Als der Teheraner Bürgermeister Mahmud Ahmadinedschad am 24. Juni
2005 als Sieger aus den Präsidentschaftswahlen im Iran hervorging,
waren sich Beobachter und Kommentatoren einig: Der Erfolg des religiösen
Hardliners könne nicht nur als Niederlage der sogenannten Reformer
gewertet werden; Ahmadinedschads Wahl sei zugleich ein Votum gegen das
iranische Establishment, das die islamische Republik seit der Revolution
von 1979 regiert. Im Wahlkampf hatte sich Ahmadinedschad immer wieder
als Vertreter des »einfachen Volkes« präsentiert. Er
agitierte gegen Korruption und Vetternwirtschaft, kritisierte die Bereicherung
einer kleinen Elite auf Kosten der Masse, versprach jungen Ehepaaren
und kleinen Gewerbetreibenden zinslose Kredite und kündigte eine
Ausweitung des sozialen Wohnungsbaus an. Die wohl heftigsten innenpolitischen
Angriffe führte er gegen Haschemi Rafsandschani, seinen Mitbewerber
um das Amt des Präsidenten. Rafsandschani steht nicht nur auf Platz
zwei der iranischen Klerikerhierarchie. Der langjährige Innenminister,
Parlamentspräsident, Staatspräsident und Vorsitzende des Schlichtungsrates
gilt zugleich als reichster Politiker des Landes und verkörpert
das Establishment der islamischen Republik wie kein Zweiter. Obwohl
sich die Wahlkampfaussagen Ahmadinedschads nicht sonderlich von den
Forderungen anderer Wahlalternativen für soziale Gerechtigkeit
unterschieden, verzichtete die deutsche und europäische Linke nach
seinem Sieg auf allzu offene Begeisterungsbekundungen. Eine gewisse
Befriedigung über den Erfolg des früheren Mitglieds der Revolutionsgarden
konnten die einschlägigen linken Vereinigungen, Sekten und Selbsthilfegruppen
dennoch nicht verbergen. Die Wahl Ahmadinedschads wurde dementsprechend
immer wieder verständnisvoll als Quittung für die »neoliberale
Politik« der sogenannten Reformer, als Suche nach einem »Ausweg
aus der sozialen Misere« oder als legitime Reaktion auf die »sozialen
und politischen Widersprüche« im Iran präsentiert.[1]
Zwei Jahrzehnte zuvor, der Schah war gerade geflohen und die Nachrichtenagenturen
berichteten verwundert über die Revolution der Gotteskrieger, zeigten
sich große Teile der deutschen und europäischen Linken weitaus
euphorischer. In der Zeitschrift Autonomie war man gefesselt davon,
»wie die Religion einem Volk als Waffe im revolutionären
Kampf dienen kann«[2] ; Michel Foucault feierte die islamistische
Revolte bekanntlich als die »erste große Erhebung gegen
die weltumspannenden Systeme«[3] ; und in der Konkret wurde die
Machtübernahme der Mullahs noch 1982 einfühlsam als der »bisher
radikalste antikoloniale Aufstand« beschrieben bzw. als Versuch,
»dort wieder zu beginnen, wo der Kolonialismus anfing, iranische
Identität zu zerstören«[4] . Diese begeisterten Worte
zeigen: Die europäische Linke erkannte in den Hetzjagden auf die
vermeintlichen Vertreter der dekadenten westlichen Kultur, der Herrschaft
und den Gemeinschaftsritualen des islamistischen Pöbels und der
Gleichmacherei durch Kopftücher und Bärte ihre eigenen Idealvorstellungen
eines einfachen und gerechten Lebens, ihren Traum von direkter Demokratie
und ihre Absage an Konsum, Lust und Genuß wieder. Diese Wahrnehmung
entsprach durchaus der Realität. Denn in der Tat hatten nicht nur
deutsche Spontis, italienische Stadtindianer und französische Poststrukturalisten
mit Begeisterung auf die Entstehung der islamistischen Opposition im
Iran geblickt. Auch Vordenker der iranischen Revolution hatten zahlreiche
Impulse aus der Auseinandersetzung mit der europäischen Linken
erhalten.
Der
»Lehrer der Revolution«
Faschistische Aufbruchsbewegungen sind bekanntlich nicht einfach antimodern.
Sie bemühen sich, wie Zeev Sternhell 1976 in Hinblick auf die Vorläufer
des europäischen Faschismus formulierte, vielmehr um eine »Synthese
zwischen den Kräften der Vergangenheit und den Erfordernissen der
Zukunft, zwischen dem Gewicht der Tradition auf der einen Seite und
dem revolutionären Enthusiasmus auf der anderen«[5]. Diese
Aussage gilt auch für den politischen Islam. Kaum ein islamistischer
Intellektueller betrieb diese Verknüpfung von Moderne und Antimoderne
jedoch konsequenter als Ali Schariati, kaum ein Vertreter des politischen
Islam setzte sich intensiver mit den westlichen Gesellschaften –
und hierbei insbesondere mit den Diskussionen der europäischen
Linken – auseinander als er. Der 1977 im britischen Exil verstorbene,
hierzulande fast unbekannte Soziologe gilt im Iran als einer der führenden
Köpfe der islamischen Revolution. Die iranischen Volksmudschaheddin,
die den Machtkämpfen im nachrevolutionären Iran freilich selbst
zum Opfer fielen und inzwischen zu den Gegnern der Mullahs gehören,
gaben ihm den Ehrentitel »Lehrer der Revolution«[6]; die
iranische Botschaft in der Bundesrepublik veröffentlichte seine
zentralen Schriften seit dem Beginn der 1980er Jahre in der Broschürenreihe
»Islamische Renaissance«; und Ayatolla Behedschi, religiöser
Einpeitscher und enger Mitarbeiter Khomeinis, erklärte 1979: »Die
islamische Revolution ruhte auf drei Säulen: Imam Khomeini, Ali
Schariati und der Mudjaheddin-Organisation.«[7] Während sich
Khomeini vor allem an die konservativ und radikal-orthodox ausgerichteten
Geistlichen des mittleren und unteren Klerus, die Bauern und Slumbewohner
wandte, eignete sich Schariati als Leitfigur für den gebildeten
Mittelstand und die Intellektuellen, die teilweise an westlichen Universitäten
studiert hatten.[8] Durch den Rückgriff auf Schariati konnten all
diejenigen integriert werden, die die Genüsse und Versagungen der
modernen Welt bereits kennengelernt hatten, an der Gesellschaft verzweifelt
waren und sich ihre idealisierte Kindheit bzw. die Kindheit der Gattung,
die damit verbundene Kuhwärme, die geringen Bedürfnisse kleiner
Gemeinschaften und die scheinbar überschau- und kontrollierbaren
Konflikte zurückwünschten.
Schariati selbst war ein authentischer Repräsentant dieser jungen
Intellektuellen. Er wurde 1933 in der Nähe von Maschad, einem Ort
im Nordosten des Iran, geboren und entstammte einer alten Gelehrtenfamilie.
Nach einem Studium an der Hochschule des Ortes profitierte er von den
Modernisierungsprogrammen des Schahregimes. Wie alle Entwicklungsdiktaturen
dieser Zeit bemühte sich auch der Iran um den Aufbau einer modernen,
am Westen orientierten Führungsschicht. Im Rahmen dieser Versuche
erhielten begabte Studenten Stipendien, die ihnen ein Studium an westlichen
Universitäten ermöglichen sollten. Schariati konnte so von
1960 bis 1964 an der Sorbonne studieren, wo er Kontakte zu algerischen
Unabhängigkeitskämpfern pflegte und aktiv an den Debatten
der Neuen Linken um Marx und Freud, Bergson, Sartre, Camus und Fanon
teilnahm. Nach seiner Promotion in Paris wurde er Mitte der 1960er Jahre
an die Universität Maschad berufen; später lehrte er –
aufgrund seines regimekritischen Auftretens immer wieder gemaßregelt
– an einem religiösen Schulungszentrum in Teheran. Nach einer
18monatigen Gefängnishaft entschloß er sich 1977 schließlich
zur Emigration nach Großbritannien. Hier verstarb er kurz nach
seiner Ankunft; seine Anhänger sprechen von einer Ermordung durch
die Geheimpolizei des Schahs.
Der
»angewandte Sozialismus«
Schariati will den Islamismus als eine Befreiungsbewegung im Kontext
des Antikolonialismus der 1950er und 1960er Jahre verstanden wissen;
der Islam, so führt er regelmäßig aus, sei »angewandter
Sozialismus«.[9] In seinen Texten und Reden nimmt er einerseits
immer wieder Bezug auf Jean-Paul Sartre, Che Guevara und Frantz Fanon,
dessen Klassiker »Die Verdammten dieser Erde« er ins Persische
übersetzte. Andererseits beruft er sich regelmäßig auf
Abu Dharr, einen Gefolgsmann Mohammeds, der Gerechtigkeit für die
Armen forderte und den Reichen vorwarf, sie hätten sich von Gott
ab- und dem »Gott des Geldes« zugewandt. »Wir wollen
den Islam Abu Zahars [d.i. Abu Dharr; J.G.]«, so erklärt
Schariati in einer seiner Schriften, »und nicht den des königlichen
Palastes, wir wollen den Islam der Gerechtigkeit und der wahren Führerschaft
und nicht den der Kalifen und Klassenunterschiede.«[10] Mit solchen
Forderungen agitiert Schariati in den frühen 1970er Jahren u.a.
gegen die iranische ulema, die Geistlichkeit, die lange Zeit versucht
hatte, sich mit dem Schah und seinen Vorgängern zu arrangieren.
»In den letzten 300 Jahren«, so Schariati 1971, »ist
die Religion durch das Verschulden der sie vertretenden Institutionen
ihrer Eigendynamik beraubt worden.« (1982, S. 29) Die »reaktionären
Kräfte« und ihre ausländischen Verbündeten hätten
die »Macht der Religion gegen die Masse des Volkes« eingesetzt.
(ebd., S. 28) Gegen diese »Erstarrung« und den »Mißbrauch«
der Religion setzt Schariati sein Konzept des »islamischen Protestantismus«.
Der »islamische Protestantismus« müsse, wie er in Anlehnung
an Saiyid Qutb, eine der Leitfiguren des sunnitischen Islamismus, erklärt,
auf die Kernbotschaft der Religion, die »wahre islamische Religion
und Kultur« zurückgreifen; der »reaktionären«
islamischen Geistlichkeit müsse das Auslegungsmonopol streitig
gemacht werden.
Bei seiner Rekonstruktion des »wahren Islam« tritt Schariati
zunächst gegen die Behauptung der ulema auf, Geschichte spiegele
den Kampf zwischen Gläubigen und Ungläubigen, Religion und
Atheismus wider. In Übereinstimmung mit weiten Teilen der europäischen
Linken erklärt er, Geschichte sei der Kampf zwischen Unterdrückern
und Unterdrückten – der allerdings religiöse Formen
angenommen habe. »Die Auseinandersetzungen der Geschichte sind
der Kampf der Religion gegen die Religion«, genauer: »der
Widerstreit zwischen Monotheismus und Polytheismus«. (1983, S.
99) Der »wahre Islam« sei im Unterschied zum Islam der ulema
eine monotheistische Religion; die Vertreter der islamischen Geistlichkeit
hätten sich durch ihr Arrangement mit den Herrschenden und den
Aufbau religiöser Hierarchien allerdings dem Polytheismus zugewandt
und würden ihn hinter der Maske des Monotheismus verstecken.[11]
Monotheismus sei »die Religion der Beherrschten und Unterdrückten«;
Polytheismus sei »die Religion der Herrschenden in der Geschichte«,
er sei »in der Tat das Opium für das Volk«. (ebd.,
S. 121) Der Monotheismus lade »die Menschheit ein, sich vor Gott
zu verneigen, während er in der selben Art und aus gerade diesem
Grund die Menschheit aufruft, gegen alles andere zu rebellieren, das
nicht Gott selbst ist«.[12] Polytheismus hingegen sei eine Religion,
die vom Menschen selbst geschaffene Dinge und Verhältnisse heilig
spricht; er basiere auf »Unterdrückung, Reichtum, Scheinheiligkeit«.
(ebd., S. 100)
Heimlicher Dialogpartner Schariatis ist hier die europäische Linke,
die die Lebensfreude der Protestbewegung schon bald durch Diskussionen
über »postmaterialistische Werte« und die »Kritik
der Bedürfnisse«, wie eine beliebte Floskel hieß, ersetzt
hatte. So verwendet Schariati den Begriff Polytheismus nicht nur als
Chiffre für all das, was auch in linken Landkommunen und besetzten
Häusern der 1970er und 1980er Jahre abgelehnt wird: »Geld,
Sinnlichkeit, Begierde« (ebd., S. 14), »epikurische Vergnügungssucht«
und »Konsumverhalten« (ebd., S. 135). Bei seiner Rekonstruktion
des »wahren Islam« und der damit verbundenen Denunziation
der westlichen Welt nimmt er zugleich regelmäßig Bezug auf
die Konsumkritik der linken Avantgarde dieser Zeit. Er beschwert sich
mit Hilfe Sartres über den »dekadente(n) Mensch(en) des Westens«
und die europäische Gesellschaft, »dieses Freudenhaus der
Bourgeoisie« (1982, S. 11), entrüstet sich mit Fanon über
die »Versklavung durch die Maschine« (1980, S. 8) und empört
sich schließlich mit Chandel: »Der Menschenkreis beginnt:
Produktion für Konsum – Konsum für Produktion.«
(ebd., S. 3)
Islamischer
Antirassismus
Um den Islam wieder zu einer Waffe gegen diese »westliche Dekadenz«,
d.h. gegen weltliche Freuden, Sinnlichkeit und Genuß, zu machen,
ersetzt Schariati den klassischen Ausspruch »Im Namen des gütigen,
barmherzigen Gottes« in seinen Reden durch die Formel »Im
Namen des Gottes der Entrechteten«.[13] In diesen »Islam
der Entrechteten« – eine Bezeichnung, die Khomeini in den
1970er Jahren von Schariati übernahm – ließen sich
die linken Dritte-Welt-Theorien, deren Protagonisten nur noch von Völkern,
bösen »Unterdrückern« und guten »Unterdrückten«
sprechen wollten, ohne Schwierigkeiten integrieren. In seiner Übersetzung
der »Verdammten dieser Erde« ersetzte Schariati das Begriffspaar
»Kolonialisten« und »Kolonisierte« einfach durch
die Koran-Worte »Mostakberin« (»Anmaßende«)
und »Mostasafin« (»Geschwächte«, »Entrechtete«)
und machte Fanons Ausführungen so für den politischen Islam
kompatibel.[14] Der Begriff, den sich linke Völkerkunde- und Artenschutzsozialisten
wie Fanon, Guevara usw. von Unterdrückung, Entfremdung und »Entrechtung«
gemacht hatten, mußte gar nicht erst transformiert werden. In
seinem wohl »linkesten« Aufsatz »Zivilisation und
Modernismus« spricht Schariati unter Berufung auf den jungen Marx
und Herbert Marcuse zwar zunächst von einer Entfremdung der Menschen
durch Maschine und Verwaltung: Der Mensch »wird durch seine ständige
Berührung mit einer bestimmten Maschine oder mit einer Art der
eintönigen, grausamen, großen Verwaltungsorganisation ein
Bestandteil dieser Verwaltung oder jener Maschine«. (1980, S.
3) Diese Entfremdung sei, wie Schariati im Anschluß an Sartres
Inflationierung des Entfremdungsbegriffs ausführt, jedoch nur eine
von vielen. Viel schlimmer als die Entfremdung durch Verwaltung und
Maschine, so Schariati, sei die »kulturelle Entfremdung«.
(ebd., S. 4)
Schariati gibt auch mit dieser Aussage die Diskussionen der europäischen
Linken dieser Zeit wieder. Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre,
so faßt Ulrich Menzel die Resultate dieser Diskussionen für
Deutschland zusammen, »erfolgte der Paradigmenwechsel von der
politökonomischen Analyse zur Wiederentdeckung von Kultur, von
der globalen Gesellschaftstheorie zu den Problemen des eigenen Lebensbereiches«.[15]
Innerhalb der französischen Linken, deren Debatten Schariati aufmerksam
verfolgte, war dieser Übergang von Revolutionsromantik zu Folklore
bereits zehn Jahre früher zu beobachten. Die Linke verabschiedete
sich von der Vorstellung der Einheit und Allgemeinheit von Kultur und
kritisierte sie fortan als Ausdruck eurozentristischer Arroganz. An
die Stelle kultureller Universalien trat die Überzeugung, daß
Kultur nur in verschiedenen Kulturen – in der westlichen, islamischen
oder Hopi-Variante – existiert. Kultur wurde zugleich nicht mehr
als in sich zutiefst widersprüchliche Kategorie begriffen. Ihr
wurde vielmehr per se ein Widerstandspotential gegen die kritisierte
Vereinheitlichung von Lebensstilen im Kapitalismus zugeschrieben. Die
Linke begann, wie Wolfgang Pohrt in einem Rückblick feststellte,
die »fernen Exoten nicht mehr als Rebellen (zu) schätzen,
sondern sie als wertvolle Kulturträger mit therapeutischen Fähigkeiten
zu verehren«[16]; linke Schriftsteller schrieben flammende Appelle
gegen den »westlichen Kulturimperialismus«; und die RAF
erklärte 1976, den imperialistischen Besatzern gehe es ausschließlich
darum, »die Kultur, das Geschichtsverständnis, das Bewußtsein
der historischen Existenz und Identität (der Völker; J.G.)
nicht nur zu verändern, sondern vor allem und zuerst zu brechen«[17].
Für diese Kulturalisierung und die damit verbundenen Klagen über
Kultur- und Identitätsverlust hatte der von Schariati verehrte
Jean-Paul Sartre bereits 1961, in seinem berühmten Vorwort zu Frantz
Fanons »Die Verdammten dieser Erde«, eine Grundlage gelegt:
»Mit nichts wird gespart,« so kritisiert Sartre das Vorgehen
der Kolonialmächte, »um ihre Traditionen zu vernichten, um
ihre Sprachen durch unsere zu ersetzen, um ihre Kultur zu zerstören...«[18]
Während er sich im Anschluß an diese Aussage jedoch postwendend
darüber beklagt, daß die autochthonen Kulturen nicht wenigstens
durch die westliche Kultur ersetzt werden, ist Schariati nicht mehr
in der Lage, die Menschen anders als durch ihre Verbundenheit mit »ihrer
Kultur«, d.h. mit Blut, Boden, Heimat und Scholle, zu begreifen:
»Wenn ich meine Religion, meine Literatur, meine Gefühle,
meine Leiden und Nöte in meiner eigenen Kultur empfinde, empfinde
ich in Wahrheit mein eigenes Ich.« (1980, S. 4) All das, was Marx
zu gelegentlichen Lobreden über den Kapitalismus veranlaßt
– die Zerstörung der Enge traditioneller Gesellschaften,
der Kampf gegen den »Idiotismus des Landlebens« und die
»Blutsurenge« –, begreift Schariati als Unglück.
Diese Ablehnung begründet er ganz im Sinne des linken Antirassismus
mit postmoderner »Differenz«: Die politischen Ideen des
Westens, seine Moralvorstellungen und seine Technik seien aufgrund der
kulturellen Unterschiede nicht für die »islamische Welt«
geeignet; eine Übertragung würde die Identität der autochthonen
Völker zerstören und die Kultur vom Bewußtsein der Menschen
entfernen. »Ich werde von Sorgen, Idealen, Wünschen befallen,
die zwar in einer anderen Gesellschaft mit bestimmten sozialen, wirtschaftlichen,
politischen und geschichtlichen Voraussetzungen natürlich sind,
aber nicht für mich.« (1980, S. 4) Auch anderen Aussagen
Schariatis ist die Auseinandersetzung mit postmodernen Theoretikern
und Identitätspolitikern, die in Frankreich bereits seit der zweiten
Hälfte der 1960er Jahre Anhänger fanden, deutlich anzumerken.
Seine Angriffe führt er dabei in Übereinstimmung mit Deleuze,
Derrida, Guattari und Co. – allerdings ohne sie direkt zu erwähnen
– nicht nur auf die Vorstellung der Einheit und Allgemeinheit
der Kultur. Er agitiert zugleich gegen eine weitere Grundlage der Aufklärung,
die von linker Seite seither als metropolitane Überheblichkeit
oder Rassismus denunziert wird: das Prinzip des Universalismus und der
Einheit der Menschheit. In seiner programmatischen Schrift »Wo
fangen wir an?« wird erklärt: »Es gibt keine allen
Aufgeklärten der Welt gemeinsamen Eigenschaften...« (1982,
S. 9) Die Sprache des »Aufgeklärten« – die islamistische
Variante des Sartreschen Intellektuellen, der das Volk auf revolutionärem
Weg zu seinen Wurzeln zurückführen soll – müsse
demzufolge nicht nur zeitgemäß, seine Lösungsvorschläge
müssen nicht nur problemorientiert sein. (ebd., S. 24) Sie müsse
vielmehr den »Ort der Aussage« berücksichtigen (ebd.,
S. 21), d.h. »dem Kulturkreis angemessen sein«. (ebd., S.
24) Die Frage, die am Beginn des Aufbruchs zu stehen habe, laute also
nicht nur: »Wo fangen wir an? sondern: Wo fangen wir hier an?«
(ebd.) Übersetzt in den Jargon antirassistischer Zeitschriften:
Wichtig ist der Sprechort.
Die
revolutionäre Ummah
Während sich Schariati in seinen meisten Texten auf Anklagen gegen
den westlichen Kulturimperialismus und Loblieder auf Urtümlichkeit,
Heimatverbundenheit und Traditionalismus beschränkt, skizziert
er in seiner wohl zentralen Schrift »Hadsch« Weg und Ziel
des islamischen Aufbruchs. Er verdeutlicht darin noch einmal, daß
das von linker Seite immer wieder gelobte »sozialrevolutionäre
Potenzial« des Islam lediglich ein Euphemismus für den Kampf
gegen das schöne Leben, für gleiches Elend für alle und
den permanenten Krieg gegen diejenigen ist, die sich nicht an den Suppenküchen
der Hamas oder der Hisbollah abspeisen lassen wollen. In »Hadsch«
– gleichzeitig sein umfangreichstes Werk, das in einer großen
deutschen Literaturzeitschrift kürzlich als »flammend politisch-poetisches
Lehrbuch« gefeiert wurde[19] – beschreibt Schariati die
Pilgerfahrt nach Mekka als Modell für die »revolutionäre
Ummah«, die ideale Gesellschaft des Islamismus. Die Hadsch sei
die »Befreiung von einem Lebenskreislauf, in dem produziert wird,
um zu konsumieren, und konsumiert wird, um zu produzieren«. (1983,
S. 13) Im Mittelpunkt der Pilgerfahrt stehen Selbstaufgabe und die Hingabe
an die Gemeinschaft; während der Hadsch »gehen Ichs in Wir
auf«. (ebd., S. 20) Insbesondere die Umkreisung der Kaaba wird
als frenetisch begangener Selbstverlust in der Menge beschrieben: »Die
Füße, die Dich als Individuum aufrecht hielten, sind frei
und entlastet; sie tragen Dich nicht mehr. Du wirst von der Woge der
Begeisterung und der Anziehungskraft der Gemeinschaft getragen; Du bist
nicht mehr. Es gibt nur noch die Gemeinschaft. Je weiter Du in die Mitte
rückst, um so stärker wird der Druck. Die Gemeinschaft kann
das Ich in Dir nicht vertragen. Du wirst aufgerieben und aufgelöst
und gehörst dem lebendigen, ewigen und beweglichen Körper
der Gemeinschaft.« (ebd., S. 40)
Dieser Selbstverlust im Kollektiv ist zugleich permanente Einübung
des Märtyrertodes und kontinuierliche Vorbereitung auf den heiligen
Krieg. Die Pilgerer, die von Schariati offen als Mudschaheddin, als
Kämpfer des Dschihad, angesprochen werden, werden zur »revolutionären
Hingabe« ihres Lebens aufgefordert: »Entledige Dich der
Kleider des Lebens, lege das Gewand des Todes an.« (ebd., S. 19)
Schariati verlangt: »Übe das Sterben« (ebd., S. 16)
und »werde so, wie Du am Ende sein wirst: ganz tot!« (ebd.,
S. 19) Das Martyrium bzw. der »rote Tod«, so erklärt
er an anderer Stelle, sei die »höchste Form des Daseins«,
ein »Ziel an sich«.[20]
Schariati ist damit dort angekommen, wo sein Vorbild Sartre in den 1930er
Jahren aufgebrochen war und die europäische, »undogmatische«
Linke in Gefolgschaft ihrer postmodernen Vordenker seit den späten
1960er, frühen 1970er Jahren Anschluß gesucht hatte: bei
Heidegger und seinem »Sein zum Tode«. Für Schariatis
Solidarität mit den »Unterdrückten« und seine
Forderung, die »Herrschaft einer Minderheit über die große
Mehrheit« zu beenden, gilt, was Gerhard Scheit auch in Hinblick
auf Saiyid Qutb ausführt: Die islamistische Forderung, alle Herrschaft
des Menschen über den Menschen abzuschaffen, »ist immer nur
die Forderung, alle Vermittlung abzuschaffen: also die Barbarei des
permanenten Ausnahmezustands zu realisieren«.[21] Schariatis ideale
Gesellschaft ist ein mobilisiertes Kollektiv, das auf Askese, Opferbereitschaft
und der kontinuierlichen Verfolgung von Gemeinschaftsschädlingen
basiert. Die »revolutionäre Ummah« wird dementsprechend
nicht als Zustand, sondern als Prozeß beschrieben; die Ummah sei
eine »Gesellschaft im Aufbruch«. (1983, S. 71) Der heilige
Krieg ist damit kein Mittel bzw. keine Etappe auf dem Weg in diese Ummah.
Dschihad ist vielmehr Zweck für sich, Dschihad ist, wie Schariati
andeutet, der ideale Gesellschaftszustand des Islamismus. »Der
heilige Krieg endet nicht nach der Unterwerfung des Feindes.«
Denn: »Die Revolutionen sind immer in Gefahr, auch die erfolgreichsten«;
der Feind »ist da, so lange Du da bist«. (ebd., S. 115 ff.)
Die
Zweite Revolution
Diese Loblieder auf Selbstdisziplinierung, Opferkult, Hingabe an die
Gemeinschaft und Religion stießen bei der europäischen Linken,
die sich seit dem Beginn der 1970er Jahre ebenfalls auf der Suche nach
Spiritualität befand, auf Begeisterung. Selbst von Jean-Paul Sartre,
der in seinen politischen Schriften oftmals eigentümlich zwischen
völkischer Erweckung und befreiter Menschheit schwankt, sind Sympathiebekundungen
für Schariati überliefert: »Ich habe keine Religion,
aber wenn ich mir eine aussuchen müßte, wäre es die
Schariatis.«[22] Sartres Lesern aus den 1960er und 1970er Jahren,
den Linken, die ihren Marsch durch die Institutionen inzwischen beendet
haben, sind solche Sympathiebekundungen auch heute nicht fremd. So bezieht
sich die nahezu einzige inneriranische Kritik am Mullahregime, die hierzulande
auf eine gewisse positive Resonanz stößt, bezeichnenderweise
auf Schariati. Als der Historiker Haschem Aghadscheri in einer Rede
2002 die iranische Geistlichkeit kritisierte und Schariati als Kronzeugen
benutzte, wurde umfangreich über das daraufhin verhängte Todesurteil
gegen ihn berichtet; die »Zeit« druckte die inkriminierte
Rede ab. (52/2002) Aghadscheri war in dieser Rede zwar erfreulicherweise
über Schariati hinausgegangen und hatte sich für die Einhaltung
der Menschenrechte und gegen Folter ausgesprochen. Bei seiner Kritik
an der islamischen Geistlichkeit hatte er jedoch Bezug auf Schariatis
Forderung nach einem »islamischen Protestantismus« genommen.
Er unterstellte den Mullahs einen »Hang zum Luxus«, warf
ihnen vor, sie würden ganz unislamisch nach dem Vorbild der katholischen
Kirche agieren, und richtete das islamistische Projekt des »wahren,
ursprünglichen Islam« damit ausgerechnet gegen diejenigen,
deren politisches Programm ebenfalls »Zurück zum Islam«
heißt. Aghadscheris Kritik wandte sich dementsprechend nicht gegen
die Barbarei des Regimes, sondern allenfalls gegen die vermeintliche
Inkonsequenz der Mullahs. Sein Verlangen nach dem konsequenten islamischen
Protestantismus war das Verlangen nach der »zweiten Revolution«,
nach der Abschaffung der wenigen formalen Elemente in der Struktur des
iranischen Staates, die nach der Revolution zur Vermittlung der heterogenen
Oppositionsgruppen gegen das Schahregime eingeführt wurden.[23]
Dieses Verlangen nach Konsequenz, Bescheidenheit und Ehrlichkeit im
Dienste des Volkes verbindet Aghadscheri stärker mit Mahmud Ahmadinedschad,
dem neuen Präsidenten des Iran, als ihm lieb sein dürfte.
Zwar wurde Ahmadinedschad im Wahlkampf von Teilen der iranischen Geistlichkeit
unterstützt; er gilt zugleich als Wunschkandidat des »Revolutionsführers«
Ali Khamenei. Seine Wahlkampfaussagen lassen sich dennoch mit der Formel
»islamischer Protestantismus« umschreiben; seine Forderungen
erinnerten bis in den Wortlaut an Äußerungen Schariatis.
So warb Ahmadinedschad nicht nur mit dem Versprechen, die »Kultur
des Martyriums« stärken zu wollen. Auch seine Selbstpräsentation
als Vertreter der »Entrechteten, der Barfüßigen und
der Unterdrückten« sowie seine Agitation gegen die »Privilegierten«
und eine angeblich bigotte, pharisäerhafte Elite, die die Werte
der Revolution verraten hätte, dürfte ganz im Sinne Schariatis
gewesen sein. Während des Wahlkampfes erklärte Ahmadinedschad
dementsprechend immer wieder, das Land müsse zu den Werten der
Erhebung von 1979 zurückkehren. Wenn er sich schließlich
regelmäßig stolz als den »kleinen Bediensteten«
bzw. den »Straßenkehrer der Nation« bezeichnet[24],
immer wieder auf den Zusammenhang von Islam und Volksherrschaft verweist
und sich darüber beklagt, daß die Führung des Landes
bisher zu unflexibel gewesen sei[25], wird deutlich: Seine Form des
islamischen Protestantismus ist mit Aghadscheris Verlangen nach einer
»zweiten Revolution« nahezu identisch; sie zielt auf die
Unmittelbarkeit von Herrschaft und die (Rück)entwicklung von Staat
in Kampfbewegung. Vorbild dieses Protestantismus ist der permanente
Ausnahmezustand und die unvermittelte Herrschaft der Rackets, kurz:
die »Vermenschlichung des Staates«, wie sie im Gangland
der Suicide-Bombers, in den palästinensischen Autonomiegebieten
oder in Teilen des Libanon, zu beobachten ist.
Daß eine solche Vermenschlichung des Staates – zumindest
in der Variante des konformistischen Oppositionellen Aghadscheri –
bei den früheren Linken, die in der »Zeit«, beim »Spiegel«,
in Ministerien oder regierungsnahen Stiftungen untergekommen sind, auf
Begeisterung stößt, verwundert nicht. Ob Aghadscheris Forderung
nach einem islamischen Protestantismus tatsächlich »der überwiegenden
Mehrheit des (iranischen) Volkes aus der Seele gesprochen hat«,
wie es in einem Report der Heinrich-Böll-Stiftung behauptet wird,
ist trotz des Wahlsiegs seines heimlichen Geistesverwandten Mahmud Ahmadinedschad
fraglich.[26] Zumindest die städtische Jugend im Iran, über
deren Alkohol- und Partyexzesse in westlichen Medien von Zeit zu Zeit
verwundert berichtet wird, dürfte sich weniger für den Märtyrertod
– das Telos des islamischen Protestantismus – als für
Robbie Williams, Madonna und Coca Cola begeistern.
Ich danke Christoph Beyer für wertvolle Hinweise und Unterstützung.
[1] Exemplarisch für diese kritisch-verständnisvolle
Herangehensweise ist u.a. Ulrich Rippert: Was bedeutet der Wahlsieg
von Mahmud Ahmadinedschad?
www.wsws.org/de/2005/jun2005/iran-j29.shtml.
[2] Zit. nach: Bernd Beier: Theo, Theorie
und Theokratie, in: Redaktion Jungle World (Hrsg.): Elfter September
Nulleins, Berlin 2002, S. 69
[3] Zit. nach: Tjark Kunstreich: Lust an
der Unfreiheit, in: Konkret 8/2004, S. 40.
[4] Kai Hermann: Fremde Revolution, in:
Konkret 7/1982.
[5]Zeev Sternhell: Faschistische Ideologie,
Berlin 2002, S. 95.
[6] Vgl. Phil Marshall: Islamischer Fundamentalismus,
www.marxists.de/religion/marshall/islamfund3.htm.
[7]Zit. nach: Julius Leicht: Wer sind
die Volksmudjaheddin Iran?
www.wsws.org/de/2000/aug2000/mudj-a25.shtml.
[8] Vgl. Gerhard Schweizer: Iran. Drehscheibe
zwischen Ost und West, Stuttgart 2000, S. 300.
[9] Vgl. Ian Buruma, Avishai Margalit:
Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, München
2005, S. 145.
[10] Zit. nach: ebd., S. 112.
[11] Vgl. zum Folgenden auch den Text
von Gernot Zeiler: Religion gegen Religion, in: Bruchlinien 6/2003 (www.bruchlinien.at),
in dem von Antiimp-Seite die Hoffnung auf ein Bündnis zwischen
linken Kräften und Islamisten ausgesprochen wird.
[12] Zit. nach: ebd.
[13] Vgl. Gilles Kepel: Das Schwarzbuch
des Dschihad, München 2002, S. 58
[14] Vgl. ebd.
[15] Ulrich Menzel: Das Ende der »Dritten
Welt« und das Scheitern der großen Theorien, in: PVS 1/1991,
S. 7.
[16] Wolfgang Pohrt: Stammesbewusstsein,
Kulturnation, Berlin 1984, S. 100.
[17] Texte und Materialien zur Geschichte
der RAF, Berlin 1997, S. 211.
[18] Jean-Paul Sartre: Vorwort, in: Frantz
Fanon: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt 1981, S. 14.
[19] Hans-Peter Kunisch: Die Hadsch als
Wille und Vorstellung, in: Literaturen 9/2004, S. 79.
[20] Buruma/Margalit: Okzidentalismus,
S. 145.
[21] Gerhard Scheit: Suicide Attack. Zur
Kritik der politischen Gewalt, Freiburg 2004, S. 440
[22] Vgl. www.shariati.org.
[23] Vgl. hierzu Scheit: Suicide Attack,
S. 454.
[24] Vgl. Junge Welt vom 27. Juni 2005.
[25] Vgl. u.a. Politische Grundsätze
des neuen iranischen Präsidenten Ahmadinejad, www.memri.de.
[26] Heinrich Böll Stiftung: Iran-Report
6/2002, S. 4. Im Vorfeld der Wahl hatten nicht nur zahlreiche Oppositionsgruppen
zum Boykott aufgerufen. Mehdi Karrubi, einer der dienstältesten
Politiker des Iran, beschuldigte zugleich den Wächterrat, das Militär
und verschiedene Milizen, die Wahlen manipuliert zu haben.
Literatur
Ali Schariati: Hadsch, Bonn 1983;
ders.: Wo fangen wir an?, Bonn 1982;
ders.: Zivilisation und Modernismus, Bonn 1980;
ders.: Zur westlichen Demokratie, Bonn 1981.