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Jan Gerber
No Country for old Men. Ein Kommentar zu einer Geisterdebatte
In: Cee Ieh 154 (2008)
1.
Die linken Bewegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren fest
in einem bestimmten Milieu verankert.* Wer in den zwanziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts im Berliner Wedding, am Hamburger Hafen oder im hallischen
Glauchaviertel aufwuchs, konnte in der Regel auf eine linke Großmutter,
kommunistische oder sozialdemokratische Eltern und eine langjährige
Karriere in einer der diversen Vorfeldorganisationen der Arbeiterparteien
– »Naturfreundejugend«, »Falken«, KJVD usw.
– verweisen. Wer es sich mit seinen Eltern und den Nachbarn verderben
wollte, wurde später Sozialdemokrat statt Kommunist, trat der KPD
statt der SPD bei oder besorgte sich als Affront gegen beide die Schriften
Otto Rühles. (Spätestens seit Ende der zwanziger Jahre wurde
in den entsprechenden Milieus auch die NSDAP attraktiv. Aber das ist eine
andere Geschichte).
2.
Im Unterschied zum goldenen Zeitalter der Arbeiterbewegung ist die Linke
inzwischen eine Jugendbewegung; das Milieu oder die Klasse hat sich in
eine Szene verwandelt. Wer früher noch gute Chancen auf einen Funktionärsposten
im kommunistischen Jugendverband gehabt hätte, gilt hier inzwischen
als Kuriosum und sorgt mit seinen Geschichten über die erste Wurzen-Demo
oder die Fahrt nach Hoyerswerda vor allem für Spott.
Als sich der Verfassungsschutz noch ernsthaft – soll heißen:
nicht allein aus Traditionalismus heraus – für die Linke interessierte,
errechneten seine Mitarbeiter, dass das durchschnittliche Ausstiegsalter
aus der linken Szene 28 Jahre beträgt. Tatsächlich fängt
spätestens hier der Ernst des Lebens an. In diesem Alter bereitet
sich die durchschnittliche deutsche Frau nicht nur geistig-moralisch auf
ihr erstes Kind vor. Auch die eigenen Erzeuger können so kurz vor
dem 30. Geburtstag ihres Nachwuchses nur noch schwer davon überzeugt
werden, dass ihre monatlichen Überweisungen Investitionen in die
Zukunft sind. In dieser Zeit beginnt auch für die Letzten der Einstieg
ins Berufsleben, der durch Zivildienst, das so genannte Orientierungsjahr,
Studium und Bafög noch hinausgezögert werden konnte.
Wer seinen Lebensunterhalt nun, wie bei vielen Jungakademikern üblich,
mit zwei schlecht bezahlten Jobs bestreiten muss, sich mehr als acht Stunden
pro Tag das unerträgliche Geplapper seiner minderbemittelten Kollegen
anhören darf und danach noch sein Kind aus den Klauen boshaft-griesgrämiger
Kindergärtnerinnen zu befreien hat, kann in der Regel keine große
Begeisterung für die nervtötende Langeweile aufbringen, die
linke Gruppentreffen regelmäßig zu bieten haben.
3.
Noch weitaus schwieriger als das Zeit- und Lustmanagement gestalten sich
die Versuche, zwischen Arbeit und Politengagement zu vermitteln. Mediziner,
Biologen oder Geographen haben es noch relativ einfach: Sie können
Beruf und politisches Engagement ohne größere Schwierigkeiten
miteinander arrangieren. Wer vormittags einen Blinddarm entfernt, gerät
damit in der Regel nicht in Konflikt mit seinem nachmittäglichen
Engagement als Revolutionär. Für Politikwissenschaftler, Soziologen
oder Philosophen ist es da schwieriger. Weil sie nichts anderes gelernt
haben und man sie anderswo nicht braucht, sind sie in der Regel auf der
Jagd nach einem Job im akademischen Betrieb. Das Problem: Die Professoren
Adorno, Horkheimer und Agnoli, an deren Schriften sich zumindest in den
neunziger Jahren viele linke Soziologie- und Philosophiestudenten politisiert
haben, sind tot; ihre Kollegen Claussen, Wippermann und Türcke brauchen
keine 200, sondern allenfalls zwei Assistenten. Bleiben die Professoren
Müller, Meier und Rode. Von denen hat zwar noch nie jemand etwas
gehört; aber jeder weiß, dass sie durch und durch staatstragend
sind. Hier müssen Geisteswissenschaftler das tun, wofür sie
da sind: Ideologie produzieren. Sie müssen Studenten wider besseres
Wissen von den Vorzügen des Positivismus erzählen, untersuchen,
wie Adminstrationen effektiver gestaltet werden können, oder sterbenslangweilige
Vergleiche zwischen den politischen Institutionen der Bundesrepublik und
Spaniens anstellen. Das ist grundsätzlich kein großes Problem
– immerhin muss jeder von irgendetwas leben. Das Dumme ist nur:
Auch die Professoren Müller, Meier und Rode brauchen keine 200, sondern
maximal zwei Assistenten. Soll heißen: Wer nur ein funktionales
Verhältnis zum universitären Betrieb hat, wer also nicht glaubhaft
versichern kann, dass er SPSS, die Systemtheorie, die Gender Studies oder
das politische System der Bundesrepublik für Gottesgeschenke an die
Menschheit hält, hat bei der Balgerei um die wenigen Stellen und
Stipendien schlechte Karten. Wer es dennoch schafft, ist mit einem weiteren
Problem konfrontiert: dem eigenen Bedürfnis nach Identität.
Nur die Wenigsten halten es aus, die schlechte Realität, die sie
abends im Lesekreis kritisieren, nicht nur, wie als Maurer, Metzger oder
Textilfabrikant zu bestätigen, sondern sie als Ideologieproduzent
zu verdoppeln. (In der Regel schaffen es vor allem diejenigen, die auch
bei der Jugendantifa nie den lautesten Brüllaffen gegeben haben.)
Ein Teil der Jungakademiker mit Politvergangenheit zieht sich demzufolge
ins Privatleben zurück und verwandelt sich in die frühvergreisten
Zyniker, denen man überall im Universitäts- und Medienbetrieb
begegnen kann. Der Rest übt sich in vorauseilendem Gehorsam. Das
Bedürfnis nach Identität zwischen Person und Handlung nötigt
sie dazu, ihr besseres Wissen von einst zu vergessen. Die – oft
erst angestrebte – Arbeit in der Akademie, im Kulturbetrieb oder
einer der staatlichen Vorfeldorganisationen (»Civitas«, »Bündnis
für Demokratie und Toleranz« usw.) wird dementsprechend nicht
mehr als leider notwendige Form der physischen Reproduktion präsentiert.
(Man hat halt nichts anderes gelernt und will vom Amt nicht irgendwann
als Müllsammler eingesetzt werden.) Sie wird vielmehr als Mittel
der Selbstverwirklichung, als authentischer Ausdruck der eigenen Persönlichkeit
und der Suche nach Erkenntnis ausgegeben.
4.
Da dieser Abschied von der Kritik dem Drang des Individuums nach Identität
geschuldet ist, darf er sich selbstverständlich nicht innerhalb einer
Woche vollziehen. Sonst würde der Eindruck von Opportunismus entstehen
– und das mag der im schlechten Hier und Jetzt nach Einheit strebende
Jungakademiker nun gar nicht. Der Übergang vom Revolutionär
zum Universitär muss dementsprechend als Resultat eines langwierigen
Reflexionsprozesses, eines tiefen Hineinhorchens in sich selbst präsentiert
werden. Insbesondere in der Orientierungsphase ist es dementsprechend
nötig, die eigenen Positionen als konsequente Fortführung des
bisherigen Kurses auszugeben. Nicht man selbst ist sich untreu geworden,
sondern die Partei, die Bewegung oder die Szene haben die Sache verraten,
sind stagniert oder bieten keinen Erkenntnisgewinn mehr. In der ersten
Projektskizze der Dissertation tauchen Marx und Adorno dementsprechend
noch auf, in der Endfassung werden sie oft schon durch den Namen Habermas
ersetzt. Auch die ersten öffentlichen Bewerbungsschreiben an den
Wissenschafts-, Medien- oder Kulturbetrieb, die aufgrund der Versuche,
Adorno mit Popper und Marx mit der »Bundeszentrale für politische
Bildung« zu vermitteln, recht ungelenk daherkommen, werden noch
in Szenepublikationen veröffentlicht; die professionalisierte Variante
erscheint entweder in einer der einschlägigen Fachzeitschriften oder
sie findet aufgrund des Überangebots reuiger Ex-Kommunisten keinen
Abnehmer mehr.
5.
Der organisatorische Rahmen, in dem sich die Transformation von der Kritik
der Verhältnisse zum staatstragenden Verantwortungsbewusstsein vollzieht,
ist mal ein Kongress wie die »Sozialistische Konferenz«, die
den Übergang vom linken Radikalismus der siebziger Jahre zu den »Grünen«
markiert, mal die Antifa-Recherchegruppe, die in einen »Civitas«-Verein
überführt wird, und in jüngster Zeit immer häufiger
der Theoriekreis, in dem diejenigen, die auf eine Stelle im akademischen
Betrieb hoffen, schon einmal ihre Tauglichkeit unter Beweis stellen können.
Die Tickets sind weitgehend austauschbar; sie sind in der Regel nur den
jeweiligen Konjunkturen der Bewegungen geschuldet: In den späten
siebziger Jahren waren es Ökologie und Esoterik, später wurde
es der Parlamentarismus, und heute ist es der Liberalismus. Morgen wird
es vermutlich die israelsolidarische Politikberatung sein, die sich derzeit
bereits mit einer Reihe von Kongressen ankündigt.
6.
Das alles scheint der Kontext zu sein, in dem ein ehemaliger Redakteur
des Conne-Island-Newsflyers zu der bahnbrechenden Erkenntnis gelangt ist,
dass selbst die radikalsten Gesellschaftskritiker »ins System verstrickt«
sind. Das Dumme ist nur: Entsprechende Postulate wurden nicht einmal von
den Autonomen, die er in seinem Beitrag zur Antifadebatte als Kronzeugen
aufführt, bestritten. Im Gegenteil: Die Aussage, dass alle doch irgendwie
am »System« partizipieren würden, war eine allseits akzeptierte
Szenebanalität; die Forderung, das »autonome Ghetto«
doch endlich zu verlassen, gehörte zur autonomen Szene wie Hassmaske
und Lederjacke. Sie ist nicht nur genauso alt wie die Szene selbst; sie
ist zugleich einer der Gründe dafür, warum sich in autonomen
Therapieblättern in der Regel keine Kritik des Antisemitismus und
Rassismus findet – hierzu glaubte man sich aufgrund persönlicher
»Verstrickungen` nicht berechtigt –, sondern nur das permanente
Lamento über »eigene Rassismen« und »Antisemitismen«.
Wer auftrumpfend erklärt, dass doch alle irgendwie »verstrickt«
seien, will jedoch keine Banalität zum Besten geben. Er will auf
etwas anderes hinaus: Aus der Tatsache, dass auch radikale Gesellschaftskritiker
am deutschen »Gemeinwesen partizipieren«, dass die Mehrheit
der Linken in Deutschland also vom Besitz ihres deutschen Passes profitiert,
soll eine Verpflichtung gemacht werden. Und zwar für die Instanz,
die diesen Pass ausstellt. Nur so ist die Aufforderung an das Debattengespenst
Antifa zu verstehen, sich doch endlich zu seiner »zivilgesellschaftlichen
Funktion« zu bekennen und diese »geschickt in Szene zu setzen«.
Die Empörung darüber, dass die Kritiker des Appeasements gegenüber
den ostdeutschen Zuständen »unter gar keinen Umständen«
am »Gemeinwesen [...] teilnehmen« wollen, läuft ex negativo
auf die Forderung hinaus, Verantwortung fürs große Ganze zu
übernehmen.
7.
Auch wenn die neuen Parteigänger der Zivilgesellschaft der Antifa
inzwischen aus der Position des unbeteiligten Beobachters Ratschläge
geben, sind sie der antifaschistischen Gemeinde näher als sie zugestehen
würden: Mit der Forderung, die Antifa solle sich endlich zu ihrer
»zivilgesellschaftlichen Funktion« bekennen, affirmieren sie
eine Entwicklung, die ohnehin auf der Tagesordnung steht. Wenn die Antifa
der Heldenstadt im letzten Jahr am »Tag der deutschen Einheit«
gemeinsam mit den »Jusos«, der PDS-Jugend und Gewerkschaftsfahnen
durch die örtliche Einkaufszone trottet, um gegen einen »Naziladen«
zu demonstrieren, und dabei von Deutschland schweigt, ist sie, wie eines
ihrer Konkurrenzunternehmen aus dem benachbarten Halle kurz darauf im
Conne-Island-Newsflyer erklärte, objektiv gesehen nicht viel mehr
als der immer wieder beschworene militante Arm der Zivilgesellschaft.
Der zentrale Unterschied zwischen den neuen Freunden des deutschen Gemeinwesens
und der Antifa dürfte darin bestehen, dass bei der Antifa noch ein
Widerspruch zwischen Anspruch und Realität zu existieren scheint.
In Realitas ist sie – und das hat Andreas Reschke trotz einiger
Ungereimtheiten in seinem Text gezeigt – zur staatstragenden Veranstaltung
geworden. Wenn Leipziger Antifaschisten ihrer jüngsten Demonstration
das Motto »Das Problem ist Deutschland« verpassen und auch
den Genossinnen vom »Antifaschistischen Frauenblock« in ihrer
Rede zum 3. Oktober 2007 am Ende doch noch einfällt, dass das Leben
hierzulande auch ohne »Naziläden« oft nicht sonderlich
schön ist, dann kann das bei einigem Wohlwollen jedoch als Signal
gewertet werden, dass die Antifa noch nicht vollständig in ihrer
staatstragenden Praxis aufgeht. Aus solchen Widersprüchen zog Ideologiekritik
einmal ihre Berechtigung. Durch Verweise auf den Widerspruch zwischen
Anspruch und Realität sollte zur Überwindung der schlechten
Realität beigetragen werden.
Die neuen Verantwortungsträger betreiben hingegen so etwas wie umgekehrte
Ideologiekritik. Auch ihnen ist zwar an einer Versöhnung von Anspruch
und Realität gelegen. Allerdings in negativer Hinsicht. Im Jargon
der Zweiten Internationale: Die Antifa soll auch »für sich«
werden, was sie »an sich« schon ist – staatstragend.
Das Resultat dieser negativen Versöhnung wäre der endgültige
Abschied von Kritik. Vor diesem Hintergrund ist es nur logisch, wenn Andreas
Reschke im Rahmen der Antifadebatte vorgeworfen wird, dass er die »dritte
Position« jenseits von Volksgemeinschaft und Zivilgesellschaft,
vulgo: »Dorfracket« und »Staatsantifaschismus«,
gewahrt wissen wolle. Denn tatsächlich wird diese »dritte Position«
nicht, wie im November im Conne-Island-Newsflyer behauptet, »gemeinhin
als linksautonom« bezeichnet; sie ist vielmehr unter der Chiffre
»Kommunismus« oder, etwas weniger auftrumpfend, des »ganz
Anderen« (Horkheimer) bekannt. Die Fähigkeit, diese Position
des »ganz Anderen« einzunehmen, ist sowohl die Voraussetzung
für Kritik als auch für eine Parteinahme, die ihre eigenen Grenzen
reflektiert. Kritik, die diesen Namen verdient, kann stets nur vom gedanklich
(wie sonst?) antizipierten Zustand des Besseren geübt werden. Gerhard
Stapelfeld: Erkenntnis – und der ist Kritik bekanntlich verpflichtet
–, »die sich allein auf dem Boden des Gegenwärtigen bewegte,
wäre in diesem gefangen, sie entzöge sich dem Begreifen«.
Wer von der »dritten Position« nichts mehr wissen will, betreibt
dementsprechend keine Kritik, sondern macht einen Verbesserungsvorschlag.
Von der Kritik bleibt lediglich, wie in einem Beitrag zur Antifadebatte
vom November 2007 nachgelesen werden kann, die Forderung, mal »ein
Auge drauf« zu haben: ob der Staat vielleicht Dinge tut, die nicht
ganz so dufte sind, ob die Mitbewohner ihren Müll trennen –
oder ob das Teewasser im Vorzimmer der Professoren Müller, Meier
und Rode überläuft.
* Der Text erschien im Cee Ieh unter dem falschen Titel.
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