen
Weltbildes folgend, erklärte eine antiimperialistische Gruppierung
1991, die Folgerung aus Auschwitz sei der Kampf gegen »Rassismus,
Antisemitismus, Verfolgung und Faschismus«, der auch bzw. »gerade«
den »Kampf gegen den Staat ›Israel‹ und für Palästina«
mit einschließe. [91] Das antizionistische Selbstverständnis
bietet somit nicht nur die Möglichkeit, sich vollkommen ahistorisch
mit einem so genannten »revolutionären« oder »autochthonen
Volk« zu identifizieren. Es erteilt, wie Detlev Claussen in seinem
»Versuch über den Antizionismus« darlegt, gleichzeitig
wieder die »Berechtigung, auch einmal Juden zu verfolgen –
und sei es auch nur mit Kritik«. [92]
4. Von der »Neuen« zur deutschen Linken. Die radikale
Linke und ihre Liebe zum Volk
Die Hegemonie des antiimperialistischen Weltbildes in der Welterklärung
eines Großteils der radikalen deutschen Linken sowie die traditionsmarxistische,
antiimperialistische und autonome Sicht auf Nationalsozialismus und Antisemitismus
erklären zwar teilweise, warum Vertreter der radikalen Linken seit
den späten 60er Jahren bedingungslose Solidarität mit den Palästinensern
forderten, bei der Beschreibung der israelischen Politik auf antisemitische
Stereotypen zurückgriffen und die Politik des jüdischen Staates
mit der politischen Praxis des Nationalsozialismus gleichsetzten. Sie
geben allerdings weder Aufschluss darüber, warum lediglich die PLO
und die mit ihr konkurrierenden palästinensischen Organisationen,
nicht jedoch die zionistischen Gruppierungen als nationale Befreiungsbewegungen
betrachtet wurden. Noch vermögen sie eine ausreichende Erklärung
dafür zu bieten, warum die israelische Politik besonders exzessiv
mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt wurde und weite Teile der radikalen
Linken auch nach dem Ende der Blockkonfrontation weiterhin vehement für
die »Sache des palästinensischen Volkes« eintreten. Boten
die Programmatik und das Vokabular der verschiedenen in der PLO vereinigten
und mit ihr konkurrierenden Gruppierungen in der Hochphase der Palästina-Solidaritätsbewegung
partiell immerhin noch Bezugspunkte für revolutionäre Hoffnungen
der radikalen Linken in den Metropolen, finden sich spätestens seit
dem Ende der Systemauseinandersetzung keine emanzipatorischen Forderungen
mehr in ihren Stellungnahmen und Erklärungen.
Die schier unverbrüchliche Treue der radikalen deutschen Linken zum
antiisraelischen Kampf der Palästinenser steht im Zusammenhang mit
einer bereits vor 1989/90 vollzogenen Wandlung von Kategorien antikapitalistischer
Analyse: So war das Marxsche Diktum »die Arbeiter haben kein Vaterland«
spätestens seit der Modifikation des Marxismus durch Lenin, Stalin
und Mao einer romantischen Verherrlichung guter und unterdrückter
Völker, völkischen Befreiungsmythen und dem Verweis auf ein
»Selbstbestimmungsrecht der Völker« gewichen. [93] Je
intensiver sich die Vertreter der »Neuen«, in den 60er Jahren
in Abgrenzung zum Traditionsmarxismus entstandenen radikalen Linken auf
die Klassiker des Leninismus und Maoismus bezogen – nicht nur die
K-Gruppen, selbst viele antiautoritäre Zusammenschlüsse griffen
auf leninistische und maoistische Kategorien zurück –, um so
stärker wandelte sich auch ihre Vorstellung von Internationalismus.
Pflegte die »Neue Linke«, wie Dan Diner in einem Rückblick
auf deren politische Theorie und Praxis feststellte, in der Aufbruchsphase
um 1967/68 vor allem einen Internationalismus »in einem sehr jüdischen,
nämlich kosmopolitischen Sinn« [94], wurden die Rhetorik und
Programmatik der Protestbewegung mit stärkerer Orientierung ihrer
Protagonisten am marxistisch-leninistischen bzw. maoistischen Weltbild
zunehmend von einer Glorifizierung so genannter »unterdrückter
Völker« geprägt.
Zu dieser Idealisierung von »Ethnizität« gesellte sich
– nicht zuletzt bei denjenigen, die sich dem autoritären Parteikommunismus
der K-Gruppen verweigert hatten – Ende der 70er, Anfang der 80er
Jahre schließlich die positive Bezugnahme auf Kategorien wie »Kultur«,
»Autochthonie« und »kulturelle Identität«.
[95] »In den 80er Jahren«, so Ulrich Menzel, »folgte
der Paradigmenwechsel von der politökonomischen Analyse zur Wiederentdeckung
der Kultur...« [96] Kultur wurde nicht mehr in ihrer gesamten Widersprüchlichkeit
wahrgenommen; ihr wurde vielmehr per se ein emanzipatorischer Gehalt und
ein Widerstandspotential gegen die kritisierte Vereinheitlichung von Lebensstilen
in der kapitalistischen Gesellschaft zugeschrieben. [97] Kapitalismuskritik
mutierte so allmählich zur Kritik der Moderne und der Zivilisation;
antikapitalistische Agitation schlug um in antiwestliches Ressentiment;
und die Kritik an Ausbeutung und Unterdrückung wurde zur Kritik der
»Amerikanisierung«. [98]
Wenn die Vertreter der radikalen deutschen Linken trotz dieses veränderten
Kategoriensystems zumeist vor fatalen Schulterschlüssen mit fragwürdigen
Bewegungen in der Dritten Welt bewahrt blieben, so sind die Gründe
hierfür nicht zuletzt in der Existenz der Sowjetunion, der damit
verbundenen partiellen Orientierung der nationalstaatlichen Bewegungen
an der dort gepflegten Rhetorik – bekanntlich das Billet für
den Eintritt in die Handelsstrukturen des Rates für gegenseitige
Wirtschaftshilfe (RGW) – sowie dem mäßigenden Einfluss
der sowjetischen Politik auf die entsprechenden Gruppierungen zu suchen.
[99] Mit den Veränderungen der Jahre 1989/90 entfielen die Sowjetunion
und der RGW jedoch als Korrektiv; nationalistische und völkische
Elemente, die von der marxistisch-leninistischen Rhetorik ohnehin oftmals
nur mühsam kaschiert worden waren, dominierten nun häufig endgültig
die Programmatik und die politische Praxis der verschiedenen Gruppierungen
im Trikont. Da sich die Solidaritätsarbeit eines großen Teiles
der radikalen Linken zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits weniger auf emanzipatorische
Forderungen der unterstützten Organisationen in der Dritten Welt
als vielmehr auf deren Verteidigung der »eigenen Kultur« gegen
äußere Einflüsse bezog, sorgte auch ihre langsame Abkehr
von sozialistischer Programmatik in der Phase der Auflösung des Ostblockes
nur noch partiell für Verunsicherung.
Ein Teil des marxistisch-leninistischen, autonomen und antiimperialistischen
Spektrums hielt zwar auch nach 1989 an der Praxis fest, nationalstaatlichen
Bewegungen oder Guerillagruppierungen unabhängig von ihrer politischen
Praxis oder allein aufgrund ihrer verbalen, symbolischen oder tatsächlichen
Militanz einen emanzipatorischen Gehalt zuzuschreiben. Immer häufiger
wurde jedoch auf solche Projektionen verzichtet und nur noch affirmativ
auf antimodernistische Tendenzen in den entsprechenden Organisationen
verwiesen. Statt den Entwicklungsländern Geld für ihre ökonomische
und politische »Gesundung« zur Verfügung zu stellen,
so empörte sich ein Autor der Jungen Welt, werde »auf schmählichste
Art versucht, die Dritte Welt zu amerikanisieren« [100]; in der
Autonomen-Zeitschrift Interim beschwerte man sich darüber, dass es
linksradikale Flugblätter mit der Überschrift »Lang lebe
die Zivilisation!« gebe [101]; und in der Online-Zeitschrift Kalaschnikow
wurde der Islamismus als der »universalistische Interna[tiona]lismus
der arabischen Welt« [102] gefeiert: »Die islamistischen Volksbewegungen
in Arabien kämpfen unter religiösen Vorzeichen für nationale
Unabhängigkeit und die Lösung der sozialen Frage. Die Linke
in Europa braucht über die rückständigen Erscheinungsformen
und religösen Mystizismus dieser Bewegungen nicht die Nase zu rümpfen
und politische Korrektheit einfordern. Der Charakter dieser Bewegungen
entspricht dem Entwicklungsstand des Nahen Ostens. Revolutionär ist
der Islamismus dann, wenn die Parole von der Schaffung eines arabischen
Nationalstaates und der Kampf gegen den Imperialismus Ernst gemeint sind.
Das Frauen auch unter dem Schleier Parlamentsabgeordnete und Professorinnen
werden können, zeigt der Iran [alle Fehler im Original; J.G.].«
[103]
Während sich die Verherrlichung »unterdrückter Völker«,
ihrer Kultur und ihrer »kulturellen Identitäten« zunächst
vor allem auf die Gegebenheiten der Dritten Welt bezog, kommt bereits
in zahlreichen Schriften der radikalen Linken aus den 70er Jahren das
Bedürfnis zum Ausdruck, die Kategorien des Befreiungsnationalismus
auch auf Deutschland anzuwenden. Ȇber den Umweg der Dritten
Welt«, so Dan Diner, »hat sich ein positiver Bezug zur nationalen
Identität, zu Deutschland hergestellt.« [104] Die Revolutionären
Zellen erklärten im Juni 1976, sie würden ihren Kampf »als
den eines kolonisierten Volkes, dessen Territorium von der bundesdeutschen
Regierung dem US-Imperialismus als Hauptversorgungsgebiet und als militärische
und strategische Zentrale [...] bereitgestellt wurde«, betrachten.
[105] In der Zeitschrift Der Maoist wurde 1975 »die konsequente
Verteidigung der Unabhängigkeit der BRD gegen den Sozialimperialismus«
[106] – gemeint ist die Sowjetunion – gefordert; der Schriftsteller
Hermann Peter Piwitt beschwerte sich 1981 in der Zeitschrift Konkret über
ein gedrücktes Nationalgefühl, dem die revolutionären nationalen
Traditionen abgeschnitten worden seien, eine »amerikahörige
Kultivation« und eine »Yankee-Sprache«, »die mit
›Fighting‹ und ›dope‹, ›Power‹ und
›message‹ uns selbst dort noch beherrscht, wo wir Widerstand
leisten« [107]; und Thomas Schmid, zum damaligen Zeitpunkt Redakteur
der Zeitschrift Autonomie, erklärte 1978: »Ich mag diese Unterwürfigkeit
nicht mehr: von ausländischen Genossen nur akzeptiert zu sein, wenn
ich mein eigenes Land verleugne. Das ist eine Sackgasse, das steht in
der Tradition der imperialistischen Entnazifizierung durch die gottverdammten
Yankees, die die Demokratie bei uns verordnet haben.« [108]
Diese Versuche, die Kategorien des Befreiungsnationalismus auch auf die
Situation in der Bundesrepublik anzuwenden, gingen einher mit der Wiederentdeckung
des deutschen Proletariats bzw. – das Zentralkomitee der Kommunistischen
Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten (KPD/ML) erhob 1974 die Forderung
»Deutschland dem deutschen Volk!« [109] – des »deutschen
Volkes«. War die Protestbewegung der 60er Jahre in ihrer Anfangsphase
noch stark von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und
ihrer pessimistischen Einschätzung des revolutionären Potentials
der Arbeiterschaft in den Industrieländern geprägt, trat seit
dem Beginn der 70er Jahre ein maoistisch bzw. marxistisch-leninistisch
geprägter Proletkult an die Stelle der Auseinandersetzungen mit der
Kritischen Theorie. Die deutlichsten Zeichen für diesen Wandel waren
die Auflösung des eher bewegungsorientierten SDS und die Gründung
zahlreicher dogmatischer Kaderparteien, die sich als alleinige Avantgarde
des deutschen Proletariats bzw. Volkes betrachteten. Während Marcuse
seine Hoffnungen vor allem in Randgruppen wie Studenten, »Gammler«
oder die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt setzte, hofften die K-Gruppen
zusätzlich wieder auf die Arbeiterschaft der Industrienationen.
In gleichem Maße wie die positive Bezugnahme auf das »deutsche
Proletariat« und das »deutsche Volk« zunahm, wurde die
noch 1968 offen kritisierte NS-Vergangenheit der »ganz normalen
Deutschen« immer weniger thematisiert: »So wenig sich die
bundesdeutsche Linken seit den 70er Jahren für die Opfer der deutschen
Eroberungs- und Vernichtungspolitik interessierten oder sich gar mit den
Überlebenden solidarisierten, so wenig befassten sie sich mit den
Tätern. Nur in den kurzen Jahren des Aufbruchs um 1968 quälten
sich deutsche Linke ernsthaft mit der Frage, was ihre Eltern ›damals‹
gemacht hatten, protestierten sie gegen alte Nazis, die wieder an den
Universitäten lehrten und gegen den einen oder anderen Politiker,
der als ehemaliger Nazi ›enttarnt‹ wurde.« [110] »Das
Motiv des Linkswerdens,« so auch Detlev Claussen, »das ›Nie
wieder Auschwitz‹-Postulat, war Mitte der siebziger Jahre so gut
wie vergessen.« [111]
Diese Verdrängung steht nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich
in unmittelbarem Zusammenhang mit der Wiederentdeckung des deutschen Volkes
und seines Proletariats, der unkritischen Bezugnahme auf Größen
wie Kultur und »kulturelle Identität« sowie der Übertragung
der Kategorien des Befreiungsnationalismus auf die Situation in Westeuropa.
Alle drei Motive stoßen in Deutschland notwendigerweise an eine
»absolute Schranke« [112]: Auschwitz. Der Identifikation mit
»dem Volk« – die zentrale Grundlage für die Anwendung
der Kategorien des Befreiungsnationalismus auf das Herkunftsland –
stehen in Deutschland die Verbrechen des Nationalsozialismus im Wege.
[113] Zwar wird die deutsche Bevölkerung im Rahmen der linksradikalen
Vulgärauffassung von Faschismus und Nationalsozialismus von der Schuld
für die Verbrechen des Nationalsozialismus freigesprochen. Allein
die Wut und die Vehemenz, mit denen die von niemandem erhobene Kollektivschuldthese
immer wieder als »rassistisch« oder als Arroganz »kolonialistischer
Eroberer« denunziert wird [114], zeugen jedoch von der Ahnung von
der tatsächlichen Integration der deutschen Bevölkerung in das
System der nationalsozialistischen Verbrechen. [115]
Diese Verbrechen wiederum, die der Identifikation mit dem »deutschen
Volk« im Wege stehen, finden ihre Manifestation vor allem in der
Existenz des Staates, der sich als Staat der Überlebenden des Holocaust
begreift. »Wer von Israel spricht,« so Detlev Claussen, »thematisiert,
ob er will oder nicht, die Massenvernichtung der europäischen Juden.«
[116] Eben dieser Zusammenhang zwischen der Gründung des jüdischen
Staates und der deutschen Tat Auschwitz soll durch die Gleichsetzungen
von Zionismus und Nationalsozialismus, von Auschwitz und Djenin suspendiert
werden. Angesichts der stetig wiederholten Formel »Jude gleich Nazi«
verwies der Publizist Alain Finkielkraut bereits vor mehr als 20 Jahren
auf die tatsächliche Funktion der Faschismusvorwürfe an Israel:
»Allein der Vergleich an sich ist schon ein Skandal. Man muss um
jeden Preis Auschwitz aus dem Gedächtnis der Menschen auslöschen
wollen, um einen solchen Vergleich anzustellen. Tatsächlich werden
sich an dem Tag an dem man bewiesen hat, dass die Opfer genauso schuldig
sind, wie die Henker, die Henker oder die Kinder der Henker erleichtert
fühlen.« [117]
Die Faschismusvorwürfe an Israel stehen insofern keineswegs, wie
regelmäßig von israelfeindlicher Seite behauptet, im Zusammenhang
mit der israelischen Politik. Sie entspringen vielmehr dem Bedürfnis,
endlich auch einmal die Juden als Täter vorführen und damit
die Deutschen indirekt entlasten zu können. [118] Ohne es direkt
auszusprechen, kreisen all diese Auseinandersetzungen damit um den zentralen
Komplex Schuld und Abwehr: »Weil gerade die Linken hier weder den
Nationalsozialismus noch Auschwitz begriffen haben, weil sie ersteren
mit einem besonders tyrannischen Regime und letzteres mit einem besonders
grausamen Blutbad verwechseln, deshalb haben sie die Hoffnung nicht aufgegeben,
das Unrecht, welches sie anderswo entdecken, könne Deutschland entlasten.
Wenn sich die deutsche Vergangenheit schon nicht verteidigen und rechtfertigen
lässt, dann soll wenigstens niemand besser sein, und schon gar nicht
die Juden. [...] Die Unterdrückung und Verfolgung der Palästinenser
durch Israel wird so genau beobachtet und so leidenschaftlich angeprangert,
weil sie beweisen soll: es gibt keinen Unterschied.« [119]
Anders als es die deutschen Israel-Feinde stetig für ihr Handeln
in Anspruch nehmen, wird Israel somit nicht als ganz normaler Staat betrachtet;
es dient vielmehr als Projektionsfläche für die Vergangenheitsbewältigung
des Kollektivs, dem sich auch die linksradikalen Antizionisten unterschwellig
verbunden fühlen. Die Wut und der Hass, mit denen den antisemitischen
Stereotypen, die das antiimperialistische Weltbild bei seiner Anwendung
auf Israel automatisch produziert, schließlich andere antisemitische
Stereotypen hinzugefügt werden, hat seine Ursache wiederum im Verlangen
nach der Befreiung von der historischen Last eben dieses Kollektivs. »Die
Abwehr der Erinnerung an das Unsägliche das geschah,« so charakterisierten
Adorno und Horkheimer den deutschen Umgang mit Schuld bereits Ende der
50er Jahre, »bedient sich eben der Mittel, die es bereiten halfen«:
[120] »antisemitischer Projektionen, die lediglich eine neue Ausprägungsform
erhalten« [121]. Die Entschuldungsbedürfnisse des linksradikalen
Flügels der Täternation haben Auschwitz damit zum Ausgangspunkt
eines neuen, »sekundären« Antisemitismus, eines Antisemitismus
nicht trotz sondern »wegen Auschwitz« [122] werden lassen.
5. Schluss. Die Transformation des Antizionismus
Kaum einem Staat wurden und werden von Seiten der radikalen deutschen
Linken solche Aggressionen entgegengebracht, wie Israel. Diese Hassgefühle
stehen nicht im Zusammenhang mit der konkreten Politik der verschiedenen
israelischen Regierungen. Der jüdische Staat wird vielmehr angefeindet,
weil sich in ihm die Erinnerung an die deutschen Verbrechen am deutlichsten
manifestiert. Israel steht dem – auch in weiten Teilen der radikalen
Linken ersehnten – offenen und lautstarken Bekenntnis zu Deutschland,
»Heimat« oder dem »deutschen Volk« allein aufgrund
seiner Existenz im Wege. Zwar lässt sich nicht leugnen, dass die
israelfeindlichen Aggressionen innerhalb der radikalen deutschen Linken
zumeist in Folge »nahostpolitischer« Ereignisse reaktiviert
oder gesteigert wurden. [123] Allein die Divergenz zwischen dem tatsächlichen
Anlass des jeweiligen Ausbruchs – dem Einmarsch der israelischen
Truppen in die Autonomiegebiete, verstärkten Repressionsmaßnahmen
gegen Palästinenser usw. – und dessen Bewertung innerhalb der
radikalen deutschen Linken – Vergleich mit der Politik des Nationalsozialismus
und dem Holocaust – verdeutlicht jedoch: Die zentrale Beziehung
zwischen den Ereignissen in und um Israel und den darauf folgenden Reaktionen
innerhalb der radikalen deutschen Linken lässt sich nicht in ein
einfaches Ursache-Wirkung- bzw. Aktion-Reaktion-Schema einordnen. Sondern:
Die Ereignisse im Nahen Osten dienen lediglich als Stimulans für
den Ausbruch ohnehin vorhandener Ressentiments. [124]
Zwar haben diese Ressentiments ihre über Jahrzehnte hinweg gültige
Funktion als verbindendes Element einer ansonsten gespaltenen radikalen
Linken seit 1989/90 verloren – die antideutsche bzw. pro-israelische
Linke ist bekanntlich nicht mehr so marginal wie noch zu Beginn der 90er
Jahre. Im Rückblick scheint die antideutsche Agitation gegen Volk,
Staat und Nation jedoch vor allem eines geleistet zu haben: einen, wenn
auch unfreiwilligen Beitrag zur Transformation des Antizionismus. So erfreuen
sich die völkischen Argumentationsmuster der Palästina-Komitees
der 70er und 80er Jahre seit einigen Jahren zwar wieder erstaunlicher
Beliebtheit innerhalb der radikalen deutschen Linken. Insbesondere im
autonomen, postautonomen und Antifa-Spektrum wird das Existenzrecht des
jüdischen Staates jedoch immer häufiger unter Verweis auf den
allgemeinen Zwangscharakter von Staaten abgelehnt. »Zumindest bei
den jüngeren Linken«, so umschrieb Jürgen Elsässer
diese Tendenz bereits kurz nach Ausbruch der Al-Aqsa-Intifada, »scheint
der Antizionismus eher von Rosa Luxemburg als von Lenin und Stalin zu
kommen...« [125]
Wenn insofern auch eine Ausdifferenzierung und eine partielle Transformation
der antizionistischen Argumentation stattgefunden hat, haben sich die
Ausdrucksformen und die Hintergründe des linken Hasses auf Israel
nicht verändert: Wollen die traditionellen Antizionisten ihre Liebe
zu den Völkern in erster Linie durch die Vernichtung Israels zum
Ausdruck bringen, versuchen die »antinationalen« Gegner Israels
ihre vermeintliche Staatsfeindschaft vorrangig in der Forderung nach der
Zerstörung des jüdischen Staates und der Verbrennung israelischer
Nationalfahnen auszuleben. »Die Deutschen«, so verwies Henryk
M. Broder bereits 1986 auf das übergreifende Motiv dieser Vernichtungswünsche,
»werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.« [126]
Fußnoten
[1] Henryk M. Broder: Der ewige Antisemit, Frankfurt am Main 1986, S.
74.
[2] Aus der Rede des sowjetrussischen Außenministers Gromyko in
der Sitzung der United Nations am 14. Mai 1947, in: Ernst Bloch u.a.:
Frieden im Nahen Osten, Frankfurt am Main 1967, S. 11.
[3] Zit. nach: Martin W. Kloke: Zwischen Scham und Wahn, in: Hermann L.
Gremliza (Hrsg.): Hat Israel noch eine Chance?, Hamburg 2001, S. 209.
[4] Ebd., S. 210.
[5] Ders.: Israel und die deutsche Linke, 2. Auflage, Frankfurt am Main
1994, S. 95.
[6] Vgl. Thomas Haury: Der Antizionismus der Neuen Linken der BRD von
1967 bis Anfang der 90er Jahre, in: Calcül 6 (1999), S. 29.
[7] Die Beiträge, die Ernst Bloch, Iring Fetscher u.a. anlässlich
der Kundgebung »Für einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten
und für das Lebensrecht des Staates Israel« am 27. Juni 1967
in der Universität Frankfurt hielten, sind dokumentiert in: Ernst
Bloch u.a.: Frieden im Nahen Osten.
[8] Zit. nach: Detlev Claussen: Im Hause des Henkers, in: Dietrich Wetzel
(Hrsg.): Die Verlängerung von Geschichte, Frankfurt am Main 1983,
S. 115.
[9] Vgl. Ulrike Meinhof: Die Würde des Menschen ist antastbar, Berlin
1992, S. 100 ff.
[10] Vgl. Martin W. Kloke: Zwischen Scham und Wahn, S. 213.
[11] Zit. nach: ders.: Israel und die deutsche Linke, S. 125.
[12] Vgl. Jean Améry: Der ehrbare Antisemitismus, in: Merkur 7
(1976), S. 536.
[13] Zur Phraseologie der israelfeindlichen Gruppierungen vgl. Thomas
Haury: Zur Logik des bundesdeutschen Antizionismus, in: Léon Poliakov:
Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Freiburg 1992, S. 141-151.
[14] Vgl. Martin W. Kloke: Israel und die deutsche Linke, S. 142.
[15] Vgl. ders.: Zwischen Scham und Wahn, S. 215.
[16] Vgl. ders.: Israel und die deutsche Linke, S. 140.
[17] Vgl. ders.: Zwischen Scham und Wahn, S. 216.
[18] Zur Flugzeugentführung nach Entebbe vgl. u.a. Jan Gerber: Auf
der Suche nach Normalität. Der Antizionismus der westdeutschen Stadtguerilla,
in: Hallische Beiträge zur Zeitgeschichte 10 (2000), S. 15 ff.
[19] Zit. nach: Henryk M. Broder: Linker Antisemitismus? In: Karlheinz
Schneider, Nikolaus Simon (Hrsg.): Solidarität und deutsche Geschichte,
Berlin 1984, S. 22.
[20] Zit. nach: ebd.
[21] Vgl. Jan Gerber: Auf der Suche nach Normalität, S. 15 ff.
[22] Vgl. Martin W. Kloke: Israel und die deutsche Linke, S. 221.
[23] Vgl. ebd., S. 224 ff. Dort finden sich auch zahlreiche weitere Beispiele.
[24] Vgl. hierzu den Neuabdruck einiger Texte der Debatte in: 20 Jahre
taz. Das Journal (April 1999), S. 31 f.
[25] Vgl. Wolfgang Pohrt: Entlastung für Auschwitz, in: ders.: Kreisverkehr,
Wendepunkt, Berlin 1984; ders.: Linksradikalismus und nationaler Befreiungskampf,
in: ebd. Beide Texte erschienen erstmals 1982 in der Taz.
[26] Vgl. Antifaschistische Aktionsgruppen: Erklärung, in: 20 Jahre
taz, S. 31 (Neuabdruck des Bekennerschreibens).
[27] O.A.: Das zionistische Staatengebilde »Israel« muß
verschwinden, in: Redaktion Arbeiterkampf (Hrsg.): Deutsche Linke zwischen
Israel und Palästina, Hamburg 1988, S. 50.
[28] Vgl. u.a. Basisgruppe Geschichte: »Der Holocaust-Kredit ist
längst verspielt...«, in: Calcül 6 (1999), S. 40.
[29] Zu den Auseinandersetzungen um das Wandbild vgl. ebd. Ähnliche
Parolen fanden sich auch in anderen Städten: So wurde u.a. 1988 am
Juzi, einem der damaligen Zentren der Göttinger autonomen Szene,
ein meterhohes Plakat mit der Aufschrift »Unterstützt keine
Folter- und Rassistenregimes – Boykottiert Israel!« angebracht.
Vgl. ebd., S. 42.
[30] Frank Tiresias: Vom Libanon bis zum Golfkrieg, in: Graswurzelrevolution
258 (April 2001).
[31] Initiative Sozialistisches Forum: Antizionismus – Ein neuer
Antisemitismus von Links, in: dies.: Das Ende des Sozialismus, die Zukunft
der Revolution, Freiburg 1990, S. 106.
[32] Die Auseinandersetzung ist dokumentiert in: Redaktion Arbeiterkampf
(Hrsg.): Deutsche Linke zwischen Israel und Palästina.
[33] Vgl. Barbara Debus: Hoch lebe der Volksaufstand, in: ebd., S. 77.
[34] Eine umfangreiche Darstellung der Auseinandersetzungen während
der 90er Jahre findet sich in ...
[35] Zur Erinnerung: Im August 1990 besetzten irakische Truppen das Ölscheichtum
Kuwait, der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen forderte einen Rückzug
der irakischen Streitkräfte und stellte hierfür ein Ultimatum.
Saddam Hussein drohte daraufhin, Israel, das in diesem Konflikt bis dato
nicht beteiligt war, im Falle eines alliierten Militärschlages mit
Giftgas-Raketen – hergestellt mit deutscher Hilfe – anzugreifen
und auszuradieren.
[36] Das Interview erschien zunächst in der Jerusalem Post und ist
vollständig wiederabgedruckt bei: Henryk M. Broder: Unser Kampf,
in: Klaus Bittermann (Hrsg.): Liebesgrüße aus Bagdad, Berlin
1991.
[37] K., Hamburg: Logik, Konsequenz und Antisemitismus, in: AK 328 (11.
März 1991); Dietrich Schulze-Marmeling: Versuch, die Israel-Debatte
auf die Füße zu stellen, in: AK 328 (11. März 1991); Meno
Hochschild: Antisemitismus, Zionismus und Israel, in: Homepage des Arbeitskreises
marxistische Theorie und Politik (http://www.ak-marxismus.de/standpunkte/palaestina/antisemitismus_zionismus_israel...),
15. Oktober 2002.
[38] Vgl. Jürgen, Stuttgart: Die anti-deutsche Orientierung in der
(Golf-)Krise, in: AK 328 (11. März 1991).
[39]Meno Hochschild: Antisemitismus, Zionismus und Israel.
[40] Dieter Elken: Israel und die deutsche Linke, in: Homepage des Arbeitskreises
marxistische Theorie und Politik (http://www.ak-marxismus.de/standpunkte/palaestina/israel_deutsche_linke.html),
16. Oktober 2002.
[41] Eike Geisel, in: Daniel Gaede, Eike Geisel, Yaron Matras, Gabi Gottwald,
Jochen Hippler, Oliver Tolmein: »Das kann man nicht verlangen«
(Diskussion), in: Konkret 4 (1991), S. 13.
[42] Hermann L. Gremliza: Richtig falsch, in: Konkret 3 (1991), S. 8.
[43] Joachim Bruhn: Giftgas und Pazifismus, in: Klaus Bittermann (Hrsg.):
Liebesgrüße aus Bagdad, S. 136.
[44] Initiative Sozialistisches Forum: Furchtbare Antisemiten, ehrbare
Antizionisten, Freiburg 2000, S. 9.
[45] Martin W. Kloke: Ein abgeschlossenes Kapitel?, in: Konkret 5 (1998).
[46] Werner Pirker: Aufstand in Permanenz, in: Junge Welt vom 11. Oktober
2000.
[47] Anton Holberg: Kolonialpläne Israels abgelehnt, in: Junge Welt
vom 24. Oktober 2000.
[48] Markus Lehner (Gruppe Arbeitermacht): Nahost: Hintergründe eines
Konfliktes, in: Homepage der Gruppe Arbeitermacht (http://www.arbeitermacht.de/international/am60Nahost.htm),
15. Oktober 2002.
[49] Charly Kneffel: Vor einer neuen Intifada?, in: Kalaschnikow Online
4 (2000) (http://www.kalaschnikow.net/de) am 15. Oktober 2002.
[50] Zit. nach: Horst Pankow: Wir sind alle Palästinenser, in: Konkret
12 (2000), S. 21.
[51] Werner Pirker: Aufstand in Permanenz.
[52] Fritz Teppich: Berliner Lockvogel, in: Junge Welt vom 2. November
2000.
[53] Markus Lehner: Nahost: Hintergründe eines Konfliktes.
[54] Werner Pirker: Quadratur des Kreises, in: Junge Welt vom 21. Oktober
2000.
[55] Gruppe Mücadele: Stellungnahme der Gruppe Mücadele zur
Diskussion um Israel und Palästina, in: Interim 520 (22. Februar
2001), S. 23. Wer mit den »revolutionären Gefangenen«
in palästinensischen Gefängnissen gemeint ist, ist nicht klar,
die politischen Häftlinge in israelischen Gefängnissen waren
zu dieser Zeit vor allem Islamisten.
[56] Thomas Ebermann erklärte hierzu: »Ein erster kleiner Hinweis:
Wer in Deutschland also überhaupt debattiert, ob den Palästinensern
ein Rückkehrrecht zusteht, ohne die neue Rolle, die Deutschland heute
innehat, zu reflektieren, der handelt blauäugig oder mit Kalkül.
Wer über die Erblichkeit des Vertriebenenstatus in Deutschland spottet,
kann dies nicht anderen Ortes zur natürlichsten Sache der Welt erklären.«
Thomas Ebermann: Volle Kanüle dagegen, in: Jungle World 22 (23. Mai
2001), S. 17.
[57] Zit. nach: Die aktuelle Interim-Redaktion: Das Problem ist Antisemitismus,
in: Interim 550 (9. Mai 2002), S. 3. Ein Beispiel: Sari Nusseibeh, zum
damaligen Zeitpunkt Jerusalem-Beauftragter der Palästinensischen
Autonomiebehörde, erklärte Ende 2000: »Natürlich
wird Israel nicht die Forderung akzeptieren, dass vier Millionen Palästinenser
in seine Grenzen zurückkehren.« Man könne das Problem
nicht in einer Weise lösen, so Nusseibeh, die die Existenz des Staates
Israel als vorrangig jüdischen Staat unterminiere. Zit. nach: o.A.:
Sari Nusseibeh und das Recht auf Rückkehr, in: Kalaschnikow Online
1 (2002), 19. Juni 2002.
[58] Stefan Pribnow: Junge Welt vor erneuter Spaltung, in: Kalaschnikow
Online 2 (2002), 20. Juni 2002.
[59] Gruppe Arbeitermacht: Stoppt Israels Vernichtungskrieg gegen die
Palästinenser (10. März 2002), in: Homepage der Gruppe Arbeitermacht
(http://www.arbeitermacht.de/international/stopptisraelsvernichtungskrieg.htm),
15. Oktober 2002.
[60] Thomas Meyer-Falk: Polemik gegen die Anti-Deutschen-KommunistInnen,
in: Trend Onlinezeitung 3 (2002) (http://www.trend.partisan.net/trd0302/t240302.html),
19. Juni 2002.
[61] Werner Pirker: Einen anderen Zionismus gibt es nicht, in: Junge Welt
vom 24. April 2002.
[62] Keith Harvey, Martin Suchanek: Sieg der Intifada!, in: Homepage der
Gruppe Arbeitermacht (http://www.arbeitermacht.de/international/nieder%20mit%20der%20zionistischen%20und%
20imperialistischen%20aggression.htm.), 15. Oktober 2002.
[63] Die folgenden Erörterungen orientieren sich in weiten Teilen
an dem immer noch grundlegenden Aufsatz von Thomas Haury: Zur Logik des
bundesdeutschen Antizionismus.
[64] Vgl. ebd., S. 141.
[65] Revolutionäre Zellen: Erklärung zum Anschlag auf die Kantine
der US-Streitkräfte, Frankfurt (Mai 1981), in: ID-Archiv (Hrsg.):
Die Früchte des Zorns. Bd. 1, Berlin 1993, S. 373.
[66] Zit. nach: Gruppe Demontage: Postfordistische Guerilla, 2. Auflage,
Münster 1999, S. 229.
[67] Werner Pirker: Die Oslo-Falle, in: Junge Welt vom 24. Oktober 2001.
[68] Revolutionäre Zellen: Erklärung zu den Aktionen gegen BDI,
BDA, IKH, Ausländerpolizei (Mai 1974), in: ID-Archiv (Hrsg.): Die
Früchte des Zorns, S. 117.
[69] Rolf Priemer: Wer Wind sät..., in: UZ Extraausgabe (12. September
2001).
[70] Ebd.
[71] Anton Holberg: Ein skandalöser Text, in: Kalaschnikow Online
2 (2002), 19. Juni 2002.
[72] Stefan Steinberg: Konkret unterstützt das brutale Vorgehen des
israelischen Staates gegen die Palästinenser (13. Dezember 2000),
in: World Socialist Website (http://wsws.org/de/2000/dez2000/konk-d13.shtml),
17. Mai 2002.
[73] Fritz Teppich: Zu Platz und Rolle Israels im Weltherrschaftskonzept
der USA, in: Kalaschnikow Online 1 (2002), 20. Juni 2002.
[74] Tanya Reinhart: Entfesselung des Bösen, in: Kalaschnikow Online
1 (2002), 19. Juni 2002.
[75] Ebd.
[76] Die strukturellen Affinitäten des marxistisch-leninistischen
bzw. antiimperialistischen Weltbildes mit dem Weltbild des Antisemitismus
werden äußerst detailliert herausgearbeitet von Thomas Haury:
Antisemitismus von links, Hamburg 2002, S. 228-239.
[77] Thomas Haury: Der Antizionismus der Neuen Linken, S. 31.
[78] Vgl. ebd., S. 39.
[79] Viktoria Waltz: Zur aktuellen Situation in Palästina und ihren
Ursachen, in: Marx-Engels-Stiftung (Hrsg.): Israel, die Palästinenser
und die deutsche Linke, Essen 2002, S. 16.
[80] O.A.: Solidarität mit der Intifada!, in: Homepage der Gruppe
Arbeitermacht (http://www.arbeitermacht.de/international/palaestinaberichte1.htm),
15. Oktober 2002.
[81] Max Bruym: Palästina-Komitee München, in: Kalaschnikow
Online 4 (2001), 19. Juni 2002.
[82] Ebd. In zahlreichen antizionistischen Erklärungen finden sich
ähnliche Aussagen. Das wohl bekannteste Beispiel stammt aus dem Grünen
Kalender von 1983, in dem nicht nur zu lesen war, dass »angesichts
der zionistischen Greueltaten [...] die Nazigreuel« verblassen,
sondern auch gefordert wurde: »Kauft nicht bei Juden«. Eine
Abbildung der entsprechenden Seite findet sich bei Martin W. Kloke: Israel
und die deutsche Linke, S. 229.
[83] Antifa (M) Göttingen: Antifaschismus auf antiimperialistischer
Grundlage (Interview), in: Projektgruppe (Hrsg.): Antifa. Diskussionen
und Tips aus der antifaschistischen Praxis, Berlin, Amsterdam 1994, S.
56 ff.
[84] Frank Renken: Ist Solidarität mit den Palästinensern antisemitisch?
In: Linksruck Nr. 121 (9. Januar 2002).
[85] Klaus Wagener: Mit der Anti-Antisemitismuspose den Imperialismus
verteidigen, in: Marx-Engels-Stiftung (Hrsg.): Israel, S. 79.
[86] O.A.: Der »eliminatorische Antisemitismus«, in: AIB 37
(1996), S. 32.
[87] Vgl. Horst Pankow: Zwanghafte Objektfixierung, in: Bahamas 27 (1998),
S. 48.
[88] Ebd.
[89] Klaus Wagener: Mit der Anti-Antisemitismuspose den Imperialismus
verteidigen, S. 73.
[90] Ebd., S. 79.
[91] O.A.: Zum RZ-Papier »Ich geh weg, ich geh weg, ich geh weg
und such was Neues«, in: Kritik macht uns nur stärker, 2.,
erweiterte Fassung, Berlin 1992, S. 19. Weitere Behauptungen, dass der
Kampf gegen den Zionismus antifaschistisch sei, finden sich u.a. bei:
Revolutionäre Zellen: Erklärung zur Aktion gegen die Israelische
Import-Gesellschaft Agrexco, Frankfurt (Juni 1978), in: ID-Archiv (Hrsg.):
Die Früchte des Zorns, S. 131-133.; Schwarze Ratten TW: Schalom und
Napalm, in: Michael Baumann: Wie alles anfing, o.O. 1991, S. 77.
[92] Detlev Claussen: Versuch über den Antizionismus, in: Léon
Poliakov: Vom Antizionismus zum Antisemitismus, S. 18.
[93] Vgl. u.a. Günther Jacob: Rechte Leute von links, in: Konkret
5 (1994), S. 14-20.
[94] Dan Diner: Linke und Antisemitismus. Überlegungen zur Geschichte
und Aktualität, in: Karlheinz Schneider, Nikolaus Simon (Hrsg.):
Solidarität und deutsche Geschichte, S. 79.
[95] Vgl. Andrea Ludwig: Die »Neue Linke« und die Nation,
in: Guiseppe Orsi u.a. (Hrsg.): Nation, Nationalstaat, Nationalismus,
Frankfurt am Main 1994, S. 107 ff.; Jürgen Elsässer: Make Love
and War, Bonn 2002, S. 26-34, 75-94.
[96] Ulrich Menzel: Das Ende der »Dritten Welt« und das Scheitern
der großen Theorie, in: Politische Vierteljahresschrift (PVS) 1
(1991), S. 27.
[97] Vgl. Andrea Ludwig: Die »Neue Linke« und die Nation,
S. 111.
[98] Dieser Rekurs auf das national und kulturell Eigene schlug sich u.a.
in den Reaktionen eines Teiles der radikalen Linken auf die Machtübernahme
der Mullahs im Iran und in der positiven Bezugnahme auf die Mudjaheddin
in Afghanistan nieder: In der Zeitschrift Konkret wurde der Amtsantritt
Khomeinis 1982 einfühlsam als der »bisher radikalste antikoloniale
Aufstand« bzw. als Versuch, »dort wieder zu beginnen, wo der
Kolonialismus anfing, iranische Identität zu zerstören«,
beschrieben. Kai Hermann: Fremde Revolution, in: Konkret 7 (1982), S.
44. Zur Bezugnahme auf die Mudjaheddin vgl. Jürgen Elsässer:
Make Love and War, S. 26 f.
[99] Zahlreiche Ausnahmen – u.a. positive Bezugnahmen linksradikaler
Gruppierungen der Bundesrepublik auf das Regime Pol Pots in Kambodscha
– sind dokumentiert bei: Jochen Staadt: Die ewigen Sieger, in: Kursbuch
57 (1979).
[100] Gerhard Branstner: Fanal Manhattan, in: Junge Welt vom 17. September
2001.
[101] Frosch&Qualle&Haifisch: Die Hunde bellen und die Karawane
weint, in: Interim 535 (4. Oktober 2001), S. 8.
[102] Kolja Wagner: Palästina und die arabische Revolution, in: Kalaschnikow
Online 2 (2002), 20. Juni 2002.
[103] Ebd.
[104] Dan Diner: Linke und Antisemitismus, S. 77.
[105] Revolutionäre Zellen: Erklärung zum Anschlag auf den Offiziersclub
der US-Army, Frankfurt (Juni 1976), in: ID-Archiv (Hrsg.): Die Früchte
des Zorns, S. 160.
[106] O.A.: Über die Lage und die Aufgaben im Kampf gegen den Hegemonismus,
in: Der Maoist 1 (1975), S. 65, 81, zit. nach: Andreas Benl: Eins teilt
sich in zwei, in: Bahamas 20 (1996), S. 16.
[107] Hermann Peter Piwitt, Gerd Fuchs: Heimat ist ein besetztes Land
(Interview), in: Konkret 9 (1981), S. 41.
[108] Thomas Schmid, in: ders. u.a.: Gespräch über die politische
Kultur in Deutschland (Diskussion), in: Heinz Brüggemann u.a. (Hrsg.):
Über den Mangel an politischer Kultur in Deutschland, Berlin 1978,
S. 112 f.
[109] ZK der KPD/ML: Deutschland dem deutschen Volk! Erklärung des
ZK der KPD/ML zur nationalen Frage, in: Der Weg der Partei 1 (1974), S.
6 f., zit. nach: Andreas Benl: Eins teilt sich in zwei, S. 19.
[110] Ingrid Strobl: Das unbegriffene Erbe, in: Shelley Berlowitz u.a.
(Hrsg.): Antisemitismus in der Linken, Zürich 1994, S. 12.
[111] Detlev Claussen: Im Hause des Henkers, S. 117.
[112] Dan Diner: Negative Symbiose, in: Babylon 1 (1986), S. 19.
[113] Vgl. hierzu auch: ders.: Zwischen Aporie und Apologie, in: ders.
(Hrsg.): Ist der Nationalsozialismus Geschichte?, Frankfurt am Main 1987,
S. 64.
[114] RAF: Erklärung zur Sache, in: ID-Archiv (Hrsg.): Rote Armee
Fraktion, Berlin 1997, S. 211.
[115] Zur Zurückweisung der Kollektivschuldthese vgl. u.a. Klaus
Wagener: Mit der Anti-Antisemitismuspose den Imperialismus verteidigen,
S. 73, 79; Frank Renken: Ist Solidarität mit den Palästinensern
antisemitisch?; Gruppe Internationalistischer Feministinnen: Nachruf auf
die RZ, in: Kritik macht uns nur stärker, S. 34.
[116] Detlev Claussen: Versuch über den Antizionismus, S. 18.
[117] Zit. nach: Susann Heenen: Deutsche Linke, linke Juden und der Zionismus,
in: Dietrich Wetzel (Hrsg.): Die Verlängerung von Geschichte, S.
104.
[118] Vgl. Thomas Haury: Deutscher Antiimperialismus, in: Jungle World
47 (1998), S. 16.
[119] Wolfgang Pohrt: Entlastung für Auschwitz, S. 10.
[120] Ders., Theodor W. Adorno: Vorwort, in: Paul W. Massing: Vorgeschichte
des politischen Antisemitismus, Frankfurt am Main 1959, S. V.
[121] Alex Gruber: Sekundärer Antisemitismus, in: Calcül 6 (1999),
S. 47.
[122] Dan Diner: Negative Symbiose, S. 10.
[123] Nicht vergessen werden sollte in diesem Zusammenhang, dass es sich
bei der Herstellung einer Verbindung zwischen der israelischen Politik
und bestimmten Ereignissen selbst bereits um pathische Projektionen handelt.
So stehen, wie vermutlich nicht erklärt werden muss, etwa die Anschläge
vom 11. September in keinerlei Zusammenhang mit der Politik der israelischen
Regierung. Sie werden nur deshalb zum »nahostpolitischen Ereignis«,
weil sie von den Attentätern als Teil eines »heiligen Krieges«
gegen die USA und Israel begriffen – und nahezu weltweit in dieser
Form rezipiert und begrüßt – wurden.
[124] Wie die plötzliche Reaktivierung nahezu aller Stereotypen der
Palästina-Solidarität der 80er Jahre nach Ausbruch der Al-Aqsa-Intifada
zeigt, waren diese Ressentiments auch zwischen 1993 und 2000 nicht verschwunden.
Aufgrund des Friedensprozesses zwischen Israelis und Palästinensern
erhielten sie durch die Ereignisse im Nahen Osten jedoch vermutlich kein
Stimulans bzw. konnten an anderen Ereignissen, Personen und Debatten (Goldhagen,
Gollwitz usw.) abgearbeitet werden.
[125] Jürgen Elsässer: Sturm auf Massada, in: Konkret 12 (2000),
S. 14.
[126] Henryk M. Broder: Der ewige Antisemit, S. 125.
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