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Johannes Alberti
Der »autoritäre Charakter« und die Vorraussetzungen
von Ideologiekritik im Spätkapitalismus
In: CeeIeh 144/2007
Als Adorno et al. den Begriff des »autoritären Charakters«
prägten, schufen sie damit eine psychoanalytisch begründete
Theorie des Subjekts, die im Rahmen einer Theorie der Gesellschaft erklären
kann, warum Menschen für Antisemitismus anfällig wurden bzw.
werden. Ausdrücklich ging es in diesen Untersuchungen und den daran
anschließenden Auseinandersetzungen mit dem Datenmaterial nicht
um eine repräsentative Studie, sondern um ein theoretisches Konstrukt.
Es dürfte also kaum ein Argument gegen die Theorie sein, dass es
nur eine geringe Anzahl bürgerlicher Kleinfamilien zum Zeitpunkt
der Untersuchung gab. Auch spielt es für ihre Genese kaum eine Rolle,
dass oft Dienstmädchen an der Erziehung beteiligt waren. Mithilfe
solcher Argumente versuchte Michael Reich im CEE IEH #141 zu belegen,
dass die Kritischen Theoretiker von falschen Grundprämissen ausgingen,
um damit die Existenz autoritärer Charaktere zu bestreiten. Er stellt
die rhetorische Frage, »wie sich [...] nach den soziologischen und
psychologischen Kriterien der Kritischen Theorie überhaupt ich-starke
und kritische Subjekte haben herausbilden können«, um selbst
zu beantworten, dass das nicht ginge. Es geht jedoch nicht einfach um
autoritär oder nicht, Momente beider Strukturen können vielmehr
im selben Charakter vereint sein. Der autoritäre, also der ich-schwache
Charakter ist vor allem eine gesamtgesellschaftliche Tendenz.
Die Bedingungen der Subjektkonstitution haben sich tatsächlich seit
Freud, aber auch seit Adorno verschoben, die Umstände zur Herausbildung
von kritischen Subjekten bzw. Individuen immer mehr erschwert. Wenn aber,
wie in den Schriften der Kritischen Theorie immer wieder angedeutet, der
Subjektbegriff völlig obsolet geworden wäre und die total verwaltete
Welt nicht mehr durchschaut werden könnte, da es niemanden gibt,
der sie durchschauen kann, wäre diese Einschätzung fatalistisch
bzw. resignierend. Vor dieses Dilemma gestellt, kann eine dialektische
Betrachtung des Ichs einen theoretischen Ausweg bieten. Wie zu sehen sein
wird, kann so, trotz der objektiven Verstelltheit von Einsicht, die Gesellschaft
in einem spontanen, freien Akt prinzipiell durchschaut werden. Dies bedeutet
letztendlich, dass der autoritäre Charakter auch im Spätkapitalismus,
also lange nach dem Zerfall der traditionellen bürgerlichen Kleinfamilie,
aktuell bleibt.
Wie ist es also möglich, dass kritische Subjekte in einer zur Ich-Schwäche
tendierenden Gesellschaft entstehen können?
Die Grundlagen von Adornos »Studien zum autoritären Charakter«
werden als bekannt vorausgesetzt, weshalb der komplexe Begriff des »autoritären
Charakters« zu Beginn nur kurz in Erinnerung gerufen wird. Wichtiger
scheint die Frage nach den gesellschaftlichen Veränderungen in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Wandel der Familienstrukturen
ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung, wie auch die Theorie vom emotionslosen
Narziss, also der Personifizierung kapitalistischer »Flexibilisierung«.
Der autoritäre Charakter
Der autoritäre Charakter ist gekennzeichnet durch eine starre Bindung
an herrschende Werte, die zumeist mit der Mittelschicht in Verbindung
gebracht werden: äußerlich korrektes und unauffälliges
Benehmen und Aussehen, Tüchtigkeit, Sauberkeit und Erfolg sind für
ihn von größter Bedeutung. Sein ausgeprägt hierarchisches
Denken und Empfinden erleichtert ihm die Unterwerfung unter idealisierte
Autoritäten der Eigengruppe. Gleichzeitig verachtet er alles Abweichende
und Schwache. Voller Menschenverachtung wittert er überall Laster
und Vergehen, wie sexuelle Ausschweifungen und glaubt überall Verschwörungen
zu erkennen. Die stereotype (Fehl-)Wahrnehmung der Realität wird
durch seine permanente Abwehr von Selbstreflexion perpetuiert. Das Ich,
das die Aufgabe hat, zwischen der Außenwelt und den Bedürfnissen
des Es (in etwa die Triebe) und des Über-Ichs (in etwa das Gewissen)
zu vermitteln, ist beim Autoritären schwach ausgeprägt. Das
überstarke Über-Ich, gewaltsam implementiert durch den allmächtigen
Vater, versagt ihm eine angemessene Triebabfuhr und verlangt stattdessen
eine strikte Unterdrückung der Bedürfnisse des Es'. Die Folge
ist pathische Projektion, d.h. eine Projektion eigener Wünsche und
Bedürfnisse auf andere, auf die nicht reflektiert werden kann.
In der Entstehung dieser Charakterstruktur spielt vor allem der Ödipuskomplex
eine wichtige Rolle. Der Vater wird als Konkurrent um die Gunst der Mutter
gesehen und wirkt zunächst als Bedrohung. Später findet bei
einer gelungenen Lösung des Konflikts eine Identifikation mit der
Vaterfigur statt. Seine Werte und Moralvorstellungen werden ins Selbst
integriert; es entsteht das Über-Ich. Der Grad der Integration des
Über-Ichs ins Selbst und damit die gesamte Charakterstruktur werden
durch viele verschiedene Faktoren bestimmt. Wichtig sind hierbei neben
den familialen auch gesellschaftliche Bedingungen. Die Untersuchungsreihe
»Studies in Prejudice«, innerhalb derer auch die bekannten
»Studien zum autoritären Charakter« entstanden, hatten
in Freudscher Tradition die klassisch-patriarchalische Familie des Bürgertums
als Ausgangslage ihrer Untersuchungen angenommen. [1] Wenn bereits zum
Zeitpunkt der Studie die bürgerliche Kleinfamilie eher ein Auslaufmodell
gewesen sein dürfte, kann seit der Nachkriegszeit kaum noch von einer
Hegemonie der bürgerlichen Familie gesprochen werden. Angesichts
von Patchwork-Familien und der Delegation von Erziehung an Instanzen außerhalb
der Familie wie Kindergärten, Schulen, Sportvereine, Fernsehen und
Peer Groups kann mit einiger Berechtigung von einer Tendenz zur »vaterlosen
Gesellschaft« [2] gesprochen werden.
Die Tendenz zur »Entväterlichung« [3] bedeutet nicht,
dass der Vater als Person einfach verschwindet, sondern dass die libidinösen
Bindungen der Zöglinge aufgrund eines tendenziellen gesellschaftlichen
Funktionsverlustes des Vaters auf die Umwelt verschoben werden. Die Herstellung
von Produkten »in der langen, unpersönlichen Kette der technischen
Fertigungsvorgänge schließt den Menschen aus dem Erlebnis des
Produzierens zunehmend aus. Es ist also der Konsument ganz anders an das
Produkt gebunden oder von ihm entbunden als früher, wo es ein Stück
Selbstdarstellung mittrug«. [4] Diese Entfremdung des Arbeiters
von seinem Arbeitsprodukt hat für ihn eine geminderte Bedeutung in
der Familie zur Folge, da er nicht mehr der mächtige Patriarch sein
kann, der die Außenwelt zu kontrollieren vermag. Vielmehr produziert
er nun in stupiden Vorgängen Dinge, zu denen er keinen Bezug hat,
wodurch seine häusliche Herrschaft kaum mehr eine materielle, geschweige
denn ideelle, Legitimation hat.
Die »Entväterlichung« und das Ende der bürgerlichen
Familie
Bereits die Kritischen Theoretiker konstatierten gesellschaftliche Veränderungen,
die mit dem Bedeutungsverlust der Vaterfigur in der Psyche des Subjekts
einhergehen. Herbert Marcuse benennt einige dieser Modifikationen: Ȇbergang
von freier zu organisierter Konkurrenz, Machtkonzentration in den Händen
einer allgegenwärtigen technischen, kulturellen und politischen Verwaltung,
sich automatisch erweiternde Massenproduktion und -konsumtion, Unterwerfung
ehedem privater antisozialer Dimensionen des Daseins unter methodische
Schulung, Manipulation und Kontrolle«. [5] Während in früheren
Epochen die Familien noch der Alten bedurften, »als Übermittler
von lebensgeschichtlich erworbenem technisch-praktischem Wissen sowie
der Kinder zur Sicherung der eigenen Reproduktion« [6], haben sich
die Bedeutungen der Mitglieder in der Familie verändert. Die Kinder
werden nicht mehr als Altersvorsorge gebraucht und die ökonomische
Reproduktion beruht nicht mehr auf lebensgeschichtlicher Erfahrung der
Alten, sondern auf der technischen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Dies kann die herkömmliche Familienstruktur nicht unberührt
lassen. Die Funktion der Familie ist nicht mehr ökonomisch begründbar,
es stehen nun vielmehr weniger greifbare Formen von Bindungen im Mittelpunkt:
»Das ist der Grund warum in modernen Gesellschaften Liebe, Zuneigung,
allgemein emotionale Bindungen eine zentrale Rolle spielen, wenn es um
Partnerschaft und Familie geht.« [7] Es ist nicht der wirtschaftliche
Vorteil, der die Familie zusammenhält, sondern ausschließlich
emotionale Bande, wodurch der Familienzusammenhalt grundsätzlich
brüchiger ist.
Der Verlust der Autorität des Vaters mag zwar wie eine Befreiung
des Kindes anmuten, da es nun nicht mehr unter der strengen Kontrolle
des Vaters auf seine Triebe verzichten muss. Tatsächlich aber sehen
die Folgen der neuen Freiheit anders aus. Befreit von der Autorität
des schwachen Vaters treten Sohn und Tochter in eine konfektionierte Welt
ein, in der es zurechtzukommen gilt. »Paradoxerweise stellt sich
heraus, daß die Freiheit, welcher sie sich in der weitgehend autoritätslosen
Familie erfreut hatten, mehr ein Preisgegebensein als ein Segen ist: das
Ich, das sich ohne viel Kraft entwickelt hat, erscheint als eine ziemlich
schwache Wesenheit, wenig geeignet, ein Selbst mit den anderen und gegen
sie zu werden, den Mächten wirksamen Widerstand entgegenzustellen,
die jetzt das Realitätsprinzip durchsetzen, und die vom Vater (und
der Mutter) höchst verschieden sind – aber auch höchst
verschieden von den Leitbildern, wie sie die Massenmedien liefern.«
(Marcuse 1967, S. 93)
Die Eltern treten als Mittler des Realitätsprinzips immer weiter
in den Hintergrund. Sie sind nicht mehr die Übermittler von Wissen,
da sich dieses immer schneller aktualisiert und die Kinder ihre Fertigkeiten
beispielsweise aus Schule, Internet und durch ihre rasch auswechselbaren
Cliquen besser und effektiver beziehen. Die elterliche Macht in der Familie
ist nicht rational begründbar und die Erziehung der Kinder daher
für diese nicht einsichtig, so dass die Regeln der Eltern unverstanden
bleiben. Die Dressur der Kinder erfolgt willkürlich und vermag daher
kaum als Vorbereitung für die Zumutungen des Arbeitslebens zu dienen.
Vielmehr nehmen die Kinder die Maßregelungen der Eltern als reine
Schikane wahr und reagieren auf deren Befehle mit Apathie oder zielloser
Nörgelei. Weder die ökonomische Stellung der Eltern im Reproduktionsprozess
»noch erworbenes Wissen qualifizieren die Eltern zu Autorität,
und so reduziert sich diese Autorität auf die faktische Hilflosigkeit
der Kinder in den ersten Lebensjahren.« [8] Der objektive Verlust
elterlicher Autorität hat zur Folge, dass sich die Kinder an immer
wieder anderen Modellen in der Umwelt orientieren, bei denen es keinerlei
Beziehungsfähigkeit bedarf. Die Eltern sind nicht mehr die konkret
erfahrbaren Personen, an denen die Spannung reibt, durch die das Entstehen
eines zur Reflexion fähigen Ichs durch Abgrenzung überhaupt
erst ermöglicht. Sie sind für die Kinder eher schablonenhafte
und profillose Mitbewohner, zu denen man kaum eine zwischenmenschliche
Beziehung hat.
Die Autorität des Vaters in der bürgerlichen Gesellschaft ist
dabei dialektisch zu verstehen. Die Vaterfigur bzw. die Autorität,
mit der man sich identifiziert, wird verinnerlicht; die Kinder erfahren
dabei »in einem sehr schmerzhaften und nie ohne Narben gelingenden
Prozeß […], daß der Vater, die Vaterfigur dem Ich-Ideal,
das sie von ihm gelernt haben, nicht entspricht.« [9] Deshalb würden
sie sich von diesem Ich-Ideal bzw. Über-Ich ablösen »und
erst auf diese Weise überhaupt zum mündigen Menschen werden.«
[10] Doch nun in der spätkapitalistischen Gesellschaft sind nicht
mehr die Eltern allein die »psychologische Agentur der Gesellschaft«,
an denen sich der Widerstand gegen die Verinnerlichung der äußeren
Zwänge persönlich reiben kann. Austauschbare non-familiale Autoritäten,
die weniger greifbar sind, wie etwa Pop-, Fußball- oder Fernsehstars,
konstituieren nun ein wächsernes Ich-Ideal. Aufgrund ihrer Ungreifbarkeit
können die Kinder mit diesen fremden Autoritäten auch kaum Konfliktfähigkeit
erlernen. Denn erst im Widerstand gegen eine Autoritätsperson, zu
der man eine mehr oder weniger konstante Beziehung hat, und durch die
spätere Abkehr von ihr kann sich eine eigene Identität herausbilden.
Der emotionslose Narziss als der neue Autoritäre
Aus der neuen ödipalen Situation geht nun nicht mehr der sadomasochistische
Charaktertypus – also der klassische autoritäre Charakter hervor,
der die Triebunterdrückungen durch den übermächtigen Vater
verinnerlicht hat, sondern es entstehen Charaktere, die wesentlich außengeleiteter
sind. Emotionslosigkeit und müde Gereiztheit als Zeichen einer nicht
nach Außen gekehrten Aggression sowie eine permanente Affektlosigkeit
der Kinder sind Folgen dieses ausbleibenden Vater-Kind-Konfliktes. Nicht
Identität, sondern Identitätsdiffusion steht am Ende der Charakterentwicklung.
Der vom Vater geforderte Triebverzicht, der die innere psychische Spannung
ansteigen ließ, findet in der Gegenwart kaum mehr so repressiv statt,
wie etwa Anfang des vorherigen Jahrhunderts, da nicht zuletzt durch die
68er die rigide Sexualmoral weitgehend gelockert wurde. Das Aufschieben
der Triebe ist nicht mehr in dem Maße wie früher nötig,
da die Abfuhr nicht mehr verpönt ist. Gespräche mit der Mutter
über die ersten sexuellen Erfahrungen, das offene Bekenntnis zu Homosexualität
oder der Kauf eines Sexheftchens ohne einen roten Kopf sind vor einigen
Jahrzehnten kaum vorstellbar gewesen. Auch wenn die allseits vermarktete
Sexualität auf Coladosen oder Chipstüten mehr geschmack- und
phantasielose Überflutung denn echte Erotik ist, kann so zumindest
das rigide Bilderverbot ohne bedrückend schlechtes Gewissen überwunden
werden. Allerdings geht mit der freigegebenen Sexualität ein Dilemma
einher. Die schmerzhafte gesellschaftliche Unterdrückung erscheint
nun weniger repressiv als sie tatsächlich ist: Die frühere autoritäre
Einschränkung des Lustprinzips »seitens der Gesellschaft legte
Zeugnis ab von der Tiefe des Konflikts zwischen Individuum und Gesellschaft,
das heißt von dem Ausmaß, in dem Freiheit unterdrückt
war. Jetzt, mit der Integration dieser Sphäre in den Bereich von
Gesellschaft und Unterhaltung, wird die Repression selbst verdrängt:
die Gesellschaft hat nicht die individuelle Freiheit erweitert, sondern
ihre Kontrolle über das Individuum.« [11]
Nicht der klassische autoritäre Wüterich ist das Ergebnis der
gelockerten Sexualmoral und der tendenziellen Überflüssigkeit
des Einzelnen für die Produktion, sondern ein viel selbstbezogenerer
Typus. Der emotionslose Narziss ist kaum noch in der Lage, in eine empathische
Beziehung mit anderen Menschen zu treten. Nur das eigene Kollektiv (Rasse,
Volk, Nation, Fußballverein) – und damit man selbst –
wird libidinös besetzt. Den Vorurteilen kommt beim Autoritären
eine ganz besondere Rolle zu, da er so die Fremdgruppe abwerten und das
eigene Kollektiv und eben sich selbst aufwerten kann. Völlige Stereotypie
und ein äußerst rigides Denken machen das Vorurteil so resistent
gegen Aufklärung. »Das Vorurteil des Hasses«, schreibt
Horkheimer, ist deshalb so unverrückbar, weil es dem Subjekt gestattet,
schlecht zu sein und sich dabei für gut zu halten.« [12] Diesen
besonderen Typus des autoritären Charakters, der sich in Reaktion
auf die komplexen gesellschaftlichen Veränderungen tendenziell durchsetzt,
nennt Adorno den »manipulativen Typus«. Ihn »kennzeichnet
extreme Stereotypie; starre Begriffe werden zu Zwecken statt zu Mitteln,
und die ganze Welt ist in leere, schematische, administrative Felder eingeteilt«.
[13] Der manipulative Charakter »zeichnet sich aus durch Organisationswut,
durch Unfähigkeit, durch eine gewisse Art von Emotionslosigkeit,
durch überwertigen Realismus«. [14] Dinge werden libidinös
besetzt und dennoch ist eine Absenz von authentischen Affekten für
den Manipulativen typisch. »Erst haben diese Menschen, die so geartet
sind, sich selber gewissermaßen den Dingen gleichgemacht. Dann machen
sie, wenn es ihnen möglich ist, die anderen den Dingen gleich.«
[15] Sie manipulieren ihre Opfer, sie sind die prototypischen Schreibtischtäter,
deren Opfer für sie zum Material werden, welches »verwaltet«
wird. Auch der Manipulative selbst ist zutiefst manipulierbar; »so
innovativ seine Praktiken sein mögen, er handelt stets im Dienst
von etwas, ohne daß (moralische) Zweifel entstünden, ob das
Handeln richtig sei«. [16] Ein schlechtes Gewissen hat der Manipulativ-Autoritäre
nur, wenn er seine soziale Funktion nicht erfüllen kann, »insofern
ist das Gewissen nicht moralisch integriert, sondern ausschließlich
ideologisch«. [17]
Das flexible Ich
Menschen, die zu ihren Mitmenschen keine gefestigten emotionalen Beziehungen
haben, haben folglich auch kein Problem, den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes
zu entsprechen und den Wohnort zu wechseln [18]. »Die zunehmend
warenförmig und durch gesellschaftliche Organisation vermittelte
Vergesellschaftung der Individuen hat für diese zur Konsequenz, sich
in immer stärkerem Maße in gesellschaftlich definierte Funktionen
einpassen zu müssen.« [19] Mit der Universalisierung des Wertgesetzes
wird von den konkreten Individuen und ihren qualitativen Beschaffenheiten
und Bedürfnissen abstrahiert. Das Tauschgesetz setzt völlig
ungleiche und eigentlich unvergleichbare Dinge über den Wert miteinander
ins Verhältnis. Vom Besonderen wird daher zwangsweise und zu Gunsten
des Allgemeinen abstrahiert. Ähnlich werden auch die Menschen gleich
gemacht. Der Druck der Anpassung an die Macht und das Tauschprinzip, dem
die Menschen unterworfen sind, verändert bzw. vereinheitlicht die
komplette psychologische Struktur der Menschen. Die Anpassung an den Herrschafts-
und Wertzusammenhang tendiert so zur Auslöschung aller Differenz,
allem Besonderen.
Diesen Prozess zu einem hohen Grad an Flexibilisierung der Lebensführung
der Menschen und ihrer problemlosen Anpassung an verschiedene Situationen,
bezeichnet Weyand mit dem Paradoxon einer Tendenz zum »charakterlosen
Charakter […], der sich nicht durch eine fest gefügte innere
psychische Struktur, sondern durch die Fähigkeit auszeichnet, sich
in wechselnde Funktionen einpassen zu können. Charakterlosigkeit
ist sein Charakter«. [20] Man könne daher sagen, so Weyand,
»daß der Entwicklung […] eine Tendenz zur Verflüssigung
des Charakters immanent ist«. [21] Auch Böckelmann weist darauf
hin, dass sich die Kinder viel leichter und schneller mit Bezugspersonen
identifizieren können. Das Kind konstituiere, so Böckelmann,
ȟber die Bezugspersonen seiner verschiedenen Entwicklungsphasen
eine neue Form größter Ich-Schwäche, die nicht mehr wie
in der autoritären, sadomasochistischen Psyche ein eingeklemmtes,
bedrohtes Ich meint, sondern ein zerfließendes, diffuses, grenzenloses
Ich, das eben darum nur noch die eigenen Interessen im Auge behalten kann.«
[22] Die alten Tugenden der Individuen des klassischen bürgerlichen
Zeitalters sind nun obsolet geworden. Charakterfestigkeit und ein konsistentes
Moralsystem sind bei den hohen Anforderungen der Umwelt und der Konsumwelt
eine Last.
Die Unfähigkeit zur Reflexion
Wenn sich aber nun, wie dargestellt, eine zunehmende Ich-Schwäche
durchsetzt, bedeutet dies, dass immer weniger Menschen auf sich, auf ihre
Projektionen und ihre Umwelt adäquat reflektieren können. Dass
die gesellschaftlichen Tendenzen sich über den Köpfen der Menschen
und hinter deren Rücken durchsetzen, dass sie jene Prozesse nicht
als ihre eigenen wissen, macht den gesellschaftlichen Schleier aus. Die
Arbeit der Menschen hält nicht nur sie selbst, sondern auch das gesellschaftliche
Ganze am Leben. Diejenigen, deren Leben doch von dem Ganzen undurchsichtig
abhängt, vermögen nicht zu erkennen, dass die Gesellschaft sowohl
ihr Inbegriff wie auch ihr Gegenteil ist. [23]
Die Möglichkeit, dass die Menschen die Gesellschaft vernünftig
einrichteten, wäre so vollends verstellt, da sie den Grund ihres
Leidens gar nicht erkennen können. Wenn sich nun der Einzelne immer
mehr dem Bestehenden anpasst, wodurch das Subjekt seine Autonomie verliert,
schließt sich so der Zirkel: »Es bedürfte der lebendigen
Menschen, um die verhärteten Zustände zu verändern, aber
diese haben sich so tief in die lebendigen Menschen hinein, auf Kosten
ihres Lebens und ihrer Individuation, fortgesetzt, daß sie jener
Spontaneität kaum mehr fähig scheinen, von der alles abhinge.«
[24] Der Trend zur Ich-Schwäche merzt zunehmend die Möglichkeit
zur Einsicht in die Gesellschaft aus; das denkende und reflektierende
Subjekt als Träger einer möglichen Emanzipation stirbt in der
total verwalteten Welt aus. Die für die Menschen überlebensnotwendige
Anpassung an die gesellschaftlichen Verhältnisse hat sich tief in
sie selbst festgesetzt. Sie geht sogar soweit, daß die Möglichkeit,
daraus ohne unerträgliche Triebkonflikte auch nur im Bewußtsein
auszubrechen, schrumpft.« [25]
Das Dilemma des Denkers und Kritikers ist immanent. Auch er dürfte
die zu analysierenden gesellschaftlichen Verhältnisse kaum durchschauen,
da er selbst auch von jenen Prozessen betroffen ist, die eine tendenzielle
Ich-Schwäche produzieren. Horkheimers Verdikt fällt pessimistisch
aus: Die Aussichtslosigkeit dieser Situation drückt Adorno aus, wenn
er das Dilemma des Kritikers formuliert: »Die fast unlösbare
Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen
Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.« [26] Dem theoretisch konstatierten
Verfall des Individuums steht Adornos »Wendung aufs Subjekt«,
die ja die Existenz von denkenden Individuen, also Subjekten, offenbar
annimmt, nur scheinbar gegenüber. Anknüpfend an Freud und Adorno
ist das Ich dialektisch zu fassen. Nur so kann geklärt werden, warum
es trotz zunehmender Ich-Schwäche einigen Menschen gelingt, auf sich
und ihre Umwelt zu reflektieren. In der Begründung des dialektischen
Charakters des Ichs besteht, so Weyand, »exakt die Aktualität
der Theorie des autoritären Charakters«. [27]
Die Dialektik des Ichs
Die ich-schwache Struktur des Autoritären ist der eines psychisch
Kranken grundsätzlich ähnlich. Dennoch kann man antisemitische
Denk- und Verhaltensweisen nicht pathologisieren, wie etwa Ernst Simmel,
der den Antisemitismus als Massenpsychose bezeichnet [28]. Auch wenn paranoide
Wahnvorstellungen durchaus Elemente des Antisemitismus sind, würden
durch eine völlige Pathologisierung der Antisemiten und Autoritären
diese von der Verantwortung für ihr eigenes Tun entbunden werden.
Wenn man, wie Michael Reich in seinem im CEE IEH dokumentierten Referat,
von einer »pathologischen Projektion« spricht, liegt man damit
falsch. Vielmehr kennzeichnen den Antisemiten »pathische Projektionen«,
da auf diese nicht reflektiert werden kann. Krankhaft ist dies jedoch
nicht unbedingt. Gerade aufgrund der tiefen gesellschaftlichen Verankerung
des Antisemitismus und der für alle Menschen geltenden Notwendigkeit,
sich der verhärteten Gesellschaft einzupassen, ist Ich-Schwäche
eher als »normal« denn als »krankhaft« zu betrachten.
Adornos positives Pendant zum autoritären Charakter wird jedoch nicht
einfach nur als zur Reflexion Fähiger beschrieben, sondern als »wirklich
freier Mensch« oder als »mündiger Mensch«. Freiheit
ist viel weniger psychologisch zu betrachten: Sie setzt »die bewußte
Erkenntnis jener Prozesse voraus, welche zur Unfreiheit führen, und
die Kraft des Widerstands, die weder vor diesen Prozessen romantisch in
die Vergangenheit flüchtet, noch sich ihnen blindlings verschreibt«.
[29] Eine dialektische Betrachtung des Ichs [30] ergibt auch für
Ich-Schwache eine grundsätzliche Möglichkeit der Reflexion:
der Begriff des Ichs beinhaltet ein psychologisches und ein nicht-psychologisches
Moment. »Das psychologische Moment ist bezogen auf die Vermittlung
der im Charakter verfestigten psychischen Innenwelt und Außenwelt.
Das nicht-psychologische Moment ist auf die sachlich angemessene Reflexion
darauf, also auf die Selbstreflexion der eigenen Lebensbedingungen, bezogen.«
[31]
Das psychologisch bestimmte Ich, welches zunehmend schwächer wird
und der Möglichkeit der Reflexion verlustig geht, lässt sich
durch die Psychoanalyse bestimmen. Es gibt jedoch auch ein Moment im Ich,
welches in der Theorie nicht aufgeht, nämlich die Möglichkeit
zur Besinnung auf die eigenen Projektionen und die Umwelt – eben
auch für ich-schwache Menschen. Adorno bestimmt den Doppelcharakter
des Ichs folgendermaßen: »Das Ich fällt als Organisationsform
aller seelischen Regungen, als das Identitätsprinzip, welches Individualität
überhaupt erst konstituiert, auch in die Psychologie. Aber das realitätsprüfende
Ich grenzt nicht bloß an ein Nichtpsychologisches, Auswendiges,
dem es sich anpaßt, sondern konstituiert sich überhaupt durch
objektive […] Momente, die Angemessenheit seiner Urteile an Sachverhalte.
Obwohl selber ein ursprünglich Seelisches, soll es dem seelischen
Kräftespiel Einhalt gebieten und es kontrollieren an der Realität:
das ist das Hauptkriterium seiner Gesundheit. Der Begriff des Ichs ist
dialektisch, seelisch und nichtseelisch, ein Stück Libido und der
Repräsentant der Welt.« [32]
Das nicht-psychologische Moment im Ich kann auf sein Verhältnis
zur Außenwelt reflektieren. Das heißt, es ist grundsätzlich
zur Selbstreflexion fähig, wenn das Ich ein Moment der Selbständigkeit
gegen seine Innenwelt und Außenwelt hat. [33] Auch das psychologische
Ich bedarf der Selbständigkeit, um zwischen den Ansprüchen des
Ich, Es und der Außenwelt vermitteln zu können, es hat jedoch
hier eine andere Bedeutung. Die Unterscheidung von Wahrheit oder Unwahrheit
bzw. richtig oder falsch, die für eine sachlich angemessene Reflexion
auf die Umwelt notwendig ist, spielt für das psychologische Ich keine
Rolle. »Das Problem des psychologischen Ich ist nicht, warum
die Ansprüche von Innen- und Außenwelt bestehen, sondern dass
sie bestehen.« [34] Was bei der Reflexion angemessen ist und was
nicht, ist keine Frage der Psychologie, sondern der Erkenntnistheorie.
Genau darin, dass beide Momente im Ich vereinigt sind, besteht die Dialektik.
Dies bedeutet, dass schwache Ichs zwar nicht auf sich selbst reflektieren,
es aber grundsätzlich können, zumindest ist eine solche
Nicht-Reflexion theoretisch nicht begründbar. »Die Selbstreflexion
der eigenen Lebensbedingungen ist, weil sie sich in ihr das Ich reflexiv
auf sich selbst bezieht, nur als spontaner Akt oder als Akt der Freiheit
zu denken.« [35] Spontanität ist jedoch etwas, das nicht in
Theorie aufgehen kann, da es für diese keine Regeln und keine Prognosen
geben kann. Genau deswegen ist die Einsicht in den gesellschaftlichen
Verblendungszusammenhang auch für Autoritäre grundsätzlich
möglich, wenngleich dies nicht vorherzubestimmen ist, wann
und wie das geschieht. Der Ich-Starke ist fähig zur Reflexion, beim
Ich-Schwachen bleibt diese Fähigkeit potentiell bestehen
– ob und wann sie genutzt wird, kann Theorie kaum bestimmen. Auch
wenn der Ich-Starke aufgrund seiner Charakterstruktur bessere Lebensbedingungen
zu haben scheint, ist es doch der Ich-Schwache, der den gesellschaftlichen
Anforderungen im Spätkapitalismus besser gerecht werden kann.
Die Ich-Schwäche in der irrationalen Gesellschaft
Da in der höchst arbeitsteiligen Gesellschaft die Bedingungen der
eigenen Reproduktion kaum durchschaut oder gar kontrolliert werden können,
ist die Selbsterhaltung, die das Ich durch planvolle Aktivität vermittelt,
keineswegs rational. [36] Die Menschen sind im kapitalistischen Produktions-
bzw. Reproduktionsprozess Mittel der Reproduktion, nicht ihr Zweck. Die
Befriedigung ihrer Bedürfnisse findet nur statt, wenn es dem Erhalt
des Kapitals dient. Wenn durch die Produkte Menschen gesättigt werden,
dient das zwar deren (physischer) Selbsterhaltung, ist aber nicht unbedingt
beabsichtigt. Ob Bomben oder Brot hergestellt wird, hängt nicht von
den Bedürfnissen der Menschen, sondern von der Wahrscheinlichkeit
der Vermehrung des Kapitals ab. Die Menschen selbst sind gezwungen, durch
Lohnarbeit und Konsum ihre Selbsterhaltung zu gewährleisten. Damit
verewigen sie aber zugleich eine Produktionsweise, die nicht der Bedürfnisbefriedigung
dient. Das rationale Handeln der Einzelnen, die sich, um zu überleben,
auf dem Arbeitsmarkt verkaufen müssen, hat so zugleich ein irrationales
Moment, in dem diese Verhältnisse versteinert werden.
Die Produktion in jeder Gesellschaft setzt einen zumindest temporären
Triebverzicht der Produzenten voraus. Bei einer rational organisierten
Produktion wäre diese Notwendigkeit des Triebverzichtes einsehbar.
In der kapitalistischen Produktionsweise ist dieser Verzicht nicht rational
zu begründen. Daher müssen die Menschen beständig Verdrängungsleistungen
vollbringen, die sie nicht einsehen können. Das Ich in der kapitalistischen
Gesellschaft muss also strukturell schwach sein. Die Ich-Schwäche
des Autoritären hat jedoch auch etwas Nützliches: Er profitiert
von seiner antisemitischen, ich-schwachen Charakterstruktur insofern,
dass er sich die beängstigenden, fremden und übermächtigen
Verhältnisse auf eine banale und personalisierende Weise zu erklären
vermag und er im kollektiven Narzissmus – wenn auch potenziell mörderischen
– Seelenfrieden finden kann. Tatsächlich ist es so –
wie es bereits in den »Studien zum autoritären Charakter«
herausgestellt wurde –, dass die Träger eines schwachen Ichs
weniger Probleme haben, sich der Gesellschaft anzupassen. Sie prägen
dabei viel weniger Neurosen aus, als die Nicht-Autoritären, die häufig
von Selbstzweifeln und allerlei anderen Hemmungen geplagt werden. [37]
Die Triebökonomie des Ich-Starken ist unter den gegenwärtigen
irrationalen gesellschaftlichen Bedingungen selbst irrational, während
die Triebstruktur des »charakterlosen Charakters« auf diese
Weise rational ist. »Die gesellschaftlich irrationale Konsequenz
wird auch individuell irrational.« [38] In der »Dialektik
der Aufklärung« schreiben Horkheimer und Adorno: »Die
Irrationalität der widerstandslosen und emsigen Anpassung an die
Realität wird für den Einzelnen vernünftiger als die Vernunft.“
[39] Das starke Ich hat es daher bedeutend schwerer, sich zurechtzufinden.
»Noch die gelungene Kur trägt das Stigma des Beschädigten,
der vergeblichen und sich pathisch übertreibenden Anpassung.«
[40] Dies ist auch der Grund, warum Adorno die Psychotherapie für
Unwahrheit hält. »Indem der Geheilte dem irren Ganzen sich
anähnelt, wird er erst recht krank, ohne daß doch der, dem
die Heilung misslingt, darum gesünder wäre.« [41] Einen
Ausweg hieraus gibt es innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft nicht.
»Es gibt kein richtiges Leben im falschen«, schrieb Adorno
in den Minima Moralia. Ihm selbst war dieses Dilemma natürlich auch
nicht fremd, gab er doch den Minima Moralia, in die viele autobiographische
Elemente einflossen, den Untertitel »Reflexionen aus dem beschädigten
Leben«.
Die (physische) Selbsterhaltung der Menschen, die unverstanden bleibt,
ist jedoch, wie gesehen, alles andere als gesichert. Mit der Entwicklung
neuer Technologien, die effektiver und billiger produzieren, schwindet
zunehmend der Bedarf an Arbeitskräften. Eine tendenzielle Ablösung
der Herrschaft des Wertgesetzes durch das Recht des Stärkeren, wie
es auch in den kapitalistischen Zentren deutlich zu bemerken ist, erschwert
zusätzlich die Selbsterhaltung des Einzelnen. In dieser Situation
der Erfahrung – oder mehr Erahnung – der realen Ohnmacht kommt
dem Narzissmus für das Ich eine selbsterhaltende Funktion zu. Zugleich
aber erzeugt das Gefühl, dass man den Verhältnissen völlig
ausgeliefert ist, eine tiefe Existenzangst bzw. die Angst davor, nicht
dazuzugehören. »Die Angst vorm Ausgestoßenwerden aber,
die gesellschaftliche Sanktionierung wirtschaftlichen Verhaltens hat sich
längst mit anderen Tabus verinnerlicht, im Einzelnen niedergeschlagen.
Sie ist geschichtlich zur zweiten Natur geworden.« [42] Die Ahnung
dieser Angst trübt den Narzissmus und bedroht ihn, da das eigene
aufgeblähte Selbstbild etwa vom starken Mann, der alles unter Kontrolle
hat, offensichtlich falsch ist. Genau in »dieser Kollision narzisstischer
Besetzung der eigenen Person und narzisstischer Beschädigung besteht
ein systematisches Moment der Einzelnen für autoritäre Meinungen.«
[43] Diese Kollision ist der Grund für die Aktualität des autoritären
Charakters. Der beschädigte Narzissmus der Einzelnen nämlich
sucht Befriedigung und sein Heil im kollektiven Narzissmus und findet
dort die Möglichkeit zur Identifikation, die er braucht. Konstitutiv
für ein solches Kollektiv, in dem der Narziss Befriedigung findet,
ist die Bestimmung von äußeren Feinden. Im kollektiven Antisemitismus
wird nun diese narzisstische Kränkung »geheilt«. In den
Wahnvorstellungen der Autoritären finden pathische Projektionen eigener
Verdrängungen und Wünsche auf die Juden statt – im Antisemitismus
drückt sich das Realitätsprinzip als eine strukturell paranoide
Beziehung zur Außenwelt aus. Gleichzeitig dient der Antisemitismus
als personifizierende Erklärung aller als negativ empfundenen Seiten
der kapitalistischen Moderne und ihrer Krisen und Zwänge.
Fazit
Der ich-schwache Charaktertypus, der sich gesellschaftlich durchsetzt,
könnte zwar grundsätzlich in einem freien, spontanen Akt die
Verhältnisse durchschauen. Solange er dies aber nicht tut, bleibt
die Gefahr der antisemitischen Mobilisierung der Ich-Schwachen akut. Ohnmacht
gegenüber der gesellschaftlichen Verhältnisse, Regression auf
Narzissmus und Omnipotenzphantasien – alles Folgen der unsicheren
Familienstrukturen und der unvernünftigen Produktionsweise –
konstituieren einen Menschentypus, der diesen irrationalen Verhältnissen
optimal angepasst ist. »Auf Kosten der Identität, auf Kosten
einer bewußten, kritischen und aktiven Haltung gegenüber der
Realität, auf Kosten einer zu sich selbst kommenden Sexualität
werde uneingeschränkte Triebbefriedigung gewährt und die lähmenden
Kontrollen des Gewissens und der Gesellschaft entfernt. Dies meint die
schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit
[Hervorh. i. Original].« [44]
Freilich ist diese Tendenz bedrohlich, bestätigt sie doch die Gefährlichkeit
des noch immer existierenden Autoritarismus, wenngleich sich seine Vorraussetzungen
geändert haben. Der »autoritäre Charakter« verschwand
also nicht mit dem Ende der bürgerlichen Familie, sondern ist ein
konstitutives Element der warenproduzierenden Gesellschaft und reicht
daher bis in die Gegenwart. Auch diejenigen, die damals in der Studie
von Adorno et al. als vorurteilsfrei eingestuft wurden, sind nicht vor
Autoritarismus und damit Antisemitismus gefeit. Sie haben ähnlich
stereotype und personalisierende Vorstellungen bei politischen und ökonomischen
Fragen, wie die Vorurteilsvollen. Diese Übereinstimmungen der Antworten
führen die Autoren auf das kulturelle Klima zurück und folgern
daraus, »dass wir in potentiell faschistischen Zeiten leben«.
[45] Der Kapitalismus hat durch die Entfaltung der Produktivkräfte
die Möglichkeit zur vernünftigen Einrichtung der Gesellschaft
geschaffen, hat aber zugleich auch die Möglichkeit des Antisemitismus
und der Vernichtung produziert. Von den Menschen selbst hängt es
ab, ob diese Vernichtung, die bereits einmal stattfand, wiederholt wird,
oder ob sie die Verhältnisse abschaffen.
So lange aber nichts auf Abschaffung hindeutet, bleibt das destruktive
Potential, und damit die Theorie des autoritären Charakters, so virulent.
Allerdings gibt es prinzipiell die Möglichkeit, dass auch autoritäre
Charaktere, also Antisemiten, zur Einsicht kommen können. Zumindest
gibt es keine theoretische Negation dieser Möglichkeit. Gäbe
es diese Möglichkeit nicht, so unwahrscheinlich sie momentan auch
ist, wäre jede Ideologiekritik sinnlos. Umgekehrt liefe es auf Affirmation
des Bestehenden hinaus, wenn man anthropologisierend behaupten würde,
der Antisemit sei nun mal so und bliebe es für immer.
Anmerkungen
[1] Untersucht wurden überwiegend weiße Mittelständler.
Andere Bevölkerungsschichten (Arbeiter, Schwarze) mit ihren je eigenen
Sozialisationsbedingungen wurden kaum berücksichtigt.
[2] Mitscherlich, Alexander: Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft.
Ideen zur Sozialpsychologie, München 1989.
[3] Ebd., S. 201.
[4] Ebd.
[5] Marcuse, Herbert: Das Veralten der Psychoanalyse. In: Ders.: Kultur
und Gesellschaft 2, Frankfurt/M. 1967, S. 88.
[6] Weyand, Jan: Zur Aktualität der Theorie des autoritären
Charakters. In: joure-fixe-initiative berlin (Hg.): Theorie des Faschismus
– Kritik der Gesellschaft, Münster 2000, S. 59.
[7] Ebd.
[8] Ebd., S. 60.
[9] Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit. In: Ders: Erziehung
zur Mündigkeit, Frankfurt/M. 1970, S.140.
[10] Ebd.
[11] Marcuse: Das Veralten der Psychoanalyse, S. 102.
[12] Horkheimer, Max: Über das Vorurteil. In: Horkheimer, Max/Adorno,
Theodor W.: Sociologica. Reden und Vorträge, Frankfurt/M. 1984, S.
198.
[13] Adorno, Theodor W. et al.: Studien zum autoritären Charakter,
Frankfurt/M. 1973, S. 334.
[14] Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz. In: Ders: Erziehung
zur Mündigkeit, Frankfurt/M., S. 97.
[15] Ebd., S. 98.
[16] Rensmann, Lars: Kritische Theorie über den Antisemitismus. Studien
zu Struktur, Erklärungspotential und Aktualität, Berlin/Hamburg
1998, S. 86.
[17] Ebd.
[18] Gewiss ist es nicht mehr bloß – wie es Michael Reich
schreibt – die sogenannte Radfahrernatur, die auf dem Arbeitsmarkt
verlangt wird. Aber eben auch nicht »der stets kritische und selbstbewusste
Umgang mit dem übertragenen Aufgabenfeld«. Kritik und Innovation
werden lediglich im Rahmen einer »Corporate Identity« verlangt,
die selbst allerdings beliebig austauschbar ist und der sich stets aufs
Neue komplett hingegeben werden soll.
[19] Weyand: Zur Aktualität der Theorie des autoritären Charakters,
S. 61 f.
[20] Ebd., S. 62.
[21] Weyand, Jan: Adornos Kritische Theorie des Subjekts, Lüneburg
2001, S. 141.
[22] Böckelmann, Frank: Die schlechte Aufhebung der autoritären
Persönlichkeit, Freiburg 1987, S. 54.
[23] Vgl. Adorno, Theodor W.: Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie.
In: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 8., Frankfurt/M., S. 53 f.
[24] Adorno, Theodor, W..: Gesellschaft. In: Ders.: Gesammelte Schriften,
Bd. 8. Soziologische Schriften I, Frankfurt/M., S. 18.
[25] Ebd.
[26] Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten
Leben, Frankfurt/M. 1986, S. 67.
[27] Weyand: Zur Aktualität der Theorie des autoritären Charakters,
S. 65.
[28] Simmel, Ernst: Antisemitismus und Massen-Psychopathologie. In: Ders.
(Hg.): Antisemitismus, Frankfurt/M. 1993, S. 64.
[29] Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Vorurteil und Charakter. In:
Adorno, Theodor W.: Gesammelten Schriften, Bd. 9.2, Frankfurt/M, S. 372.
[30] Ich beziehe mich hier und im Folgenden vor allem auf Überlegungen
von Jan Weyand.
[31] Weyand: Adornos Kritische Theorie des Subjekts, S. 116.
[32] Adorno: Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, S. 70.
[33] Vgl. Weyand: Zur Aktualität der Theorie des autoritären
Charakters, S. 65.
[34] Ebd.
[35] Ebd., S. 66.
[36] Vgl. ebd., S. 67.
[37] Vgl. ebd., S. 70.
[38] Adorno: Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, S. 57.
[39] Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung.
Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 2003, S. 213.
[40] Adorno: Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, S. 57.
[41] Ebd.
[42] Ebd., S. 47.
[43] Weyand: Zur Aktualität der Theorie des autoritären Charakters,
S. 71.
[44] Böckelmann: Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit,
S. 58.
[45] Adorno et al.: Studien zum autoritären Charakter, S. 178.
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