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Jan Gerber
All you can eat. Tiere statt Menschen befreien?
In: Jungle World 39 (2008)
Ohne Zweifel: Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist alles
andere als vernünftig eingerichtet. Hierfür sind allerdings
weder der Appetit fieser Fleischesser noch der Eisverkäufer an der
Ecke oder die Diva im Pelz verantwortlich. Es verbessert sich demzufolge
auch nicht, wenn linksradikale Wohngemeinschaften ihren Kühlschrank
wurstfrei halten, Grundschullehrer Unterschriften für eine vegetarische
Schulspeisung sammeln oder Pamela Anderson sich mal wieder unter dem Motto
»Lieber nackt als im Pelz« ablichten lässt. Ebenso wie
die Sehnsucht nach dem Leben in den Wäldern, die sich hinter dem
Engagement so mancher Tierrechtsgruppe verbergen dürfte, ist auch
das derzeitige Verhältnis von Mensch und Natur Resultat einer Dialektik
des Zivilisationsprozesses. Das könnten die veganen Tierfreunde durchaus
wissen, wenn sie aus den Schriften Adornos und Horkheimers nicht immer
nur die drei gleichen Standardstellen zitieren, sondern die entsprechenden
Bücher auch lesen würden. Man wird der Kritischen Theorie nicht
gerecht, wenn man aus ihr steinbruchartig einzelne Textbausteine zur Begründung
des Veganismus herauslöst.
Die Entzauberung der Welt, die im Zentrum des Programms der Aufklärung
stand, ging mit ihrer erneuten Verzauberung einher. Die gesellschaftlichen
Verhältnisse wurden zu dinghaft erstarrten Naturverhältnissen,
zur zweiten Natur. In diesem Prozess der Emanzipation von der ersten Natur
teilte der Mensch das Schicksal der übrigen Welt. Die Gesellschaft,
so Horkheimer und Adorno, »setzt die drohende Natur fort als den
dauernden, organisierten Zwang, der, in den Individuen als konsequente
Selbsterhaltung sich reproduzierend, auf die Natur zurückschlägt
als gesellschaftliche Herrschaft über Natur«.
Je deutlicher sich das gesellschaftliche Zwangsverhältnis dem archaischen
Kampf aller gegen alle anglich, umso stärker sehnten sich die Menschen
nach dem Original zurück. Anders als von Marx erhofft, machten sie
nicht das unerreichte Ideal der bürgerlichen Gesellschaft, das Glücksversprechen
der Aufklärung, zum Maßstab der Realität. Stattdessen
verdammten sie entweder ausgerechnet das am Status quo, was dem Ideal
schon nahe kam: Individualität, Künstlichkeit, den Luxus des
Bürgertums oder den Weltmarkt, in dem die Idee einer staatenlosen
Weltgesellschaft bereits angelegt war. Oder sie träumten sich in
die schlechte Realität von Vorgestern – Horde, Sippe, Stamm,
Blut und Boden – zurück.
Spätestens seit Rousseaus »Zurück zur Natur« kokettiert
die bürgerliche Gesellschaft immer mal wieder damit, die zivilisatorischen
Errungenschaften gegen einen Zustand einzutauschen, dessen Überwindung
sie sich bei anderer Gelegenheit stolz auf ihre Fahnen schreibt. Analog
zur Spaltung des Menschen in Natur- und Gesellschaftswesen geht die Furcht
vor blinder Naturverfallenheit mit der Sehnsucht nach ihr einher. In dem
Maß, in dem die Gesellschaft ihre Fähigkeit verliert, ihre
ideologische Existenzbedingung, das heißt: den Glauben, dass jeder
mit genügend Fleiß und Geschick zu seines Glückes Schmied
werden kann, zu reproduzieren, scheint sich diese Ambivalenz allerdings
zu Gunsten der Sehnsucht nach vorzivilisatorischen Zuständen aufzulösen.
Das Tier fungiert dabei als eine Art Role-Model menschlicher Wünsche
und Sehnsüchte. Noch in der Zeit der Aufklärung sorgten seine
Begriffslosigkeit, die Reduktion aufs Vitale und seine Unfähigkeit
zur Selbstreflexion für Geringschätzung. Im Laufe der Unterwerfung
des Menschen unter die zweite Natur veränderte sich das Bild des
Tieres in der menschlichen Mythologie allerdings. In Deutschland entdeckte
man neben dem »Herz für Kinder« schon im 19. Jahrhundert
sein »Herz für Tiere«. (Der deutsche Schicksalskomponist
Richard Wagner war nicht nur Vorreiter der völkischen Bewegung, sondern
auch ein Pionier in Sachen Tierschutz.) Der Volksmund ernannte das liebe
Vieh mit dem bekannten Sprichwort zum »besseren Menschen«.
Und die »Sau rauslassen« wurde zu einem Synonym für ausgelassenes
Feiern. All das, was zuvor zur Geringschätzung des Tieres beigetragen
hatte, sorgte nun regelmäßig für Begeisterung.
Die vegane Tierrechtsszene ist dabei nur der Lautsprecher des allgemeinen
Bedürfnisses, im Namen der im Tier verkörperten Natur gegen
die verderbte und dekadente Zivilisation anzugehen: So bevölkern
Panda, Gorilla und Co. nicht nur die Vorabendprogramme. Es dürfte
zugleich kaum eine erfolgreiche Boygroup geben, die ohne das Abziehbild
des Sensiblen auskommt, der kein Fleisch isst, sich für die Rettung
von Walen einsetzt und in Interviews regelmäßig über sein
Unbehagen an Zivilisation, Konsum und der »Verwertung von Tieren«
spricht.
Dieser Agitation für das einfache und gerechte Leben in »reiner
Natur« fällt als erstes die Idee des Menschen zum Opfer. Tatsächlich
lässt sich erst mit dem Beginn der Loslösung der Menschen von
Natur, Sippe, Blut, Boden und Scholle in einem emphatischen, nicht bloß
biologischen Sinn von Menschheit sprechen. Zuvor unterschied sich das
menschliche Leben in der Tat nur marginal vom Leben der Tiere. Erst mit
der Emanzipation von der puren Naturverfallenheit entstand ein Verlangen,
das über die einfachen Bedürfnisse der physischen Reproduktion
hinausging.
Wenn Tierrechtler Mastanlagen mit Konzentrationslagern vergleichen, sich
als Erben der Sklavenbefreier des 19. Jahrhunderts präsentieren oder
den Kampf um die Emanzipation der Frau als Vorbild der eigenen Aktivitäten
begreifen, kommt darin nicht nur, wie gelegentlich in kritischer Absicht
erklärt wird, das Verlangen zum Ausdruck, Mensch und Tier gleichzusetzen.
Der Unterschied zwischen Mensch und Natur wird vielmehr zur Seite der
Natur hin aufgelöst. Ganz einfach: Da sich das Tier nicht zum Menschen
erheben lässt, muss der Mensch zum Tier herabgesetzt werden. Mit
dieser Auflösung des Menschen in der Natur wird zugleich der Status
quo ante simuliert; die Menschen werden auf ihre bloße Kreatürlichkeit,
auf Schlafen, Trinken, Essen und Fortpflanzungssex reduziert.
Um den Zusammenhang von Tierliebe und Menschenhass weiter zu verdeutlichen,
muss gar nicht notwendigerweise auf die vegetarische Ernährung Hitlers,
seine Liebe zum Schäferhund Blondie oder die »Go-Vegan«-T-Shirts,
mit denen deutsche Neonazis in jüngster Zeit so oft zu sehen sind,
verwiesen werden. Der Blick auf den zeitlichen Kontext, in dem die Linke,
die hier tatsächlich als Avantgarde auftrat, der allgemeinen Liebe
zu Robbenbabys, Erdferkeln und Waranen zum Durchbruch verhalf, genügt:
Noch 1968 erklärte der SDS, einer der Generatoren der Studentenrevolte,
auf einem Plakat: »Alle reden vom Wetter. Wir nicht.« Statt
vom Wetter – soll heißen: von Sonne, Regen, Feld, Wald und
Wiese – sprachen die klügeren Studenten vom Nationalsozialismus,
vom Krieg in Vietnam, von Ausbeutung und Unterdrückung. Zehn Jahre
später, als der Weltmarkt nach den Ölkrisen Überflüssige
in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß ausspuckte, wollte kaum
noch jemand etwas davon wissen. Die Reste der Protestbewegung tauschten
ihre Lederjacken gegen Juteparkas ein, sattelten auf Müsli um, bauten
Krötentunnel und retteten Wale. Die Aufklärung sollte nicht
mehr unter Reflexion auf ihre gegenläufigen Momente vollendet werden.
Nicht mehr die Menschen sollten aus dem harten Griff der Verhältnisse
befreit werden, sondern die Tiere aus ihren Käfigen, die Natur sogar
von der menschlichen Zivilisation.
Die Gesellschaft des Verzichts, die in diesem Kampf für die »reine
Natur« bereits angelegt ist, nimmt die vegane Tierrechtsbewegung
schon heute teilweise vorweg. Das Land, in dem Milch und Honig fließt,
das seit Jahrhunderten Inbegriff eines besseren Lebens ist, ist für
vegane Tierrechtler die Hölle. So erinnert nicht nur die vegane Ernährung,
das Ersetzen von Käse, Milch und Honig durch fade Sojaprodukte, an
Selbstgeißelung und Entsagung. In diversen Internet-Ratgebern für
das konsequente vegane Leben wird der Klientel gelegentlich sogar geraten,
der Umwelt und den Tieren zuliebe auf Autos, öffentliche Verkehrsmittel
und Fernurlaub zu verzichten. Immerhin, so war vor einiger Zeit auf der
Homepage veganwiki.de zu lesen, töten Autos, Busse und Flugzeuge
nicht nur Insekten, sondern enthalten auch noch tierische Fette als Schmierstoffe.
So viel Askese und Triebunterdrückung, das ist seit Sigmund Freud
und Erich Fromm bekannt, verlangen nach einer Abfuhr. Möglicherweise
dienen die Bilder zerstückelter Tiere, zu denen der Tierrechtler
ein ähnlich obsessives Verhältnis hat, wie der katholische Priester
zu Pornographie, der Kompensation dieser Entsagungen. Ebenso wie das Schmuddelheftchen
der einzige Luxus ist, den sich der Diener Gottes bis zu seinem Marsch
durchs Himmelstor genehmigt, scheinen die Metzelfotos und Splatter-Videos
aus Schlachthöfen, ohne die kaum eine vegane Zeitschrift, Kampagne
oder Benefizparty auskommt, der einzige Luxus zu sein, den sich der Tierrechtler
gönnt, bis er so richtig auf der Erde aufräumen kann.
Es gibt insofern gute Gründe, den verhärmten Gestalten, die
in der Fußgängerzone regelmäßig Hochglanzbroschüren
mit Fotos von Tiervergasungsanlagen und massakrierten Kühen verteilen,
mit Vorsicht zu begegnen. Im klassischen Krimi ist der Mörder nicht
selten die Krankenschwester, die es satt hat, ihre Kenntnisse über
Gifte und Überdosen immer nur einseitig zu nutzen. Wer es einmal
gewagt hat, auf einem linken Sommercamp Steaks oder Bratwürste zu
grillen, weiß, dass Tierrechtler mit den so genannten Aasfressern
nicht gerade zimperlich umgehen. Zumindest einige von ihnen scheinen es
kaum erwarten zu können, ihr beeindruckendes Wissen über Schlachtvarianten,
Tötungsarten und Ausweidemethoden endlich auch einmal anzuwenden.
Aber selbstverständlich nicht am Tier.
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